Archiv: Jugendliche

Meinung: Was „Toulouse“ uns lehrt

      

Warum die genaue Ursachenforschung bei Gewalttaten  wichtg ist

Der Täter sieht aus wie viele dieser Großstadtjugendlichen. Ein „Schwarzkopf“ mit Kurzhaarschnitt und einem drahtigen Körper, der ihn irgendwie „verhungert“ aussehen und bedeutend jünger erscheinen lässt, als er ist. Die Gesten konterkarieren das: protzig, mehr „Schein als Sein“, irgendwie auf „dicke Hose“ machen.

Dann kommen die Tage im März 2012, an denen Mohammed M., ein 23 jähriger Franzose algerischer Herkunft, Schlagzeilen machen wird. Er steigt auf seinen Roller, mäht sieben Menschen nieder – französische Soldaten, Kinder und den Lehrer einer jüdischen Schule. Und zum Schluss liefert er sich stundenlange Schießereien mit der französischen Polizei. Einfach unbegreiflich.

Er habe sich rächen wollen für Frankreichs Einsatz in Afghanistan, stehe mit Al Qaida im Bund, sei erbost über den Umgang der Juden mit den Palästinensern, wurde in einem pakistanischen Terrorcamp trainiert, will eine französische Zeitung erfahren haben. Ein Täter mit politischen Hintergrund? Immerhin. Solange es „Begründungen“ gibt, seien sie auch noch so fadenscheinig, dann könnte, sollte der französischen Staatschutz zuständig sein, denn dafür sind Geheimdienste da.

Nach Darstellung seines Anwalts war Mohammed M. dagegen kein „Politischer“. Vielmehr ein vereinsamter Jugendlicher ohne jegliche politische Kontakte. Ist diese Darstellung korrekt, dann hätten die Allmachtsphantasien eines Narzissten sieben Menschenleben gekostet. Ohne gezielte Motivation.

Bei der Verhinderung dieser Art von Straftaten ist der Staat machtlos. Nur die Gesellschaft mit ihren sozialen Kontrollsystemen hätte – vielleicht – etwas bemerken können. Der Staat sollte, muss sich tunlichst da raushalten. Auch um sich dauerhaft nicht selbst zu beschädigen. Siehe Frankreich.

Posthum wird der 23jährige Täter von Toulouse zum „Sicherheitsrisiko“ erklärt. Die Grand Nation streitet mit Algerien, wer die sterblichen Überreste beisetzen muss. Beide Länder fürchten, dass die Grabstätte ein Wallfahrtsort für Islamisten werden könnte. Ist Mohammed M. wirklich „nur“ ein verwirrter Einzeltäter gewesen, dann wird er mit der Diskussion zur „Staatsaffaire“ aufgewertet. Was wiederum andere geltungssüchtige Psychopaten einladen könnte, es Mohammed M. gleichzutun. Genau so ticken Narzissten nämlich.

Deren „Entlarvung“ wiederum kann, darf keine staatliche Angelegenheit werden. Es sei denn, die Bürger sind bereit, für den Preis eines vorgegaukelten „Staats-Schutzes“ die Überwachung jedes Lebensbereichs in Kauf zu nehmen. In der Praxis hieße das: Verfassungsschützer rein in die Kneipen, in die Cafes, in die Schulen, damit der Rest der Gesellschaft sorgenlos bleibt.

Die Alternative dazu ist eben keine Bürgerwehr, aber eine wehrhafte Gesellschaft, die wieder einen Instinkt entwickelt für „Unregelmäßigkeiten“ beim Nachbarn und Nebenmann. Diese Unregelmäßigkeiten heißen ganz lapidar Verzweiflung, Isolation oder Realitätsverlust. Mit anderen Worten: Bemitleidenswerte Seelenzustände, die sich nichts destotrotz eben auch in Mord und Totschlag entladen. Vorzugsweise bei jungen, durchs Internet radikalisierten Männern, wie der Verfassungsschutz das nennt.

Dass man für diese Personengruppe die Eltern schlecht als „Aufpasser“ in die Pflicht nehmen kann müsste jedem Sicherheitsexperten klar sein. Diese Heranwachsenden sind isoliert und werden zu Tätern, obwohl sie mit ihren „Erziehungsberechtigten“ zusammen wohnen.

Wer also soll es richten? Lehrer? Vielleicht. Aber nur, wenn dieser ohnehin strapazierten Personengruppe deutlich wahrnehmbare ideelle, personelle und finanzielle Unterstützung gewährt wird. Dazu Jugendzentren. Vereinen – jedem, der irgendwie die Chance haben könnte, einen dieser Fehlgeleiteten zu erkennen und zu erreichen.

Ich höre schon die Einwände. Der „Leistungsnachweis“ solcher Projekte sei nicht erbracht. Es gäbe keine Evaluation, die den Zusammenhang von – sagen wir – Straßenfußball – Projekten und Terrorismusbekämpfung belegen könne.

Stimmt. Wird es auch nie geben. Aber die Aussicht, möglicherweise ein paar Tausend Euro für ein Jugendprojekt in den Sand zu setzen, das möglicherweise keinen Psychopathen von seinem Amoklauf abhält, aber dann doch zumindest andere Jugendliche für eine Weile glücklich macht, scheint mir erträglicher als die gesellschaftliche Omnipräsenz von „Schlapphüten“, die mich vor Psychopaten auch nicht schützen können.

Der Zeitreisende

      

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Für Jugendliche ohne Schulabschluss zahlen alle

      

Jugendliche ohne Schulabschluss bekommen selten einen Ausbildungsplatz. Besonders Ausländer, aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und deutsche aus so genannten „bildungsfernen Familien“ gelten dann als „schwer vermittelbar“. Doch das Abschieben aufs soziale Abstellgleis verursacht Kosten.

Ahmad Aman ist ein quirliger 26 jähriger, der vor wacher Intelligenz nur so übersprudelt. Vor 18 Jahren ist er mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen. Er kam ohne Deutschkenntnisse in die vierte Klasse einer Grundschule. Mit 78 Fehlern war das erste Diktat ein Fiasko, aber:

„Ich war sehr glücklich weil ein damaliger Schüler 2 Fehler mehr hatte und das war schon (er lacht) gut für mich, also ich wurde dann nicht so ganz gedemütigt. Ich hatte dann die Empfehlung auf die Hauptschule zu gehen aber meine Eltern haben sich dagegen geweigert und dann habe ich freiwillig die vierte Klasse wiederholtso dass ich dann auf die Realschule gehen konnte.“

Mitterweile hat Ahmad studiert und arbeitet beim IMBSE in Moers, einem Bildungsträger, der benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ohne Schulabschluss qualifiziert, damit sie einen Ausbildungsplatz bekommen. Ahmad möchte ihnen Vorbild sein. Er vermittelt Fachwissen, aber auch auch die so genannten soft skills. Hände aus den Taschen, Handy aus. Nicht zu vergessen: ein bisschen Optimismus. Die Botschaft ist klar: „Was ich geschafft habe könnt ihr auch“:

„Meine Aufgabe besteht auch in erster Linie darin, die Jungs dahin zu begleiten dass sie auch mit einem gestärkten Selbstwertgefühl und selbstbewusst in die Arbeitswelt hineingehen und sich auch nicht immer als Außenseiter sehen und sich nicht damit abfinden müssen Ausländer oder so genannte Ausländer zu sein – weil sie Chancen haben und auch das Potential haben.“

Kein Schulabschluss, keine Chance, kein Selbstwertgefühl – dieser Teufelskreis ergreift jugendliche Ausländer, Migranten und Deutsche aus so genannten bildungsfernen Familien gleichermaßen. Dabei ist psychologisch und gesellschaftlich jeder dieser Jugendlichen eine verschleuderte Chance. Gleiches betrifft die Wirtschaftlichkeit: Als Erwerbstätiger und Steuerzahler fällt er aus, ja verursacht sogar Kosten. Entweder als Sozialhilfeempfänger oder als Teilnehmer von Qualifizierungsmaßnahmen.

Um Jugendliche in Ausbildung zu bringen gibt Deutschland jährlich rund 5,6 Milliarden Euro aus, hat das Institut der Deutschen Wirtschaft, IW Köln, errechnet. Dazu zählen zum Beispiel Berufsschulen, das Berufliche Grundbildungsjahr und andere Massnahmen. Mehr als eine halbe Millionen Jugendliche nehmen die Qualifizierung in Anspruch, pro Person und Jahr kostet das 10.000 Euro. Und doch sind die Ausgaben nötig und richtig, belegt die IW – Studie von 2008. Wenn die Integration ins Berufsleben gelingt, dann rentieren sich die Investitionen schnell. Wenn nicht, entgehen der Gesellschaft pro Person bis zu 480 000 Euro rechnet Michael Neumann von IW Köln vor:

„Jeder Jugendliche, den wir nicht in eine Ausbildung integrieren können, der keinen Berufsabschluss bekommt, kostet uns in seinem weiteren Leben in jedem folgenden Jahr etwa 12000 Euro, nur dass die über sein gesamtes restliches Erwerbsleben anfallen also im Zweifelsfall – wir gehen davon aus, ob des demographischen Wandels, dass wir in Zukunft bis 67 arbeiten müssen, vielleicht sogar länger, die wir arbeiten müssen, können das 40 Jahre sein, die dieser Jugendliche Jahr für Jahr 12.000 Euro weniger zur Wertschöpfung beiträgt bzw auf der anderen Seite Kosten der sozialen Sicherung in Anspruch nehmen muss, die sind da mit eingerechnet.“

Jugendliche die keinen Beruf haben werden zudem schneller kriminell und krank. Schulexperten wie der Soziologieprofessor Rainer Geißler sprechen darum von einer Zeitbombe. Aber möglicherweise kommt Deutschland mit einem blauen Auge davon. Weil die Gesellschaft immer älter wird braucht sie künftig auch die Jugendlichen, die heute als „Bildungsversager“ und „nicht ausbildungsreif“ gelten. Auch es lohn es sich, Energie und Geld in Jugendliche zu investieren, die heute noch als „hoffnungslose Fälle“ abgestempelt sind sagt Ahmad Aman:

„Ich denke Bildung ist, wie viele sagen „Humankapital“ und ist ein Stück Investition in die Zukunft. Was ja nicht nur für Migranten gut ist sondern in erster Linie für Deutschland. Denn wenn wir uns einstellen wollen auf die Zukunft und investieren wollen, dann muss man in Bildung investieren.“

Mai 2009, in veränderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Macho, Migrant, Bildungsverlierer?

      

„Bildungsverlierer“ – das war in den 60ger Jahren das katholische Mädchen vom Land. Heute wird das Etikett männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgeklebt. Doch die Frage von Schuld und Verantwortung für das Versagen ist komplex.

Mehmet ist nicht zu bändigen. Der 14jährige Hamburger Gesamtschüler erzählt bei jeder Gelegenheit Blondinen – Witze,gern auch mehrmals. Seine Klassenkameradinnen sind genervt. Seine Lehrerin klagt über sein „Machoverhalten“. Mehmets Versetzung ist gefährdet, möglicherweise gar der Schulabschluss. Andreas Schiemann kennt solche Szenen. Er arbeitet in der Evangelischen Gesellschaft „EVA“, die Jugendliche ohne Schulabschluss für einen Beruf qualifiziert. Dort geht man mittlerweile andere Wege.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in gemischten Klassen, wo Jungs und Mädels sind und eine Lehrerin, dass die Jungs da völlig abschalten. Dass da außer Spaß und Quatsch nichts kommt, sie auch nicht mitarbeiten und sich auch nicht trauen, sich am Unterricht zu beteiligen. Das mag daran liegen, dass, wenn sie was falsches sagen, die Mädels wohlmöglich lachen. Dann hatten wir‘s getrennt – ein Mathekurs für Mädels und ein Mathekurs für Jungs – und dann funktionierte es. Die Jungs haben auch einen Lehrer bekommen und dann auch mitgearbeitet und konnten die Hilfe annehmen.“

Kaspereien, Provokationen, ein scheinbar aufgeblasenes Ego, das Schwächen verbirgt – das ist allen Jungen – gleich welcher Nationalität oder Herkunft – in der Pubertät gemeinsam. Allerdings wird „Männlichkeit“ von Kultur anderes definiert. Und von Jungs individuell „geübt“.Das komme für Migranten erschwerend hinzu, glaubt der Psychologe Ahmet Kimil vom Ethomedizinischen Zentrum Hannover.

„Männer in traditionellen Gesellschaften verkörpern Stärke, müssen stark sein, müssen ihre Familien ernähren. Für die erste Generation gab es ja in den Fabriken viele Möglichkeiten wo sie auch ohne Bildung arbeiten konnten, ihre Familien ernähren konnten etwas aufbauen konnten. Und für die zweite, dritte Generation, die im Bildungssystem eventuell auch gescheitert sind, für die gibt es natürlich das Problem, dass sie auch ihre Rolle in der Gesellschaft nicht finden. Dann kommen Gefühle von Wut, Ärger, von „Nicht dazu zu gehören“, auch eine Form von Entfremdung und dann kann man beobachten, das solche Jugendliche eher zu Gewalt neigen oder zu Drogen greifen oder andere Probleme bekommen, auch psychischer Art.“

Marita Bell arbeitet an einer Hauptschule in Niedersachsen. Sie versucht auf unterschiedliche Art, ihre Schüler zu disziplinieren: Grenzen zu setzen. Konsequent „nein“ sagen, Worte in Taten umsetzten.

„Noch besser wird es manchmal, wenn ich die Väter mit reinkriege. Manche Väter muss man drei, viermal in die Schule bestellen, bis sie widerwillig herkommen – aber wenn die merken, gerade die Jungen, dass ich versuche mit dem Vater zu arbeiten, dann ist zumindest äußerlich zeitweilig eine Veränderung zu sehen.“

Manchmal reicht nicht mal die Autorität der Väter. Wenn Söhne mit Migrationshintergrund ihre Väter als schwach erleben, wenn sie – aus deren Sicht – „kriechen“ vor den Ansprüchen der Mehrheitsgesellschaft, dann bleibt der Respekt oft auf der Strecke. Eben darum sei es wichtig, dass Jungen mit Migrationshintergrund auch außerhalb der Familie männliche Vorbilder und Chancen hätten. Frustration sei auf Dauer gefährlich sagt der Psychologe Kimil.

„Ich persönlich habe in meiner eigenen Biographie das erlebt: Ich musste gegen bestimmte Vorurteile in meiner eigenen Familie ankämpfen, das war für mich die größte Aufgabe. Auf der anderen Seite musste ich manchmal auch Vorurteile auf Seiten der Schule aufarbeiten. Man muss wirklich bei den Jugendlichen ansetzen und gucken: Was hat der wirklich für Ressourcen? Man muss ihnen das Gefühl geben, das sie nicht allein sind, auf der anderen Seite muss man ihnen klar machen, dass sie selber über den Platz in dieser Gesellschaft bestimmen.“

Deutsche Welle, in geänderter Fassung Mai 2009

Männlich, Migrant, Schulversager?

      

Jungen gelten als „Verlierer“ im deutschen Bildungssystem. Im Schnitt sind ihre Noten schlechter als die der Mädchen. Sie schaffen seltener einen Abschluss. Innerhalb der „Problemgruppe Jungen“ gelten männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund als besonders schwierige Fälle.

Gökhan Tezgel war ein durchschnittlicher bis guter Schüler. Das Chaos begann mit seiner Pubertät, erinnert er sich:

„Dann hatte ich immer noch einen guten Notendurchschnitt nach der 6. Klasse, habe aber eine Hauptschulempfehlung bekommen von meiner Lehrerin, sie meinte halt aus pädagogischen Gründen, was eigentlich auch totaler Schwachsinn war, ich bin aber trotzdem zur Realschule gegangen, habe das trotzdem konsequent ein Jahr durchgezogen, wo meine Noten dann auch sehr gut waren. Danach hatte ich etwas Probleme mit mir, mit meiner Selbstfindung und ähnliches, dann bin ich sitzengeblieben.“

Hauptschule, Schulverweis, eine andere Hauptschule. Gökhan scheint abzurutschen. Plötzlich der Wendepunkt: Er fängt sich, schafft den Abschluss, einen weiteren an der Realschule, schließt eine Ausbildung ab. Nun, als 20 jähriger, drückt er erneut die Schulbank: Ziel Abitur. Seine Mutter Ayse sagt rückblickend:

„Das hat mit 7.Klasse angefangen. Das ist ja genau die pubertärende Alter. Und das war auch Gökhans Worte wo er gesagt hatte: Bei den anderen machen die Lehrer die Augen zu. Und bei mir machen sie beide Augen auf. Sie warten drauf dass ich irgendwas mache und dann: Siehst Du, in diesen Rahmen passt Du rein!“

Vorurteile der Lehrer, eine strukturelle Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem, Eltern, die ihren Jungen keine Grenzen setzen, pubertierende Jugendliche, die aufbegehren und den Unterricht torpedieren – die Forschung nach Ursachen ergibt einen Strauß unterschiedlicher Problemlagen, Einzelfälle liefern kaum allgemein gültige Erklärungsmuster. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind üblich, führen aber nur zu Machtkämpfen. Dabei tragen zumeist alle ihren Teil zur Entwicklung bei. Im Fall der Schulen und Lehrer ist es zum Beispiel die Unfähigkeit, angemessen auf die Probleme der Jugendlichen einzugehen, ja sie überhaupt wahrzunehmen, sagt der Schulexperte und Siegener Soziologieprofessor Reiner Geißler und zitiert Ergebnisse der Pisa – Studie:

Bei Pisa wurde gefragt, die Schüler wurden gefragt: Fühlen Sie sich von ihren Lehrern unterstützt, wenn sie Hilfe brauchen? Und die erste Pisa Studie hat gezeigt: von den 29 OECD Ländern war Deutschland dasjenige, wo sich die Schüler am wenigsten unterstützt fühlten.“

Den Befund lastet Geißler nicht pauschal den Lehrern an Vielmehr fehle in Deutschland noch „eine Kultur des Förderns“. Das deutsche Schulsystem setze generell zu stark auf Selektion – die Auslese vermeintlich schlechter Schüler angelegt. Problemschüler werden so gewissermaßen „nach unten durchgereicht“: Vom Gymnasium, zur Real- zur Hauptschule. Zudem legen wissenschaftliche Befunde nahe, dass Lehrer dabei häufig nicht Leistungen, sondern das Verhalten der Schüler oder ihre Herkunft mit benoten. Gleichzeitig gibt es Jugendliche, die schlechte Noten und Unsicherheit mit einem Übermaß an Macho-Gehabe überspielen und als ständige Störer oder provokante Paschas ihr Umfeld zur Verzweiflung bringen. Die Lehrer wiederum reagieren, indem sie Vorurteile gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufbauen, kultivieren und die Probleme unreflektiert „der anderen Kultur“ in die Schuhe schieben statt sie als mehr oder minder normale „pubertäre Ausfälle“ zu begreifen:

„Auf der anderen Seite haben wir auch eine Diskriminierung , ich nenn das mal so, es ist ein bisschen scharf formuliert, die in den Schulen stattfindet. Leistungsfähigkeit von Migrantenkindern und auch Leistungen von Migrantenkindern werden nicht so gewürdigt, wie bei einheimischen Kindern, und das ist Diskriminierung. Sie werden nicht richtig gefördert und nicht richtig gewürdigt.“

Viele Schulen haben mittlerweile einen Weg beschritten der zukunftsweisend scheint: Mit Elternabenden, Elterninitiativen, Eltern-Arbeitskreisen werden vor allem die Mütter stärker in der Schule eingebunden. Bei Vätern – von Kindern mit Migrationshintergrund, aber nicht nur – ist das offensichtlich schwerer. Sie scheinen sich nicht, oder noch nicht für die Schulkarriere ihrer Kinder zu interessieren. Wo es gelingt und Eltern und Schule nicht gegen- sondern miteinander arbeiten – zum Wohl der Kinder nämlich- ist eine Lösung der Probleme in greifbarer Nähe.

März 2009, veränderte Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Zwischen Disko und Moschee

      

Eine Bertelsmann Studie bescheinigte Muslimen in Deutschland jüngst eine zunehmende Hinwendung zu ihrer Religion. Beleg für eine Islamisierung? Nein, sagen zwei Rostocker Wissenschaftler. Was sich statistisch als einheitlicher Trend darstellt entpuppt sich bei näherem Hinsehen als vielschichtiger. Bei ihrer Studie über muslimische Jugendkulturen haben die Forscher genauer nachgefragt.

Der schwule Kurde, die flotte Bauchtanz – Queen in der türkischen Disko, der gläubige Jungunternehmer – die Lebensentwürfe junger Muslime in Deutschland sind vielfältiger als es Statistiken vermuten lassen. Mit mehr als 100 jungen Muslimen in ganz Deutschland haben die Rostocker Wissenschaftler gesprochen und gezielt nach biographischen Details gefragt. Die Lebensläufe sind weder stromlinienförmig noch homogen, wie Diplom Pädagogin Claudia Lübcke resümiert. Zum Beispiel die muslimische Rapperin mit Kopftuch:

"Subaia ist eine junge Frau die in der Großstadt aufgewachsen ist und aus ner Familie kommt wo sie stark beeinflusst wurde von der politischen Erziehung ihres palästinensichen Vaters, auch Gewalt erfahren hat in der Familie, ein eher negatives Verhältnis hatte zu ihrer Mutter, die keinen liebevollen Umgang mit ihren Kindern pflegte. Sie ist dann ausgebrochen, ist in Diskotheken gegangen, hatte mit Religion in dieser Zeit auch nichts zu tun, hat sich dann auch ab 18 schon professionell entschieden Rapperin zu werden und war in der Szene aktiv und das wurde dann nach dem 11. September noch mal verschärft weil sie sich nach dem 11. September entschieden hat, ein Kopftuch zu tragen."

Die Studie der Rostocker stützt wissenschaftliche Befunde, nach denen der Islam eine zentrale Rolle spielt im Leben jugendlicher Muslime. Gleichzeitig sind sie Deutsche – und fühlen sich auch so, wie Hans Jörg Wensierski, Professor für Erziehungswissenschaft und Jugendbildung betont:

"Was wir bei unseren Jugendlichen finden – ist, dass das Jugendliche sind, die von klein auf in Deutschland aufgewachsen sind und sich sehr stark identifizieren mit Deutschland, ihrer Heimat, das Land, das sie stark geprägt hat und trotzdem gleichwohl ihre islamische Identität zu betonen und beides miteinander zu vereinbaren suchen. Wenn man so will ist das natürlich auch ein Indikator für einen spezifisch europäischen Islam weil bestimmte Werthaltungen, bestimmte Vorstellungen, von Demokratie, von Staat, von Kultur, von Rechten als Frau in der Gesellschaft mit muslimischen Konnotationen verbunden wird."

Es geht also um die Verbindung zwischen Religion und der Gesellschaft, in der sie leben. Kennzeichnend ist bei jungen Muslimen dabei eine enge Bindung an ihre oft konservativen Familien und ihre Religion. Beides Konstanten im Leben nahezu aller jungen deutschen Muslime – egal welcher Jugendgruppe oder -szene sie sich sonst zugehörig fühlen. Allerdings – und das ist wissenschaftlich bislang nur wenig beleuchtet worden –  ist das Bekenntnis zum Islam nicht gleichzusetzen mit lebenslanger Frömmigkeit. Die Religion mit ihren Ge- und Verboten zur religiösen Lebensführung erscheint oder verschwindet in vielen Biographien  – abhängig von individuellen Wegen und Lebensphasen. Nicht selten stießen die Wissenschaftler auf extreme Wandlungen:  Zum Beispiel von einem kindlichen Glauben zu einer „expressiven Jugendphase“ wie das im Fachjargon heißt:

Diskotheken, Alkohol, bestimmte Jugendkulturen, die ne Weile aktuell waren, sexuelle partnerschaftliche Beziehungen – im Prinzip also das ganze Spektrum. Und haben sich dann aber nach ner bestimmten Zeit wieder rückorientiert.

Religion kann also in einer späteren Lebensphase wieder zum Leitmotiv der Lebensführung werden, betont Claudia Lübcke. Aber:

"Was jetzt nicht heißt dass sie die gleichen religiösen Vorstellungen wie ihre Eltern vertreten als Erwachsene sondern haben im Prinzip durch Einflüsse der Gemeinden oder Einflüsse im Studium sich wieder in diesen Richtungen orientiert, aber darüber hinaus sich trotzdem vom Islam der Elterngeneration sich ein Stück weit emanzipiert – da würde ich auch sagen, dass sich in den eigenen Religionsvorstellungen und Konzepten dieser Leute auch durch diese Jugendphase Veränderungen ergeben haben."

Wandlungen, die eine Statistik als Momentaufnahme nicht erfasst. Und auch der neu erschaffene Begriff „Pop-Islam“ das Phänomen nicht treffend beschreibt, weil er den Glauben zum Modeaccessoire degradiert. Die Lebensläufe der Jugendlichen erzählen eine andere Geschichte. Sie belegen, welche individuellen Schwierigkeiten und Spannungen sich ergeben, einen allumfassenden Glauben wie den Islam mit den Werten einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft in Einklang zu bringen.  

Mai 2009, in veränderter Fassung für Deutsche Welle

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