Archiv: Auslandseinsätze

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Die Afghanistan-Depression

      

„Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat. Dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht. Und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen.“

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter.  Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens.  Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und  Berater des ehemaligen UN – Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg. Und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Bin Ladens als möglicher Schlusspunkt  der „11. September-Politik“, Finanzkrise, arabischer Frühling – der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit den Gewaltexessen der Taliban. Zwar betonen deutsche Militärs in diesem Sommer wieder und wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe. Was was die Qantität angeht mag das auch stimmen. Die qualitative Dimension der psychologischen Wirkung werde damit aber unterschätzt, entgegnet Nasr. Der Politologe führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Vali Karzai, ins Feld:  „Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen.“

„Enthauptung“ des politischen Systems

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert  der 50jährige politische Beobachter: „Diese gezielten Tötungen sind „Enthauptungs – Kampagnen“ des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug.“

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen.  Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. „Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt“, folgert Vali Nasr trocken.
Die Säulen der Verantwortung tragen nichtDie Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung hatte und nie eine Armee weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung „2014“, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Zweckpessimismus als Weckruf?


Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv.  „Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird – das sollte eigentlich, aber… Also falls das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben.“

in ähnlicher Fassung für Deutsche Welle, August 2011

Multikulti in Tarnfleck

      

Das einzig „typisch türkische“ an  Erkan Kahraman ist die Art, wie er seinen Tee umrührt: Geräuschvoll. Aber natürlich ist das ein Klischee. Nadir Attar ist blond, blauäugig. Zur Hälfte Syrer. Beide Männer sind Anfang 20 und Berufssoldaten. Neben ihrer militärischen bekommen angehende Offiziere der Bundeswehr auch eine akademischer Ausbildung. An der Universität der Bundeswehr in Hamburg studieren beide „Politikwissenschaft“. Auslandseinsatz programmiert. Darum haben sie die Frage, ob sie als deutsche Soldaten muslimischen Glaubens in einem Kampfeinsatz notfalls auch auf Muslime schießen würden, im Vorweg für sich mit einem „ja“ beantwortet.

Kahraman ist seit 2006 in der Truppe. Er fand schon als Jugendlicher gut, was deutsche Soldaten in Afghanistan machen. Gerade wegen seines Glaubens: „Die Menschen können dort weder schreiben, noch lesen. Was den Koran angeht sind sie abhängig von denen, die das Recht auf Interpretation haben. Und wenn man quasi persönlich als Gegenbeispiel dahingeht und sagt: Hier, ich bin auch Moslem, dann ist das der Beweis, dass es auch anders geht.“

Attar schätzt die Werte der Demokratie. Spätestens seit Besuchen in der Heimat seiner Verwandten in Syrien. „Wenn man erlebt hat, dass Leute sich nicht trauen auf der Straße offen zu reden, dann weiß man die Situation hier zu schätzen. Schade, dass so wenig Deutsche das so sehen“.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur der Truppe verändert. Waren in den 60ger Jahren noch rund 90 Prozent aller Soldaten Christen, so sind es heute nur noch die Hälfte. Das liegt an den Kirchenaustritten. Aber nicht nur. Nach Schätzungen dienen mittlerweile rund 1000 Soldaten muslimischen Glaubens und circa 200 Juden. Zusammen mit Soldaten deutscher Staatsbürgerschaft, die aus 46 Nationen dieser Erde kommen, wird die Truppe heterogener. Multi-Kulti in Tarnfleck.

Wenn Generäle versichern, dass die Bundeswehr „über mehr interkulturelle Kompetenz verfüge als manch global arbeitender Konzern“ dann ist das keine Koketterie. Die Bundeswehr arbeitet global und braucht geeigneten Nachwuchs für ihre Einsätze. Speziell jenseits deutscher Grenzen ist interkulturelles Wissen mehr als eine nette Zugabe. Diese Erkenntnis gibt es seit einiger Zeit auf höchster Ebene. Sie schlägt sich nieder in der  „Zentralen Dienstvorschrift 10/1“:

Der richtige Umgang mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, die interkulturelle Kompetenz, erhöht die Handlungs- und Verhaltenssicherheit der Soldatinnen und Soldaten und sichert die Akzeptanz von Minderheiten in der Bundeswehr. Im Auslandseinsatz ist die interkulturelle Kompetenz zudem eine wesentlich Voraussetzung für die Auftragserfüllung und den Eigenschutz.“

Die Bundeswehr ist einer der größten Ausbilder in Deutschland. Sie braucht die Migranten – in Zukunft mehr denn je, wie ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt.  Was sie als Arbeitgeber bietet, ist außergewöhnlich. Wo sonst ist „Teamgeist“ dienstlich verordnetet? Siehe Paragraph 12 des Soldatengesetzes:

Wo Kameradschaft und körperliche Fitness Qualifikationen sind haben es Migranten leichter. Siehe Fußball. Hautfarbe, Herkunft? Nebensächlich. Zumindest solange einer gut ist. Und das richtige Vereinstrikot trägt. Bei der Bundeswehr ist das olive. Individualität in Tarnfleck.  Wen man vor sich hat erkennt man mit einem Blick auf die Schulter. Also schauen viele erst dorthin – und dann ins Gesicht.  So kann Multi-Kulti funktionieren.

De facto ist unklar, ob bei der Bundeswehr weniger, mehr oder genauso diskriminiert wird als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Viele „Migranten in Uniform“ beantworten die Frage mit Gleichmut: Eigentlich hätten sie „eher gute Erfahrungen gemacht“.

„Und wenn‘s mal blöde Sprüche gibt, dann steht man am besten drüber,“ sagt Nadir Attar.

Will heißen: Wird in der Truppe unkameradschaftlich gegen § 12 verstoßen, dann antwortet man darauf mit einem Verhalten gemäß § 12. Vergehen regelt man bei der Bundeswehr intern.

Wie viel interkulturellen Umgang ein Soldat hat hängt von seinem Dienstgrad ab. Auch, wie viel Wissen ihm vermittelt wird. Für Wehrdienstleistende gehört interkulturelle Kompetenz als Lehrstoff seit 2006 zur Grundausbildung, füllt bislang allerdings bestens ein paar Stunden, die Soldaten gerade mal für die Problematik sensibilisieren.

Mehr erfahren Berufssoldaten. Deren Ausbildung muss gründlicher sein als „potentielle Botschafter im Ausland“, die sie sind. Erwartet wird nicht takt- sondern tadelloses Verhalten. Der „lebenskundliche Unterricht“ veranschaulicht das. In einem Modul geht es um Wertkonflikte. Wie verhalte ich mich, wenn mein Kamerad in Afghanistan mit einer verschleierten Frau auf offener Straße flirtet? Wo endet die Menschenfreundlichkeit, wo beginnt Fehlverhalten?

Die Inhalte dieser Lektionen haben zum Ziel, Werte bewusst zu machen und Verhaltenssicherheit zu trainieren. Beides spielt im interkulturellen Dialog eine Rolle. Wie jeder weiß, der mal versucht hat, am Sabbat im jüdisch – orthodoxen Mea Shearim zu telefonieren. Oder in andere Fettnäpfchen getreten ist.

Je näher der Einsatz desto detaillierter die Wissensvermittlung. Spezifisch landeskundliche Informationen bekommen Soldaten in der Einsatzvorbereitung. Weitere Angebote macht die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. Studenten und angehende Offiziere können „interkulturelle Kommunikation“ bei einer deutschen Muslimin afghanischer Herkunft belegen. Die Kursinhalte sind vielfältig: Basiswissen der Soziologie und Psychologie („Ist Angst ein universelles Gefühl?“), Grundkenntnisse über den Islam,  Mentalität und Sozialstruktur der Bevölkerung. Diesen Lehrstoff finden besonders Seminarteilnehmer deutscher Herkunft erhellend. Beweist er doch, dass „Muslime vielfältiger sind manche Politiker oder Medien vermuten lassen“, sagt einer.

An all dem lässt sich das Ausmaß des psychischen Spagats erahnen, den Soldaten in ihrer Ausbildung und im Auslandseinsatz machen. Einerseits wird ihre kulturelle Sensibilität trainiert, andererseits ihre Fertigkeit im Umgang mit der Waffe.

„Das sei die Herausforderung heutiger Einsätze“ sagt Elmar Wiesendahl, Professor und Leiter des Fachbereichs für Sozialwissenschaften an der Führungsakademie, der höchsten Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr, an der Stabssoffiziere, also auch Deutschlands zukünftige Generäle, ausgebildet werden. Soldaten müssten sich kontrollieren und eine „gewisse Robustheit zeigen“, erläutert Wiesendahl. „Mit reinem Hegemonalverhalten kann der Einsatz nur scheitern.“

Die Gratwanderung zwischen Empathie auf der einen sowie Kampfbereitschaft auf der anderen Seite manifestiert sich auch in der Wahl der Mittel in Krisenregionen. Wenn Fronten zwischen Freund und Feind sind nicht aus Nationalität, Kultur oder Religion gemacht sind, sondern aus Extremismus und Radikalismus kann niemand mehr Freund und Feind auf den ersten Blick ausmachen. Darum verbietet sich ein militärischer Rundumschlag. Andererseits ist ein „demokratischer Aufbau“ fragwürdig, wenn Terroristen ins Nachbarland „migrieren“. Sofern man der These folgt, dass deutsche Interessen am Hindukusch vertreten werden, dann reichen sie bis Peshawar. Mindestens.

An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg diskutieren Seminarteilnehmer solche militärischen und sicherheitspolitischen Fragen. Im Schnitt werden täglich 500 Stabsoffiziere aus- und fortgebildet, davon 100 ausländische Militärvertreter, auch aus islamischen Ländern. Vor einigen Jahren hätte das niemand mit „interkulturellem Dialog“ betitelt ohne Heiterkeitsausbrüche zu ernten. Heute löst es nicht mal ein Schmunzeln aus. Gerade wird an der Führungsakademie ein Curriculum für interkulturelle Kompetenz entwickelt. Die Generalstabslehrgänge sind zum Teil international besetzt, der interkulturelle Lehrstoff fließt ein in Seminare für Führungskräfte. Oder steht im Zentrum eines Lehrgangs, der „Gewalt“  und ihre spezifischen Ausprägungen in Kulturen dieser Welt beleuchtet. Von den Maoris bis zur deutschen Kriegsheldenverehrung und deren Folgen.

Faktisch basiert jedes Militärbündnis auf „interkulturellem Dialog“. Im ISAF Einsatz in Afghanistan allein sind 37 Nationen mit mehr als 40.000 Soldaten aktiv. Wer weiß schon wie viele Missverständnisse es gibt? Wie viel Verwunderung der Anblick einer deutschen Soldatin bei Bündnispartnern auslöst – einem Aserbaischaner zum Beispiel?  Man munkelt, dass auch in der NATO über Mentalitäten debattiert wird. Warum das Führungsverhalten deutscher Militärs so anders ist als das der Engländer oder Franzosen. Darum ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit bis die NATO Kurse zum „Diversity Management“ einführt.

Utopisch? Abwarten. Vor 20 Jahren war undenkbar, dass deutsche Staatsbürger islamischer Herkunft als Offiziere in den Auslandseinsatz gehen. Der „Kulturaustausch“ ist immer für eine Überraschung gut!

2009 in geänderter Fassung abgedruckt in

„Zeitschrift für Kulturaustausch“

Muslimin in der Bundeswehr

      

Hamburg – Am Anfang steht die Theorie. „Angst – und ihre Auswirkungen auf menschliche Beziehungen“, heißt das Thema des Referates. Den Praxisbezug stellen die  Studenten her: „Was nützt mir das alles in Afghanistan?“ will einer wissen. Die Lehrbeauftragte, eine gepflegte Frau mit tiefschwarzen Haar, erläutert praktisch, lebensnah und authentisch anhand von Beispielen. Die 40jährige Latifa Kühn weiß wovon sie spricht: Sie ist Muslimin und gebürtige Afghanin. Die 40 Teilnehmer des Seminars sind Kommilitonen, Berufssoldaten und Offiziere gleichermaßen. Sie studieren an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, der Helmut Schmidt Universität. Nach dem Willen des damaligen Verteidigungsministers sollten Führungskräfte im Militär eine akademische Ausbildung haben.

Schmidt trieb die Gründung der Bundeswehruniversitäten voran, seit 1973 wird in München und Hamburg gelehrt. Ein Blick auf die Geschichte der Bundeswehr macht deutlich, wie viel sich seit damals verändert hat: Es begann Anfang der Neunziger in Somalia, 200.000 deutsche Soldaten haben seitdem an Auslandseinsätzen der Bundeswehr mitgewirkt, derzeit sind 9000 unterwegs. Mit unterschiedlichen Zielen: Waffenschmuggel unterbinden, ethnische Gewalt eindämmen, Zivilbevölkerung schützen. Aufgaben, die wie ein Magnet wirken auf die 20 bis 25jährigen.

Noch wissen die studierenden Offiziere nicht, ob und für welchen Auslandseinsatz sie abkommandiert werden, aber alle sind bereit: aufbauen statt besetzen, schützen statt kämpfen und töten – das hört sich verlockend an. Eben darum hätten sie sich verpflichtet – und wegen des 11. September, erzählt einer. Sie sind politisch interessiert, kennen sich aus mit den Verhältnissen im Nahen Osten oder Afghanistan. Zumindest theoretisch. Dass die Praxis vor Ort oft weniger heroisch ist als es von Ferne aussieht lässt das Seminar von Latifa Kühn zuweilen erahnen.

„Sie werden mit den Afghanen häufig keine Kommunikation auf Augenhöhe haben können“, mahnt die Dozentin. „Psychologische Vorbildung wie sie hat dort kaum jemand, die Menschen reagieren unmittelbarer.“

Dass das nicht nur für Gesprächs- sondern auch für mögliche Kampfsituationen gilt bleibt an dieser Stelle zunächst unerwähnt. Latifa Kühn und ihr Seminar zur „interkulturelle Kommunikation“ ist nicht die einzige Lehrveranstaltung dieser Art an der Helmut Schmidt Universität. Die Schutz- und Friedensmissionen im Ausland haben einen Bedarf geschaffen an Wissen um andere Völker und Kulturen. Eine indische Dozentin lehrt die Berufssoldaten den „Umgang mit dem Fremden“.

„Die Lehre an der Universität sei zwar frei“, erklärt der Pädagogikprofessor und Vorgesetzte von Latifa Kühn, Ernst-Willi Hansen. “Aber die Studenten haben offenbar Bedarf an solchen Seminaren.“

Das zeigen auch die Zahlen: Gerade 12 kamen zur ersten Lehrveranstaltung von Latifa Kühn, mittlerweile sind es 40 und das Interesse wächst kontinuierlich. Für 40jährige Islam- und Politikwissenschaftlerin, verheiratet mit einem Deutschen, ist die Dozententätigkeit nicht die erste Begegnung mit der Bundeswehr. Ihr ehemaliger Chef war Oberst, „ein offener Mann mit vorbildlichen Führungsqualitäten“, wie sie sagt. Auch darum hat die in Kabul geborene Kühn, die im Alter von vier Jahren nach Deutschland kam, kein Bauchgrimmen mit der Aufgabe und Rolle der Bundeswehr in Afghanistan. Im Gegenteil: Sie schätzt die Verantwortung, die Deutsche am Hindukusch übernehmen. Das Wissen um beide Seiten fließt ein in ihr Seminar: „Der Islam“ und „Die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan“ heißen weitere Bausteine der Wissensvermittlung.

Dabei führt Latifa Kühn ihre Studenten so dicht als möglich heran an die Lebensverhältnisse und Bedingungen in Afghanistan. Unter anderem mit Hilfe einer Exkursion ins afghanischen Museum, wo die Dozentin den Studenten Landessitten und Gebräuche erläutert. Unter anderem zum Beispiel den muslimischen Gebetsteppich und wann man ihn benutzt. “Es geht mir darum Sie zu sensibilisieren“, erklärt sie den Studenten im Seminar ihre Motivation. Den sicheren Kulturschock in fremder Umgebung minimiert das Wissen über die fremde Kultur. Selbstreflexion und Empathie, die Fähigkeit sich in andere hinein zu versetzen, soll die Soldaten zudem in Stresssituationen befähigen, kontrollierter, angemessener, moralischer zu reagieren. Angesichts der ständigen Bedrohung, in der sich die Soldaten in Afghanistan und anderswo befinden, ein hoher Anspruch. Und ein widersprüchlicher dazu.

Dass er zuweilen auf der Strecke bleibt hat die sogenannte „Totenkopf – Affäre“ vor Augen geführt. Lagerkoller, Männerriten, Langeweile oder Angeberei: Was immer der Grund der Entgleisung gewesen sein mag –  spätestens seit der Affäre dämmert es den Studenten, in welches Dilemma ein Auslandseinsatz führen kann: Ein Soldat, der sich immer vorbildlich verhalten muss, der reflektiert statt Reflexen zu folgen, ist demjenigen unterlegen, der die Waffe zieht und schießt. Und kein Seminar der Welt wird diesen Widerspruch auflösen, allen Rufen nach Schulung zum Trotz, die nach der Veröffentlichung der Fotos laut wurden.

„Mit Pazifismus kann man nicht überleben wenn andere nicht pazifistisch sind“.

So bringt es der ehemalige Lehrbeauftragte der Universität der Bundeswehr in Hamburg und heutige Professor für Rechtspsychologie der Universität Bremen, Frank Baumgärtel auf den Punkt. Er glaubt, dass  eine tabulose, sicherheitspolitische Debatte über die Aufgaben die Bundeswehr überfällig sei. Bis dahin bleibt den Studenten nichts anderes übrig als sich auf diese Widersprüche so gut wie irgend möglich vorzubereiten. Das Seminar von Latifa Kühn empfinden sie dabei als hilfreich. Immerhin lehrt hier jemand, für den der Alltag in Afghanistan nicht nur graue oder militärische Theorie ist. Einer, der mit Namen nicht genannt werden möchte, fragt sich allerdings laut, was mit den unteren Dienstgraden passiert, die nicht in den Genuß einer psychologischen Einsatzvorbereitung kommen.

„Eigentlich müsste man jeden Soldaten so schulen, nicht nur die Offiziere“, flüstert er und blickt sich verstohlen im leeren Seminarraum der Bundeswehruniversität um als sei er auf einer Patrouille im Feindesland. Angst verleitet Menschen zuweilen zu unbedachten Worten oder Taten. Das hat er heute in seinem Seminar gelernt und dass es auf Menschen jeder Kultur und Nation zutrifft. Dass es wahr ist spürt er im leeren Seminarraum ganz praktisch am eigenen Leib.

Januar 2007, in veränderter Form für DPA

Blockade in der Seele – Soldaten und PTBS

      

PTBS, die so genannte Posttraumatische Belastungsstörung ist eine Gefühlsblockade in Folge eines Schocks. Eine Risikogruppe dieser Krankheit sind Soldaten. Doch von der Bundeswehr wurden Ausbreitung und Folgen lange verharmlost.

Leiden Sie unter Schlafstörungen? Haben Sie Alpträume? Schuldgefühle? Körperliche Anspannungen, wenn Sie den Ort des Geschehens betreten?

Diese Fragen stammen aus einem Test auf der Webseite „Angriff-auf-die-Seele“. Sie werden Soldaten gestellt, die aus einem Auslandseinsatz zurückkehren. Im Gegensatz zu einem Gespräch mit einem Truppenarzt oder Psychologen bleibt der Besuch einer Webseite so lange anonym wie es der Betroffene für notwendig hält. Pro Woche suchen zwei bis drei Soldaten Hilfe auf der Internetseite. Auch weil sie glauben, dass ein Besuch beim Facharzt unliebsame Folgen für das Berufsleben als Soldat haben könnte. Das betrifft zum Beispiel Zeitsoldaten, die nach Ablauf ihrer zwölfjährigen Dienstzeit als Berufssoldat von der Bundeswehr übernommen werden möchten. Damit ist es vorbei, wenn nach einem Auslandseinsatz-Einsatz eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt wird – glauben Soldaten. Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe kennt diese Ängste, wie er in einem Internet-Chat auf einer anderen Webseite bestätigt:

„Nach meinen langjährigen Erfahrungen ist es so, dass die Mehrzahl der Soldatinnen und Soldaten irriger Weise glauben, dass eine Konsultation des Psychologen oder sonstiger Fachärzte kontraproduktiv für die Karriere sein könnte. Leider sind derartige Facharztkonsultationen nach wie vor stigmatisiert“.

Die Gründe dafür seien, so berichten Bundeswehr-Mediziner und -Geistliche übereinstimmend, im „allgemeinen gesellschaftlichen Klima“ zu suchen. Psychische Krankheiten würden oft nicht richtig ernst genommen, das gelte vor allem für „Männergesellschaften“ wie die Bundeswehr. Allerdings gibt es hier nach Einschätzung der Experten allmählich einen „Sinneswandel“: Bei Kameraden und Vorgesetzten mache sich die Einsicht breit, dass ein Trauma nicht bedeute, lebenslang „plemplem“ zu sein, sagt ein Fachmann. Die Hilfsangebote der Bundeswehr für PTBS – Erkrankte bewerten Experten jedoch sehr unterschiedlich: Von ausreichend bis hervorragend. Die Maßnahmen vor nach und während eines Einsatzes reichen von Stärkung des seelischen Gleichgewichts, der Minimierung von Stress-Faktoren über Kameraden als Ansprechpartner, den so genannten Peers, bis zu einer Betreuung durch den Truppenarzt oder – nach Rückkehr – durch den Therapeuten.

Diese Hilfsangebote können allerdings nur greifen, wenn die Krankheit erkannt wird. Und genau das ist ein Problem. In den vergangenen drei Jahren hat es in der Bundeswehr fast 500 PTBS-Fälle gegeben. Experten gehen aber von einer wesentlich höheren Zahl aus – mancher schätzt die Dunkelziffer sogar auf das 10-fache. Sie warnen: Die Krankheit sei besonders hartnäckig und langwierig, wenn sie nicht erkannt und therapiert würde, erläutert Karl Heinz Biesold vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Dabei sind Soldaten auf ein aufmerksames soziales Umfeld angewiesen. Denn ein PTBS – erkrankter Soldat ist selten fähig, die eigene Lage richtig einzuschätzen. Umso wichtiger sind aufmerksame Kameraden, Vorgesetzte und Familienangehörige. Im Falle von Uwe Dietrich dauerte es quälende drei Jahre bis er sich die bittere Wahrheit eingestehen konnte. Der Unterfranke war 2003 und 2005 im Auslandseinsatz in Afghanistan, 2008 in Therapie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg:

„Letztendlich, der Antriebspunkt, der mich hergebracht hat, war die Familie und das Umfeld, die mich drauf hingewiesen haben, das ich mich wohl im Wesen verändert hab, aber auch im Verhalten. So verändert hat, dass man sagen muss: Okay – das hat nicht mehr mit normaler Einsatznachbereitung zu tun, sondern das geht tiefgreifender. Selbst habe ich es nicht gemerkt. Verschiedene Veränderungen wohl: Das geht von Eiseskälte in gewissen Situationen über schon ablehnende Haltung der Tochter gegenüber – viele kleine Dinge, die man selber nicht wahrhaben will, die aber andere an einem feststellen.“

Dass vom Einsatz etwas hängen bleibt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Das Erleben von Gewalt, Tod und Verwundung inmitten einer gänzlich fremden Kultur haben vor allem „Afghanistan“ zum Synonym schwerer physischer und psychischer Belastungen unter Soldaten gemacht. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstmorde oder psychische Erkrankungen wie PTBS sind Dauerthemen in den einschlägigen Internetforen für Soldaten. Die Bundeswehr hat das Thema lange unterschätzt. Ende 2007 teilte das Verteidigungsministerium auf eine Anfrage der FDP-Fraktion mit, ein Anstieg der Fallzahlen sei nicht erkennbar. Eine Fehleinschätzung, wie mittlerweile deutlich wurde. Die Worte „Kampfeinsatz“ und „Krieg“ sind tabu. Der gefährliche Einsatz in Afghanistan wird von der politischen und militärischen Führung immer wieder als „Friedens- und Stabilisierungsmission“ tituliert.

Das sei kontraproduktiv , kritisiert der Militärgeistliche Hartwig von Schubert mit Blick auf die Betroffenen. Er bemängelt das Fehlen einer „psychologischen Infrastruktur“ bei Themen wie Tod, Verwundung und Traumata. Die besondere staatliche Fürsorgepflicht gegenüber Soldaten würde in der aktuellen Situation immer wieder vernachlässigt monieren Einrichtungen wie die Zentrale Versammlung, ein Zusammenschluss katholischer Militärgeistlicher. Ein weiterer Grund, für die Verharmlosung von PTBS ist das geringe Interesse der Bürger an den Auslands-Einsätzen der Streitkräfte. Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine „Veteranenkultur“. Die Missionen der Streitkräfte werden nur am Rande zur Kenntnis genommen.

Da verwundert es nicht, dass der Öffentlichkeit weitgehend entgangen ist, dass auch ehemalige Soldaten an PTBS erkranken, also lange nach ihrem Einsatz. Für diese ehemaligen Zeit- oder freiwillig länger Wehrdienst leistenden Soldaten fühlt sich die Bundeswehr nämlich nicht zuständig. Für sie gibt es keinen Truppenarzt, kein Kompetenzzentrum, keine finanzielle Versorgung“, bemängelt Heinz Sonnenstrahl, Hauptmann a.D. 2004 hat er den Verein „Skarabäus“ ins Leben gerufen um den ehemaligen Soldaten zur Seite zu stehen. Zwar kann sich ein früherer ,traumatisierter Soldat eine Wehrdienstbeschädigung quer durch die Bundeswehrverwaltung und notfalls über Gerichte erkämpfen. Doch den meisten fehle dazu die Kraft. „Die wollen keine Rente von der Bundeswehr, sondern ad hoc Hilfe für die Psyche und eine Wiedereingliederung in ihre alten Berufe“, stellt Sonnenstrahl fest.

Ein Schritt, der ohne öffentliche Unterstützung kaum zu schaffen ist. Das gilt für ehemalige Soldaten ebenso wie für die aktiven, die noch während ihrer Dienstzeit bei der Bundeswehr an einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkranken.

Wenn die Handys wieder klingeln – Sicherheit für Kundus

      

„Entwarnung? Dafür sei es zu früh“, erklärt Generalmajor Hans-Werner Fritz, Kommandeur des Regionalkommandos Nord in Afghanistan. Und doch deutet manches darauf hin, dass die Anstrengungen der internationalen Truppen, Isaf, und der afghanischen Sicherheitskräfte Früchte tragen. Die Provinz Kundus sei sicherer geworden, versichern die Bewohner. Es scheint, als hätten die Aufständischen in der Stadt und der Region an Einfluss verloren.

Boden gewonnen

Gul Rahim Niazman arbeitet am  Institut für Frieden – und Konfliktforschung. „In den letzten Wochen hat sich die Sicherheitslage in Kundus verbessert“, versichert der Wissenschaftler. Zum Beispiel Gultappa. Das Gebiet war bis vor kurzem eine Hochburg der Aufständischen. Nun offenbar die Wende. „Die nächtlichen Angriffe auf die Aufständischen haben zugenommen", sagt Gul Rahim Niazman."Sie können ihre Stellungen nicht halten." Die Zusammenarbeit zwischen afghanischer Polizei, den Deutschen, den Amerikaner und der Nationalarmee scheint also zumindest in diesem Fall erfolgreich gewesen zu sein.

Nachts telefonieren

Mehr Sicherheit – das spürt auch die Bevölkerung. Allerdings bringt sie das weniger mit militärischen Leistungen, sondern der wieder erworbenen Fähigkeit fernmündlicher Kommunikation in Zusammenhang. Saghar, eine Schülerin aus Kundus, freut sich: „Das Mobilfunknetz war lahmgelegt. Jetzt funktioniert es wieder.“ Erstaunlich viele Bewohner des armen Landes besitzen ein Handy. Doch im Frühjahr 2010 hatten die Taliban Druck auf die afghanischen Mobil-Netz-Anbieter ausgeübt, bis die tatsächlich eine Sperre verhängten. Die Folge: keine nächtlichen Telefonate im Raum Kundus. Mit der „Funkstille“ zwischen 6 bis 6 Uhr ist es vorbei. Mohammed Quadir ist begeistert: „Das zeigt den Erfolg der Regierung. Und den der Sicherheitskräfte. Die Menschen empfinden eine Besserung der Sicherheitslage.“

Hilfe aus der Bevölkerung

Im Frühjahr 2010 hatten die Isaf – Truppen mit ihrer Offensive in der Region begonnen. Viele Afghanen hätten die Soldaten unterstützt und auf Sprengfallen und mögliche Angriffe der Taliban hingewiesen, berichtet Generalmajor Fritz in einem Interview der FAZ. Und ergänzt, dass sich die Bevölkerung nach einem Ende der Gewalt und Sicherheit sehne. Genau darum ist für Mohammed Khan das gute Verhältnis zwischen Bevölkerung und Polizei in Kundus wichtig: „Das sind alles Jungs aus der Nachbarschaft hier in Chardarrah“, erklärt er stolz. „Die Aufständischen sind geflüchtet und hier hat jetzt die Polizei die Kontrolle. Wenn eine Gefahr droht, dann sind sie zur Stelle.“

Ohne Sicherheit kein Aufbau

Zum Beispiel Najibullah aus Chardarrah. Der Polizist lässt keinen Zweifel daran, dass er sich mit Taten und Worten zum Schutz der Bevölkerung eingesetzt. Gemeinsam mit den nationalen und internationalen Sicherheitskräften: „Die ISAF ist da, die afghanische Nationalarmee und dann gibt’s auch die Polizei – also uns. Ich verspreche den Menschen, dass die Taliban in kürzester Zeit  von hier vertrieben werden. Wir lassen es nicht zu, dass die Taliban hier bleiben.“

Neue Offensive?

Die Bevölkerung der Region wird das gern hören. Zur Strategie der Taliban gehört, dass sich niemand sicher fühlen soll. Um dann selbst die  „Beschützerrolle“ zu übernehmen – und sich die Dienste gut bezahlen zu lassen. Oder Gewalt anzuwenden. Gerade darum sehnt sich die Bevölkerung nach einem Ende der Auseinandersetzungen. Was noch dauern kann. Nach Informationen der Leipziger Volkszeitung hat der Kommandeur des Regionalkommandos Nord eine weitere Großoffensive gegen die Taliban im Raum Kundus für Ende Januar angekündigt. Wenige Tage zuvor muss der Bundestag über eine Verlängerung des Afghanistan – Mandates der Bundeswehr entscheiden.

Januar 2011, in geänderter Form gesendet auf Deutsche Welle

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