Archiv: Frauen

So geht Frieden – das jüdisch-arabische Projekt „Shared Communities“

      

Gemeinden abseits der großen Metropolen haben nahezu überall auf der Welt die gleichen Probleme: Es fehlen Zufahrtsstraßen, die Anbindung an moderne Kommunikationsnetze, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Einfluss im politischen Spiel der Kräfte. Stattdessen:  Schulden, Abwanderung. Lösungen bietet das Programm „Shared Communities“ einer  israelischen Friedens- und Bildungseinrichtung. Sie heißt „Givat Haviva“ und bringt – ausgerechnet – jüdische und arabische Gemeinden im Kernland von Israel in Kontakt.

Friedensarbeit jenseits medialer Schlagzeilen

Was angesichts der schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten klingt wie Phantasterei ist ein kleines Wunder mit großem „Mehrwert“. Normalerweise sprechen Juden und arabische Israelis, die immerhin 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, wenig bis gar nicht miteinander. Im Projekt „Shared Communities“ kooperieren sie. Und die Besiegelung dieser Kooperation ist häufig der Beginn eines erstaunlichen Annäherungsprozesses auf vielen Ebenen.

Aus „Feind“ wird Experte, dann Partner 

Arbeiten Bürger und Verwaltungen jüdischer und arabischer Gemeinden länger miteinander, dann, so stellen die Mitarbeiter von Givat Haviva fest, beginnen die Feindbilder sich aufzulösen. Gemeindemitarbeiter begreifen sich gegenseitig als „Fachleute“ eines Aufgabengebiets, später sogar als Partner mit gemeinsamen Zielen und nicht mehr als „Jude“ oder „Araber“. Der psychologische Gewinn zieht weitere nach sich.

Von Andersartigkeit lernen 

Für die arabischen Gemeinden ist es ein großer Schritt, ihre Verwaltungen auf höherer Ebene für Frauen zu öffnen, etwas, das im jüdischen Sektor schon lange Normalität ist. Das hat direkte Auswirkungen im sozialen Umfeld, am offensichtlichsten in den Familien. Im jüdischen Sektor verwaltet die städtische Jugendpflege häufig die Jugendarbeit statt sie zu beleben. Hier sind die Araber viel weiter: Deren Sozialarbeiter sind viel mehr „auf der Straße“, können Jugendliche wie Erwachsene viel schneller für Projekte mobilisieren. Die Juden müssen sich das oftmals erst aneignen.

Begegnung bringt Bewegung

„Der Ertrag der Kooperation zeigt sich ganz handfest“, berichtet Torsten Reibold von Givat Haviva Deutschland und nennt konkrete Beispiele:„Die arabische Gemeinde Kfar Kara verzeichnet seit Beginn des Projektes einen steten Anstieg von jüdischen Besuchern, die zum Einkaufen oder Essen kommen. Zuvor haben sich viele Juden aus der Gegend nicht mal getraut, dort einen Reifen zu wechseln. In Pardes Hanna, also auf jüdischer Seite, stieg die Nachfrage nach Arabischkursen rasant.“

Konfliktfähigkeit stärkt die Partnerschaft

Das arabische Baqa El-Gharbiya und die jüdische Gemeinde Menashe wollen nun ein gemeinsames Raumplanungs-Projekt besiegeln, berichtet Reibold. Es soll Streitereien um knappe Gemeindeflächen beilegen, bevor sie entstehen und sich die Beteiligten vor Gericht wieder sehen. Das ist einzigartig für jüdisch-arabische Verhältnisse.  Solche „low-level-Lösungen“ von Konflikten stärken nachweislich die Partnerschaft. Die wiederum den Gemeinsinn wachsen lässt. So möchten sich jetzt mehrere Gemeinden zu einem Abfall- und Abwasserverband zusammentun.  Die Frage, wer jüdisch oder arabisch ist haben sie in diesem Stadium schon fast vergessen.

Effekte und Erkenntnisse für andere Konfliktregionen? 

Könnte das überall so funktionieren? Unabhängig davon, in welchem Land Menschen leben?  Givat Haviva möchte das jetzt zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ausprobieren. Die Stiftung hat Know How in der Zivilen Konfliktbearbeitung auf dem Balkan gesammelt. Vielleicht, so hoffen beide Einrichtungen, könnten manche Effekte von „Shared Communities“ übertragbar sein.

Optimismus mit Vorsicht

Schablonenlösungen wird und kann es sicher niemals geben. Dafür sind Menschen und Kulturräume zu unterschiedlich. Doch wenn erfolgreiche Projekte von Fachleuten angepasst werden auf die jeweilige Region wäre das ein lohnenswertes Modell für zivile Konfliktlösung. Und ein Lichtblick inmitten von Krisen.

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http://www.Givat-Haviva.de

 

Die Eigentum-Frau: Zwangsehen in Deutschland

      

Wer in Deutschland eine Ehe erzwingt macht sich strafbar: Vergewaltigung, Nötigung, Menschenhandel – das sind Straftaten. Zwei Gesetzesinitiativen verfolgen jetzt das Ziel Zwangsehen ausdrücklich in den Strafkatalog aufzunehmen und Täter härter zu bestrafen.

Im Aschenbecher qualmt die fünfte Zigarette. Edda – so möchte die junge Türkin genannt werden, ist hin- und hergerissen. Einerseits will sie reden. Sich rächen, an den Menschen, die ihr das angetan haben. Allerdings bekommt sie kein Wort heraus. Es könnte ihren Ehemann, der nicht weiß, wo sie jetzt lebt, erneut auf sie aufmerksam machen.

Edda ist eine so genannte Importbraut. Mit 16 wurde sie von ihrer Familie in ihrem türkischen Heimatdorf zwangsverheiratet. Die Eltern, grenzenlos naiv, freuen sich, dass die Tochter vermeintlich eine gute Partie machen kann: Ein in Deutschland lebender Türke soll der Tochter alles bieten. Aber Edda hasst ihn von dem Moment, in dem sie ihn zum ersten Mal sieht.

Edda: „Ich war in Türkei und er will mit mir heiraten und er spricht mit meinen Eltern und dann meine Eltern spricht mich: Und natürlich habe ich gesagt, nein will ich nicht heiraten mit dieser Mann aber ist das alles schon fertig, wenn ich sage nein oder ja. Mein Vater war so böse er will mich bringen um, sagt immer so hab ich keine Chance.“

Zwangsehen gibt es nicht nur unter Muslimen. Sie sind weder verknüpft mit einer bestimmten Religion noch mit einer bestimmten Kultur. Eher schon mit der Überzeugung, dass Kinder Besitzstand der Eltern sind – ohne Recht auf eine eigene Meinung. Nicht mal bei der Wahl des Ehepartners. So wie bei Edda. Sie folgt in blindem Gehorsam der väterlichen Autorität. Ein anderer Weg bleibt dem Mädchen nicht, das von klein auf verprügelt wird.
So gesehen ist die Ehe mit dem Türken, dem sie nach Deutschland folgt eine Fortsetzung dessen, was sie ohnehin gewohnt ist. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne jemanden zu kennen ist Edda ihrem Mann und seiner Familie allerdings noch schutzloser ausgeliefert als der eigenen früher. Natürlich erwägt sie, die Polizei zu verständigen:

Edda: „Ja, denke ich so, aber ich habe total Angst mit diesem Mann. Wenn ich hingehen, Polizei, macht er noch Schlimmeres. Er ist Kurde. Meine Nachbarin hat mir geholfen. Sie sieht mich immer…“
Freundin: „Mit blaue Augen.“
Edda:“ Sie hört meine Stimme immer – er schlagt mich, wie aber.
Ganz doll. Er schlagt mich und…
(sagt etwas auf türkisch, dann)
Freundin: „Vor der Haustür hat er sie immer rausgeschmissen.“

Weltweit ist die Mehrheit aller Eheschließungen, rund 60 Prozent, arrangiert, also von den Eltern angebahnt. Vor allen in ländlichen, agrarisch geprägten Regionen ist das noch immer üblich. Nicht üblich allerdings, dass Eltern Zwang ausüben auf die Heiratskandidaten und Gewalt anwenden. Eddas Schicksal ruft bei modernen Türkinnen ebenso viel Protest hervor wie bei deutschen Frauen oder Türkinnen, die in Deutschland geboren und selbstbewusst sind. Wie die 16 jährige Janan:

„Ich würde auf jeden Fall zum Jugendamt gehen, ich würde das niemals zulassen. Ich würde abhauen. Ich würde alles versuchen, zum Staat gehen. Ich meine, in Deutschland kann man überall hingehen und hier wird den Menschen geholfen, wenn sie Probleme haben.“

Edda hilft schließlich eine türkische Nachbarin. Sie fährt sie zum Frauenhaus – das vorläufige Ende ihrer Leiden. Worte für das Grauen findet Edda, wenn überhaupt, nur in ihrer Muttersprache, eine Freundin spricht sie für sie aus:

„Also sie meint, wenn sie den Schritt nicht gemacht hätte, da wegzukommen, da wär sie wahrscheinlich in diesem Moment nicht mehr am Leben gewesen.
Edda: „Ich habe mit meinen Eltern gesprochen: Scheiße, ich will nicht in Deutschland bleiben, wenn ich hierbleibe, er macht mir kaputt, bin ich tot so. Und meine Eltern sagen: nein, du kommst nicht nach Türkei zurück, Muss man da leben.“

Wie viele Zwangsheiraten jährlich in Deutschland geschlossen werden kann niemand sagen, Verlässliche Statistiken gibt es nicht. Von einer Dunkelziffer ist auszugehen, denn wie Edda sind die betroffenen Frauen nur selten bereit, die Täter anzuzeigen. Zu groß die Angst vor Verfolgung.
Statt Gesetze zu verschärfen wäre es zunächst wichtig, Mittel für die Anlaufstellen der Betroffenen, die Frauenhäuser und Beratungsstellen nicht weiter zu kürzen. Denn in diesem geschützten Räumen kommen die Frauen zur Besinnung und entwickeln Perspektiven für eine lebenswertere Zukunft. Die sieht auch Edda für sich:

„Praktikum. Ich will das Praktikum machen als Friseur. Und Gesundheit mit meinen Kindern. Guck ich vorne, nicht hinten, lachen, so weiterleben mit meinen Kindern.“

2006, in geänderter Fassung für „NDR“

Schutz für Saida – im afghanischen Frauenhaus

      

Fälle von Gewalt gegen Frauen in Afghanistan schockieren regelmäßig die Weltöffentlichkeit. Doch es verändert sich etwas, wie das Frauenhaus in Mazar – i – Scharif beweist. Es bietet Opfern familiärer Gewalt Zuflucht und Zeit für einen Neuanfang. Atmo Straßenatmo, langsam runterziehen

Autorin: Ein Grundstück, ein Tor, ein Wachmann. Nichts deutet darauf hin, was sich hinter den Mauern verbirgt: Afghanistans erstes Frauenhaus. Diskretion ist Programm: Man will vermitteln, nicht provozieren. Und den Bewohnerinnen den Schutzraum bieten, den sie so dringend brauchen. Atmo Garten, leise Stimmen

Autorin: Ein Garten, das Haus, ein Treppenaufgang. Von der Präsenz der Bewohnerinnen erzählen ein paar Schuhe an der Tür. Es gibt sorgfältig nebeneinander abgestellte Sandalen. Ebenso wie scheinbar achtlos abgestreifte Plastiklatschen, die kreuz und quer auf den Stufen stehen. Die Vielfalt verrät etwas über ihre Trägerinnen und die Frauen Afghanistans im allgemeinen.  Burka, Kopftuch oder lange Kleider mögen verschleiern und uniformieren. Individualität und Persönlichkeit aber leben darunter weiter. Atmo Ende

Autorin: Gleich hinter der Eingangstür gibt es eine Art Salon. Mit der Sitzgruppe darin dient er offenbar auch als Besucherzimmer. Die Dolmetscherin kommt herein, zusammen  mit einer kaum 1.60 Meter großen Frau. Schwarzes, fließendes Gewand, schwarzes Kopftuch. Die Gestalt schließt die Tür. Das Gesicht abgewandt erinnert sie an einen Schatten. So gleicht sie mancher Frau, die sich durch Afghanistans Städte bewegt. Ein scheinbar geschlechtsloses Wesen. Speziell Frauen ohne Begleitung scheinen mehr zu huschen, als zu gehen. Ein Leben in ständiger Deckung. Sie vermeiden Blickkontakt, ziehen den Rand ihres Kopftuchs über das Gesicht, wenn sie sich beobachtet fühlen. Oder tragen eine Burka, die sie völlig verhüllt. Der Gesichtsschleier mit den kästchenförmigen Gucklöchern scheint die Fertigkeit der Trägerinnen zu perfektionieren, sich unsichtbar zu machen. Im Gegensatz dazu sind die Bewegungen der schwarz gekleideten Gestalt im Frauenhaus ausdrucksvoll, gar ausladend. Als sie sitzt ergänzt ein fester Blick aus forschenden Augen das Bild afghanischer Schattenfrauen um eine neue Facette von Weiblichkeit. Mut, Kraft und Selbstbewusstsein enthüllen sich ganz überraschend und unerwartet an einem Ort, der Opfern vorbehalten ist. Ausgerechnet hier ungebrochener Stolz: Saida erzählt, kräftige Stimme, kurz frei stehen lassen, dann unterziehen.

Autorin: Sie heiße Saida stellt sie sich vor. Ob das ihr wahrer Name ist bleibt ihr Geheimnis. Sicher ist, dass sie zu den Kuchi gehört, einem paschtunischen Nomadenstamm, zu dem in Afghanistan rund 5 Millionen Menschen zählen. Während des Krieges wären sie immer eigene Wege gegangen, heißt es und: Die Kuchi besäßen eine unbändige Freiheitsliebe. Das scheint sich auch in den Genen der weiblichen Stammesangehörigen bemerkbar zu machen. Kräftige Augenbrauen betonen das kantige Gesicht. In den Augen flackert ein unbändiger Blick, unterstrichen von einem Schlangenförmigen Tatoo auf der Nasenwurzel. Zwar liegen die kräftigen Hände beim Sprechen ruhig im Schoß. Doch verraten die Schwielen auf den Handflächen, dass diese Frau zupacken kann. Eine Robustheit, die sich nicht nur körperlich niederschlägt. Vor zwei Jahren haben ihre Eltern einen Heiratskandidaten ausgesucht und den Termin für die Hochzeit festgesetzt. Der Tochter schmeckte das nicht. Mit schier unglaublichem Mut, gemessen an afghanischen Wertmassstäben aber mit Aufsässigkeit und Respektlosigkeit hat sie sich dem Willen der Familienangehörigen widersetzt:

„Ohne mir etwas zu sagen oder mich nach meiner Zustimmung zu fragen hat meine Familie mich verlobt. Mit einem Mann, den ich bis dahin nie gesehen hatte. Darum bin ich weggelaufen aus dem Haus meiner Eltern. Mit einem Mann. Und wir haben geheiratet. Das beweist unsere Heiratsurkunde.“

Autorin: Das amtliche Dokument gibt dem Ehepaar zwar einen gewissen Schutz, weil es die Rechtmäßigkeit der Beziehung belegt. Zudem schreibt die afghanische Verfassung die Gleichberechtigung von Frauen und Männern vor, was Golandams Entscheidung zumindest theoretisch untermauert. Doch im afghanischen Alltag garantiert das keine individuelle, freie Partnerwahl. Zumal die Eltern sie ja vorher mit einem anderen verlobt haben. Dass sie den nicht wollte, zählt nichts. Wie nahezu in zwei Dritteln aller Länder des Erdballs  werden Ehen auch in Afghanistan üblicherweise von den Eltern arrangiert. Zwar berücksichtigen viele mehr oder minder das Votum ihrer Kinder. Doch im Streitfall haben die Stimmen der Heiratskandidaten kaum Gewicht. So erweist sich der Elternwille als wahres Gesetz, zumal der Einfluss der schwachen Staatsorgane häufig schon in der Hauptstadt endet. Bis in die unzugänglichen Bergregionen reicht er so gut wie nie. Dass auf dem Land vier von fünf Frauen weder lesen noch schreiben können, verstärkt ihre Hilflosigkeit. Auch Golandam ist Analphabetin. Der Kuchi und dem Ehemann ihrer Wahl bleibt schließlich nur die Flucht. Sie erweist sich als sinnlos, als das Paar in Kabul von der Polizei aufgegriffen wird:

„Die Polizisten brachten mich und meinen Mann ins Gefängnis. Sie sagten, mein Bruder habe mich angezeigt. Weil ich verlobt war als ich von zu Hause fortlief mit einem anderen Mann. Das verstoße gegen islamisches Recht. Ich hätte die Verlobung lösen müssen, bevor ich einen anderen heirate. Deshalb wurde ich ich für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt.“

Autorin: Danach beginnt erneut der Alptraum für Saida, die nur schätzten kann, dass sie zwischen 20 und 24 Jahre alt ist. Noch immer beharren die Eltern auf einer Heirat mit dem Mann ihrer Wahl. Vor allem ihr Bruder fühlt sich in seiner männlichen Ehre gekränkt, bedroht die Schwester, versucht regionale Gerichte von der Unrechtmäßigkeit der Eheschließung zu überzeugen, angeblich fließen Bestechungsgelder. Golandam bricht daraufhin den Kontakt zu ihren Ehemann zwar nicht ganz ab, zieht jedoch ins Frauenhaus in Mazar. Hinter der unscheinbaren Fassade gibt es bis zu 30 Schlafplätze, eine Ärztin und zwei Sozialarbeiterinnen für die psychosoziale Betreuung. Und als Rechtsberaterin die Anwältin Mariam Masoodi Payman.

„Sobald wir solche Fälle im Frauenhaus haben versuchen wir zunächst mal alles, um zwischen den Familienangehörigen zu vermitteln. Sehr viele Fälle habe ich ohne Gerichte gelöst. Und wenn es so ausgeht, können die Frauen nach Hause, um ein besseres Leben zu haben.“

Autorin: Das Konzept, eine auf Vermittlung basierende Konfliktlösung, sprich: Mediation ist das Resultat einer deutsch – afghanischen Kooperation. Vor drei Jahren haben sich Mitarbeiter des Deutschen Entwicklungsdienstes DED mit dem „Cooperation Center for Afghanistan“, CCA, zusammengetan. Dabei lautet die gemeinsame Philosophie, dass ein Frieden in Afghanistan möglich wird, wenn er in afghanischen Familien beginnt. Darum stehen die Rechte der Frauen im Mittelpunkt – auch für den afghanischen Partner CCA. Die Menschenrechtsorganisation wurde 1990 von afghanischen Intellektuellen während der Schreckensherrschaft der Taliban gegründet. Zuvor hatten die Mitglieder festgestellt, dass sowohl der Krieg als auch die archaischen Traditionen des Landes vor allem die Schwachen auf ein Opferdasein reduziert: Kinder und Frauen. CCA wollte die schrecklichsten Fälle publik machen, erklärt der Direktor, Hamid Safwat:

„Wir hatten jede Menge Bespiele dafür, dass Frauen von ihren Familien im Namen der Traditionen getötet worden waren. War beispielsweise eine Frau vergewaltigt worden, dann wollte die Familie um jeden Preis verhindern, dass das bekannt wurde. Einige haben die Töchter umgebracht, nur damit sie nichts erzählen können. Deswegen haben wir das „Safehouse“ eröffnet. Damit wir solche Frauen unterstützen können.“

Autorin: Zu denen, die Unterstützung benötigen, zählt auch Golandam. Eine Einigung mit ihrer Familie scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Die Rechtsberaterin Mariam Payman erklärt die nächsten Schritte: Gibt es keine Einigung, dann geht der Fall vors Gericht. Die Frauen bekommen einen Rechtsbeistand, der für sie spricht. Denn viele sind Analphabeten, kennen ihre Rechte nicht und wissen nicht, was sie tun sollen, weil sie die prozessualen Abläufe nicht kennen.“

Autorin: Rund 700 Frauen und Familien hat die deutsch -afghanische Mitarbeitercrew über die Jahre in Mazar-i-Scharif beraten, 260 wohnten vorübergehend im Frauenhaus. Gleichzeitig sind im Seminarraum im Keller 120 Afghanen und Afghaninnen in gewaltfreier Konfliktbearbeitung ausgebildet worden. Bei allem Veränderungswillen müssen die Trainer allerdings im Blick behalten, dass Gewalt, auch Mord, in weiten Teil Afghanistans immer noch als Privatangelegenheit gilt. Häufiger als Terrorismus, Taliban oder überkommene Traditionen  bedrohen Naturkatastrophen, Krankheiten, Hunger, Unterernährung die Menschen, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei Anfang 40. Schutz bietet allein die Gemeinschaft.

Und deren Verhaltenskodex formen Männer seit Jahrtausenden. In diesem Gefüge zählen Frauen schlicht zum Besitzstand. Noch immer ist die Müttersterblichkeit erschreckend hoch. Die Zeiten zwischen den Schwangerschaften sind zu kurz. Und vielen Frauen werde der Besuch eines der überfüllten Krankenhäuser von ihren Männern oder Familien verboten, erzählt eine Ärztin aus Mazar-i-Scharif. Ein weiterer Grund sei, dass Mädchen zu jung verheiratet und von ihren Ehemännern zum sexuellen Verkehr gezwungen würden. Sie sterben an den Folgen ihrer biologisch verfrühten Schwangerschaft. Und doch haben sich die Lebensumstände vieler Afghaninnen verbessert, unter anderem mit Hilfe von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit wie dem Frauenhaus.

Mit gut 130.000 Euro finanziert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die laufenden Kosten des Jahres. So werden Gewalttaten an afghanischen Frauen zwar auch in Zukunft nicht komplett zu verhindern sein. Das Umdenken braucht Zeit.  Doch ein Anfang ist gemacht  – offenbar auch bei einigen afghanischen Behördenvertretern. Selbst in Golandams Fall ist die Rechtsberaterin optimistisch. Die ersten beiden Verfahren sind gewonnen, demnächst steht der entscheidende Prozess vor dem obersten Gerichtshof in Kabul an. Das „Safe House“ habe einen guten Namen und bislang fast jeden Fall gewonnen, versichert Mariam Payman. Auch Saida traut sich wieder, von einer besseren Zukunft zu träumen:

„Das schlimmste wäre gewesen, wenn CCA mir nicht geholfen hätten und das Safehouse nicht mein Leben geschützt hätte. Wenn ich nicht hier gewesen wäre hätte mein Bruder mich wohl getötet. Jetzt ist der größte Wunsch den ich habe, dass mein Fall vor Gericht geklärt wird. Dass ich meine Freiheit bekomme und ein unabhängiges Leben führen kann. Zusammen mit meinem Ehemann.“ O-Ton Golandam steht kurz frei, (endet mit einem Lachen)

September 2010, in geänderter Form gesendet auf WDR

Gefühle in Öl – Kabuls erste Kunstschule für Frauen

      

Kinder an Krücken, seelische Verletzungen, Einschusslöcher an Hausfassaden – das Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist ein ganzes Stück entfernt von friedlicher Normalität. Anders das „Center for Contemporary Arts“. Die erste private Kunstakademie der Stadt für Mädchen ist ein Lichtblick. Hier lernen jährlich 60 junge Frauen den Umgang mit Fotoapparat, Videokamera, Pinsel und Farben.

Gleich hinter dem großen Holztor liegt ein Kleinod Kabuls: Die Kunstakademie und ihr grüner Innenhof. Er birgt Überraschungen. Unkundige Besucher stolpern direkt am Eingang. Dort liegt ein Berg aus Schuhpaaren, Teil einer Installation. Fotos, Gemälde, Objekte, verstreut auf dem Rasen, aufgehängt an Mauerwänden. Es gibt im Überfluss, was das hektische, staubige Kabul andernorts kaum bietet: Farben. Freude. Und oft eine Kombination aus beidem.

Verschämt stecken die Schöpferinnen der Kunstwerke die Köpfe zusammen. Aufmerksamkeit von Besuchern ist ungewohnt, höchst selten haben sie in Kabul Gelegenheit ihre Werke öffentlich zu zeigen oder gar in Englisch darüber zu sprechen. Es gibt keine Galerie und selten genug einen Anlass für eine Ausstellung. Doch bei der Frage nach den einheitlichen schwarz-grün-roten Kopftüchern tauen die jungen Frauen auf:

„Fahne? Ach ja,  Flagge heißt das! Das sind die Farben der afghanischen Nationalflagge. Und das sind auch die Farben unseres Schulkopftuchs, des Contemporary Art Centers.“

Mitra ist für die Organisation zuständig. Doch statt über die Kunstakademie will sie zunächst über die gesellschaftliche Situation sprechen:

„Okay – erstmal muss ich was wichtiges sagen: Während dieser 24 Jahre Krieg in Afghanistan hatten wir viele Probleme. Jetzt haben wir zum ersten Mal eine Kunstakademie. Wir sind stolz auf die Mädchen und Frauen und was sie hier machen: Miniaturen, Installationen, Filme und so weiter und so weiter.“

Optisch fällt die 22-jährige – nennen wir sie Aisha –  aus dem Rahmen. Sie trägt ein auffällig gemustertes schwarz-weißes Kopftuch. Es reicht gerade mal bis zum Nacken. Darunter ragt, einem Pferdeschweif nicht unähnlich, ein dicker schwarzer Zopf hervor, baumelt fröhlich über ihrem Hintern. Die subtile Auflehnung gegen islamische Tradition, Konvention und Frauenrollen findet sich auch in ihrem Gemälde:

Dies hier stellt eine Blase oder so was dar. Ein Symbol meiner Wünsche. Und hier sind die Bamian Buddhas. Ich habe das wegen der Talibanzeit gemalt.  Und hoffe, die Leute, die die Stauen zerstört haben werden sterben oder so was. Ich bin stinksauer deswegen. Es spielt keine Rolle, dass wir Muslime sind. Die Statuen gehörten einfach zu unserem kulturellen Erbe und wir hätten sie bewahren sollen. Aber die Taliban haben sie zerstört.“

Auf den ersten Blick wirken die Fotos von Bahira weniger politisch. Sie  ist 18. Ihre schwarz- weißen Aufnahmen von alten und jungen Frauenhänden bei der Hausarbeit spielen auf traditionelle afghanische Frauenrollen an. Respekt, Bewunderung oder Kritik für das, was die Mütter und Großmütter taten und tun? Von allem etwas:

„Das hier sind meine. Wir wollten zeigen, welche Arbeiten Frauen mit ihren Händen verrichten. Sie arbeiten alle zu Hause, sie könnten aber auch draußen sein. Zu Hause machen sie diese wertvolle Arbeit: Sie kochen für die Familie, die Kinder, sie nähen. Aber sie träumen auch vom Leben draußen. Davon, dass sie in Zukunft etwas wichtiges leisten könnten für ihr Land: Als Ärztinnen, als Ingenieurinnen, als berühmte Persönlichkeiten.“

So portraitieren die Schülerinnen der Kunstakademie ihre Träume von einer Zukunft, die  afghanischen Frauen mehr bietet als bisher. Und das gilt insbesondere für sie selbst – die afghanischen Künstlerinnen:

„Wir wünschen uns eine Gallerie. Bald. Ich denke, das wird noch dauern. Aber ich wünsche sie mir bald. Wir brauchen sie einfach.“

September 2010, in geänderter Form gesendet auf NDR Kultur

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