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ARTE schauen: „The Fourth Estate“

Die Doku –   – (deutscher Titel:  „Mission Wahrheit“) zeigt Journalisten der New York Times bei dem Versuch, dem Phänomen „Donald Trump“ gerecht zu werden. Absolut sehenswert.

Sendetermin: 6.11.2018

Berlin, 10.10.2018

In einer Preview, organisiert von der Stiftung Neue Verantwortung (danke!!!), war in Berlin die o.g. Doku bereits im Kino zu sehen. Der Film zeigt die Arbeit der Journalisten der New York Times seit Amtsantritt Donald Trumps und veranschaulicht, warum das einen Paradigmenwechsel in der politischen Kommunikation darstellt, die besondere Anforderungen an Journalisten stellt.

Infos:

https://presse.wdr.de/plounge/tv/wdr_fernsehen/2018/11

https://www.stiftung-nv.de/de/veranstaltung/techcinema-berlin-premiere-mission-wahrheit-die-new-york-times-und-donald-trump-2018

Journalismus in Zeiten autoritären Rechtspopulismus

Wer nach journalisten Antworten auf Donald Trump oder allgemein auf das Erstaken des autoritären Rechtspopulismus sucht, stößt kontinuierlich auf Dilemmata: mit guter Recherche und Fakten kritisch nachhaken? Den eigenen Zweifel äußern? Bei Frontalangriffen ausgewogen antworten? So oder so: Jede Zeile ist Aufmerksamkeit. Genau das ist die Carte blanche professioneller Provokateure. Kann ein Journalist den amerikanischen Präsidenten ignorieren, auch wenn er sich zuweilen nicht von einem Schmierenkomödianten unterscheidet? Kann er nicht.

Also berichtet er, weil er muss, und wird dabei häufig keine gute Figur machen. Eine Seite wird ihm vorwerfen, er springe über jedes Stöckchen. Versucht er tatsächlich etwas auszublenden, dann rufen andere: Zensur. Und immer steht er unter Druck, Dreistigkeiten und Inszenierungen auf irgendeine Art entlarven zu wollen. Versucht er nachzuweisen, dass präsidialer Narzißmus und eine Politik der Spaltung Gift ist für eine Demokratie, wird man ihm vorwerfen, seine journalistische Macht zugunsten subjektiver Meinungsäußerungen zu missbrauchen. Wer in Zeiten grassierenden Rechtspopulismus Texte schreibt, muss sich ein dickes Fell zulegen. Nicht nur wegen des verschärften Tons.

Overtone und Abstumpfungsprozesse

Die gezielten Tabubrüche der Altright-Strategen, Overtone genannt, aber auch die unfreiwillig-komischen Einlagen des (Filmzitat) – „zweitklassigen Immobilienhändlers“,  „verschieben“ langsam aber unaufhaltsam den Diskurs – weg vom zivilgesellschaftlichen Miteinander, hin zu einem permanenten Getöse, zu Absurditäten, zu einer selten unterhaltsamen, meist atemraubenden Polit-Freak-Show. „Man gewöhnt sich dran und irgendwie ist es ja auch spannend“, gesteht ein Journalist der New York Times in der Doku. Eben das ist das Problem im Umgang mit Rechtspopulisten: unfreiwillig auf zwei Ebenen manipuliert zu werden – politisch und emotional. Am Ende klebt es im Hirn: Medienjunkies gibt es nicht nur in der rosenroten Welt Vorabendserienwelt, sondern zunehmend auch im harten Nachrichtengeschäft.

Veränderung  journalistischer Rollen

Im Zwang, jeden Post, jeden Tweet zu lesen, droht dem Journalisten (und mit ihm dem Zuschauer, dem Hörer, dem Leser) die Orientierungslosigkeit im Irrgarten täglicher Banalitäten.  Teilnehmende Beobachter mutieren so zu Playern im Showkampf der permanenten Meinungsäußerung. Das verleiht Präsenz, vielleicht sogar Macht. Gleichzeitig geht das Mitmischen einher mit Vertrauensverlust der Mediennutzer – nicht nur in Amerika, die das Gefühl haben, „die da oben“ bekämen nichts mehr mit. Es sind eben nicht zwangsläufig AfD Wähler, die so argumentieren. „Ich habe das Vertrrauen verloren“, ist ein Satz, der öfter fällt.

„Ich will nicht, dass man uns vertraut, ich will, dass man uns etwas zutraut“, meckert ein prominenter Journalist, tätig im ARD-Hauptstadtstudio den Kritikern entgegen. „Die Kanzlerin sei zu weit weg von den Menschen“, konstatierte das Magazin Kontraste in seiner jüngsten Ausgabe. Viele mediale Beiträge, Berichte und Artikel sind es allerdings auch. Die Quittung kommt via Politbarometer oder Auflagenschwund im Blätterwald. Die finanzielle Situation macht aus Leitmedien Leidmedien. Die CSU macht aus dem Umfragetief einen bayrischen Weltraum-Höhenrausch.

Politischer Paradigmenwechsel, journalistischer Paradigmenwechsel

„Wir kämpfen nicht gegen Trump, wir kämpfen um den Raum in der Mitte“, sagt ein New York Times Journalist. Wirklich? Das Ringen mit Trump um „facts and fakes“ bringt nachweislich Quote – kurzfristig. Der Kampf um den Raum in der „Mitte“ muss dagegen nachhaltig geführt werden und er ist das Gegenteil von schlagzeilenträchtig: oft zäh – recherchetechnisch und emotional. Berichterstattung über steigende Mieten, verantworttungsvollen Außenhandel oder die Veränderung durch die digitale Revolution sind kaum Pulitzer preisverdächtig und hauen auch beim Lesen, beim Hören, beim Fernsehen nicht recht vom Hocker. Sie informieren aber. Schwarzbrot oder Kaviar?

Beides. In den deutschen Mitte-Haushalten gibt es häufig Schwarzbrot, seltener Kaviar. Bodenständigkeit ist keine schlechte Voraussetzung für eine Demokratie.

Jüdisch-palästinensische Zivil-Initiative zum Friedensprozess im Nahen Osten

      

Barak Obama„Hier ist es, wo der Frieden beginnt. Nicht in den Plänen der Staats- und Regierungschefs, sondern in den Herzen der Menschen. Nicht nur in einem sorgfältig gestalteten Prozess, sondern in den täglichen Begegnungen der Menschen.(…) Als Politiker kann ich Ihnen versichern: Politiker werden keine Risiken eingehen (..)Wenn Sie Veränderungen wollen, dann müssen Sie sie einfordern und selbst leben.“(Präsident Barak Obama, Jerusalem 2013)

Givat Haviva Kampagne zum Friedensprozess

So geht Frieden – das jüdisch-arabische Projekt „Shared Communities“

      

Gemeinden abseits der großen Metropolen haben nahezu überall auf der Welt die gleichen Probleme: Es fehlen Zufahrtsstraßen, die Anbindung an moderne Kommunikationsnetze, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Einfluss im politischen Spiel der Kräfte. Stattdessen:  Schulden, Abwanderung. Lösungen bietet das Programm „Shared Communities“ einer  israelischen Friedens- und Bildungseinrichtung. Sie heißt „Givat Haviva“ und bringt – ausgerechnet – jüdische und arabische Gemeinden im Kernland von Israel in Kontakt.

Friedensarbeit jenseits medialer Schlagzeilen

Was angesichts der schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten klingt wie Phantasterei ist ein kleines Wunder mit großem „Mehrwert“. Normalerweise sprechen Juden und arabische Israelis, die immerhin 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, wenig bis gar nicht miteinander. Im Projekt „Shared Communities“ kooperieren sie. Und die Besiegelung dieser Kooperation ist häufig der Beginn eines erstaunlichen Annäherungsprozesses auf vielen Ebenen.

Aus „Feind“ wird Experte, dann Partner 

Arbeiten Bürger und Verwaltungen jüdischer und arabischer Gemeinden länger miteinander, dann, so stellen die Mitarbeiter von Givat Haviva fest, beginnen die Feindbilder sich aufzulösen. Gemeindemitarbeiter begreifen sich gegenseitig als „Fachleute“ eines Aufgabengebiets, später sogar als Partner mit gemeinsamen Zielen und nicht mehr als „Jude“ oder „Araber“. Der psychologische Gewinn zieht weitere nach sich.

Von Andersartigkeit lernen 

Für die arabischen Gemeinden ist es ein großer Schritt, ihre Verwaltungen auf höherer Ebene für Frauen zu öffnen, etwas, das im jüdischen Sektor schon lange Normalität ist. Das hat direkte Auswirkungen im sozialen Umfeld, am offensichtlichsten in den Familien. Im jüdischen Sektor verwaltet die städtische Jugendpflege häufig die Jugendarbeit statt sie zu beleben. Hier sind die Araber viel weiter: Deren Sozialarbeiter sind viel mehr „auf der Straße“, können Jugendliche wie Erwachsene viel schneller für Projekte mobilisieren. Die Juden müssen sich das oftmals erst aneignen.

Begegnung bringt Bewegung

„Der Ertrag der Kooperation zeigt sich ganz handfest“, berichtet Torsten Reibold von Givat Haviva Deutschland und nennt konkrete Beispiele:„Die arabische Gemeinde Kfar Kara verzeichnet seit Beginn des Projektes einen steten Anstieg von jüdischen Besuchern, die zum Einkaufen oder Essen kommen. Zuvor haben sich viele Juden aus der Gegend nicht mal getraut, dort einen Reifen zu wechseln. In Pardes Hanna, also auf jüdischer Seite, stieg die Nachfrage nach Arabischkursen rasant.“

Konfliktfähigkeit stärkt die Partnerschaft

Das arabische Baqa El-Gharbiya und die jüdische Gemeinde Menashe wollen nun ein gemeinsames Raumplanungs-Projekt besiegeln, berichtet Reibold. Es soll Streitereien um knappe Gemeindeflächen beilegen, bevor sie entstehen und sich die Beteiligten vor Gericht wieder sehen. Das ist einzigartig für jüdisch-arabische Verhältnisse.  Solche „low-level-Lösungen“ von Konflikten stärken nachweislich die Partnerschaft. Die wiederum den Gemeinsinn wachsen lässt. So möchten sich jetzt mehrere Gemeinden zu einem Abfall- und Abwasserverband zusammentun.  Die Frage, wer jüdisch oder arabisch ist haben sie in diesem Stadium schon fast vergessen.

Effekte und Erkenntnisse für andere Konfliktregionen? 

Könnte das überall so funktionieren? Unabhängig davon, in welchem Land Menschen leben?  Givat Haviva möchte das jetzt zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ausprobieren. Die Stiftung hat Know How in der Zivilen Konfliktbearbeitung auf dem Balkan gesammelt. Vielleicht, so hoffen beide Einrichtungen, könnten manche Effekte von „Shared Communities“ übertragbar sein.

Optimismus mit Vorsicht

Schablonenlösungen wird und kann es sicher niemals geben. Dafür sind Menschen und Kulturräume zu unterschiedlich. Doch wenn erfolgreiche Projekte von Fachleuten angepasst werden auf die jeweilige Region wäre das ein lohnenswertes Modell für zivile Konfliktlösung. Und ein Lichtblick inmitten von Krisen.

MEHR ZUM THEMA

http://www.Givat-Haviva.de

 

Wie Diplomaten die Novemberprogrome in Deutschland erlebten – eine Ausstellung der Neuen Synagoge Berlin

      

1938 – In den so genannten Novemberprogromen entlädt sich der Antisemitismus in Deutschland. Wie sich Gewalt und Ausschreitungen gegen Juden in Diplomatenberichten spiegeln zeigt eine Ausstellung in der Neuen Synagoge Berlin.Die von der Stiftung „Centrum Judaicum“ initiierte und vom Auswärtigen Amt geförderte Schau hat Dokumente aus über 20 Ländern aufbereitet.

 

„Von Innen nach Außen“- wie Diplomaten die Novemberprogrome in Deutschland erlebten

Ausstellung in der Neuen Synagoge Berlin

 

 

Zum Beispiel: Botschaftsrat Themistokles da Graca Aranha an den Außenminister Brasiliens:

„Auf den Straßen sah man Banden von Jugendlichen, die aus den israelitischen Gotteshäusern geraubte Kultgegenstände herumzeigten und Teile davon sowie Seiten aus hebräischen Bibeln verteilten, um die sich der entfesselte Mob raufte, weil er sie als Siegestrophäen aufbewahren wollte. Währenddessen sah die Polizei weiter wohlwollend zu.“

 

Dr. Hermann Simon, Direktor des Centrum Judaicum, erklärt, wie die Idee zur Ausstellung entstand:

Dr. Hermann Simon

 

Verdrängte Nachbarn, enteignete Erinnerungen

      

Die israelische Historikerin Yfaat Weiss bekommt im Dezember den Hanna – Arendt – Preis für politisches Denken 2012 verliehen. In Hamburg hat sie jetzt ihr Buch vorgestellt: „Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung“.

Yfaat Weiss 

(über ihre Motivation, das Buch „Verdrängte Nachbarn“ zu schreiben)

 

Schon der Titel von Yfaat Weiss‘ Buch ist mehrdimensional. Verdrängung – zunächst als real räumlicher Prozess. In Wadi Salib, einem Stadtviertel der israelischen Stadt Haifa, setzt er 1948 zur Staatsgründung Israels ein. In den Kriegswirren verließen viele Palästinenser ihre Häuser in der Stadt, in der bis dahin Juden und Araber gelebt hatten – gemeinsam und doch getrennt. Jeder in seinem Teil. Viele Palästinenser trieb schlicht die Angst vor Gewalt ihre Häuser zu verlassen. Einige wurden gezwungen.

Doch mit der Vertreibung der palästinensischen Bewohner kommt Wadi Salib nicht zur Ruhe. 1959 rebellieren die neuen Bewohner, überwiegend Misrachi, bitterarme marokkanische Einwanderer jüdischen Glaubens gegen Benachteiligung. Das Viertel wird geräumt, ein zweites Mal innerhalb von gut 10 Jahren. Bis heute stehen in Wadi Salib leere Häuser, Ruinen – ein unfreiwilliges Denkmal der beiden Verdrängungsprozesse, die Weiss in ihrem Buch beschreibt.

Beabsichtigt oder nicht: Es ist das Verdienst von Yfaat Weiss, dass ihr Buch auch die zweite Dimension von  „Verdrängung“ sichtbar macht. Die psychologische.Diesen Mechanismus, der furchtbare oder unliebsame Geschehnisse in das „Hinterstübchen des Gehirns“ zu verbannen sucht. Und von dort, aus dem Schatten des kollektiven Bewusstseins und der israelischen Geschichtsschreibung, holt Weiss sie hervor.

Ihre Forschungsergebnisse präsentiert sie dazu überaus kreativ. Das Buch beginnt 1959 mit einer Kneipenschlägerei, die in sozialen Unruhen enden. Doch statt die Geschehnisse chronologisch aufzuarbeiten springt die Professorin für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem zeitlich vor und zurück, umkreist ihr Forschungobjekt, das Stadtviertel, schreibt zyklisch, assoziativ, perspektivisch. Und verweigert sich ganz nebenbei auch einer Interpretation, die Wadi Salibs Nachkriegs- und Stadtentwicklungsgeschichte wohlmöglich als „zivilisatorischen Zugewinn“ stilisiert. Von den Arabern zu den palästinensischen Israelis zu den arabischstämmigen Juden zu…. den Ruinen eben.

Wer das Buch liest, der ahnt, wie komplex der hierzulande oft missverstandene Nahost-Konflikt ist. Beim Leben von „Verdrängte Nachbarn“ kann man ihn besichtigen – im Maßstab „Mikrokosmos“ gewissermaßen.

Und ahnt, warum die Bewohner des Staates Israel bis heute um ein gemeinsames Selbstverständnis ringen. In einem Land, das auf der Idee einer gemeinsamen Religion gegründet muss der „common ground“ der Staatsbürgerschaft erst gefunden werden. Das gilt für die gut 20 Prozent der arabischen Israelis ebenso wie für die  Einwanderer jüdischen Glaubens aus rund 120 Nationen. Dass es keinen anderen Weg gibt daran erinnern die Ruinen von Wadi Salib. Und das Buch von Yfaat Weiss.

YFAAT WEISS: VERDÄNGTE NACHBARN, 286Seiten, 25,00 Euro, Hamburger Edition 2012

 

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Ich Establishment-Rebell – eine „Meinung“

      

Als Förderer oder Mäzen von Kunst, Kultur, Kreativität ist die „Masse“ nicht in die Geschichte eingegangen. Die Wut über ihre Ignoranz hat Van Gogh an seinem Ohr ausgelassen. Warhol hat sie inspiriert. Meist hat man sich aus der Distanz beäugt. Nach dem Motto: Leben und leben lassen.

Heute ist die „Masse“ dabei mit ihren massenhaft-digitalen Verbreitungsmöglichkeiten die Kunst-Kultur- und Kreativszene auszubluten. Das politische Flaggschiff der Bewegung sind die „Piraten“. Die stets gut gelaunten „Robin Hoods“ der „Digital – Generation“.

Journalisten und Politiker haben dem Treiben amüsiert bis gerührt, angesichts der kometenhaften Zugewinne der Piraten bei Wahlen auch anbiedernd zugesehen: „Wie sexy, diese Netzcommunity. So neu, so gut vernetzt.“ Ergo: Bei der Kunst- Kultur- und Kreativ-Fledderei a la kapern, entern, einverleiben machen alle mit oder schauen zu. Keiner protestiert.

Keiner? Doch. Das „evil“ Element-of-Crime-Mitglied Sven Regner leistet verbitterten Widerstand. Sein öffentlicher Ausbruch hat etwas Karthathisches. Und mich aus einer meiner Agonie befreit. Warum, in Gottes Namen, habe ich nicht eher aufgeschrien, aufgemuckt, protestiert?

Weil es allzu hart ist über Nacht erkennen zu müssen, vom Rebell zum Spießer degeneriert zu sein. Aber weil es sich so schön lebt wenn der Ruf erst ruiniert ist bekenne ich nun offen und enthemmt: Ich halte die Piraten und ihre Anhängerschaft nicht für romantische Freibeuter sondern räuberische Ausbeuter geistigen Eigentums. Die mich überdies zum Vertreter des Establishments abstempeln, weil ich nicht applaudiere mag beim munteren Copy + Paste- Klau. Nicht Beifall klatschen mag bei der kostenlosen Vervielfältigung von Originalität, Inspiration, Individualität, Einmaligkeit. Sondern wütend darüber bin und weiterhin – ach wie spießig – auch noch ein Honorar für meine Erzeugnisse verlange.

Die Chinesen…..aber lassen wir das. Und: Danke Sven. Dein Aufschrei hat geläutert. Ich kann wieder in den Spiegel schauen. Und sehe: Ich noch immer ein Rebell. Ein Establishment-Rebell.

PS An alle Netz-Piraten: Der Download dieses Textes ist absolut gebürenfrei! Aber nur, wenn Ihr ihn Euch hinter die Ohren schreibt! Sonst macht er schlechtes Karma.

Geliebter Feind

      

Frieden schaffen ist ein löbliches Ziel. Allerdings müssen Konfliktparteien dafür bereit sein, nicht nur „vom Kopf her“ sondern auch emotional. Wie schwierig das ist zeigt „Kinder lehren Kinder“, ein Programm für jüdische und palästinensische Schüler in Israel. Die Organisatoren der Bildungseinrichtung Givat Haviva begleiten die Teilnehmer bei dem oft schwierigen Prozess einer Begegnung. Auszüge aus einem Feature für den NDR:

Audio:  Kinder lehren Kinder

Pakistan am Scheideweg

      

Waziristan ist eine abgeschiedene Region im Osten Pakistans. Dass sie in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt, hat sie einem wenig rühmlichen Umstand zu verdanken. Am 22. August (2011, Amerk. d. Autorin) wurde dort Atijatullah Abdel-Rahman, Al-Qaidas Nummer 2, von einer amerikanischen Drohne tödlich getroffen, vermelden amerikanische Regierungskreise. Wieder mal scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen, dass Pakistan ein getreulicher Partner für international gesuchte Terroristen ist. Gerade mal gut drei Monate nachdem Al-Qaidas Nr. 1, Usama bin Laden, im Land getötet wurde. Gefahrenherd Pakistan?Die Nachricht versetzt Sicherheitsexperten in Alarmbereitschaft: 180 Millionen Menschen leben in Pakistan, von denen gut zwei Drittel, 67 Prozent, Analphabeten sind.

In Pakistan scheinen sich Hiobsbotschaften aneinander zu reihen wie Perlen an einer Kette: Pakistan ist Nuklearmacht, hat einen besonders undurchschaubaren Geheimdienst. Und mit seiner fast mittelalterlichen Ordnung – einer bitterarmen Landbevölkerung und märchenhaft reichen Landbesitzern, die sich für alles aber nicht die Probleme Pakistans zu interessieren scheinen ist das Land zunehmend anfälliger für Islamismus.

Ein nahezu perfektes Schreckens-Szenario. Grund genug für den integrationspolitischen Sprecher der FDP, Serkan Tören, seinen aus Pakistan stammenden wissenschaftlichen Mitarbeiter Sarmad Hussain sowie die FDP nahe Friedrich-Naumann-Stiftung einen Pakistan-Gesprächskreis ins Leben zu rufen. Mit einem prominenten, pakistanischen Gast gleich bei der ersten Veranstaltung.

Ein General mit Botschaften

Vierzig Jahre lang hat Talat Masood im pakistanischen Militär gedient. Als Generalleutnant schied er 1991 aus, wurde Berater des Verteidigungsministeriums. Nun ist er ein Botschafter seines Landes in politischen, militärischen und nuklearen Fragen. In diesen Tagen erfordert das augenscheinlich diplomatisches Geschick. Wie tief die Gräben speziell zwischen Amerika und Pakistan sind, offenbart nämlich schon die Sprache. Terroristen wie die „Taliban“ oder das „Haqqani-Netzwerk“ bezeichnet Masood als „ Stammesvertreter“. Und erläutert, warum Islamabad nicht an einem Konflikt mit diesen Gruppen gelegen sei: „Für uns sind diejenigen wichtiger, die Pakistan zur Zielscheibe haben. Also nicht die afghanischen Taliban oder die afghanischen Aufständischen.“

Jede Predator-Drohne polarisiert ein Stück mehr

So eine Prioritätensetzung betrachtet die westliche Welt vorerst mit Stirnrunzeln. Während in Amerika und Deutschland der Tod von Terroristen wie Bin Laden oder Abdel Rahman mit Erleichterung, Genugtuung oder gar Freude zur Kenntnis genommen wird, lösen die Nachrichten in Pakistan bestenfalls gemischte Gefühle aus. Sogar bei Pakistanern, die sich strikt gegen jeden Terror aussprechen. Amerikas unbemannte Flugkörper untergraben nicht nur Pakistans staatliche Souveränität, was stolze Pakistaner aller Orten vor den Kopf stößt. Zudem ist ihr Einsatz durch kein Recht der Welt gedeckt.

Und sie sind bei weitem nicht treffsicher. Sprecher amerikanischer Think Tanks wie „Brookings Institution“ schätzen, dass für jeden getöteten Terroristen rund 10 unschuldige Pakistaner bei amerikanischen Drohnenangriffen sterben müssen. Das schüre den Anti-Amerikanismus im Land, erklärt Masood: „Ich denke, der besten Weg, Terrorismus zu bekämpfen, ist, die Unterstützung des pakistanischen Volkes zu gewinnen.“

Arbeitsplätze und Alphabetisierung als Anti-Terror-Strategie

Arbeitsplätze schaffen, Bildung, einen effektiven Geheimdienst, die Unterstützung des Volkes, unabhängige Medien – das wünscht sich Masood als umfassenden Anti-Terror-Ansatz. Einzig die Demokratie würde Politikern abverlangen, nicht am Volk vorbei zu entscheiden und sei deshalb die effektivste Regierungsform, folgert der General. Wer mag kann darin Kritik erkennen an der Führungselite Pakistans, die der Pakistan – Büroleiter der Friedrich Naumann-Stiftung, Olaf Kellerhoff, auf den Punkt bringt: Politische Führungsschwäche und ein Militär, das Gefahr läuft mit den Trend zu immer radikaleren Islam-Auslegungen wie dem Wahabismus von Islamisten unterwandert zu werden: „Neulich ist ein pakistanischer Journalist ermordet worden, der aufgedeckt hat Verbindungen zwischen Al-Qaida und dem Militär. Nicht, dass es Bestreben des Militär ist. Aber einzelne Militärangehörige arbeiten in diese Richtung.“

Respekt im Dialog

Trotz dieser Schwierigkeiten warnt Kellerhoff, Pakistan als so genannter Schukenstaat in Bausch in Bogen zu verdammen. Das Land und sein Volk brauchten in erster Linie Respekt, argumentiert er. Im Grunde gleichen bilaterale Beziehungen diesbezüglich einer Ehe: Auf Pauschalkritik reagiert der Kritisierte mit Trotz und Ablehnung. Respekt öffnet die Tür zum Dialog. Und den baucht Pakistan. Gerade jetzt. Mehr denn je.

Herbst 2011, in ähn licher Form für: Deutsche Welle

 

Kooperationen gegen Terror

      

Andere Wege im Kampf gegen den Terror möchte Gernot Erler, ehemaliger Staatsminister im Auswärtigen Amt und stellvertretender SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzender beschreiten.  „Das Versagen nach 9/11 – mit besseren Strategien gegen den Terror“ heißt sein Buch, das er gerade in der Hamburger Körber-Stiftung vorgestellt hat. Darin plädiert er für eine enge Kooperation in Europa:

(Copyright: Claudia Höhn)

 

AUDIO: Gernot Erler, 7.9.2011

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