Archiv: Interkulturelle Kompetenz

So geht Frieden – das jüdisch-arabische Projekt „Shared Communities“

      

Gemeinden abseits der großen Metropolen haben nahezu überall auf der Welt die gleichen Probleme: Es fehlen Zufahrtsstraßen, die Anbindung an moderne Kommunikationsnetze, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Einfluss im politischen Spiel der Kräfte. Stattdessen:  Schulden, Abwanderung. Lösungen bietet das Programm „Shared Communities“ einer  israelischen Friedens- und Bildungseinrichtung. Sie heißt „Givat Haviva“ und bringt – ausgerechnet – jüdische und arabische Gemeinden im Kernland von Israel in Kontakt.

Friedensarbeit jenseits medialer Schlagzeilen

Was angesichts der schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten klingt wie Phantasterei ist ein kleines Wunder mit großem „Mehrwert“. Normalerweise sprechen Juden und arabische Israelis, die immerhin 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, wenig bis gar nicht miteinander. Im Projekt „Shared Communities“ kooperieren sie. Und die Besiegelung dieser Kooperation ist häufig der Beginn eines erstaunlichen Annäherungsprozesses auf vielen Ebenen.

Aus „Feind“ wird Experte, dann Partner 

Arbeiten Bürger und Verwaltungen jüdischer und arabischer Gemeinden länger miteinander, dann, so stellen die Mitarbeiter von Givat Haviva fest, beginnen die Feindbilder sich aufzulösen. Gemeindemitarbeiter begreifen sich gegenseitig als „Fachleute“ eines Aufgabengebiets, später sogar als Partner mit gemeinsamen Zielen und nicht mehr als „Jude“ oder „Araber“. Der psychologische Gewinn zieht weitere nach sich.

Von Andersartigkeit lernen 

Für die arabischen Gemeinden ist es ein großer Schritt, ihre Verwaltungen auf höherer Ebene für Frauen zu öffnen, etwas, das im jüdischen Sektor schon lange Normalität ist. Das hat direkte Auswirkungen im sozialen Umfeld, am offensichtlichsten in den Familien. Im jüdischen Sektor verwaltet die städtische Jugendpflege häufig die Jugendarbeit statt sie zu beleben. Hier sind die Araber viel weiter: Deren Sozialarbeiter sind viel mehr „auf der Straße“, können Jugendliche wie Erwachsene viel schneller für Projekte mobilisieren. Die Juden müssen sich das oftmals erst aneignen.

Begegnung bringt Bewegung

„Der Ertrag der Kooperation zeigt sich ganz handfest“, berichtet Torsten Reibold von Givat Haviva Deutschland und nennt konkrete Beispiele:„Die arabische Gemeinde Kfar Kara verzeichnet seit Beginn des Projektes einen steten Anstieg von jüdischen Besuchern, die zum Einkaufen oder Essen kommen. Zuvor haben sich viele Juden aus der Gegend nicht mal getraut, dort einen Reifen zu wechseln. In Pardes Hanna, also auf jüdischer Seite, stieg die Nachfrage nach Arabischkursen rasant.“

Konfliktfähigkeit stärkt die Partnerschaft

Das arabische Baqa El-Gharbiya und die jüdische Gemeinde Menashe wollen nun ein gemeinsames Raumplanungs-Projekt besiegeln, berichtet Reibold. Es soll Streitereien um knappe Gemeindeflächen beilegen, bevor sie entstehen und sich die Beteiligten vor Gericht wieder sehen. Das ist einzigartig für jüdisch-arabische Verhältnisse.  Solche „low-level-Lösungen“ von Konflikten stärken nachweislich die Partnerschaft. Die wiederum den Gemeinsinn wachsen lässt. So möchten sich jetzt mehrere Gemeinden zu einem Abfall- und Abwasserverband zusammentun.  Die Frage, wer jüdisch oder arabisch ist haben sie in diesem Stadium schon fast vergessen.

Effekte und Erkenntnisse für andere Konfliktregionen? 

Könnte das überall so funktionieren? Unabhängig davon, in welchem Land Menschen leben?  Givat Haviva möchte das jetzt zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ausprobieren. Die Stiftung hat Know How in der Zivilen Konfliktbearbeitung auf dem Balkan gesammelt. Vielleicht, so hoffen beide Einrichtungen, könnten manche Effekte von „Shared Communities“ übertragbar sein.

Optimismus mit Vorsicht

Schablonenlösungen wird und kann es sicher niemals geben. Dafür sind Menschen und Kulturräume zu unterschiedlich. Doch wenn erfolgreiche Projekte von Fachleuten angepasst werden auf die jeweilige Region wäre das ein lohnenswertes Modell für zivile Konfliktlösung. Und ein Lichtblick inmitten von Krisen.

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http://www.Givat-Haviva.de

 

Psyche und Politik – über Dan Bar On

      

Am 4. September 2008 starb der israelische Psychologe Dan Bar On in Tel Aviv. Weil die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden des Konflikt- und Friedensforschers bis heute ein Schlüssel sein können im Zusammenhang von persönlicher (nationaler?) Identität und sozialpsychologischen und politischen Entwicklungen einer Gesellschaft habe ich den „alten“ Text auf meine Website gestellt:

Dan Bar On ist für manch einen pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art Ikone: Er bringt Menschen ins Gespräch, die Gegner oder gar Feinde sind. Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“. Gestern war der Israeli im Literaturhaus in Hamburg zu Gast. Ute Hempelmann hat zugehört, was dieses „Erzähl Dein Leben“ für Dan Bar-On bedeutet:

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. „So wurde ich Psychologe“, erzählt er seinem Publikum. Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert.

Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen:

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt. „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: „Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt er die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992, beiden Gruppen eine Begegnung vor – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Kinder von Opfern:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor, ein Projekt in Israel, in dem jüdische und palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdischen Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet für ihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt, dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und Lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Hamburger Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

(Frau 1)Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich.

(Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in der Zeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aber irgendwie auch sehr fremd und anders.“

NDR Kultur, 2006

Meinung: Was „Toulouse“ uns lehrt

      

Warum die genaue Ursachenforschung bei Gewalttaten  wichtg ist

Der Täter sieht aus wie viele dieser Großstadtjugendlichen. Ein „Schwarzkopf“ mit Kurzhaarschnitt und einem drahtigen Körper, der ihn irgendwie „verhungert“ aussehen und bedeutend jünger erscheinen lässt, als er ist. Die Gesten konterkarieren das: protzig, mehr „Schein als Sein“, irgendwie auf „dicke Hose“ machen.

Dann kommen die Tage im März 2012, an denen Mohammed M., ein 23 jähriger Franzose algerischer Herkunft, Schlagzeilen machen wird. Er steigt auf seinen Roller, mäht sieben Menschen nieder – französische Soldaten, Kinder und den Lehrer einer jüdischen Schule. Und zum Schluss liefert er sich stundenlange Schießereien mit der französischen Polizei. Einfach unbegreiflich.

Er habe sich rächen wollen für Frankreichs Einsatz in Afghanistan, stehe mit Al Qaida im Bund, sei erbost über den Umgang der Juden mit den Palästinensern, wurde in einem pakistanischen Terrorcamp trainiert, will eine französische Zeitung erfahren haben. Ein Täter mit politischen Hintergrund? Immerhin. Solange es „Begründungen“ gibt, seien sie auch noch so fadenscheinig, dann könnte, sollte der französischen Staatschutz zuständig sein, denn dafür sind Geheimdienste da.

Nach Darstellung seines Anwalts war Mohammed M. dagegen kein „Politischer“. Vielmehr ein vereinsamter Jugendlicher ohne jegliche politische Kontakte. Ist diese Darstellung korrekt, dann hätten die Allmachtsphantasien eines Narzissten sieben Menschenleben gekostet. Ohne gezielte Motivation.

Bei der Verhinderung dieser Art von Straftaten ist der Staat machtlos. Nur die Gesellschaft mit ihren sozialen Kontrollsystemen hätte – vielleicht – etwas bemerken können. Der Staat sollte, muss sich tunlichst da raushalten. Auch um sich dauerhaft nicht selbst zu beschädigen. Siehe Frankreich.

Posthum wird der 23jährige Täter von Toulouse zum „Sicherheitsrisiko“ erklärt. Die Grand Nation streitet mit Algerien, wer die sterblichen Überreste beisetzen muss. Beide Länder fürchten, dass die Grabstätte ein Wallfahrtsort für Islamisten werden könnte. Ist Mohammed M. wirklich „nur“ ein verwirrter Einzeltäter gewesen, dann wird er mit der Diskussion zur „Staatsaffaire“ aufgewertet. Was wiederum andere geltungssüchtige Psychopaten einladen könnte, es Mohammed M. gleichzutun. Genau so ticken Narzissten nämlich.

Deren „Entlarvung“ wiederum kann, darf keine staatliche Angelegenheit werden. Es sei denn, die Bürger sind bereit, für den Preis eines vorgegaukelten „Staats-Schutzes“ die Überwachung jedes Lebensbereichs in Kauf zu nehmen. In der Praxis hieße das: Verfassungsschützer rein in die Kneipen, in die Cafes, in die Schulen, damit der Rest der Gesellschaft sorgenlos bleibt.

Die Alternative dazu ist eben keine Bürgerwehr, aber eine wehrhafte Gesellschaft, die wieder einen Instinkt entwickelt für „Unregelmäßigkeiten“ beim Nachbarn und Nebenmann. Diese Unregelmäßigkeiten heißen ganz lapidar Verzweiflung, Isolation oder Realitätsverlust. Mit anderen Worten: Bemitleidenswerte Seelenzustände, die sich nichts destotrotz eben auch in Mord und Totschlag entladen. Vorzugsweise bei jungen, durchs Internet radikalisierten Männern, wie der Verfassungsschutz das nennt.

Dass man für diese Personengruppe die Eltern schlecht als „Aufpasser“ in die Pflicht nehmen kann müsste jedem Sicherheitsexperten klar sein. Diese Heranwachsenden sind isoliert und werden zu Tätern, obwohl sie mit ihren „Erziehungsberechtigten“ zusammen wohnen.

Wer also soll es richten? Lehrer? Vielleicht. Aber nur, wenn dieser ohnehin strapazierten Personengruppe deutlich wahrnehmbare ideelle, personelle und finanzielle Unterstützung gewährt wird. Dazu Jugendzentren. Vereinen – jedem, der irgendwie die Chance haben könnte, einen dieser Fehlgeleiteten zu erkennen und zu erreichen.

Ich höre schon die Einwände. Der „Leistungsnachweis“ solcher Projekte sei nicht erbracht. Es gäbe keine Evaluation, die den Zusammenhang von – sagen wir – Straßenfußball – Projekten und Terrorismusbekämpfung belegen könne.

Stimmt. Wird es auch nie geben. Aber die Aussicht, möglicherweise ein paar Tausend Euro für ein Jugendprojekt in den Sand zu setzen, das möglicherweise keinen Psychopathen von seinem Amoklauf abhält, aber dann doch zumindest andere Jugendliche für eine Weile glücklich macht, scheint mir erträglicher als die gesellschaftliche Omnipräsenz von „Schlapphüten“, die mich vor Psychopaten auch nicht schützen können.

Vielfalt im Lehrerzimmer

      

Gerade mal 1 – 2 % aller Lehrer in Deutschland haben einen so genannten Migrationshintergrund. Das ist wenig – verglichen mit den Schülern. Jetzt hat die gemeinnützige Hertie Stiftung ein Förderprogramm für angehende Lehrer mit Migrationshintergrund gestartet. Ab 2010 dem kommenden Jahr in vier Bundesländern (Berlin, Hessen, Hamburg und ab 2010 NRW) werden Studenten, Referendare sowie Doktoranwärter gefördert.

Atmo 1 Gespräche, lachen, darauf

Im Seminarraum einer schmucken Hamburger Villa mit Blick auf die Elbe sitzen 10 Stipendiaten in einem Stuhlkreis. Vor ihnen auf dem Fußboden liegen an die 50 Postkarten mit unterschiedlichsten Motiven. Jeder Anwesende soll eine passende finden und sich damit den anderen vorstellen:

Mein Name ist Behnam Saliminia. Falls Sie sich wundern: Das ist ein persischer Name. Das „H“ wird auch ausgesprochen. Nur als „H“ nicht als „Che“, also nicht Bechnam… lachen

Auch die anderen kennen das Wirrwarr mit Namen und deren Aussprache. Sie heißen Maryam oder Laya, Thomas oder Zohal. Sie oder ihre Eltern kommen aus Peru, Ghana oder Afghanistan, aus Polen oder Kroatien. In ihrem noch jungen Leben haben sie schon einiges geleistet: Alle hatten keinen leichten Start in Deutschland, mussten zum Teil gegen Vorurteile, Sprachschwierigkeiten oder Selbstzweifel kämpfen. Alle haben trotzdem ihr Abi geschafft, oft mit hervorragenden Leistungen. Alle sind an der Uni, alle wollen Lehrer werden. Der 25 jährige Behnam studiert Deutsch und Sozialwissenschaften für Gymnasien:

…Und ich hab die Postkarte ausgewählt: Kann man im Weltraum rülpsen? (lachen) Antworten gibt es, wenn man ne SMS schickt. Warum habe ich das ausgewählt? Ich hoffe, dass das Gespräch mit den anderen halt nicht darauf hinaus läuft dass wir uns so Standardfragen stellen und dass vielleicht auch immer ein bisschen Spaß dabei ist.

Der Spaß ist fast garantiert. Denn das Stipendium ist für die jungen Leute, die nicht aus reichen Familien kommen, ein Segen. Zwischen 600 und 2000 Euro monatlich bekommen die zwischen 20 und 30jährigen von der Stiftung, um sich ganz auf das Studium konzentrieren zu können. Die Seminare sind dabei zusätzlich eine emotionale und seelische Hilfe. Vielleicht um gemeinsam neue Arbeitstechniken und Methoden kennen zu lernen. Oder die eigenen Stärken und Schwächen. Vor allem aber sollen die Stipendiaten sich persönliche Ziele setzen. Seminarleiterin Anna von Klencke von der Hertiestiftung formuliert es so:

Das Zielfindungsseminar heute soll ihnen helfen Ihre Fortbildungspotentiale zu erkennen. Die Fortbildungsschwerpunkte, die sie sich setzen, sollen selbstverständlich relevant für ihren späteren Beruf sein, das heißt das, was sie sich hier vornehmen, davon sollen sie dann später in der Schule auch profitieren können.

Mehrere in der Runde profitieren davon schon heute. Fast alle studieren nicht nur, sondern engagieren sich auch in ihrer Freizeit in der Bildung. Zum Beispiel Gloria Boateng. Die zierliche, gebürtige Ghanaerin kam als 10jährige nach Deutschland und wuchs bei Pfelegeeltern auf. Heute schreibt sie ihre Doktorarbeit:

Zum einen promoviere ich zum anderen bin ich gleichzeitig Tutorin für die Stipendiaten. Quasi Mittler zwischen der Stiftung und den Stipendiaten. Wir haben regelmäßig Austausch beim so genannten Jour fix, wo es eben darum geht, Erfahrungen auszutauschen, Input zu geben und zu gucken, wie entwickeln sich die Studenten und die Stipendiaten auf ihrem Weg. Ich bin da um zu betreuen, zu beraten.

Zu Behnam Saliminia hat Gloria ein besondereres Verhältnis. Den hat sie schon vor dem Stipendium kennen gelernt, an der Uni. Kurze Zeit später haben beide den Verein „Schlaufox“ gegründet. Die Mitarbeiter unterstützen Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Schulabschluss. Büffelt Behnam nicht gerade an der Uni, dann betreut er für „Schlaufox“ Schüler, die mit dem Lernen mehr Mühe haben als er. Gloria koordiniert die Arbeit. Und doch wissen nicht alle diese Unterstützung zu schätzen. Immer wieder fehlen Kinder bei den Nachhilfestunden:

Lass und mal ganz kurz besprechen wie der Stand der Dinge ist: Wir hatten ja die letzten Male die Schwierigkeit mit den Fehlzeiten. Das müssen wir angehen. Wir haben bald ‚ne Sitzung mit der Schule, mit dem Schulleiter. (Behnam) Ja, ich hab letzte Woche ja die Eltern der Schüler angerufen, die nicht anwesend waren, da hab ich erfahren, dass zwei Schüler wirklich krank waren wegen der Grippewelle, dass eine Schülerin an dem Tag angeblich anwesend war, also sie hat ihrer Mutter gesagt, dass sie anwesend war, aber wohl geschwänzt hat und bei der vierten Person – da wusste die Mutter einfach nix davon, dass der Schüler nicht da war.

Damit die Kinder ihren Abschluss schaffen, müssen Betreuer und Schulen, Lehrer sowie die Eltern an einem Strang ziehen. Dass dabei auch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund gebraucht werden, wird von kaum einem Experten bestritten.

Gloria schreibt ihre Doktorarbeit über den Schulunterricht in kulturell bunt gemischten Klassen. Studien belegen, dass hier Lehrer mit Migrationshintergrund besonders erfolgreich sind:

Vielleicht trauen Lehrer oder Menschen mit Migrationshintergrund diesen Kindern mehr zu. Das ist das eine. Das andere ist, dass die natürlich irgendwo auch Vorbilder sind. Dass sie selber in der Rolle anders unterstützen können als deutsche Lehrer und deshalb die Kinder anders fördern können, noch mal alles aus ihnen raus kitzeln können.

Damit kann Behnam bald im Unterricht beginnen. Motiviert ist er:

Ich werde im 6. Semester, also im nächsten Semester ein Schulpraktikum haben über sechs Wochen. Und da werde ich meine praktische Erfahrung noch ein bisschen ausweiten können. Ich freu mich auf jeden Fall darauf. Ich freu mich sowieso immer mit Jugendlichen zu arbeiten. Ich glaub das wird ne sehr gute Zeit.

2009, in geänderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Für Jugendliche ohne Schulabschluss zahlen alle

      

Jugendliche ohne Schulabschluss bekommen selten einen Ausbildungsplatz. Besonders Ausländer, aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und deutsche aus so genannten „bildungsfernen Familien“ gelten dann als „schwer vermittelbar“. Doch das Abschieben aufs soziale Abstellgleis verursacht Kosten.

Ahmad Aman ist ein quirliger 26 jähriger, der vor wacher Intelligenz nur so übersprudelt. Vor 18 Jahren ist er mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen. Er kam ohne Deutschkenntnisse in die vierte Klasse einer Grundschule. Mit 78 Fehlern war das erste Diktat ein Fiasko, aber:

„Ich war sehr glücklich weil ein damaliger Schüler 2 Fehler mehr hatte und das war schon (er lacht) gut für mich, also ich wurde dann nicht so ganz gedemütigt. Ich hatte dann die Empfehlung auf die Hauptschule zu gehen aber meine Eltern haben sich dagegen geweigert und dann habe ich freiwillig die vierte Klasse wiederholtso dass ich dann auf die Realschule gehen konnte.“

Mitterweile hat Ahmad studiert und arbeitet beim IMBSE in Moers, einem Bildungsträger, der benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ohne Schulabschluss qualifiziert, damit sie einen Ausbildungsplatz bekommen. Ahmad möchte ihnen Vorbild sein. Er vermittelt Fachwissen, aber auch auch die so genannten soft skills. Hände aus den Taschen, Handy aus. Nicht zu vergessen: ein bisschen Optimismus. Die Botschaft ist klar: „Was ich geschafft habe könnt ihr auch“:

„Meine Aufgabe besteht auch in erster Linie darin, die Jungs dahin zu begleiten dass sie auch mit einem gestärkten Selbstwertgefühl und selbstbewusst in die Arbeitswelt hineingehen und sich auch nicht immer als Außenseiter sehen und sich nicht damit abfinden müssen Ausländer oder so genannte Ausländer zu sein – weil sie Chancen haben und auch das Potential haben.“

Kein Schulabschluss, keine Chance, kein Selbstwertgefühl – dieser Teufelskreis ergreift jugendliche Ausländer, Migranten und Deutsche aus so genannten bildungsfernen Familien gleichermaßen. Dabei ist psychologisch und gesellschaftlich jeder dieser Jugendlichen eine verschleuderte Chance. Gleiches betrifft die Wirtschaftlichkeit: Als Erwerbstätiger und Steuerzahler fällt er aus, ja verursacht sogar Kosten. Entweder als Sozialhilfeempfänger oder als Teilnehmer von Qualifizierungsmaßnahmen.

Um Jugendliche in Ausbildung zu bringen gibt Deutschland jährlich rund 5,6 Milliarden Euro aus, hat das Institut der Deutschen Wirtschaft, IW Köln, errechnet. Dazu zählen zum Beispiel Berufsschulen, das Berufliche Grundbildungsjahr und andere Massnahmen. Mehr als eine halbe Millionen Jugendliche nehmen die Qualifizierung in Anspruch, pro Person und Jahr kostet das 10.000 Euro. Und doch sind die Ausgaben nötig und richtig, belegt die IW – Studie von 2008. Wenn die Integration ins Berufsleben gelingt, dann rentieren sich die Investitionen schnell. Wenn nicht, entgehen der Gesellschaft pro Person bis zu 480 000 Euro rechnet Michael Neumann von IW Köln vor:

„Jeder Jugendliche, den wir nicht in eine Ausbildung integrieren können, der keinen Berufsabschluss bekommt, kostet uns in seinem weiteren Leben in jedem folgenden Jahr etwa 12000 Euro, nur dass die über sein gesamtes restliches Erwerbsleben anfallen also im Zweifelsfall – wir gehen davon aus, ob des demographischen Wandels, dass wir in Zukunft bis 67 arbeiten müssen, vielleicht sogar länger, die wir arbeiten müssen, können das 40 Jahre sein, die dieser Jugendliche Jahr für Jahr 12.000 Euro weniger zur Wertschöpfung beiträgt bzw auf der anderen Seite Kosten der sozialen Sicherung in Anspruch nehmen muss, die sind da mit eingerechnet.“

Jugendliche die keinen Beruf haben werden zudem schneller kriminell und krank. Schulexperten wie der Soziologieprofessor Rainer Geißler sprechen darum von einer Zeitbombe. Aber möglicherweise kommt Deutschland mit einem blauen Auge davon. Weil die Gesellschaft immer älter wird braucht sie künftig auch die Jugendlichen, die heute als „Bildungsversager“ und „nicht ausbildungsreif“ gelten. Auch es lohn es sich, Energie und Geld in Jugendliche zu investieren, die heute noch als „hoffnungslose Fälle“ abgestempelt sind sagt Ahmad Aman:

„Ich denke Bildung ist, wie viele sagen „Humankapital“ und ist ein Stück Investition in die Zukunft. Was ja nicht nur für Migranten gut ist sondern in erster Linie für Deutschland. Denn wenn wir uns einstellen wollen auf die Zukunft und investieren wollen, dann muss man in Bildung investieren.“

Mai 2009, in veränderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Die Eigentum-Frau: Zwangsehen in Deutschland

      

Wer in Deutschland eine Ehe erzwingt macht sich strafbar: Vergewaltigung, Nötigung, Menschenhandel – das sind Straftaten. Zwei Gesetzesinitiativen verfolgen jetzt das Ziel Zwangsehen ausdrücklich in den Strafkatalog aufzunehmen und Täter härter zu bestrafen.

Im Aschenbecher qualmt die fünfte Zigarette. Edda – so möchte die junge Türkin genannt werden, ist hin- und hergerissen. Einerseits will sie reden. Sich rächen, an den Menschen, die ihr das angetan haben. Allerdings bekommt sie kein Wort heraus. Es könnte ihren Ehemann, der nicht weiß, wo sie jetzt lebt, erneut auf sie aufmerksam machen.

Edda ist eine so genannte Importbraut. Mit 16 wurde sie von ihrer Familie in ihrem türkischen Heimatdorf zwangsverheiratet. Die Eltern, grenzenlos naiv, freuen sich, dass die Tochter vermeintlich eine gute Partie machen kann: Ein in Deutschland lebender Türke soll der Tochter alles bieten. Aber Edda hasst ihn von dem Moment, in dem sie ihn zum ersten Mal sieht.

Edda: „Ich war in Türkei und er will mit mir heiraten und er spricht mit meinen Eltern und dann meine Eltern spricht mich: Und natürlich habe ich gesagt, nein will ich nicht heiraten mit dieser Mann aber ist das alles schon fertig, wenn ich sage nein oder ja. Mein Vater war so böse er will mich bringen um, sagt immer so hab ich keine Chance.“

Zwangsehen gibt es nicht nur unter Muslimen. Sie sind weder verknüpft mit einer bestimmten Religion noch mit einer bestimmten Kultur. Eher schon mit der Überzeugung, dass Kinder Besitzstand der Eltern sind – ohne Recht auf eine eigene Meinung. Nicht mal bei der Wahl des Ehepartners. So wie bei Edda. Sie folgt in blindem Gehorsam der väterlichen Autorität. Ein anderer Weg bleibt dem Mädchen nicht, das von klein auf verprügelt wird.
So gesehen ist die Ehe mit dem Türken, dem sie nach Deutschland folgt eine Fortsetzung dessen, was sie ohnehin gewohnt ist. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne jemanden zu kennen ist Edda ihrem Mann und seiner Familie allerdings noch schutzloser ausgeliefert als der eigenen früher. Natürlich erwägt sie, die Polizei zu verständigen:

Edda: „Ja, denke ich so, aber ich habe total Angst mit diesem Mann. Wenn ich hingehen, Polizei, macht er noch Schlimmeres. Er ist Kurde. Meine Nachbarin hat mir geholfen. Sie sieht mich immer…“
Freundin: „Mit blaue Augen.“
Edda:“ Sie hört meine Stimme immer – er schlagt mich, wie aber.
Ganz doll. Er schlagt mich und…
(sagt etwas auf türkisch, dann)
Freundin: „Vor der Haustür hat er sie immer rausgeschmissen.“

Weltweit ist die Mehrheit aller Eheschließungen, rund 60 Prozent, arrangiert, also von den Eltern angebahnt. Vor allen in ländlichen, agrarisch geprägten Regionen ist das noch immer üblich. Nicht üblich allerdings, dass Eltern Zwang ausüben auf die Heiratskandidaten und Gewalt anwenden. Eddas Schicksal ruft bei modernen Türkinnen ebenso viel Protest hervor wie bei deutschen Frauen oder Türkinnen, die in Deutschland geboren und selbstbewusst sind. Wie die 16 jährige Janan:

„Ich würde auf jeden Fall zum Jugendamt gehen, ich würde das niemals zulassen. Ich würde abhauen. Ich würde alles versuchen, zum Staat gehen. Ich meine, in Deutschland kann man überall hingehen und hier wird den Menschen geholfen, wenn sie Probleme haben.“

Edda hilft schließlich eine türkische Nachbarin. Sie fährt sie zum Frauenhaus – das vorläufige Ende ihrer Leiden. Worte für das Grauen findet Edda, wenn überhaupt, nur in ihrer Muttersprache, eine Freundin spricht sie für sie aus:

„Also sie meint, wenn sie den Schritt nicht gemacht hätte, da wegzukommen, da wär sie wahrscheinlich in diesem Moment nicht mehr am Leben gewesen.
Edda: „Ich habe mit meinen Eltern gesprochen: Scheiße, ich will nicht in Deutschland bleiben, wenn ich hierbleibe, er macht mir kaputt, bin ich tot so. Und meine Eltern sagen: nein, du kommst nicht nach Türkei zurück, Muss man da leben.“

Wie viele Zwangsheiraten jährlich in Deutschland geschlossen werden kann niemand sagen, Verlässliche Statistiken gibt es nicht. Von einer Dunkelziffer ist auszugehen, denn wie Edda sind die betroffenen Frauen nur selten bereit, die Täter anzuzeigen. Zu groß die Angst vor Verfolgung.
Statt Gesetze zu verschärfen wäre es zunächst wichtig, Mittel für die Anlaufstellen der Betroffenen, die Frauenhäuser und Beratungsstellen nicht weiter zu kürzen. Denn in diesem geschützten Räumen kommen die Frauen zur Besinnung und entwickeln Perspektiven für eine lebenswertere Zukunft. Die sieht auch Edda für sich:

„Praktikum. Ich will das Praktikum machen als Friseur. Und Gesundheit mit meinen Kindern. Guck ich vorne, nicht hinten, lachen, so weiterleben mit meinen Kindern.“

2006, in geänderter Fassung für „NDR“

Macho, Migrant, Bildungsverlierer?

      

„Bildungsverlierer“ – das war in den 60ger Jahren das katholische Mädchen vom Land. Heute wird das Etikett männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgeklebt. Doch die Frage von Schuld und Verantwortung für das Versagen ist komplex.

Mehmet ist nicht zu bändigen. Der 14jährige Hamburger Gesamtschüler erzählt bei jeder Gelegenheit Blondinen – Witze,gern auch mehrmals. Seine Klassenkameradinnen sind genervt. Seine Lehrerin klagt über sein „Machoverhalten“. Mehmets Versetzung ist gefährdet, möglicherweise gar der Schulabschluss. Andreas Schiemann kennt solche Szenen. Er arbeitet in der Evangelischen Gesellschaft „EVA“, die Jugendliche ohne Schulabschluss für einen Beruf qualifiziert. Dort geht man mittlerweile andere Wege.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in gemischten Klassen, wo Jungs und Mädels sind und eine Lehrerin, dass die Jungs da völlig abschalten. Dass da außer Spaß und Quatsch nichts kommt, sie auch nicht mitarbeiten und sich auch nicht trauen, sich am Unterricht zu beteiligen. Das mag daran liegen, dass, wenn sie was falsches sagen, die Mädels wohlmöglich lachen. Dann hatten wir‘s getrennt – ein Mathekurs für Mädels und ein Mathekurs für Jungs – und dann funktionierte es. Die Jungs haben auch einen Lehrer bekommen und dann auch mitgearbeitet und konnten die Hilfe annehmen.“

Kaspereien, Provokationen, ein scheinbar aufgeblasenes Ego, das Schwächen verbirgt – das ist allen Jungen – gleich welcher Nationalität oder Herkunft – in der Pubertät gemeinsam. Allerdings wird „Männlichkeit“ von Kultur anderes definiert. Und von Jungs individuell „geübt“.Das komme für Migranten erschwerend hinzu, glaubt der Psychologe Ahmet Kimil vom Ethomedizinischen Zentrum Hannover.

„Männer in traditionellen Gesellschaften verkörpern Stärke, müssen stark sein, müssen ihre Familien ernähren. Für die erste Generation gab es ja in den Fabriken viele Möglichkeiten wo sie auch ohne Bildung arbeiten konnten, ihre Familien ernähren konnten etwas aufbauen konnten. Und für die zweite, dritte Generation, die im Bildungssystem eventuell auch gescheitert sind, für die gibt es natürlich das Problem, dass sie auch ihre Rolle in der Gesellschaft nicht finden. Dann kommen Gefühle von Wut, Ärger, von „Nicht dazu zu gehören“, auch eine Form von Entfremdung und dann kann man beobachten, das solche Jugendliche eher zu Gewalt neigen oder zu Drogen greifen oder andere Probleme bekommen, auch psychischer Art.“

Marita Bell arbeitet an einer Hauptschule in Niedersachsen. Sie versucht auf unterschiedliche Art, ihre Schüler zu disziplinieren: Grenzen zu setzen. Konsequent „nein“ sagen, Worte in Taten umsetzten.

„Noch besser wird es manchmal, wenn ich die Väter mit reinkriege. Manche Väter muss man drei, viermal in die Schule bestellen, bis sie widerwillig herkommen – aber wenn die merken, gerade die Jungen, dass ich versuche mit dem Vater zu arbeiten, dann ist zumindest äußerlich zeitweilig eine Veränderung zu sehen.“

Manchmal reicht nicht mal die Autorität der Väter. Wenn Söhne mit Migrationshintergrund ihre Väter als schwach erleben, wenn sie – aus deren Sicht – „kriechen“ vor den Ansprüchen der Mehrheitsgesellschaft, dann bleibt der Respekt oft auf der Strecke. Eben darum sei es wichtig, dass Jungen mit Migrationshintergrund auch außerhalb der Familie männliche Vorbilder und Chancen hätten. Frustration sei auf Dauer gefährlich sagt der Psychologe Kimil.

„Ich persönlich habe in meiner eigenen Biographie das erlebt: Ich musste gegen bestimmte Vorurteile in meiner eigenen Familie ankämpfen, das war für mich die größte Aufgabe. Auf der anderen Seite musste ich manchmal auch Vorurteile auf Seiten der Schule aufarbeiten. Man muss wirklich bei den Jugendlichen ansetzen und gucken: Was hat der wirklich für Ressourcen? Man muss ihnen das Gefühl geben, das sie nicht allein sind, auf der anderen Seite muss man ihnen klar machen, dass sie selber über den Platz in dieser Gesellschaft bestimmen.“

Deutsche Welle, in geänderter Fassung Mai 2009

Deutsch-Ägyptischer Dialog

      

Die Terroranschläge von New York, Madrid und London sowie die Intervention im Irak haben die Beziehungen von Christen und Muslimen weltweit belastet. Dem möchte die Evangelische Akademie Loccum mit ihrem Forum für Christen und Muslime aus Ägypten entgegen wirken. Den Dialog gibt es seit 2003 – mal in Deutschland mal in Äypten.

Hagar Islambouly ist eine energiegeladene „Lady“. Die Ägypterin und frühere Botschaftsmitarbeiterin sorgt dafür, dass sich die berühmte Bibliothek von Alexandria langsam füllt. 2006 war das Gebäude mit Hilfe der UNESCO wie ihr historisches Vorbild in Aexandra neu eröffnet worden. Platz ist für bis zu 8 Millionen Bücher. Derzeit sucht Islambouly Partner im Ausland. Eine Werbung für das 3and am Nil und ein Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement. Mittlerweile gäbe es rund 26.000 Initiativen.

„Ägypten ist eine konservative Gesellschaft, die Mehrheit ist es zumindest. Aber im Hinblick auf eine Modernisierung und Wandlungprozesse innerhalb der Gesellschaft versteht jeder die Bedeutung einer Zivilgesellschaft und was sie ausmacht. Wie können sich solche Initiativen organisieren und zusammen arbeiten? Welche Strategien können dabei helfen? In Ägypten aber auch mit Hilfe internationaler Kontakte.“

Im deutsch – ägyptischen Dialog ist auch Andreas Jacobs aktiv. Der Büroleiter der Conrad Adenauer Stiftung in Kairo bietet Imamen, die an der Al – Azhar – Universität in Kairo ausgebildet worden sind Schulungen in „politischer Bildung“ an. In einer Moschee werden seit 2008 die ersten 30 Teilnehmer unterrichtet.

„Ich hatte den Eindruck, dass es eine Zielgruppe ist, die bislang völlig vernachlässigt wurde und zwar von internationalen Akteuren, aber auch von ägyptischen Anbietern von politischer Bildung. Wir sind daraufhin an das Ministerium für religiöse Angelegenheiten herangetreten, letztes Jahr, haben dort grünes Licht bekommen zusammen mit einem ägyptischen Partner, das sind Universitätsprofessoren, ein maßgeschneidertes Angebot zu stricken. Das heißt es geht zu allererst um politische Grundbildung, also: was ist Demokratie? was sind Menschenrechte? wie funktionieren Wahlen?“

Solch praktische Erfahrungen aus deutsch-ägyptischen Kontakten fließen ein in den Dialog, der sich im Spannungsfeld von Staat, Religion und Gesellschaft bewegt: Welchen Nutzen hat das Engagement von Bürgern? Wie reagieren Staat und Religionen darauf? Die Antworten in Ägypten und Deutschland fallen unterschiedlich aus: Von der ägyptischen Delegation erfahren die Deutschen, dass Muslime und ägyptische Christen keine „Integrationsnöte“ haben. Beide sehen sich als gleichwertige Bürger einer Nation. Die Ägypter interessieren sich wiederum für Modelle einer Zivilgesellschaft oder das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland. Solche Gesprächen haben auch das Interesse der Politik geweckt: Rita Süßmuth oder Wolfgang Thierse waren Gäste. Rolf Wernstedt, ehemaliger niedersächsischer Kultusminister, nimmt regelmäßig teil und weiß wie ein fruchtbarer Dialog entsteht.

„Zunächst einmal: Dem anderen zuhören. Ihm nicht prinzipiell das Böse unterstellen. Der Rationalität des Arguments zumindest eine Chance geben. Identifizieren, was sind Meinungsprobleme, was sind Sachprobleme, was sind Interessenprobleme. Und wenn es uns gelingt, die entscheidenden Konfliktfelder des Nahen Ostens – in diesem Fall: Wie geht man als Religionsgemeinschaft miteinander um? Wie ist Verhältnis von Staat und Kirche? Wie ist der Prozess der Säkularisierung einzuschätzen? Welche Stellung hat Europa gegenüber Israel und den Juden und Deutschland insbesondere? Dann sind wir ein Stück weiter. Und insofern kann von der Methode, von der Geduld und vom gutem Willen her auch die Gesellschaft von der Evangelischen Akademie und solchen Initiativen lernen.“

Möglicherweise auch die Politik? In einer Resolution hat der Deutsch – Ägyptische Dialog gemeinsame Positionen festgehalten, die über fromme Friedenswünsche weit hinausgehen und pragmatisch Lösungen aufzeigen.

2009, in veränderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Multikulti in Tarnfleck

      

Das einzig „typisch türkische“ an  Erkan Kahraman ist die Art, wie er seinen Tee umrührt: Geräuschvoll. Aber natürlich ist das ein Klischee. Nadir Attar ist blond, blauäugig. Zur Hälfte Syrer. Beide Männer sind Anfang 20 und Berufssoldaten. Neben ihrer militärischen bekommen angehende Offiziere der Bundeswehr auch eine akademischer Ausbildung. An der Universität der Bundeswehr in Hamburg studieren beide „Politikwissenschaft“. Auslandseinsatz programmiert. Darum haben sie die Frage, ob sie als deutsche Soldaten muslimischen Glaubens in einem Kampfeinsatz notfalls auch auf Muslime schießen würden, im Vorweg für sich mit einem „ja“ beantwortet.

Kahraman ist seit 2006 in der Truppe. Er fand schon als Jugendlicher gut, was deutsche Soldaten in Afghanistan machen. Gerade wegen seines Glaubens: „Die Menschen können dort weder schreiben, noch lesen. Was den Koran angeht sind sie abhängig von denen, die das Recht auf Interpretation haben. Und wenn man quasi persönlich als Gegenbeispiel dahingeht und sagt: Hier, ich bin auch Moslem, dann ist das der Beweis, dass es auch anders geht.“

Attar schätzt die Werte der Demokratie. Spätestens seit Besuchen in der Heimat seiner Verwandten in Syrien. „Wenn man erlebt hat, dass Leute sich nicht trauen auf der Straße offen zu reden, dann weiß man die Situation hier zu schätzen. Schade, dass so wenig Deutsche das so sehen“.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur der Truppe verändert. Waren in den 60ger Jahren noch rund 90 Prozent aller Soldaten Christen, so sind es heute nur noch die Hälfte. Das liegt an den Kirchenaustritten. Aber nicht nur. Nach Schätzungen dienen mittlerweile rund 1000 Soldaten muslimischen Glaubens und circa 200 Juden. Zusammen mit Soldaten deutscher Staatsbürgerschaft, die aus 46 Nationen dieser Erde kommen, wird die Truppe heterogener. Multi-Kulti in Tarnfleck.

Wenn Generäle versichern, dass die Bundeswehr „über mehr interkulturelle Kompetenz verfüge als manch global arbeitender Konzern“ dann ist das keine Koketterie. Die Bundeswehr arbeitet global und braucht geeigneten Nachwuchs für ihre Einsätze. Speziell jenseits deutscher Grenzen ist interkulturelles Wissen mehr als eine nette Zugabe. Diese Erkenntnis gibt es seit einiger Zeit auf höchster Ebene. Sie schlägt sich nieder in der  „Zentralen Dienstvorschrift 10/1“:

Der richtige Umgang mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, die interkulturelle Kompetenz, erhöht die Handlungs- und Verhaltenssicherheit der Soldatinnen und Soldaten und sichert die Akzeptanz von Minderheiten in der Bundeswehr. Im Auslandseinsatz ist die interkulturelle Kompetenz zudem eine wesentlich Voraussetzung für die Auftragserfüllung und den Eigenschutz.“

Die Bundeswehr ist einer der größten Ausbilder in Deutschland. Sie braucht die Migranten – in Zukunft mehr denn je, wie ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt.  Was sie als Arbeitgeber bietet, ist außergewöhnlich. Wo sonst ist „Teamgeist“ dienstlich verordnetet? Siehe Paragraph 12 des Soldatengesetzes:

Wo Kameradschaft und körperliche Fitness Qualifikationen sind haben es Migranten leichter. Siehe Fußball. Hautfarbe, Herkunft? Nebensächlich. Zumindest solange einer gut ist. Und das richtige Vereinstrikot trägt. Bei der Bundeswehr ist das olive. Individualität in Tarnfleck.  Wen man vor sich hat erkennt man mit einem Blick auf die Schulter. Also schauen viele erst dorthin – und dann ins Gesicht.  So kann Multi-Kulti funktionieren.

De facto ist unklar, ob bei der Bundeswehr weniger, mehr oder genauso diskriminiert wird als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Viele „Migranten in Uniform“ beantworten die Frage mit Gleichmut: Eigentlich hätten sie „eher gute Erfahrungen gemacht“.

„Und wenn‘s mal blöde Sprüche gibt, dann steht man am besten drüber,“ sagt Nadir Attar.

Will heißen: Wird in der Truppe unkameradschaftlich gegen § 12 verstoßen, dann antwortet man darauf mit einem Verhalten gemäß § 12. Vergehen regelt man bei der Bundeswehr intern.

Wie viel interkulturellen Umgang ein Soldat hat hängt von seinem Dienstgrad ab. Auch, wie viel Wissen ihm vermittelt wird. Für Wehrdienstleistende gehört interkulturelle Kompetenz als Lehrstoff seit 2006 zur Grundausbildung, füllt bislang allerdings bestens ein paar Stunden, die Soldaten gerade mal für die Problematik sensibilisieren.

Mehr erfahren Berufssoldaten. Deren Ausbildung muss gründlicher sein als „potentielle Botschafter im Ausland“, die sie sind. Erwartet wird nicht takt- sondern tadelloses Verhalten. Der „lebenskundliche Unterricht“ veranschaulicht das. In einem Modul geht es um Wertkonflikte. Wie verhalte ich mich, wenn mein Kamerad in Afghanistan mit einer verschleierten Frau auf offener Straße flirtet? Wo endet die Menschenfreundlichkeit, wo beginnt Fehlverhalten?

Die Inhalte dieser Lektionen haben zum Ziel, Werte bewusst zu machen und Verhaltenssicherheit zu trainieren. Beides spielt im interkulturellen Dialog eine Rolle. Wie jeder weiß, der mal versucht hat, am Sabbat im jüdisch – orthodoxen Mea Shearim zu telefonieren. Oder in andere Fettnäpfchen getreten ist.

Je näher der Einsatz desto detaillierter die Wissensvermittlung. Spezifisch landeskundliche Informationen bekommen Soldaten in der Einsatzvorbereitung. Weitere Angebote macht die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. Studenten und angehende Offiziere können „interkulturelle Kommunikation“ bei einer deutschen Muslimin afghanischer Herkunft belegen. Die Kursinhalte sind vielfältig: Basiswissen der Soziologie und Psychologie („Ist Angst ein universelles Gefühl?“), Grundkenntnisse über den Islam,  Mentalität und Sozialstruktur der Bevölkerung. Diesen Lehrstoff finden besonders Seminarteilnehmer deutscher Herkunft erhellend. Beweist er doch, dass „Muslime vielfältiger sind manche Politiker oder Medien vermuten lassen“, sagt einer.

An all dem lässt sich das Ausmaß des psychischen Spagats erahnen, den Soldaten in ihrer Ausbildung und im Auslandseinsatz machen. Einerseits wird ihre kulturelle Sensibilität trainiert, andererseits ihre Fertigkeit im Umgang mit der Waffe.

„Das sei die Herausforderung heutiger Einsätze“ sagt Elmar Wiesendahl, Professor und Leiter des Fachbereichs für Sozialwissenschaften an der Führungsakademie, der höchsten Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr, an der Stabssoffiziere, also auch Deutschlands zukünftige Generäle, ausgebildet werden. Soldaten müssten sich kontrollieren und eine „gewisse Robustheit zeigen“, erläutert Wiesendahl. „Mit reinem Hegemonalverhalten kann der Einsatz nur scheitern.“

Die Gratwanderung zwischen Empathie auf der einen sowie Kampfbereitschaft auf der anderen Seite manifestiert sich auch in der Wahl der Mittel in Krisenregionen. Wenn Fronten zwischen Freund und Feind sind nicht aus Nationalität, Kultur oder Religion gemacht sind, sondern aus Extremismus und Radikalismus kann niemand mehr Freund und Feind auf den ersten Blick ausmachen. Darum verbietet sich ein militärischer Rundumschlag. Andererseits ist ein „demokratischer Aufbau“ fragwürdig, wenn Terroristen ins Nachbarland „migrieren“. Sofern man der These folgt, dass deutsche Interessen am Hindukusch vertreten werden, dann reichen sie bis Peshawar. Mindestens.

An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg diskutieren Seminarteilnehmer solche militärischen und sicherheitspolitischen Fragen. Im Schnitt werden täglich 500 Stabsoffiziere aus- und fortgebildet, davon 100 ausländische Militärvertreter, auch aus islamischen Ländern. Vor einigen Jahren hätte das niemand mit „interkulturellem Dialog“ betitelt ohne Heiterkeitsausbrüche zu ernten. Heute löst es nicht mal ein Schmunzeln aus. Gerade wird an der Führungsakademie ein Curriculum für interkulturelle Kompetenz entwickelt. Die Generalstabslehrgänge sind zum Teil international besetzt, der interkulturelle Lehrstoff fließt ein in Seminare für Führungskräfte. Oder steht im Zentrum eines Lehrgangs, der „Gewalt“  und ihre spezifischen Ausprägungen in Kulturen dieser Welt beleuchtet. Von den Maoris bis zur deutschen Kriegsheldenverehrung und deren Folgen.

Faktisch basiert jedes Militärbündnis auf „interkulturellem Dialog“. Im ISAF Einsatz in Afghanistan allein sind 37 Nationen mit mehr als 40.000 Soldaten aktiv. Wer weiß schon wie viele Missverständnisse es gibt? Wie viel Verwunderung der Anblick einer deutschen Soldatin bei Bündnispartnern auslöst – einem Aserbaischaner zum Beispiel?  Man munkelt, dass auch in der NATO über Mentalitäten debattiert wird. Warum das Führungsverhalten deutscher Militärs so anders ist als das der Engländer oder Franzosen. Darum ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit bis die NATO Kurse zum „Diversity Management“ einführt.

Utopisch? Abwarten. Vor 20 Jahren war undenkbar, dass deutsche Staatsbürger islamischer Herkunft als Offiziere in den Auslandseinsatz gehen. Der „Kulturaustausch“ ist immer für eine Überraschung gut!

2009 in geänderter Fassung abgedruckt in

„Zeitschrift für Kulturaustausch“

Muslimin in der Bundeswehr

      

Hamburg – Am Anfang steht die Theorie. „Angst – und ihre Auswirkungen auf menschliche Beziehungen“, heißt das Thema des Referates. Den Praxisbezug stellen die  Studenten her: „Was nützt mir das alles in Afghanistan?“ will einer wissen. Die Lehrbeauftragte, eine gepflegte Frau mit tiefschwarzen Haar, erläutert praktisch, lebensnah und authentisch anhand von Beispielen. Die 40jährige Latifa Kühn weiß wovon sie spricht: Sie ist Muslimin und gebürtige Afghanin. Die 40 Teilnehmer des Seminars sind Kommilitonen, Berufssoldaten und Offiziere gleichermaßen. Sie studieren an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, der Helmut Schmidt Universität. Nach dem Willen des damaligen Verteidigungsministers sollten Führungskräfte im Militär eine akademische Ausbildung haben.

Schmidt trieb die Gründung der Bundeswehruniversitäten voran, seit 1973 wird in München und Hamburg gelehrt. Ein Blick auf die Geschichte der Bundeswehr macht deutlich, wie viel sich seit damals verändert hat: Es begann Anfang der Neunziger in Somalia, 200.000 deutsche Soldaten haben seitdem an Auslandseinsätzen der Bundeswehr mitgewirkt, derzeit sind 9000 unterwegs. Mit unterschiedlichen Zielen: Waffenschmuggel unterbinden, ethnische Gewalt eindämmen, Zivilbevölkerung schützen. Aufgaben, die wie ein Magnet wirken auf die 20 bis 25jährigen.

Noch wissen die studierenden Offiziere nicht, ob und für welchen Auslandseinsatz sie abkommandiert werden, aber alle sind bereit: aufbauen statt besetzen, schützen statt kämpfen und töten – das hört sich verlockend an. Eben darum hätten sie sich verpflichtet – und wegen des 11. September, erzählt einer. Sie sind politisch interessiert, kennen sich aus mit den Verhältnissen im Nahen Osten oder Afghanistan. Zumindest theoretisch. Dass die Praxis vor Ort oft weniger heroisch ist als es von Ferne aussieht lässt das Seminar von Latifa Kühn zuweilen erahnen.

„Sie werden mit den Afghanen häufig keine Kommunikation auf Augenhöhe haben können“, mahnt die Dozentin. „Psychologische Vorbildung wie sie hat dort kaum jemand, die Menschen reagieren unmittelbarer.“

Dass das nicht nur für Gesprächs- sondern auch für mögliche Kampfsituationen gilt bleibt an dieser Stelle zunächst unerwähnt. Latifa Kühn und ihr Seminar zur „interkulturelle Kommunikation“ ist nicht die einzige Lehrveranstaltung dieser Art an der Helmut Schmidt Universität. Die Schutz- und Friedensmissionen im Ausland haben einen Bedarf geschaffen an Wissen um andere Völker und Kulturen. Eine indische Dozentin lehrt die Berufssoldaten den „Umgang mit dem Fremden“.

„Die Lehre an der Universität sei zwar frei“, erklärt der Pädagogikprofessor und Vorgesetzte von Latifa Kühn, Ernst-Willi Hansen. “Aber die Studenten haben offenbar Bedarf an solchen Seminaren.“

Das zeigen auch die Zahlen: Gerade 12 kamen zur ersten Lehrveranstaltung von Latifa Kühn, mittlerweile sind es 40 und das Interesse wächst kontinuierlich. Für 40jährige Islam- und Politikwissenschaftlerin, verheiratet mit einem Deutschen, ist die Dozententätigkeit nicht die erste Begegnung mit der Bundeswehr. Ihr ehemaliger Chef war Oberst, „ein offener Mann mit vorbildlichen Führungsqualitäten“, wie sie sagt. Auch darum hat die in Kabul geborene Kühn, die im Alter von vier Jahren nach Deutschland kam, kein Bauchgrimmen mit der Aufgabe und Rolle der Bundeswehr in Afghanistan. Im Gegenteil: Sie schätzt die Verantwortung, die Deutsche am Hindukusch übernehmen. Das Wissen um beide Seiten fließt ein in ihr Seminar: „Der Islam“ und „Die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan“ heißen weitere Bausteine der Wissensvermittlung.

Dabei führt Latifa Kühn ihre Studenten so dicht als möglich heran an die Lebensverhältnisse und Bedingungen in Afghanistan. Unter anderem mit Hilfe einer Exkursion ins afghanischen Museum, wo die Dozentin den Studenten Landessitten und Gebräuche erläutert. Unter anderem zum Beispiel den muslimischen Gebetsteppich und wann man ihn benutzt. “Es geht mir darum Sie zu sensibilisieren“, erklärt sie den Studenten im Seminar ihre Motivation. Den sicheren Kulturschock in fremder Umgebung minimiert das Wissen über die fremde Kultur. Selbstreflexion und Empathie, die Fähigkeit sich in andere hinein zu versetzen, soll die Soldaten zudem in Stresssituationen befähigen, kontrollierter, angemessener, moralischer zu reagieren. Angesichts der ständigen Bedrohung, in der sich die Soldaten in Afghanistan und anderswo befinden, ein hoher Anspruch. Und ein widersprüchlicher dazu.

Dass er zuweilen auf der Strecke bleibt hat die sogenannte „Totenkopf – Affäre“ vor Augen geführt. Lagerkoller, Männerriten, Langeweile oder Angeberei: Was immer der Grund der Entgleisung gewesen sein mag –  spätestens seit der Affäre dämmert es den Studenten, in welches Dilemma ein Auslandseinsatz führen kann: Ein Soldat, der sich immer vorbildlich verhalten muss, der reflektiert statt Reflexen zu folgen, ist demjenigen unterlegen, der die Waffe zieht und schießt. Und kein Seminar der Welt wird diesen Widerspruch auflösen, allen Rufen nach Schulung zum Trotz, die nach der Veröffentlichung der Fotos laut wurden.

„Mit Pazifismus kann man nicht überleben wenn andere nicht pazifistisch sind“.

So bringt es der ehemalige Lehrbeauftragte der Universität der Bundeswehr in Hamburg und heutige Professor für Rechtspsychologie der Universität Bremen, Frank Baumgärtel auf den Punkt. Er glaubt, dass  eine tabulose, sicherheitspolitische Debatte über die Aufgaben die Bundeswehr überfällig sei. Bis dahin bleibt den Studenten nichts anderes übrig als sich auf diese Widersprüche so gut wie irgend möglich vorzubereiten. Das Seminar von Latifa Kühn empfinden sie dabei als hilfreich. Immerhin lehrt hier jemand, für den der Alltag in Afghanistan nicht nur graue oder militärische Theorie ist. Einer, der mit Namen nicht genannt werden möchte, fragt sich allerdings laut, was mit den unteren Dienstgraden passiert, die nicht in den Genuß einer psychologischen Einsatzvorbereitung kommen.

„Eigentlich müsste man jeden Soldaten so schulen, nicht nur die Offiziere“, flüstert er und blickt sich verstohlen im leeren Seminarraum der Bundeswehruniversität um als sei er auf einer Patrouille im Feindesland. Angst verleitet Menschen zuweilen zu unbedachten Worten oder Taten. Das hat er heute in seinem Seminar gelernt und dass es auf Menschen jeder Kultur und Nation zutrifft. Dass es wahr ist spürt er im leeren Seminarraum ganz praktisch am eigenen Leib.

Januar 2007, in veränderter Form für DPA

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