So geht Frieden – das jüdisch-arabische Projekt „Shared Communities“

Gemeinden abseits der großen Metropolen haben nahezu überall auf der Welt die gleichen Probleme: Es fehlen Zufahrtsstraßen, die Anbindung an moderne Kommunikationsnetze, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Einfluss im politischen Spiel der Kräfte. Stattdessen:  Schulden, Abwanderung. Lösungen bietet das Programm „Shared Communities“ einer  israelischen Friedens- und Bildungseinrichtung. Sie heißt „Givat Haviva“ und bringt – ausgerechnet – jüdische und arabische Gemeinden im Kernland von Israel in Kontakt.

Friedensarbeit jenseits medialer Schlagzeilen

Was angesichts der schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten klingt wie Phantasterei ist ein kleines Wunder mit großem „Mehrwert“. Normalerweise sprechen Juden und arabische Israelis, die immerhin 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, wenig bis gar nicht miteinander. Im Projekt „Shared Communities“ kooperieren sie. Und die Besiegelung dieser Kooperation ist häufig der Beginn eines erstaunlichen Annäherungsprozesses auf vielen Ebenen.

Aus „Feind“ wird Experte, dann Partner 

Arbeiten Bürger und Verwaltungen jüdischer und arabischer Gemeinden länger miteinander, dann, so stellen die Mitarbeiter von Givat Haviva fest, beginnen die Feindbilder sich aufzulösen. Gemeindemitarbeiter begreifen sich gegenseitig als „Fachleute“ eines Aufgabengebiets, später sogar als Partner mit gemeinsamen Zielen und nicht mehr als „Jude“ oder „Araber“. Der psychologische Gewinn zieht weitere nach sich.

Von Andersartigkeit lernen 

Für die arabischen Gemeinden ist es ein großer Schritt, ihre Verwaltungen auf höherer Ebene für Frauen zu öffnen, etwas, das im jüdischen Sektor schon lange Normalität ist. Das hat direkte Auswirkungen im sozialen Umfeld, am offensichtlichsten in den Familien. Im jüdischen Sektor verwaltet die städtische Jugendpflege häufig die Jugendarbeit statt sie zu beleben. Hier sind die Araber viel weiter: Deren Sozialarbeiter sind viel mehr „auf der Straße“, können Jugendliche wie Erwachsene viel schneller für Projekte mobilisieren. Die Juden müssen sich das oftmals erst aneignen.

Begegnung bringt Bewegung

„Der Ertrag der Kooperation zeigt sich ganz handfest“, berichtet Torsten Reibold von Givat Haviva Deutschland und nennt konkrete Beispiele:„Die arabische Gemeinde Kfar Kara verzeichnet seit Beginn des Projektes einen steten Anstieg von jüdischen Besuchern, die zum Einkaufen oder Essen kommen. Zuvor haben sich viele Juden aus der Gegend nicht mal getraut, dort einen Reifen zu wechseln. In Pardes Hanna, also auf jüdischer Seite, stieg die Nachfrage nach Arabischkursen rasant.“

Konfliktfähigkeit stärkt die Partnerschaft

Das arabische Baqa El-Gharbiya und die jüdische Gemeinde Menashe wollen nun ein gemeinsames Raumplanungs-Projekt besiegeln, berichtet Reibold. Es soll Streitereien um knappe Gemeindeflächen beilegen, bevor sie entstehen und sich die Beteiligten vor Gericht wieder sehen. Das ist einzigartig für jüdisch-arabische Verhältnisse.  Solche „low-level-Lösungen“ von Konflikten stärken nachweislich die Partnerschaft. Die wiederum den Gemeinsinn wachsen lässt. So möchten sich jetzt mehrere Gemeinden zu einem Abfall- und Abwasserverband zusammentun.  Die Frage, wer jüdisch oder arabisch ist haben sie in diesem Stadium schon fast vergessen.

Effekte und Erkenntnisse für andere Konfliktregionen? 

Könnte das überall so funktionieren? Unabhängig davon, in welchem Land Menschen leben?  Givat Haviva möchte das jetzt zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ausprobieren. Die Stiftung hat Know How in der Zivilen Konfliktbearbeitung auf dem Balkan gesammelt. Vielleicht, so hoffen beide Einrichtungen, könnten manche Effekte von „Shared Communities“ übertragbar sein.

Optimismus mit Vorsicht

Schablonenlösungen wird und kann es sicher niemals geben. Dafür sind Menschen und Kulturräume zu unterschiedlich. Doch wenn erfolgreiche Projekte von Fachleuten angepasst werden auf die jeweilige Region wäre das ein lohnenswertes Modell für zivile Konfliktlösung. Und ein Lichtblick inmitten von Krisen.

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http://www.Givat-Haviva.de

 

Verdrängte Nachbarn, enteignete Erinnerungen

Die israelische Historikerin Yfaat Weiss bekommt im Dezember den Hanna – Arendt – Preis für politisches Denken 2012 verliehen. In Hamburg hat sie jetzt ihr Buch vorgestellt: „Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung“.

Yfaat Weiss 

(über ihre Motivation, das Buch „Verdrängte Nachbarn“ zu schreiben)

 

Schon der Titel von Yfaat Weiss‘ Buch ist mehrdimensional. Verdrängung – zunächst als real räumlicher Prozess. In Wadi Salib, einem Stadtviertel der israelischen Stadt Haifa, setzt er 1948 zur Staatsgründung Israels ein. In den Kriegswirren verließen viele Palästinenser ihre Häuser in der Stadt, in der bis dahin Juden und Araber gelebt hatten – gemeinsam und doch getrennt. Jeder in seinem Teil. Viele Palästinenser trieb schlicht die Angst vor Gewalt ihre Häuser zu verlassen. Einige wurden gezwungen.

Doch mit der Vertreibung der palästinensischen Bewohner kommt Wadi Salib nicht zur Ruhe. 1959 rebellieren die neuen Bewohner, überwiegend Misrachi, bitterarme marokkanische Einwanderer jüdischen Glaubens gegen Benachteiligung. Das Viertel wird geräumt, ein zweites Mal innerhalb von gut 10 Jahren. Bis heute stehen in Wadi Salib leere Häuser, Ruinen – ein unfreiwilliges Denkmal der beiden Verdrängungsprozesse, die Weiss in ihrem Buch beschreibt.

Beabsichtigt oder nicht: Es ist das Verdienst von Yfaat Weiss, dass ihr Buch auch die zweite Dimension von  „Verdrängung“ sichtbar macht. Die psychologische.Diesen Mechanismus, der furchtbare oder unliebsame Geschehnisse in das „Hinterstübchen des Gehirns“ zu verbannen sucht. Und von dort, aus dem Schatten des kollektiven Bewusstseins und der israelischen Geschichtsschreibung, holt Weiss sie hervor.

Ihre Forschungsergebnisse präsentiert sie dazu überaus kreativ. Das Buch beginnt 1959 mit einer Kneipenschlägerei, die in sozialen Unruhen enden. Doch statt die Geschehnisse chronologisch aufzuarbeiten springt die Professorin für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem zeitlich vor und zurück, umkreist ihr Forschungobjekt, das Stadtviertel, schreibt zyklisch, assoziativ, perspektivisch. Und verweigert sich ganz nebenbei auch einer Interpretation, die Wadi Salibs Nachkriegs- und Stadtentwicklungsgeschichte wohlmöglich als „zivilisatorischen Zugewinn“ stilisiert. Von den Arabern zu den palästinensischen Israelis zu den arabischstämmigen Juden zu…. den Ruinen eben.

Wer das Buch liest, der ahnt, wie komplex der hierzulande oft missverstandene Nahost-Konflikt ist. Beim Leben von „Verdrängte Nachbarn“ kann man ihn besichtigen – im Maßstab „Mikrokosmos“ gewissermaßen.

Und ahnt, warum die Bewohner des Staates Israel bis heute um ein gemeinsames Selbstverständnis ringen. In einem Land, das auf der Idee einer gemeinsamen Religion gegründet muss der „common ground“ der Staatsbürgerschaft erst gefunden werden. Das gilt für die gut 20 Prozent der arabischen Israelis ebenso wie für die  Einwanderer jüdischen Glaubens aus rund 120 Nationen. Dass es keinen anderen Weg gibt daran erinnern die Ruinen von Wadi Salib. Und das Buch von Yfaat Weiss.

YFAAT WEISS: VERDÄNGTE NACHBARN, 286Seiten, 25,00 Euro, Hamburger Edition 2012

 

Psyche und Politik – über Dan Bar On

Am 4. September 2008 starb der israelische Psychologe Dan Bar On in Tel Aviv. Weil die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden des Konflikt- und Friedensforschers bis heute ein Schlüssel sein können im Zusammenhang von persönlicher (nationaler?) Identität und sozialpsychologischen und politischen Entwicklungen einer Gesellschaft habe ich den „alten“ Text auf meine Website gestellt:

Dan Bar On ist für manch einen pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art Ikone: Er bringt Menschen ins Gespräch, die Gegner oder gar Feinde sind. Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“. Gestern war der Israeli im Literaturhaus in Hamburg zu Gast. Ute Hempelmann hat zugehört, was dieses „Erzähl Dein Leben“ für Dan Bar-On bedeutet:

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. „So wurde ich Psychologe“, erzählt er seinem Publikum. Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert.

Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen:

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt. „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: „Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt er die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992, beiden Gruppen eine Begegnung vor – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Kinder von Opfern:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor, ein Projekt in Israel, in dem jüdische und palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdischen Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet für ihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt, dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und Lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Hamburger Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

(Frau 1)Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich.

(Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in der Zeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aber irgendwie auch sehr fremd und anders.“

NDR Kultur, 2006

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)