Archiv: Kinder

Geliebter Feind

      

Frieden schaffen ist ein löbliches Ziel. Allerdings müssen Konfliktparteien dafür bereit sein, nicht nur „vom Kopf her“ sondern auch emotional. Wie schwierig das ist zeigt „Kinder lehren Kinder“, ein Programm für jüdische und palästinensische Schüler in Israel. Die Organisatoren der Bildungseinrichtung Givat Haviva begleiten die Teilnehmer bei dem oft schwierigen Prozess einer Begegnung. Auszüge aus einem Feature für den NDR:

Audio:  Kinder lehren Kinder

Der Zeitreisende

      

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Kinder erklären das islamische Opferfest

      

In vielen Ländern begehen Moslems in diesen Tagen (ab 15.Oktober in 2004 ) das islamische Opferfest. Heute zum Beispiel haben die Kinder in Jordanien und Saudi-Arabien schulfrei. Dort wird das Opferfest gleich mehrere Tage gefeiert,  für Moslems ist es in etwa so wichtig wie Weihnachten für uns. Die Gläubigen besuchen sich und schenken sich auch was. Aber das wirklich besondere am Opferfest ist das Schlachten.

Geräusch:  Schafblöcken

In Ländern, in denen die Mehrheit der Menschen Moslems sind, geht es den Schafen in diesen Tagen an den Kragen. Kurz vor dem Fest kauft jede Familie ein Tier und tötet es. Schächten nennt man diese besondere Art des Schlachtens, die von der Religion genau vorgeschrieben ist. Dabei werden die Tiere ohne Betäubung getötet. In Deutschland dürfen das nur speziell ausgebildete Metzger machen. Der Schlachter Yussuf Günel  weiß, wie es geht:

Nach dem Islam, unserem Prophet Mohammed  so wird das geschlachtet: Den Kopf nach Osten nach Mekka sozusagen und danach schneidet man. Messer an Hals und sagt Bismillah allah u akbar.“

Im Namen Gottes, Gott  ist groß, heißt das. Dabei muss der Kopf des Schafes in Richtung der Stadt Mekka zeigen. Dort hat der Prophet Mohammed gelebt, den die Moslems sehr verehren.Wo genau das Schaf  geschlachtet werden soll, darüber sagt die Religion nichts.

In Deutschland leben etwa 4 Millionen Moslems und manche von denen lassen einfach in ihren Heimatländern schlachten. Eben darum weiß Kilian Altintosh auch nichts über das Opferfest:

Kilian:

Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll.

Kilians Vater:

„Das ist meine Schuld ich hab ihm solche Sachen nicht beigebracht. Aber langsam ist es Zeit, dass er das lernen muss. Hier großartig feiern wir auch nicht. Meistes Geld schicken wir in die Türkei, unsere Eltern schlachten da für uns ein Lamm – das wars.“

Da kennt sich  Leila schon ein bißchen besser aus. Ihre Familie hat in Hamburg ein Schaf gekauft und bereits abgeholt – vom Schlachthof:

Leila:

„Zum Beispiel mein Bruder war letztens da und er hat es erzählt: Da war ein lebendiges Lamm und die haben einfach so den Kopf abgeschlachtet. Und die sagen auch ein Wort dafür: Bismillah und danach schlachten sie ihn. Es werden ganz viele Tiere geschlachtet und das tut mir sehr leid.“

Ute H.:

Leila, Schenua  und viele andere Kinder, die in Deutschland geboren sind finden das Schlachten von Tieren am Opferfest nicht gerade toll – auch wenn sie Muslima sind. Aber das Fest selbst mögen sie:

„Also unsere Väter, die schlachten ein Lamm und (andere) den essen wir dann später und braten wir ja, und dann braten wir ich glaub die müssen auch noch zur Moschee gehen und beten und dann kommen die nach Hause und danach müssen wir jüngere Leute immer zu den Älteren Leuten hingehen und danken und müssen dort auch essen.“

Das Fleisch des geschlachteten Schafs wird immer zusammen mit Verwandten verspeist. Oder auch an Arme verschenkt. In Erinnerung an eine Geschichte, die es im heiligen Buch derMoslems, dem Koran,  gibt. Es ist die Geschichte von  Ibrahim , wie Gökhan in der Moschee erzählt bekommen hat:

„Dieser Ibrahim – er wollte einen Sohn. Aber seine Frau – sie konnten keine Kinder zeugen. Darum hat er sich von Gott einen Sohn gewünscht sag ich mal. Dann ist er gekommen, aberGott meinte: Wenn ich sag Du sollst ihn töten, dann wirst Du ihn auch opfern.“

Ibrahim hatte zwei Söhne, Ismail und Isaak. Eines Tages kam ein Engel zu Ibrahim und befahl ihm, seinen Sohn Ismail zu töten. Ibrahim war sehr traurig, dennoch wollte er Gott gehorchen. Doch als er zum Messer griff, hörte er eine Stimme: „Töte Deinen Sohn nicht.“ Da wurde Ibrahim sehr froh, dass sein Sohn gerettet war und er verstand, dass es nur eine Prüfung seines Glaubens gewesen war.

Görkhan:

Dann hat Gott ihm eine Ziege oder Schaf geschickt und dann hat er den geopfert – und seitdem opfern wir auch.“

Ibrahim gibt es übrigens nicht nur bei den Moslems sondern auch bei den Christen. Bei uns heißt er nämlich Abraham. Abraham ist für alle Religionen wichtig, die an einen Gott glauben: Moslems, Juden und Christen. Und auch, wenn die Geschichte zunächst ein bißchen gruselig klingt hat sie doch eine sehr freundliche Bedeutung: Es ist nicht notwendig, im Namen Gottes Blut unter Menschen zu vergießen. Wer statt dessen etwas hergibt von seinemHab und Gut, und seinen Reichtum mit anderen teilt, zum Beispiel ein Schaf, der kann sich Gottes Wohlwollen sicher sein. Sei er nun Jude. Christ oder Moslem.

Oktober 2004, in geänderter Fassung für D-Radio , Kultur, Kakadu

Kinder in Afghanistan, Teil 4: Arbeit und Freizeit

      

In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, ist das Leben hart – auch für viele Kinder. Rund 30 Jahre lang war Krieg, viele haben Familienangehörige verloren und Armut gibt es überall. Nur jedes zweite Kind geht zur Schule. Oft liegt es daran, dass schon Fünfjährige mithelfen, die Familie zu ernähren.

Atmo Straße, Stau, Hupen

Autorin: In Kabul, Afghanistans Hauptstadt, ist Stau. Schier endlos reiht sich Auto an Auto, nichts geht voran. Das ist Hamids Chance. Geschickt schlängelt er sich durch die Reihen. Mit schmutzigem Gesicht, das nur aus großen, traurigen Augen zu bestehen scheint, klopft der Achtjährige an Fensterscheiben, bettelt um eine Handvoll Münzen. Allein in Kabul gibt es 60.000 bis 70.000 Straßenkinder wie Hamid, schätzen internationale Organisationen, die dem Land auf die Beine helfen wollen.

Atmo Musik

Autorin: Bei einer dieser Organisationen – sie heißt „Save the children“, also: Rettet die Kinder arbeitet Mareena. Die Afghanin ist eine Art Schutzengel für Mädchen und Jungen aus armen Familien. Sie spricht mit Eltern und Geschwistern, versucht sie zu überzeugen, wie wichtig Lernen für das Leben der Kinder ist – wenigstens ein, zwei Stunden am Tag. Viele haben den Anschluss verpasst, sie brauchen erstmal eine Art Vorschule. Das bietet „Save the children“:

"Unsere Aufgabe ist es in die Nachbarschaft zu gehen und Kinder anzusprechen, die nicht in die Schule gehen sondern auf der Straße leben. Kinder aus armen Familien, die Müll oder Metall auf den Straßen sammeln. Das verkaufen sie dann für eine Handvoll Kleingeld. Wir unterrichten diese Kinder: In Dari, unserer Sprache, Mathematik, Lebenskunde. Und wir lesen den Koran."

Autorin: Auf den ersten Blick scheint es, als ob nur Jungen Geld verdienen. Doch das stimmt nicht. Auch Mädchen müssen arbeiten – allerdings meist hinter verschlossenen Türen. Zum Beispiel Zagoona. Sie ist 16 Jahre alt und musste mit ihrer Familie flüchten – in ein kleines Dorf im Norden Afghanistans:

"Als ich herkam war mein Leben hart – ohne meinen Vater. Ich war jung und bin nie zur Schule gegangen. Meine Mutter hat die dreckigen Kleider anderer Leute gewaschen.Ich mache Stickarbeiten oder verpacke Bonbons und andere Süßigkeiten zusammen mit meiner Mutter. Hergekommen sind wir, um Feinden zu entkommen. Sie hatten gedroht, meinen Bruder zu töten nachdem sie schon meinen Vater umgebracht hatten."

Autorin: Mittlerweile geht Zagoona zur Schule. Dagegen war der 12jährige Rawschan vom ersten Tag an im Unterricht. Doch auch er muss die Familie unterstützen. Meist macht ihm das sogar Spaß. Fast täglich zieht er mit dem Esel los. Wenn das Tier Lasten schleppt, Getreide vom Feld ins Dorf bringt, muss Rawschan laufen. Aber auf dem Hinweg ist der Sattel frei. 

Nöö, sagt er. Einen Namen habe der Esel nicht. Er heiße einfach Esel. Wenn Rawschan reitet und „Esel“ in einen zockelnden Trab verfällt,  dann sieht das kinderleicht aus. Wer es mal selbst versucht hat weiß allerdings – die Langohren haben einen tierischen Dickschädel. "Aber natürlich gibt es ein paar Tricks, damit der Esel macht, was ich will", erklärt Rawschan. Dazu zählt der Gebrauch einer aus Holz und Seil gefertigten Gerte.

Trotzdem will Rawschan später nicht Bauer, sondern Lehrer werden. Genauso wie der 8 jährige Amir Ali, der bis vor kurzem auf der Straße gebettelt hat: "Ich will den Kindern gutes Benehmen beibringen. Vor allem den Straßenkindern, die machen anderen oft Probleme, sagt er. Denn eins haben Zagoona, Rawschan, Amir Ali, ja fast alle Kinder Afghanistans kapiert: Wer in der Schule fleißig ist hat die Chance auf ein besseres Leben in der Zukunft.

September 2010, in geänderter Form gesendet auf D-Radio Kultur

Kinder in Afghanistan, Teil 2: „Erleuchtung“ für’s Dorf

      

Könnt Ihr Euch ein Leben abseits großer Städte vorstellen? In den Bergen? Ohne Computer, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne elektrische Zahnbürste, ohne Herd zum Kochen, ohne Licht? In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, leben viele Menschen so. Es gibt nämlich nur in etwa 5 von 100 Haushalten Strom. Auf dem Land ist die Situation, im wahrsten Sinne des Wortes, oft finster. Wenn also in einem Dorf mit Hilfe des deutschen Entwicklungsministeriums plötzlich eine Straße gebaut wird, und dann ein Wasserkraftwerk für Strom ist das ein echtes Ereignis:

Hoch türmen sich Berge aus Schotter und Geröll. Ein paar kleine Sträucher sind die einzigen Zeichen von Leben. Es könnte das Ende der Welt sein. Und doch wohnen Menschen in der Nähe:  Zusammen vielleicht Hundert Frauen, Männer und Kinder, in einem Dorf namens Fargambow. Bis jetzt hatten sie selten Kontakt zur Außenwelt. Die Fahrt zur nächsten Stadt dauert Stunden. Und nur wenige haben ein Auto.

Wer aus dem Dorf heraus wollte, brauchte einen Jeep. Mit dem konnte man in regenarmen Monaten immerhin durch ein Flussbett fahren. Und selbst damit ging es in der Vergangenheit oft nicht weiter erklärt Martin Kipping, Afghanistan – Experte aus dem Entwicklungsministerium:

„Hier gab es früher einen Pfad, einen Eselpfad und sonst nichts, und die Leute sind dann durchs Flusstal gefahren. Das geht halt nur zu besonderen Zeiten des Jahres, im Winter nicht, da liegt hier halt Meter hoch Schnee.“

Trotz der neuen Straße – die eigentlich noch immer kaum mehr ist als eine Schotterpiste fährt unser Jeep meist im Schritttempo. Aber schließlich kommt Fargambow doch in Sicht. Anita Richter  arbeitet schon länger in Afaghnistan im Auftrag der Bundesregierung und hat mit geholfen ein Wasserkraftwerk zu bauen. Das soll Fargambow und eine Handvoll anderer Dörfer künftig mit Strom beliefern. Auf den letzten Metern zum Dorf erklärt sie, wie die Menschen bisher ohne Elektrizität ausgekommen sind. Zum Beispiel mit einer Art Flugzeugbenzin:

„Bis jetzt haben die Leute hier für Licht Kerosinlampen benutzt. Zum Kochen benutzen sie getrocknete Büsche und Holz und damit ist natürlich das Leben sehr einfach und eingeschränkt. Zum Arbeiten mit Maschinen müssen dann Dieselgeneratoren eingesetzt werden, die sehr teuer sind. Und wir versuchen halt hier eine kostengünstige Stromquelle anzubieten. Das erleichtert den Frauen die Arbeit im Haushalt: Bügeln, kochen. Am Abend haben die Leute Licht – und die ganze Nacht – sie können jetzt zusammen sitzen und haben damit nicht die ganzen Abgase im Haus. Das ist gesünder.“

Genau einen Abend vor unserem Besuch hat es in Fargambow zum ersten Mal Strom gegeben. Doch die rund 40 Männer, die uns aus Richtung einiger Lehmhütten entgegenkommen sehen eher unheimlich aus, als erfreut. Ihr Blick ist streng, Sonne, Wind und Wetter haben ihre Haut gegerbt. Und mit den bärtigen Gesichern und den Turbanen auf dem Kopf sehen sie aus wie Krieger.

Plötzlich heben sie die Arme, werfen etwas in unsere Richtung. Ein Bonbonregen prasselt auf unsere Köpfe herab, auf diese Weise zeigen sie ihre Dankbarkeit. Während ein Trupp von Jungen aufgeregt lachend um alle herumschwirrt, steht Marowait etwas abseits. Die zehnjährige hütet nach der Schule Ziegen. Aber auch sie weiß, dass dieser Tag anders ist als andere. Mutig und mit fester Stimme beginnt sie zu erzählen, obwohl die Männer sie immer wieder unterbrechen:

„Der Strom bringt Licht in unser Leben. Auch wir Kinder sind darüber sehr glücklich. Wenn wir morgens zur Schule müssen und abends wenn es dunkel wird können wir jetzt lernen – oder uns ein schönes Fernsehprogramm anschauen.“

Natürlich hat längst nicht jede Familie im Dorf einen Fernseher. Darum versammeln sich die Kinder um die wenigen Geräte und streiten, oft mit den Erwachsenen, welches Programm geguckt wird. Einige lieben schmalzige Serien über Liebe und Verrat. Andere die Heldengeschichten . Vor allem die Jungen sind wild auf Abenteuerfilme.

Marowait aber hat andere Vorlieben:

„Trickfilme. Und Schulprogramme. Da kann man nämlich lernen, wie man zählt.“

So haben es die Kinder von Fargambow künftig leichter. Wer in der Schule nicht aufgepasst hat kriegt eine zweite Chance. Dank dem afghanischen Kinderprogramm. Und Strom aus dem neuen Wasserkraftwerk.

September 2010 in geänderter Form gesendet auf D-Radio Kultur, Kakadu

Kinder in Afghanistan, Teil 1: Bloß nicht krank werden!

      

Afghanistan liegt in Asien zwischen Indien, Pakistan und China.  Weil es dort fast nichts gibt als Berge – sie stehen auf rund 90 Prozent der Landesfläche und sind bis zu 7500 Meter hoch – können die Menschen nur wenig anbauen. Wichtige Nahrungsmittel fehlen – sogar auf den Märkten.  So zählt Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt und für Kinder ist das Leben besonders hart. Besonders, wenn sie krank werden oder einen Unfall haben.

An den Wänden des Krankenzimmers liegt eine Matratze neben der anderen. Männer hocken darauf, in ihre Shalwar Kamez, die typischen langen Hemden und Pluderhosen gekleidet, reden  leise miteinander, andere dösen.  Kein Fernseher, kein Radio vertreibt ihnen die Zeit. Manchmal bietet allein das Rauschen des Flusses Ablenkung, der in der Nähe der Krankenstation vorbeifließt.

Ganz hinten, in einer Ecke unter dem offenen Fenster, sitzt Abdul Gudeev und daneben sein Vater. Beide haben die Beine zum Schneidersitz untergeschlagen. Der linke Arm des Jungen ist mit einer Mullbinde umwickelt, zwei riesige Schrauben stabilisieren den Verband. Mit seinen grünen Augen und den Sommersprossen auf der Knubbelnase sieht der Zehnjährige eigentlich aus wie der typische Lausbub. Doch sein Blick klebt am Fußboden und seine Stimme ist kaum hörbar, wenn er spricht. Wie viele Kinder in Afghanistan ist er schüchtern – zumindest solange er mit einem  Erwachsenen redet. Denn die gelten als Respektspersonen. Bei der Frage, wie was mit seinem Arm passiert sei, taut er dann aber doch auf.

Ich bin aus der Schule gekommen, vom Esel zusammen gefallen und ziemlich hart auf dem Boden aufgeschlagen – so ist es passiert, sagt der Zehnjährige.

Er stammt aus einem kleinen Dorf, erzählt er weiter, das sieben Auto-Stunden entfernt ist von der Krankenstation. Die Familie ist arm, von einem Fahrzeug können sie nur träumen. Sie gehen zu Fuß oder nehmen bei längeren Strecken ihre Esel. Aber nach dem Unfall, mit dem gebrochenen Arm, kommt ein Ritt natürlich nicht in Frage. So müssen alle  warten und hoffen –  bis ein Lastwagen ins Dorf kommt.

Der Fahrer bringt den Jungen und seinen Vater in die Stadt Faizabad – zur Krankenstation. Seit zwei Wochen sind beide dort. Ein Arzt erklärt, warum:

„Weil das arme Leute sind. Wenn sie herkommen, haben sie nicht mal Geld, um auf den Bazar, den Markt zu gehen. Schon gar nicht, um im Restaurant zu essen. Wenn sie hier in die Krankenstation kommen, bekommen sie alles.“

In einem anderen Teil der Krankenstation sind Mütter mit ihren Kleinkindern untergebracht. Alle sind erschreckend dünn. Folge einer schlechten, beziehungsweise einseitigen Ernährung. Jedes vierte Kind in Afghanistan stirbt, bevor es fünf Jahre alt ist.  Oft wissen Mütter wie Sabsagal, nicht einmal, dass ihr Kind von Brot allein krank werden kann.

Manchmal gibt es Reis, manchmal Kartoffeln, sagt Sabsagal, was übrigens „Wiesenblume“ heißt.

Die Krankenstation bezahlt  ein Verein namens Kinderberg. In Deutschland werden dafür Spenden sammelt. An anderen Orten wie zum Beispiel der Stadt Masar-i-Scharif baut die Regierung, genauer: das Bundesministerium für Entwicklung mit unseren Steuergeldern zusätzlich Krankenhäuser. Dahinter steckt die Idee, den Menschen zu helfen.  Wenn es den Bewohnern ärmerer Länder besser geht, weil sie auch Krankenhäuser, Schulen, Strom und sauberes Wasser haben, dann können sie irgendwann für sich selbst sorgen. Das verhindert dann einerseits Kriege, andererseits auch die Flucht in reichere Länder, glauben Experten.

Auf der Männerstation hat Abdul Gudeev Zeit, sich mit seinem Vater zu unterhalten. Der Junge geht mit 50 anderen Kindern in eine Klasse und möchte später  Lehrer werden. Auf die Frage „warum“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Ich möchte, dass es meinem Dorf später besser geht, sagt er.

Semptember 2010 in variierter Form gesendet auf D-Radio Kultur, Kakadu

Kinder in Afghanistan, Teil 3: Büffeln für die Zukunft

      

Afghanistan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Die meisten Bewohner leben von der Landwirtschaft. Je nach Jahr und Wetter "fressen" Hitze, Dürre, Eis, Schnee allerdings einen Teil der Ernte. Dazu gibt es nur altmodische, landwirtschaftliche Maschinen – und meist keinen Strom.  Lernen ist für afghanische Kinder darum besonders wichtig.

Eine Handvoll Hütten. Wie kleine Bauklötzchen in der Hand eines Riesen kleben sie an den Berghängen, den Ausläufern des massigen Hindukusch Gebirges. Kaum Grün, ein paar Gräser vielleicht, dazu Esel, die auf Pfaden und Schotterpisten herumtrotten, wenn sie nicht gerade zum Lasten schleppen gebraucht werden. So sieht es im Heimatdorf des 10jährigen Abdul aus. Und doch er hat Glück. Für die Kinder der Region gibt es immerhin schon eine Schule.

Drei Jungen aus dem Dorf "Fargambow"

Abdul ist der fünfbeste und dem 10jährigen ist sonnenklar, was er werden will:

Lehrer, erklärt er voller Überzeugung. Mit diesem Wunsch ist er nicht allein. Als Kinderberg, ein deutscher Verein, vor gut einem Jahr mehr als 1400 Jungen und Mädchen in Afghanistan fragte, was sie später werden wollen, haben fast die Hälfte so geantwortet. Das ist verwunderlich. Denn Lehrer sind in den Dorfgemeinschaften zwar angesehen, weil sie ihr Wissen teilen und damit der Allgemeinheit dienen. Doch gleichzeitig verdienen sie so wenig, dass die meisten einen zweiten Job brauchen, um ihre Familien zu ernähren.

Es sind Gewalt und Zerstörung, die afghanische Kinder und Erwachsene geradezu lernhungrig gemacht haben. Denn in den letzten Kriegsjahren herrschten die Taliban.

Das heißt übersetzt zwar „Schüler“. Aber vom Lernen hatten diese bärtigen, teilweise gewalttätigen Männer, die selbst oft gar nicht zur Schule gegangen waren, sehr merkwürdige Vorstellungen. Mädchen sollten gar keinen Unterricht bekommen und Jungen nur den Koran, das heilige Buch der Muslime, auswendig lernen. Jamshed, heute Übersetzer, erinnert sich noch gut an seine Schulzeit:

"Es gab Schulen nur für Jungen. Wir mussten alle Turbane aufsetzen und wir durften unsere Bärte nicht rasieren. Wer was lernen wollte, musste diesen Regeln folgen. Es gab jede Menge Verbote."

Seinem Freund Rushan war das zu blöd. Und weil die Taliban keine andere Art von Unterricht erlaubten, entschlossen er und seine Geschwister sich für einen gefahrvollen Weg. Familienunterricht im Verborgenen:

"Meine kleine Schwester durfte damals nicht nur Schule gehen. Wir haben ihr zu Hause heimlich alles beigebracht. Da hat sie auch Englisch gelernt. Ich selbst bin unter den Taliban auch nicht zur Schule gegangen. Und meine große Schwester durfte nicht zur Universität."

Mittlerweile gibt es in Afghanistan eine neue Regierung, die den Besuch der Schulen und das Lernen wieder fördert. Für viele Erwachsene und Kinder ist das ein Zeichen: Sie wünschen sich nichts als Frieden. Schule, Ausbildung und Wissen sind für sie der Weg in eine bessere Zukunft.

Außerdem hat der lange Krieg das Land zerstört. Drei von vier Schulen sind nicht mehr nutzbar. In den vergangenen Jahren haben viele Länder beim Wiederaufbau geholfen. Allein die Bundesregierung hat  2000 Schulen gebaut. Es geht also langsam aufwärts. Und trotzdem besucht noch immer nur jedes zweite afghanische Kind eine Schule. Genau darum will Abdul  Lehrer unbedingt werden. Und rät allen Kindern:

"Geht zur Schule. Lernt. Und seid fleißig."

Lesen, schreiben, rechnen – nach dem langen Krieg endlich lernen dürfen ist für viele  Afghanen der reine Luxus. Und selbst die Kinder wissen: Wer das 1 x 1 gut kann, hat die Chance auf eine bessere Zukunft. Übrigens nicht nur in Afghanistan.

September 2010 in geänderter Form gesendet auf D-Radio-Kultur, Kakadu

Begegnungen mit der Vergangenheit – ehemalige Zwangsarbeiter in Hamburg

      

Die Verbrechen der NS – Zeit sind für Jugendliche heute Geschichte. Sie lässt sich aus Büchern erschließen, aus Zahlen und Fakten. Erfahrungsberichte und persönliche Begegnungen werden dagegen rar, die Zeitzeugen sterben und mit ihnen die Chance auf persönliche Gespräche. Für die Schüler des Gymnasiums Süderelbe war es eine besondere Unterrichtsstunde, als ehemalige russische Zwangsarbeiterinnen Hamburg und auch ihre Schule besuchten.

Rund 30  Oberstufenschüler stehen in Grüppchen zwischen lang aufgereihten Stuhlreihen und dem Mittelgang im Klassenraum. Gesprächsfetzen über „Bundesligaergebnisse“, „modische Outfits“ fliegen hin und her. Fast unbemerkt von den schwatzenden Grüppchen bahnt sich eine gebrechliche alte Frau den Weg nach vorn. Auf dem Tisch, an dem sie Platz nimmt, steht eine Topfblume in gelb, ein Willkommensgruß. Die 79 jährige Olga Zaitseva ist zum zweiten Mal Hamburg. Im Krieg war sie schon mal hier.  Verschleppt von deutschen Soldaten zur Zwangsarbeit in Hamburg.

Atmo 2 Schulglocke

Atmo 3 kurz hoch, Lärm wird leiser

Sprecher: Auf der anderen Seite des Tisches, unter einem Goethe – Plakat, steht Schulleiter  Thomas Fritsche, einen Zettel in der Hand. Es wirkt, als halte er sich fest daran. Mit wenigen Worten muss er Brücken schlagen: Zwischen dem Podium mit der Zeitzeugin ihrem Dolmetscher sowie den Schülern. Zwischen zwei Generationen, zwei Sprachen. Zwei tatsächlichen oder vermeintlichen Perspektiven: Opfern und Kindeskindern von mutmaßlichen Mitläufern und Tätern:

O-Ton 1 Es ist ein ganz großes und wichtiges Anliegen von Schule, dass Menschenrechte, dass Demokratiebewusstsein, dass Freiheit gesichert wird und immer wieder eine neue Herausforderung ist, um die man kämpfen muss. /…/Wir haben ganz großen Respekt dass sie zu uns gekommen sind und sind sehr, sehr dankbar, dass sie und von dem, was sie erlebt haben, erfahren haben, uns berichten können.

Atmo 4 (Zaitseva)Russisch mit deutschen Einsprengseln „Nein Kinder nein, dankeschön, dankeschön, kann – muss nicht frei stehen, darauf Sprecher: Die Augen fest auf einen Punkt vor sich auf dem Tisch und doch auch nach innen gerichtet, tastet sich Olga Zaitseva zögernd vor auf ihrer Zeitreise in die Vergangenheit. Militopol, ein kleines Dorf in der Ostukraine. Die Eltern arbeiten in einer Landkolchose. Bis zu dem Tag, als die deutschen Soldaten von ihrem Feldzug zurückkommen. Eine Zeit der Angst beginnt, der Hilflosigkeit, der Ungewissheit:

O-Ton 2 (Dolmetscher) Nach einiger Zeit als die Deutschen wieder auf dem Rückmarsch waren und auch in unserem Dorf vorbei kamen, wurden die Familien zusammen gesammelt. Aus unserem Dorf waren es 25 insgesamt und wir wurden unter der Kontrolle von mehreren Soldaten mit Gewehren – also wir mussten abmarschieren aus dem Dorf, kamen zu dem nächstgelegenen Bahnhof.

Atmo 5 Klasse, flüstern, darauf Sprecher: Zwei Mädchen lesen vorbereitete Fragen an die Zeitzeugin ab. Mit Hilfe des Geschichtslehrers haben sie gewissermaßen ein Wort – Korsett erarbeitet:

O-Ton 3 (Zwei Mädchen im Wechsel, lesen ihre Fragen ab) Was dachten sie passiert mit Ihnen als sie verschleppt wurden? Fiel ihnen die Rückkehr nach Hamburg schwer? Wie oft holt sie ihre Vergangenheit in der Gegenwart ein? Hatten sie Kontakt zu anderen Zwangsarbeitern?

Atmo 6 Zaitseva erzählt auf russisch, darauf

Atmo 7 Dolmetscher Man brachte uns nach Hamburg. Wir wurden in Baracken untergebracht, unsere Eltern dann zur Arbeit gezwungen, auch wir Kinder. Ich war damals 11 Jahre alt. Was konnte ich denn als Elfjährige eigentlich machen?

Atmo 8 Zeitzewa ukrainisch, wiederholt zweimal einen Satz, Stimme bricht, dann Stille frei stehen lassen, dann darauf – Zaitseva erzählt wieder Sprecher: Die Schüler erstarren beim Klang der brechenden Stimme. Wie eingeklemmt sitzen sie in den Stuhlreihen. Reglos. Still. Selbst der  Junge, der anfangs die Arme vor der Brust kreuzte und später eindöste, ist wieder wach. Der Dolmetscher reagiert: Er legt der alten Frau an seiner Seite eine Hand auf den Arm, beantwortet Trauer mit Trost. Die Schüler warten geschockt bis die alte Frau sich fängt und zurückkehrt aus der Welt der Gefühle in die Welt der Worte, auf sicheres Terrain, wohin jeder folgen kann. Der Arbeit der 11 jährigen in der Hamburger Olmühle;

O-Ton 4 Mir wurde die Arbeit zugewiesen, kleine Teile zu säubern, ich hatte so ein Tuch, eine Serviette. mit der ich diese Teile wusch und polierte. Wir Kinder wurden nicht besonders bestraft oder geärgert durch irgendjemanden. Aber es gab einen Bewacher, einen Herrn, der immer mit so einer Art Stock stand und schaute wie wir arbeiteten  Und natürlich, wir sind ja Kinder gewesen, passierte es dass wir ein paar Späße machten oder laut miteinander sprachen und dann kam er schon mal und gab einen kleinen Hieb.

Atmo 9 Klasse, flüstern, Stille Ein Schüler meldet sich. Seine Frage kommt spontan, unvorbereitet: ( Anmerkung für Technik, auf diese Atmo kann auch verzichtet werden. Vor O-Ton 5 hängt ein Stück Atmo, das zum Unterlegen unter die Textpassage reichen sollte)

O-Ton 5 (Schüler)Ich wollt fragen, wie ist das: wenn sie jetzt deutsch hören – wie reagieren sie darauf, da ja die Wachmänner früher alle Deutsch gesprochen haben. Finden Sie das schlimm – oder ist das eigentlich egal?

Atmo 10 Stille in Klasse alternativ: Sprecher: Stille in der Klasse.

Deutsch – das ist die Sprache der Wachmänner, aber auch der Schüler. Die Dolmetscherin übersetzt, Sekunden schleppen sich quälend. Dann löst die Zaitseva ihre Augen von der Tischplatte, ein feines Lächeln erscheint auf ihren Lippen.

Atmo 11 Zaitseva auf russisch, darauf Dolmetscher Also ich hab als Kind deutsch gesprochen. Ich hab auch Deutsch in der Schule gelernt. Ich selber habe mich im letzten Jahr noch mal eingeschrieben für einen Kurs, hab versucht noch etwas Deutsch zu lernen, einige paar Floskeln habe ich gelernt, aber nicht allzu viel.

O-Ton 5 (Zaitseva) Wir haben drei Kinder, Schüler lachen

Atmo 12 Schüler klatschen, Mit langem, herzlichen Beifall entladen sich die aufgestauten Gefühle. Erleichterung macht sich breit. Plötzlich ist Bewegung im Raum, der Schulleiter verteilt Komplimente: Vielleicht auch noch mal einen Beifall an die Schülergruppe, die sich etwas intensiver um die Vorbereitung bemüht das. Das habt ihr sehr nett gemacht. Herzlichen Dank. Beifall, kurz hoch, verblenden mit

Atmo 13 Pausenhalle, Pingpong Draußen in der Pausenhalle spielen die jüngeren Schüler ausgelassen Tischtennis. Die Schüler stellen sich mit der Zeitzeugin zum Erinnerungsfoto auf, gelöstes Lächeln. Herzlich drücken die Mädchen der Vorbereitungsgruppe Olga Zaitsevas Hand. Lasse und Konstantin, etwas abseits, sind bewegt:

O-Ton 5 Was ich beeindruckend fand: Dass sie keinem die Schuld gegeben haben. Dass sie auf Deutschland keinen Hass empfunden haben – das hat mich doch sehr überrascht. Ich find, man kann relativ viel daraus mitnehmen, weil man daran erkennt, wie gut es einem selbst geht. Wenn die Personen erzählen, was ihnen damals geschehen ist. Weiß man: Mensch, hat man Glück gehabt, dass wir in solchen Zeiten leben.

Atmo 11 Atmo Straße, ab und zu ein Auto

Dann macht sich Olga Zaitseva auf den Weg. Nur ein paar Schritte von der Schule entfert war im Krieg ein Außenlager des KZ – Neuengamme. Noch ein schwerer Weg für Olga Zaitseva. Sie geht ihn mit festen Schritten. 15 Schüler begleiten sie. Freiwillig.

2009, in geänderter Form für D-Radio Kultur

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