10.10.2018

In einer Preview, organisiert von der Stiftung Neue Verantwortung, war in Berlin die o.g. Doku bereits zu sehen. Sie zeigt die Arbeit der Journalisten der New York Times seit Amtsantritt Donald Trumps und veranschaulicht, warum die Amtsführung Trumps einen politischen Paradigmenwechsel (politischen?) darstellt. Und wie sich das auf die Arbeit der Journalisten auswirkt.

ARTE 6.11.2018, 20 Uhr

https://presse.wdr.de/plounge/tv/wdr_fernsehen/2018/11

https://www.stiftung-nv.de/de/veranstaltung/techcinema-berlin-premiere-mission-wahrheit-die-new-york-times-und-donald-trump-2018

Journalismus in Zeiten autoritären Rechtspopulismus

Der Film ist in vieler Hinsicht ein Lehrstück. Wer nach Antworten auf das Erstaken des autoritären Rechtspopulismus sucht, z.B. einer guten und fairen Berichterstattung, stößt nahezu kontinuierlich auf Dilemmata: In der Radikalisierungsprävention (Links-Rechtsextremismus, Islamismus) empfehlen wir, nicht auf jede provokative Inszenierung einzugehen, denn jede Form der aufmerksamen Zuwendung ist auch eine Form der Belohnung.

Was also macht man journalistisch mit einem amerikanischen Präsidenten, der nazu täglich mit einer (inszenierten) News aufwartet?

Overtone – Abstumpfungsprozesse

Die strategisch-beabsichtigten, zuweilig auch unfreiwillig (-komischen) Inszenierungen, die permanenten Grenz- und Regelübertretungen, die Tabubrüche dieses Zitat Film – „zweitklassigen Immobilienhändlers“,  „verschieben“ langsam aber unaufhaltsam den Diskurs – weg vom gesunden Mittelmaß, hin zu einem permanenten Getöse. Vielleicht nicht von Trump selbst, aber von den Altright-Strategen wie Steve Bannon ist genau das beabsichtigt. „Man gewöhnt sich dran und irgendwie ist es ja auch spannend“, gesteht ein Journalist der New York Times in der Doku.

Veränderung  journalistischer Rollen

Im Zwang des modernen Journalismus,  jeden Post, jeden Twitter zu lesen, ihn bewerten, kommentieren zu müssen droht Journalisten der Distanzverlust. Sie werden – häufig gezwungenermaßen, zum Teil selbstverschuldet – von Beobachtern zu Akteuren im Boxring der permanenten Meinungsäußerung (gemacht). Was wiederum einen Vertrauensverlust in der Bevölkerung verursacht, die – zu Recht – spürt, dass es vorbei ist mit der journalistischen Objektivität.

Politischer Paradigmenwechsel, journalistischer Paradigmenwechsel

Ein „Weitermachen“ wie bisher wird darum nicht funktionieren.“Wir kämpfen nicht gegen Trump, wir kämpfen um den Platz in der Mitte“, sagt ein New York Times Journalist.

Wirklich? Es ist zuweilen amüsant, mitunter gefährlich, häufig nervtötend, aber immer „exciting“ im journalistischen Clinch mit Trump zu sein.  Der Kampf um die „Mitte“ ist dagegn zum Gähnen, Berichterstattung über Wohnraumnot, Armut in der Gesellschaft, Veränderung durch die digitale Revolution ist journalistisch komplex, aufwändig, umstritten, kaum Pulitzer preisverdächtig. Schwarzbrot oder Kaviar?

Je öfter sich Journalisten und Leser wieder für das Schwarzbrot entscheiden, umso besser für die Demokratie.

 

Trügerische Erinnerungen

„Wer wir sind, können wir sagen, wenn wir wissen, woher wir kommen“. (Prof. Andreas Zick, Institut für interdisziplinäre Kopflikt- und Gewaltforschung, Universität Bielefeld)

13.2.2018

In Berlin hat die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) gemeinsam mit der Universität Bielefeld Ergebnisse einer repräsentativen Telefonbefragung zur Erinnerung an den Nationalsozialismus vorgestellt. Ein behaupteter „Schuldkult“ in der deutschen Bevölkerung sei nicht nachweisbar, erklärten die Wissenschaftler. Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Studie für einen überwiegend differenzierten Umgang mit der Ära des Nationalsozialismus, allerdings auch von „Erinnerungslücken“.

In der Umfrage gaben mehr als 63 % der Teilnehmer an, dass „deutsch zu sein ein wichtiger Teil ihrer Identität sei“. Gleichzeitig macht sich knapp die Hälfte aber auch „Sorgen, dass sich ein Ereignis wie der Holocaust wiederholen könnte.“

Dass die Erinnerungen an den Nationalsozialismus in Deutschland dennoch „trügerisch“ werden, wie die Auftraggeber und Verfasser der Studie konstatieren, legen weitere Befunde der Studie nahe:

Nur 17,6 % der Befragten bejahten, dass unter ihren Vorfahren Täter des 2.Weltkriegs waren. Ungefähr ebenso viele (18%) gaben an, ihre Vorfahren hätten potenziellen Opfern geholfen.

Da es immer weniger unmittelbare Zeitzeugen gibt, entsteht zudem eine „Lücke“ in der Erinnerungskultur, die bislang nur unzureichend gefüllt ist, zumal Informationen, die das Internet liefert, oft nicht als glaubhaft, authentisch oder hinreichend belegt empfundenen werden.

Einen großen Einfluss auf die Erinnerungskultur haben die Gedenkstätten, deren Besuch einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

Prof. Andreas Zick betont, dass die Studie der Gesellschaft einen Auftrag erteilt:

 

 

 

 

Dr. Andreas Eberhardt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung EVZ, Prof. Andreas Zick und Dr. Jonas Rees von der Universität Bielefeld bei der Vorstellung der Studie
Für ein demokratisches Europa:

YCARE hilft, Radikalisierung vorzubeugen

 

 

 

Berlin, 23.1.2018

Der Name? Hm. Irgendwie scheint die EU einen Faible zu haben für Akronyme. Aber das Projekt hinter dem Kürzel – „Youth Councelling against Radicalisation“ ist beachtenswert. Finanziert aus dem Erasmus + Programm, unter dem „Dach“ der Website:

https://www.ycare.eu/de/

haben sich immerhin acht Länder der EU – darunter Slowenien und die Slowakische Republik – zusammen getan, um einer Radikalisierung ihrer Jugend entgegenzuwirken und das gemeinsam nach außen zu dokumentieren.

Bemerkenswert an dem Projekt ist auch, dass es nicht bei schönen Worten geblieben ist: Die Seite informiert ganz praktisch über Leitlinien von Radikalisierungsprävention, präsentiert ein Handbuch für „Frontline Workers“, in dem Sozialarbeiter (im Europa-Jargon: „Jugendberater“ genannt), aber auch alle anderen Interessierten wertvolle Informationen finden:

„Was löst eine Radikalisierung aus? Was sind Mikro- oder Makro-Trigger, was ist rechts- oder linksextremistisches Gedankengut bzw. islamistisches?

Das Herzstück ist die „Tool-Box“, also der Werkzeugkasten, in dem Lehrer, Sozialarbeiter und Pädagogen hilfreiche Anregungen finden, wenn sich ein Schützling zu radikalisieren droht:

https://toolbox.ycare.eu/main/toolbox.php?localize=de,

Dazu gibt man das Thema, und die Größe einer Gruppe an sowie die Zeit, die man für eine Übung zur Verfügung hat, die Toolbox wählt dann aus einer Vielzahl von Tipps und Übungen aus.

 

(Quelle: Ycare)

Oder man schaut gleich in die guten Beispiele: Praxisorientierter geht es kaum.

In Berlin präsentierte Karin Drda-Kühn vom Verein „Kultur und Arbeit“ als deutsche Partnerorganisation der EU das Projekt. In Workshopatmosphäre diskutierten rund 20 Praktiker aus Wissenschaft, Kultur und der Extremismusprävention, welche Methoden und Instrumente geeignet sind, um Radikalisierungstendenzen zu erkennen und ihnen entgegenzuwirken – auch wenn man kein Extremismusexperte ist.

Mehr Informationen und Ansprechpartner in Deutschland hier:

http://kultur-und-arbeit.de/

 

 

Etwas bleibt –
die Stiftung Neue Verantwortung untersucht „Fake News“ und potenzielle Nutznießer

Berlin, 9.1.2018

Der Crawler, eine computerbasierte Schnüffelnase, macht es möglich: Rund 24.000 Webseiten, dazu öffentliche, deutsche Twitterprofile, 90.000 Blogs und Foren hat die Stiftung mit Sitz in Berlin durchforsten lassen. Das Ergebnis macht Mut, das Thema „Fake News“ ohne Hysterie, aber nachhaltig anzugehen. „Vorsätzliche und massenhaft verbreitete Fehlinformationen sind in Deutschland im Vergleich zu Amerika noch eher selten“, resümiert Untersuchungsleiter Alexander Sängerlaub.

Um Entstehung und Verlaufsformen von Fake News zu veranschaulichen, hatte Sängerlaubs Team einige Fälle eingehend untersucht. Dabei wurden so genannte „Engagements“, das ist die Anzahl der Kontakte mit der Falschmeldung, festgehalten sowie deren Teilung und Kommentierung. Gemeinsamkeit: 3-5 Tage – wie generell Fälle öffentlicher Skandalisierungen – dauert der Hype um eine Fehl-Information, dann ist der Spuk in der Regel vorbei. Einzelfälle wie die Mär, dass Flüchtlinge in Deutschland Führerscheine „einfach so“ bekommen, halten sich allerdings auch mal und werden wellenartig immer wieder aufgegriffen.

Am Anfang steht oft Schlampigkeit

Häufig genug beginnt die Fake News nicht mit dem Ziel, Mediennutzer und Internet-Community ins Bockshorn zu jagen, sondern schlicht und ergreifend mit Schlampigkeit. „Poor Journalism“, also: schlechten Journalismus, zählt die Stiftung per definition nicht zu Fake News; sie ist aber häufig die Initialzündung. Einer missverständlichen Pressemitteilung wie im Fall von Margot Käßmanns „Großeltern-und-Nazis-Zitat“, die von Medien falsch verstanden wird, folgt der Sturm im Blätter-Agenturen- und Forenwald – obwohl häufig genug die meisten erst Tage später genau verstehen, was vorgefallen und gesagt worden ist. Und wie beim Klatsch und Tratsch im Dorf gibt es Akteure, die das Ganze noch befeuern.

Faktenfinder Tagesschau

Miriam Meier von der Stiftung Neue Verantwortung erläutert die Untersuchungsergebnisse zu Fake-News

Politische und ökonomische Nutznießer

Zuweilen tauchten Fake News in prominenten deutschen Boulevard- und Stimmungsmacher-Medien auf. Kriminalitätsstatistiken waren und sind ein bevorzugter Schauplatz medialer Auseinandersetzungen. Ob diejenigen, die Halbwahrheiten in reißerischer Manier präsentieren, aus weltanschaulicher Beschränktheit, mangelnder Sorgfalt bzw. mit klaren ökonomischen oder politischen Zielen handeln (Auflagensteigerung), wird keine Untersuchung ans Licht bringen.

Die Fake News selbst („Flüchtlinge bekommen in Deutschland einen Führerschein geschenkt“, „Polizisten sollen Straftaten von Migranten vertuschen“) ist dann häufig ein gefundenes Fressen für „wiederkehrende Akteure“ (Sängerlaub). Die AfD, die zwitschernde Erika Steinbach („Mündlich habe ich das schon so gehört“) oder die „Epoch Times“ zeichnen sich darin aus, die Debatte mit ihren Weltdeutungsmustern zu stimulieren.

http://www.zeit.de/2017/38/epoch-times-afd-alternativmedium

Ist der Geist erst aus der Flasche….

Unmittelbares Debunking (von eng.: entlarven, aufdecken), fasst Alexander Sängerlaub zusammen, dämme den Effekt einer Fake News zwar merklich ein. Die Klarstellung erreiche allerdings auch niemals die Anzahl der Kontakte, die eine Fake News habe. Mit anderen Worten: ein Teil der Falschmeldung bleibt hängen und lässt sich nie ganz aus der Welt schaffen.


Meine Empfehlungen gegen Fake News:

– Medienkompetenz: Quelle? Glaubwürdigkeit? Motivation der Argumentation?
– gut geschulte Pressestellen, Kenntnisse in medialen Dynamiken
– im Krisenfall: sofortige Richtigstellung, nichts als die Wahrheit
– Entschleunigung statt Hysterie und Alarmismus im Journalismus


 

Zur Logik von Radikalisierung und Terror

Berlin, 27.11.2017

Der Terroranschlag von Ägypten mit mehr als 300 Toten verdeutlicht, wie unangemessen es ist, von „Islamistischen Attentätern“ zu sprechen. Das Blutbad hat mit einer religiösen Überzeugung ebenso wenig zu tun wie mit einer politischen Ideologie. Vermutlich tut man den Attentätern sogar einen Gefallen, ihnen ein Motiv zu unterstellen wie z.B. den ägyptischen Staat ins Wanken zu bringen. Viel wahrscheinlicher ist, dass der „Lohn“ eines jeden, der mitgemacht hat bei dem Gemetzel, schlicht war, die aufgestaute Energie eines mörderischen Hasses in einer Orgie der Gewalt zu entladen. Für einen Menschen, der sonst vermutlich nicht mehr viel spürt, ist das ein starker (An-)reiz.

Der Tat eine wie auch immer geartete ideologische oder religiöse Etikettierung anzuheften heißt, sie zu rationalisieren und auf diese Weise zu misszudeuten. Natürlich ist für jeden Menschen, der nur einen Funken Empathie im Leib hat, nicht nachvollziehbar, was andere dazu treibt, sich in eine Tötungsmaschine zu verwandeln. Gerade darum ist die Unterstellung, so jemand müsse „Gründe“ haben grob irreführend. Es ist die Logik von Radikalisierungsprozessen, keine Logik zu haben. Und wenn, dann bestenfalls eine physisch-physikalische: Vergleichbar einem fest geschlossenen Topf, der dauerhaft auf Höchstflamme kocht.

Eben das verdeutlicht das Attentat von Orlando, bei dem ein Homosexueller 50 Homosexuelle erschoss und das IS – Etikett aufgeklebt bekam. Damit verkennt man, dass der Täter an sich selbst gescheitert ist bei der Aufgabe, sexuelle Vorlieben mit eigenen oder den moralischen Ansprüchen anderer in Einklang zu bringen. So profitiert der IS von jedem potenziellen Selbstmordkandidaten.

Gescheiterte (psychische!!!) Integrationsprozesse bilden das „Urgestein“ aller Radikalisierungsprozesse – nicht nur im Nahen Osten, einer Region, die seit langem in Unfrieden lebt (und die Entstehung innerpsychischer Spannungszustände unfreiwillig begünstigt). Friktionen gibt es zunehmend auch in „aufgeklärten“ Regionen, nicht zuletzt in höchsten Staatsämtern. Ermittler und Sicherheitskräfte stellt die Einsicht, dass praktisch jeder über Nacht zum Attentäter oder Amokläufer werden könnte, vor Herausforderungen. Was bringt in so einem Fall ein Profiling?

In Deutschland beobachten Extremismusexperten mit Sorge das Phänomen der Turbo-Radikalisierung. Vierzehn-bis sechzehnjährige, manche noch jünger, sind in letzter Konsequenz für eine Versatzstück-Ideologie bereit zu lernen, wie man anderen die Köpfe abschlägt oder – anderes Lager, gleicher Hass – Hand anlegt an den „gesellschaftlichen Abschaum“: Obdachlose, Geflüchtete. Islamisten und Rechtsextreme unterscheidet aus dieser Perspektive verblüffend wenig.

In die Sicherheitsarchitekturen zur Terrorismusprävention hat Deutschland investiert. Die Bevölkerung hat hingenommen, das für eine Pseudo-Sicherheit Grundrechte zusammengestutzt wurden. Gleichzeitig versagen alle auf ganzer Linie, die „Unlogik“ von Radikalisierungsprozessen zu akzeptieren, das Thema konsequneterweise als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen und entschieden in Prävention zu investieren. Ein Erfolg dieser Investition wird nicht nachweisbar sein. Aber das ist der Einsatz der elekronischen Fußfessel auch nicht.

Würden wir verantwortungsvoll umgehen mit dem Thema, dann hätten Sozialarbeiter gute Honorare und Arbeitsverträge, die nicht alle sechs Monate auslaufen. Jugendliche würden in jedem Stadtteil offene Ohren und attraktive Begegnungsräume finden. Sie würden in Schulen einen sorgsamen Umgang mit Medien und dem Internet lernen und in einem Netz surfen, das beim Stichwort „Straßenfußball“ nicht zuerst ein Online-Game ausspukt. Wir hätten eine Gesellschaft, die das Gute wieder häufiger in Taten als in Worten bemisst und in der Schriftsteller keine Bücher schreiben müssen, die  mit „Gegen den Hass“ oder „Leere Herzen“ betitelt sind.

 

Der mediale Missbrauch von Angst und Terror

Berlin, 20.11.2017

In seiner Kolumne auf ZEIT ONLINE mit dem Titel „Auch weißer Terror tötet“ veranschaulicht Michael Thumann, wie selektive Wahrnehmung von Terroranschlägen in Redaktionen die Bildung von Stereotypen fördert:

Wenn die ersten Meldungen eines Anschlags über den Nachrichtenticker laufen, beginnen einige Redakteure auszuwählen – und zwar nach dem Prinzip der Alarmhierarchie. (…) War es ein Islamist? War es ein Flüchtling? Wenn nicht, dann sinken Adrenalinpegel und Alarmierung.
Bei einem islamistischen Angriff hingegen gerät man in Wallung: (…) Meistens dürfen dann Politiker in Talkshows ihr Entsetzen ausdrücken und altbekannt-hilflose Maßnahmen fordern. Und da die öffentlich-rechtlichen Talkshows nicht Aufklärung fördern, sondern Streit, hauen die Teilnehmer munter drauf, erklären dabei wenig bis gar nichts. Am Ende entstehen Bilder, die nicht mehr vergehen.“

Zum ganzen Artikel

Meine Einschätzungen:

Zurück bleibt mehr als „Bilder, die nicht mehr vergehen.“ Der Zuschauer bleibt nicht nur ohne konstruktive Lösungsansätze, er wird auch noch „aufgeputscht“ von der sinnlosen Erregtheit der Debatte.  Viele berichten, sie wüssten genau, dass sie nichts Neues erfahren, kleben vor der Mattscheibe aber als „Gefangene“ einer inszenierte Gefühlswelt, die vorgibt, politisch zu informieren. Auf Dauer formt sich auf diese Weise ein Bodensatz aus Empörung, Aggression und Wut, der,  zusammen mit anderen Frustrationserlebnissen oder Ängsten, in Politikverdrossenheit oder extremen politischen Haltungen münden kann („die tun ja doch nichts“).

Ein paar Talkshows später empören sich ironischerweise dieselben Talkshowmacher, dass Menschen einen D.Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen oder Jugendliche sich turbo-radikalisieren.

Einfach abschalten!

 
 Was tun gegen Dschihadisten?
 
Berlin, 9.11.2017

Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen, hat in der Deutschen Atlantischen Gesellschaft e.V. in Berlin sein neues Buch vorgestellt. „Was tun gegen Dschihadisten?“ fragt Nouripour. Und lässt im Untertitel Optimismus aufkommen: „Wie wir den Terror besiegen können“.

Gemeinsam mit Andrea Hoffmann, Auslandskorrespondentin vom Fokus, und Christian Thiels, dem Verteidigungsexperten der ARD, schlug Nouripour einen Bogen von der heimischen Salafistenszene zu gewaltbereiten Islamisten weltweit. Dass Terror nicht allein mit Militäreinsätzen bekämpft werden kann, darin waren sich die Diskutanten einig. Auch darin, dass die Internationale Gemeinschaft in Afghanistan versagt hat – gerade weil sie sich anfangs zu sehr auf das Militär verlassen hat.

Warum der Dschihadismus für Jugendliche in Deutschland  attraktiv sein kann, beantwortete Nouripour mit einem Zitat des Extremismusexperten Ahmad Mansour: „Salafisten sind die besseren Sozialarbeiter.“ Damit ist laut Nouripour gemeint, dass sie dort Angebote machen, wo eine Gesellschaft versagt hat:

Omid Nouripour: „Was tun gegen Dschihadisten? Wie wir den Terror besiegen können“, Dtv premium, München 2017, 304 Seiten, ISBN: 9783423261555

Persönlichen Eindrücke:

  • Der anfängliche Erfolg der Hamas in Westbank und Gazastreifen war stark durch „karitative Angebote“ wie die Einrichtung von Suppenküchen begünstigt. Im Gegensatz zur PLO, die als korrupt galt, erschien Hamas vielen Palästinensern als vertrauenerweckende, weil scheinbar am Wohl der Menschen orientierte Alternative.
  • Zur Bekämpfung der Radikalisierung von jungen Menschen in Deutschland wäre es eine gute Idee, Sozialarbeitern ein „wertschätzendes Gehalt“ sowie Arbeitsverträge zu bieten, die länger als ein paar Monate laufen. Sowohl Salafisten als auch Anhänger rechtsextremer Gruppierungen brauchen verlässliche Ansprechpartner.