Operation Fortschritt – das afghanische Gesundheitssystem

Erfolgsgeschichten aus Afghanistan sind selten. Der militärische Einsatz greift nicht so, wie die internationale Gemeinschaft gehofft hat. Auch der zivile Aufbau verläuft stellenweise schleppend. Eine Ausnahme ist der Aufbau des Gesundheitssystems. In einem sieben Punkte Programm hat die afghanische Regierung Ziele festgelegt, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen oder umgesetzt sind. Dabei unterstützen staatliche und Nicht-Regierungs- Organisationen aus Deutschland in den Nordprovinzen.

Auf dem Gelände des Krankenhauses in Mazar-i-Scharif schuften rund 30 behelmte Arbeiter in brütender Hitze auf einer Baustelle. Im kommenden Jahr soll der Wiederaufbau des Provinzkrankenhauses abgeschlossen sein. Auf den Projektträger weist ein Schild hin: die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Für 12 Millionen Euro wird ein neues Gebäude mit 360 Betten, 21 Intensivstationen und 7 Operationssälen entstehen. Ein Hoffnungsschimmer für die Ärztecrew. Seit vor vier Jahren ein Kurzschluss einen Brand ausgelöst und das 60 Jahre alte Gebäude fast komplett zerstört hat, arbeiten die rund 200 Ärztinnen und Ärzte unter schier unglaublichen Bedingungen. Ransin Anwari, der Leiter des Krankenhauses beschreibt die Situation in typisch afghanischem Unterstatement für miese Zustände:

"Es ist deutlich, dass wir derzeit keinen Platz haben. Was wir am nötigsten brauchen sind mehr Räume – und mehr Platz."

Mit gut einer Millionen Euro hat die deutsche Regierung unmittelbar nach dem Brand ein provisorisches Container – Krankenhaus finanziert. Das ist besser als nichts. Auf Dauer dennoch unzulänglich: Das Blech heizt sich im Sommer gnadenlos auf, im Winter Eiseskälte. Im Cocktail unangenehmer Gerüche ist der von Chemikalien noch am leichtesten zu ertragen.

Nicht selten teilen sich Kranke zu viert oder fünft ein Bett. Dennoch sind die Patienten dankbar. Das Provinzkrankenhaus ist Anlaufstelle für rund 350.000 Einwohner der Stadt und sechs Millionen Überweisungspatienten aus der umliegenden Region. Ein Ausweichen auf andere Kliniken ist kaum möglich, erklärt der ehemalige Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Afghanistan, Michael Gruber:

"Das nächste vergleichbare Krankenhaus liegt in der Hauptstadt Kabul, das sind ungefähr 430 Kilometer, die allerdings über den Salangpass auf 3000 Meter Höhe führen. Fliegen ist für viele zu teuer. Fahren dauert sehr lang, ist also im Notfall keine Option. Und fahren kann auch Tage oder Wochen dauern, wenn im Winter die Straße gesperrt ist aufgrund von Lawinen oder Schneefall oder einem Unfall. Das heißt, das Krankenhaus ist nicht nur ein Krankenhaus für die Stadt Mazar-i-Scharif, es ist nicht nur ein Krankenhaus für die Provinz Balkh, es ist quasi ein Krankenhaus für Nordafghanistan."

Gleichzeitig ist die Klinik Ausbildungsstätte für medizinisches Personal. Zwar gibt es in Mazar-i-Scharif und anderen Städten ausreichend Ärzte. Nicht aber in den Provinzen. Dazu fehlen Spezialisten: Orthopäden oder Kinderärzte, gleiches gilt für Hebammen. In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, stirbt der Statistik nach jedes vierte Kind vor Erreichen des fünften Lebensjahrs und etwa jede vierte werdende Mutter. Ein Dolmetscher übersetzt die Erklärungen der Chefärztin:

"In den Familien entscheiden meist die Männer. Manchmal verbieten sie den Frauen, eine Gesundheitsstation zu besuchen, um eine vernünftige Untersuchung und Behandlung zu bekommen. Junge Mädchen werden vor dem Zeitpunkt ihrer biologischen Reife verheiratet – das ist ein weiterer Risikofaktor, der zu einer hohen Sterblichkeitsrate führt. Und Armut. Viele Familien, die kein nennenswertes Einkommen haben, können Behandlungen nicht bezahlen oder leben in abgelegenen Gegenden, schlechte Straßen, kein Auto, keine Möglichkeit, eine Gesundheitsstation zu erreichen.

Abdul Gudeev hatte Glück im Unglück. Der Zehnjährige stammt aus einem kleinen Dorf in der Nachbarprovinz Badakhschan, sieben Autostunden von der Provinzhauptstadt Faizabad entfernt. Ein Lastwagen hat ihn und seinen Vater mitgenommen, in der Krankenstation des deutschen Vereins Kinderberg abgeliefert.

"Ich bin aus der Schule gekommen, mit einem Esel zusammen gestoßen und hingefallen – so ist es passiert", erzählt der Zehnjährige.

Vor zwei Wochen ist er im Rettungszentrum des benachbarten Wiederaufbauteams der Bundeswehr operiert worden, die Krankenstation von Kinderberg hat die Nachsorge übernommen. Der Junge ist ein eher untypischer Patient. Eigentlich werden in der Krankenstation mit 25 Betten vor allem unterernährte Kleinkinder und werdende Mütter behandelt. So trägt der Verein zur Umsetzung des staatlichen Gesundheitsplans bei, zu dessen Priorität die Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit zählt. Abdul Gadeev liegt im Zimmer mit sechs Männern zusammen, darunter auch sein Vater. Pro Patient werden ein bis zwei Verwandte aufgenommen, erklärt der Dolmetscher:

"Der Patent kann hier übernachten. Aber auch seine Familienangehörigen.Das sind arme Leute. Wenn die herkommen, haben sie kein Geld, um auf dem Bazar einkaufen zu gehen oder im Restaurant zu essen. Wenn sie in die Krankenstation kommen, wird ihnen alles zur Verfügung gestellt: Die Übernachtung, das Essen."

Vor der Krankenstation sitzen stolz aussehende Männer mit Turbanen auf einer Mauer entlang der Straße. Es sind Familienangehörige der Patienten, die geduldig auf deren Genesung warten.  Ein Bild, das Symbolwert besitzt. Immerhin 80 Prozent der afghanischen Bevölkerung hat mittlerweile Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung – in einem Krankenhaus, einer Gesundheitsstation. Weitere Besserung ist in Sicht – und wie die Genesung eines Patienten kommt sie meist nicht über Nacht, sondern in kleinen Schritten.

 September 2010, in geänderter Form gesendet auf NDR, WDR

 

 

 

Lehrstunde in Toleranz – der Religionsunterricht für alle

Mit seinem „Religionsunterricht für alle“ geht das Bundesland Hamburg einen einmaligen Weg geht. Rechtlich verantwortet die Evangelische Kirche das Modell. Bei den Inhalten aberhaben Imame, Rabbiner, buddhistische Mönche und Christen an einem Strang gezogen. Die Schüler profitieren.

Der Kursraum „12“ des Gymnasiums Kirchdorf-Wilhelmsburg erinnert eher an eine Begegnungsstätte. Die 16 Schüler des Religions-Leistungskurses sitzen im Stuhlkreis, die Fenster sind mit bunten, abstrakten Glasmalereien geschmückt. Sie symbolisieren den gemeinsamen Ursprung aller Religionen. Hammad, ein Moslem indisch-pakistanischer Herkunft und die 18jährige Özlem, deren Eltern aus der Türkei stammen, fühlen sich hier wohl:

Hammad: "Was sofort auffällt: Dass es verschiedene Gegenstände gibt von allen Weltreligionen. Sei es vom Islam der Gebetsteppich oder dann gibt es noch die verschiedenen Symbole …".Özlem: "Die Glaubensbekenntnisse stehen an der Wand und da sind die verschiedenen Symbole, die unsere Religionen vertreten: Wie halt Davidsstern oder bei uns im Islam, auf arabisch geschrieben „Gott“."

Dennoch ist der Leistungs- kein interreligiöser Schmusekurs. Das zeigen die ersten Minuten der Sschulstunde. Rana protestiert lautstark. Ein Gebetsteppich liegt offen in der Mitte des Raumes:

„ Man sagt, dass der Teufel dann drauf steht. Lehrer: "Der Teufel betet auf dem oder stellt sich auf den Gebetsteppich rauf? Hey Veysel, Du bist auch Muslim – was hast Du dazu gehört?" Veysel: "Also ich kenne es so, dass es Tradition ist. Der Teufel würde sowieso nicht beten (Schülerin ruft etwas dazwischen) Zeig mir mal die Quelle, wer das gesagt hat. Dann musst Du in der ganzen Moschee die Teppiche rausschleppen, krrrr (Schüler rufen durcheinander)

Differenzen wie diese empfindet die Mehrheit der Schüler als belebend oder gar befreiend. Wie groß die Unterschiede in Meinungs- und Glaubensfragen sind erfahren sie in und außerhalb der Schule tagtäglich im multiethischen Wilhelmsburg. Im „Religionsunterricht für alle“ können sie thematisiert werden. Zum Beispiel Mareike, die Neu-Apostolikerin ist:

"Wenn man nur in einer Religion Unterricht hat, hat man keine verschiedenen Meinungen , die aufeinander treffen können. Das heißt: Man kann nicht diskutieren, man kann sich nicht austauschen, man sieht alles gleich. Deshalb finde ich unseren Religionsunterricht echt gut."

Der Stundenplan steht gerade das Leben Jesu. Noch mehr Diskussionsstoff. Für die Neuapostoliker steht die Wiederkunft von Gottes Sohn bevor, für Muslime ist diese Vorstellung schlicht absurd. Wie also formuliert man religiöse Standpunkte und vertritt sie, wenn sie denen der anderen widersprechen? Für Melanie, die gar nicht an Gott glaubt, ist die Sache klar:

"Ich hab den Leistungskurs gewählt, weil mich Religion interessiert und ich es interessant finde, zu sehen wie religiöse Menschen halt anders mit ihrem Leben umgehen wie ich. Ich finde es interessant, andere Horizonte zu sehen und meinen Standpunkt zu erweitern und toleranter zu werden. Besonders wenn ich mit Özlem diskutiere, weil sie genau das andere Extrem ist. Also ich bin extrem ungläubig und sie ist meiner Meinung nach extrem gläubig. Das bringt immer Spaß. Gerade mit ihr." Özlem: "Es ist schon so dass Melanie und ich öfter in Diskussion geraten. Ich bin auch der Meinung, dass der Koran Gottes Worte sind und das vertrete ich dann auch hier. Viele haben auch Vorurteile gegen meine Religion und überhaupt: "Das ist ne Türkin". Hier kann ich offen sprechen. Wenn einer sagt, dass Muslime Terroristen sind – hier habe ich eine Gelegenheit meine Meinung zu vertreten.

Für Religionslehrer Andraes Gloy sind die Schulstunden eine willkommene Herausforderung. Wissensvermittlung über alle Religionen und Reflexionen über Glaubensinhalte sind das Ziel, aber es gibt kaum Unterrichtsmaterialien. Daneben berühren die Diskussionen – zum Teil ganz ungeplant – auch immer aktuelle Fragen:

05 Das könnte Sterbehilfe sein, Abtreibung, war Jesu Tod umsonst? Wie verhalten wir uns zu der Frage der Gewalt in der Politik? Da gibt es in „Religion“, das ja ein gesellschaftswissenschaftliches Fach ist, sehr sehr viele Möglichkeiten, wo man auch von Gesprächsthemen aus zurückgehen kann und sagen: darüber müssen wir uns noch mal informieren. Dazu gehen wir mal in eine Moschee, dazu rufen wir noch mal den Pastor an und fragen nach und lernen so auch Sachwissen dazu, dass wir uns an Themen orientieren.

Seit Jahren hat es am Gymnasium Kirchdorf Wilhelmsburg keine Abmeldung vom Religionsunterricht gegeben. Religion muss also nicht zwangsläufig zum Zankapfel werden wenn Schüler, Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen. 2009, in veränderter Form gesendet auf "Deutsche Welle"