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Gefühle in Öl – Kabuls erste Kunstschule für Frauen

      

Kinder an Krücken, seelische Verletzungen, Einschusslöcher an Hausfassaden – das Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist ein ganzes Stück entfernt von friedlicher Normalität. Anders das „Center for Contemporary Arts“. Die erste private Kunstakademie der Stadt für Mädchen ist ein Lichtblick. Hier lernen jährlich 60 junge Frauen den Umgang mit Fotoapparat, Videokamera, Pinsel und Farben.

Gleich hinter dem großen Holztor liegt ein Kleinod Kabuls: Die Kunstakademie und ihr grüner Innenhof. Er birgt Überraschungen. Unkundige Besucher stolpern direkt am Eingang. Dort liegt ein Berg aus Schuhpaaren, Teil einer Installation. Fotos, Gemälde, Objekte, verstreut auf dem Rasen, aufgehängt an Mauerwänden. Es gibt im Überfluss, was das hektische, staubige Kabul andernorts kaum bietet: Farben. Freude. Und oft eine Kombination aus beidem.

Verschämt stecken die Schöpferinnen der Kunstwerke die Köpfe zusammen. Aufmerksamkeit von Besuchern ist ungewohnt, höchst selten haben sie in Kabul Gelegenheit ihre Werke öffentlich zu zeigen oder gar in Englisch darüber zu sprechen. Es gibt keine Galerie und selten genug einen Anlass für eine Ausstellung. Doch bei der Frage nach den einheitlichen schwarz-grün-roten Kopftüchern tauen die jungen Frauen auf:

„Fahne? Ach ja,  Flagge heißt das! Das sind die Farben der afghanischen Nationalflagge. Und das sind auch die Farben unseres Schulkopftuchs, des Contemporary Art Centers.“

Mitra ist für die Organisation zuständig. Doch statt über die Kunstakademie will sie zunächst über die gesellschaftliche Situation sprechen:

„Okay – erstmal muss ich was wichtiges sagen: Während dieser 24 Jahre Krieg in Afghanistan hatten wir viele Probleme. Jetzt haben wir zum ersten Mal eine Kunstakademie. Wir sind stolz auf die Mädchen und Frauen und was sie hier machen: Miniaturen, Installationen, Filme und so weiter und so weiter.“

Optisch fällt die 22-jährige – nennen wir sie Aisha –  aus dem Rahmen. Sie trägt ein auffällig gemustertes schwarz-weißes Kopftuch. Es reicht gerade mal bis zum Nacken. Darunter ragt, einem Pferdeschweif nicht unähnlich, ein dicker schwarzer Zopf hervor, baumelt fröhlich über ihrem Hintern. Die subtile Auflehnung gegen islamische Tradition, Konvention und Frauenrollen findet sich auch in ihrem Gemälde:

Dies hier stellt eine Blase oder so was dar. Ein Symbol meiner Wünsche. Und hier sind die Bamian Buddhas. Ich habe das wegen der Talibanzeit gemalt.  Und hoffe, die Leute, die die Stauen zerstört haben werden sterben oder so was. Ich bin stinksauer deswegen. Es spielt keine Rolle, dass wir Muslime sind. Die Statuen gehörten einfach zu unserem kulturellen Erbe und wir hätten sie bewahren sollen. Aber die Taliban haben sie zerstört.“

Auf den ersten Blick wirken die Fotos von Bahira weniger politisch. Sie  ist 18. Ihre schwarz- weißen Aufnahmen von alten und jungen Frauenhänden bei der Hausarbeit spielen auf traditionelle afghanische Frauenrollen an. Respekt, Bewunderung oder Kritik für das, was die Mütter und Großmütter taten und tun? Von allem etwas:

„Das hier sind meine. Wir wollten zeigen, welche Arbeiten Frauen mit ihren Händen verrichten. Sie arbeiten alle zu Hause, sie könnten aber auch draußen sein. Zu Hause machen sie diese wertvolle Arbeit: Sie kochen für die Familie, die Kinder, sie nähen. Aber sie träumen auch vom Leben draußen. Davon, dass sie in Zukunft etwas wichtiges leisten könnten für ihr Land: Als Ärztinnen, als Ingenieurinnen, als berühmte Persönlichkeiten.“

So portraitieren die Schülerinnen der Kunstakademie ihre Träume von einer Zukunft, die  afghanischen Frauen mehr bietet als bisher. Und das gilt insbesondere für sie selbst – die afghanischen Künstlerinnen:

„Wir wünschen uns eine Gallerie. Bald. Ich denke, das wird noch dauern. Aber ich wünsche sie mir bald. Wir brauchen sie einfach.“

September 2010, in geänderter Form gesendet auf NDR Kultur

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