Archiv: Konflikt

So geht Frieden – das jüdisch-arabische Projekt „Shared Communities“

      

Gemeinden abseits der großen Metropolen haben nahezu überall auf der Welt die gleichen Probleme: Es fehlen Zufahrtsstraßen, die Anbindung an moderne Kommunikationsnetze, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Einfluss im politischen Spiel der Kräfte. Stattdessen:  Schulden, Abwanderung. Lösungen bietet das Programm „Shared Communities“ einer  israelischen Friedens- und Bildungseinrichtung. Sie heißt „Givat Haviva“ und bringt – ausgerechnet – jüdische und arabische Gemeinden im Kernland von Israel in Kontakt.

Friedensarbeit jenseits medialer Schlagzeilen

Was angesichts der schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten klingt wie Phantasterei ist ein kleines Wunder mit großem „Mehrwert“. Normalerweise sprechen Juden und arabische Israelis, die immerhin 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, wenig bis gar nicht miteinander. Im Projekt „Shared Communities“ kooperieren sie. Und die Besiegelung dieser Kooperation ist häufig der Beginn eines erstaunlichen Annäherungsprozesses auf vielen Ebenen.

Aus „Feind“ wird Experte, dann Partner 

Arbeiten Bürger und Verwaltungen jüdischer und arabischer Gemeinden länger miteinander, dann, so stellen die Mitarbeiter von Givat Haviva fest, beginnen die Feindbilder sich aufzulösen. Gemeindemitarbeiter begreifen sich gegenseitig als „Fachleute“ eines Aufgabengebiets, später sogar als Partner mit gemeinsamen Zielen und nicht mehr als „Jude“ oder „Araber“. Der psychologische Gewinn zieht weitere nach sich.

Von Andersartigkeit lernen 

Für die arabischen Gemeinden ist es ein großer Schritt, ihre Verwaltungen auf höherer Ebene für Frauen zu öffnen, etwas, das im jüdischen Sektor schon lange Normalität ist. Das hat direkte Auswirkungen im sozialen Umfeld, am offensichtlichsten in den Familien. Im jüdischen Sektor verwaltet die städtische Jugendpflege häufig die Jugendarbeit statt sie zu beleben. Hier sind die Araber viel weiter: Deren Sozialarbeiter sind viel mehr „auf der Straße“, können Jugendliche wie Erwachsene viel schneller für Projekte mobilisieren. Die Juden müssen sich das oftmals erst aneignen.

Begegnung bringt Bewegung

„Der Ertrag der Kooperation zeigt sich ganz handfest“, berichtet Torsten Reibold von Givat Haviva Deutschland und nennt konkrete Beispiele:„Die arabische Gemeinde Kfar Kara verzeichnet seit Beginn des Projektes einen steten Anstieg von jüdischen Besuchern, die zum Einkaufen oder Essen kommen. Zuvor haben sich viele Juden aus der Gegend nicht mal getraut, dort einen Reifen zu wechseln. In Pardes Hanna, also auf jüdischer Seite, stieg die Nachfrage nach Arabischkursen rasant.“

Konfliktfähigkeit stärkt die Partnerschaft

Das arabische Baqa El-Gharbiya und die jüdische Gemeinde Menashe wollen nun ein gemeinsames Raumplanungs-Projekt besiegeln, berichtet Reibold. Es soll Streitereien um knappe Gemeindeflächen beilegen, bevor sie entstehen und sich die Beteiligten vor Gericht wieder sehen. Das ist einzigartig für jüdisch-arabische Verhältnisse.  Solche „low-level-Lösungen“ von Konflikten stärken nachweislich die Partnerschaft. Die wiederum den Gemeinsinn wachsen lässt. So möchten sich jetzt mehrere Gemeinden zu einem Abfall- und Abwasserverband zusammentun.  Die Frage, wer jüdisch oder arabisch ist haben sie in diesem Stadium schon fast vergessen.

Effekte und Erkenntnisse für andere Konfliktregionen? 

Könnte das überall so funktionieren? Unabhängig davon, in welchem Land Menschen leben?  Givat Haviva möchte das jetzt zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ausprobieren. Die Stiftung hat Know How in der Zivilen Konfliktbearbeitung auf dem Balkan gesammelt. Vielleicht, so hoffen beide Einrichtungen, könnten manche Effekte von „Shared Communities“ übertragbar sein.

Optimismus mit Vorsicht

Schablonenlösungen wird und kann es sicher niemals geben. Dafür sind Menschen und Kulturräume zu unterschiedlich. Doch wenn erfolgreiche Projekte von Fachleuten angepasst werden auf die jeweilige Region wäre das ein lohnenswertes Modell für zivile Konfliktlösung. Und ein Lichtblick inmitten von Krisen.

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http://www.Givat-Haviva.de

 

Verdrängte Nachbarn, enteignete Erinnerungen

      

Die israelische Historikerin Yfaat Weiss bekommt im Dezember den Hanna – Arendt – Preis für politisches Denken 2012 verliehen. In Hamburg hat sie jetzt ihr Buch vorgestellt: „Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung“.

Yfaat Weiss 

(über ihre Motivation, das Buch „Verdrängte Nachbarn“ zu schreiben)

 

Schon der Titel von Yfaat Weiss‘ Buch ist mehrdimensional. Verdrängung – zunächst als real räumlicher Prozess. In Wadi Salib, einem Stadtviertel der israelischen Stadt Haifa, setzt er 1948 zur Staatsgründung Israels ein. In den Kriegswirren verließen viele Palästinenser ihre Häuser in der Stadt, in der bis dahin Juden und Araber gelebt hatten – gemeinsam und doch getrennt. Jeder in seinem Teil. Viele Palästinenser trieb schlicht die Angst vor Gewalt ihre Häuser zu verlassen. Einige wurden gezwungen.

Doch mit der Vertreibung der palästinensischen Bewohner kommt Wadi Salib nicht zur Ruhe. 1959 rebellieren die neuen Bewohner, überwiegend Misrachi, bitterarme marokkanische Einwanderer jüdischen Glaubens gegen Benachteiligung. Das Viertel wird geräumt, ein zweites Mal innerhalb von gut 10 Jahren. Bis heute stehen in Wadi Salib leere Häuser, Ruinen – ein unfreiwilliges Denkmal der beiden Verdrängungsprozesse, die Weiss in ihrem Buch beschreibt.

Beabsichtigt oder nicht: Es ist das Verdienst von Yfaat Weiss, dass ihr Buch auch die zweite Dimension von  „Verdrängung“ sichtbar macht. Die psychologische.Diesen Mechanismus, der furchtbare oder unliebsame Geschehnisse in das „Hinterstübchen des Gehirns“ zu verbannen sucht. Und von dort, aus dem Schatten des kollektiven Bewusstseins und der israelischen Geschichtsschreibung, holt Weiss sie hervor.

Ihre Forschungsergebnisse präsentiert sie dazu überaus kreativ. Das Buch beginnt 1959 mit einer Kneipenschlägerei, die in sozialen Unruhen enden. Doch statt die Geschehnisse chronologisch aufzuarbeiten springt die Professorin für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem zeitlich vor und zurück, umkreist ihr Forschungobjekt, das Stadtviertel, schreibt zyklisch, assoziativ, perspektivisch. Und verweigert sich ganz nebenbei auch einer Interpretation, die Wadi Salibs Nachkriegs- und Stadtentwicklungsgeschichte wohlmöglich als „zivilisatorischen Zugewinn“ stilisiert. Von den Arabern zu den palästinensischen Israelis zu den arabischstämmigen Juden zu…. den Ruinen eben.

Wer das Buch liest, der ahnt, wie komplex der hierzulande oft missverstandene Nahost-Konflikt ist. Beim Leben von „Verdrängte Nachbarn“ kann man ihn besichtigen – im Maßstab „Mikrokosmos“ gewissermaßen.

Und ahnt, warum die Bewohner des Staates Israel bis heute um ein gemeinsames Selbstverständnis ringen. In einem Land, das auf der Idee einer gemeinsamen Religion gegründet muss der „common ground“ der Staatsbürgerschaft erst gefunden werden. Das gilt für die gut 20 Prozent der arabischen Israelis ebenso wie für die  Einwanderer jüdischen Glaubens aus rund 120 Nationen. Dass es keinen anderen Weg gibt daran erinnern die Ruinen von Wadi Salib. Und das Buch von Yfaat Weiss.

YFAAT WEISS: VERDÄNGTE NACHBARN, 286Seiten, 25,00 Euro, Hamburger Edition 2012

 

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Die Afghanistan-Depression

      

„Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat. Dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht. Und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen.“

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter.  Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens.  Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und  Berater des ehemaligen UN – Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg. Und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Bin Ladens als möglicher Schlusspunkt  der „11. September-Politik“, Finanzkrise, arabischer Frühling – der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit den Gewaltexessen der Taliban. Zwar betonen deutsche Militärs in diesem Sommer wieder und wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe. Was was die Qantität angeht mag das auch stimmen. Die qualitative Dimension der psychologischen Wirkung werde damit aber unterschätzt, entgegnet Nasr. Der Politologe führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Vali Karzai, ins Feld:  „Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen.“

„Enthauptung“ des politischen Systems

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert  der 50jährige politische Beobachter: „Diese gezielten Tötungen sind „Enthauptungs – Kampagnen“ des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug.“

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen.  Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. „Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt“, folgert Vali Nasr trocken.
Die Säulen der Verantwortung tragen nichtDie Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung hatte und nie eine Armee weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung „2014“, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Zweckpessimismus als Weckruf?


Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv.  „Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird – das sollte eigentlich, aber… Also falls das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben.“

in ähnlicher Fassung für Deutsche Welle, August 2011

Die Eigentum-Frau: Zwangsehen in Deutschland

      

Wer in Deutschland eine Ehe erzwingt macht sich strafbar: Vergewaltigung, Nötigung, Menschenhandel – das sind Straftaten. Zwei Gesetzesinitiativen verfolgen jetzt das Ziel Zwangsehen ausdrücklich in den Strafkatalog aufzunehmen und Täter härter zu bestrafen.

Im Aschenbecher qualmt die fünfte Zigarette. Edda – so möchte die junge Türkin genannt werden, ist hin- und hergerissen. Einerseits will sie reden. Sich rächen, an den Menschen, die ihr das angetan haben. Allerdings bekommt sie kein Wort heraus. Es könnte ihren Ehemann, der nicht weiß, wo sie jetzt lebt, erneut auf sie aufmerksam machen.

Edda ist eine so genannte Importbraut. Mit 16 wurde sie von ihrer Familie in ihrem türkischen Heimatdorf zwangsverheiratet. Die Eltern, grenzenlos naiv, freuen sich, dass die Tochter vermeintlich eine gute Partie machen kann: Ein in Deutschland lebender Türke soll der Tochter alles bieten. Aber Edda hasst ihn von dem Moment, in dem sie ihn zum ersten Mal sieht.

Edda: „Ich war in Türkei und er will mit mir heiraten und er spricht mit meinen Eltern und dann meine Eltern spricht mich: Und natürlich habe ich gesagt, nein will ich nicht heiraten mit dieser Mann aber ist das alles schon fertig, wenn ich sage nein oder ja. Mein Vater war so böse er will mich bringen um, sagt immer so hab ich keine Chance.“

Zwangsehen gibt es nicht nur unter Muslimen. Sie sind weder verknüpft mit einer bestimmten Religion noch mit einer bestimmten Kultur. Eher schon mit der Überzeugung, dass Kinder Besitzstand der Eltern sind – ohne Recht auf eine eigene Meinung. Nicht mal bei der Wahl des Ehepartners. So wie bei Edda. Sie folgt in blindem Gehorsam der väterlichen Autorität. Ein anderer Weg bleibt dem Mädchen nicht, das von klein auf verprügelt wird.
So gesehen ist die Ehe mit dem Türken, dem sie nach Deutschland folgt eine Fortsetzung dessen, was sie ohnehin gewohnt ist. Ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne jemanden zu kennen ist Edda ihrem Mann und seiner Familie allerdings noch schutzloser ausgeliefert als der eigenen früher. Natürlich erwägt sie, die Polizei zu verständigen:

Edda: „Ja, denke ich so, aber ich habe total Angst mit diesem Mann. Wenn ich hingehen, Polizei, macht er noch Schlimmeres. Er ist Kurde. Meine Nachbarin hat mir geholfen. Sie sieht mich immer…“
Freundin: „Mit blaue Augen.“
Edda:“ Sie hört meine Stimme immer – er schlagt mich, wie aber.
Ganz doll. Er schlagt mich und…
(sagt etwas auf türkisch, dann)
Freundin: „Vor der Haustür hat er sie immer rausgeschmissen.“

Weltweit ist die Mehrheit aller Eheschließungen, rund 60 Prozent, arrangiert, also von den Eltern angebahnt. Vor allen in ländlichen, agrarisch geprägten Regionen ist das noch immer üblich. Nicht üblich allerdings, dass Eltern Zwang ausüben auf die Heiratskandidaten und Gewalt anwenden. Eddas Schicksal ruft bei modernen Türkinnen ebenso viel Protest hervor wie bei deutschen Frauen oder Türkinnen, die in Deutschland geboren und selbstbewusst sind. Wie die 16 jährige Janan:

„Ich würde auf jeden Fall zum Jugendamt gehen, ich würde das niemals zulassen. Ich würde abhauen. Ich würde alles versuchen, zum Staat gehen. Ich meine, in Deutschland kann man überall hingehen und hier wird den Menschen geholfen, wenn sie Probleme haben.“

Edda hilft schließlich eine türkische Nachbarin. Sie fährt sie zum Frauenhaus – das vorläufige Ende ihrer Leiden. Worte für das Grauen findet Edda, wenn überhaupt, nur in ihrer Muttersprache, eine Freundin spricht sie für sie aus:

„Also sie meint, wenn sie den Schritt nicht gemacht hätte, da wegzukommen, da wär sie wahrscheinlich in diesem Moment nicht mehr am Leben gewesen.
Edda: „Ich habe mit meinen Eltern gesprochen: Scheiße, ich will nicht in Deutschland bleiben, wenn ich hierbleibe, er macht mir kaputt, bin ich tot so. Und meine Eltern sagen: nein, du kommst nicht nach Türkei zurück, Muss man da leben.“

Wie viele Zwangsheiraten jährlich in Deutschland geschlossen werden kann niemand sagen, Verlässliche Statistiken gibt es nicht. Von einer Dunkelziffer ist auszugehen, denn wie Edda sind die betroffenen Frauen nur selten bereit, die Täter anzuzeigen. Zu groß die Angst vor Verfolgung.
Statt Gesetze zu verschärfen wäre es zunächst wichtig, Mittel für die Anlaufstellen der Betroffenen, die Frauenhäuser und Beratungsstellen nicht weiter zu kürzen. Denn in diesem geschützten Räumen kommen die Frauen zur Besinnung und entwickeln Perspektiven für eine lebenswertere Zukunft. Die sieht auch Edda für sich:

„Praktikum. Ich will das Praktikum machen als Friseur. Und Gesundheit mit meinen Kindern. Guck ich vorne, nicht hinten, lachen, so weiterleben mit meinen Kindern.“

2006, in geänderter Fassung für „NDR“

Deutsch-Ägyptischer Dialog

      

Die Terroranschläge von New York, Madrid und London sowie die Intervention im Irak haben die Beziehungen von Christen und Muslimen weltweit belastet. Dem möchte die Evangelische Akademie Loccum mit ihrem Forum für Christen und Muslime aus Ägypten entgegen wirken. Den Dialog gibt es seit 2003 – mal in Deutschland mal in Äypten.

Hagar Islambouly ist eine energiegeladene „Lady“. Die Ägypterin und frühere Botschaftsmitarbeiterin sorgt dafür, dass sich die berühmte Bibliothek von Alexandria langsam füllt. 2006 war das Gebäude mit Hilfe der UNESCO wie ihr historisches Vorbild in Aexandra neu eröffnet worden. Platz ist für bis zu 8 Millionen Bücher. Derzeit sucht Islambouly Partner im Ausland. Eine Werbung für das 3and am Nil und ein Beispiel für zivilgesellschaftliches Engagement. Mittlerweile gäbe es rund 26.000 Initiativen.

„Ägypten ist eine konservative Gesellschaft, die Mehrheit ist es zumindest. Aber im Hinblick auf eine Modernisierung und Wandlungprozesse innerhalb der Gesellschaft versteht jeder die Bedeutung einer Zivilgesellschaft und was sie ausmacht. Wie können sich solche Initiativen organisieren und zusammen arbeiten? Welche Strategien können dabei helfen? In Ägypten aber auch mit Hilfe internationaler Kontakte.“

Im deutsch – ägyptischen Dialog ist auch Andreas Jacobs aktiv. Der Büroleiter der Conrad Adenauer Stiftung in Kairo bietet Imamen, die an der Al – Azhar – Universität in Kairo ausgebildet worden sind Schulungen in „politischer Bildung“ an. In einer Moschee werden seit 2008 die ersten 30 Teilnehmer unterrichtet.

„Ich hatte den Eindruck, dass es eine Zielgruppe ist, die bislang völlig vernachlässigt wurde und zwar von internationalen Akteuren, aber auch von ägyptischen Anbietern von politischer Bildung. Wir sind daraufhin an das Ministerium für religiöse Angelegenheiten herangetreten, letztes Jahr, haben dort grünes Licht bekommen zusammen mit einem ägyptischen Partner, das sind Universitätsprofessoren, ein maßgeschneidertes Angebot zu stricken. Das heißt es geht zu allererst um politische Grundbildung, also: was ist Demokratie? was sind Menschenrechte? wie funktionieren Wahlen?“

Solch praktische Erfahrungen aus deutsch-ägyptischen Kontakten fließen ein in den Dialog, der sich im Spannungsfeld von Staat, Religion und Gesellschaft bewegt: Welchen Nutzen hat das Engagement von Bürgern? Wie reagieren Staat und Religionen darauf? Die Antworten in Ägypten und Deutschland fallen unterschiedlich aus: Von der ägyptischen Delegation erfahren die Deutschen, dass Muslime und ägyptische Christen keine „Integrationsnöte“ haben. Beide sehen sich als gleichwertige Bürger einer Nation. Die Ägypter interessieren sich wiederum für Modelle einer Zivilgesellschaft oder das Verhältnis von Staat und Kirche in Deutschland. Solche Gesprächen haben auch das Interesse der Politik geweckt: Rita Süßmuth oder Wolfgang Thierse waren Gäste. Rolf Wernstedt, ehemaliger niedersächsischer Kultusminister, nimmt regelmäßig teil und weiß wie ein fruchtbarer Dialog entsteht.

„Zunächst einmal: Dem anderen zuhören. Ihm nicht prinzipiell das Böse unterstellen. Der Rationalität des Arguments zumindest eine Chance geben. Identifizieren, was sind Meinungsprobleme, was sind Sachprobleme, was sind Interessenprobleme. Und wenn es uns gelingt, die entscheidenden Konfliktfelder des Nahen Ostens – in diesem Fall: Wie geht man als Religionsgemeinschaft miteinander um? Wie ist Verhältnis von Staat und Kirche? Wie ist der Prozess der Säkularisierung einzuschätzen? Welche Stellung hat Europa gegenüber Israel und den Juden und Deutschland insbesondere? Dann sind wir ein Stück weiter. Und insofern kann von der Methode, von der Geduld und vom gutem Willen her auch die Gesellschaft von der Evangelischen Akademie und solchen Initiativen lernen.“

Möglicherweise auch die Politik? In einer Resolution hat der Deutsch – Ägyptische Dialog gemeinsame Positionen festgehalten, die über fromme Friedenswünsche weit hinausgehen und pragmatisch Lösungen aufzeigen.

2009, in veränderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Kein bisschen Frieden…im Nahen Osten

      

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit möchte der amerikanische Präsident Bush noch mal schnell Frieden machen im Nahen Osten. Ob dieses Engagement realistisch ist, welche Alternativen es zu einem politischen Annäherungsprozess gäbe und welche Rolle Europa dabei spielen könnte – darüber diskutierten rund 60 ausgewiesene Nahost – Experten aus Deutschland und dem Nahen Osten auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg.

Im Hinblick auf die von Präsident Bush gesteckten Ziele für den Nahost – Friedensprozess waren die Teilnehmer der Konferenz skeptisch. Allen voran der ehemalige Außenminister Joschka Fischer:

„Ich denke der Annapolisprozess ist ein wichtiger Prozess, allerdings glaube ich nicht, dass die Erwartungshaltung von Präsident Bush realistisch ist – wichtig ist, dass dieser Prozess vorangeht, und das wird längr dauern als Präsident Bush sich das vorstellt und ich denke die Europäer können dabei eine wichtige Rolle spielen und darüber wollen wir reden.“

Zwar scheinen Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Israels Regierungschef Ehud Oldert derzeit durchaus zu Friedensgesprächen bereit. Und selbst aktuelle Meinungsumfragen bei der israelischen und palästinensischen Bevölkerung signalisieren eine Zustimmung zu diesem Schritt bei der Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung. Was einer Umsetzung im Weg steht ist nach Ansicht von vielen Teilnehmern die politisch instablile Situation in den Palästinensergebieten. Ein Problem, dass weder Oldert noch Abbas Lösen können und alle Hoffnungen auf eine friedliche Koexistenz zweier Staaten vorerst torpediert, wie Avi Primor, Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland glaubt:

„Die Lösung wird nicht aus Amerika kommen. Da muss es einen Ersatz geben und das kann nur die Europäische Uniion sein. Sie behauptet ja, dass Frieden im Nahen Osten ein europäisches Interesse ist – also tun sie etwas für das eigene Interesse bilden sie eine internationale Armee – nicht ausschließlich europäische Truppen, aber die Federführung muss europäisch sein weil nur sie glaubwürdig sein kann und diese Truppe soll dann die israelische Besatzungsmacht ablösen.“

Mit diesem Zukunftsszenario steht Primor derzeit noch ziemlich allein unter den Experten da. Die halten Ehud Olmert und Mahmud Abbas zwar für bemüht um den Friedensprozess, allerdings auch für zu schwach, um ihn in die Tat umzusetzen. So bleibt in der derzeitigen Situation offensichtlich nur, über mögliche Sreitpunkte und Detailfragen des friedesprozesses schon jetzt zu reden. Ron Pundak, Gerealdirektor des Peres Friedenszentrums in Tel Aviv und Mit – Initiator des Osloer Friedensprozesses sagt:

„Der nächste Schritt zu einem wirklichen Dialog über die Kernfragen des endgültigen Status sind die Grenzen, Jerusalem, die (palästinensischen) Flüchtlinge, die Siedlungen, Sicherheit, das Wasser und die Wirtschaft. Wir brauchen ein wirkliches Engagement auf beiden Seiten in diesen Fragen und beide sollen wissen: Wohin bewegen wir uns. Und wenn wir das wissen können wir die Lücken füllen mit diesen Verhandlungen zu jedem einzelnen Thema.“

Bis der Frieden auf politischer Ebene in greifbare Nähe rückt, bauen viele Organisationen, allen voran wissenschaftliche, auf Bildung und Ausbildung. In der Jerusalemer Denkfabrik von Madi Abdul Hadi , der Palästinian Akademic Society for the Study of International Affairs werden Studien über internationale Beziehungen erstellt, und die künftige plästinensische Elite ausgebildet:

„Ein Teil der Arbeit von Passis ist die Bildung und Ausbildung junger palästinensischer Demokraten. Wir geben ihnen Fähigkeiten (frei: Werkzeuge) und Wissen in Bezug auf Zivilgesellschaft und Verantwortlichkeiten, internationale Angelegenheiten und Fragen der Geheimhaltung.“

Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland, Avi Primor, leitet eine Privatuniversität in Israel. Noch für dieses Jahr plant er gemeinsame Vorlesungen für israelische, palästinensische und jordanische Studenten. Moderne Technik macht das möglich:

„Wir werden die Studenten nicht zusammen bringen können – im Nahen Osten ist das nicht so einfach. Aber die Dozenten werden dann pendeln zwischen den drei Zentren. Die werden Vorlesungen im einen Zentrum halten während die anderen anhand von Videokonferenzen die Vorlesung verfolgen. Und ganz am Ende wollen wir die Studenten nach Europa bringen, um Ergänzungskurse in Europa zu machen weil unter der Schirmherrschaft einer sogenannten neutralen Universität sind sie bereit alle zusammen zu kommen. So können wir auch Brücken zwischen Israelis und Arabern schlagen.“

Januar 2007, in veränderter Fassung für Deutsche Welle

Der Karikaturenstreit als journalistisches Lehrstück

      

Vor rund einem Jahr fasste Flemming Rose von der dänischen Zeitung „Jyllandsposten“ einen folgenreichen Entschluss. Er ließ 12 Mohammed Karikaturen veröffentlichten. Was dann passierte, schien ein Beleg für Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ zu sein: Brennende Botschaften, hitzige Debatten um Religions- und Meinungsfreiheit. Nun stand der Redakteur jungen Journalisten aus 22 Ländern Rede und Antwort, die sich derzeit auf Einladung von „Inwent“, einer Entwicklungsorganisation, in Hamburg weiterbilden.

Am Schluß wird Flemming Rose umringt wie ein Popstar: Aufnahmegeräte und Kameras richten sich auf den zurückhaltenden Dänen. Lam aus dem Sudan umarmt ihn für ein Erinnerungsfoto. Sein ironischer Kommentar:

„Er ist ein berühmter Mann in meinem Heimatland. Ich werde sagen, dass ist der, der die Karikaturen veröffentlicht hat. Ich werde gesteinigt werden in meinem Land für das Foto mit ihm, aber sei‘s drum.“

Als die Kameras gezückt werden, hat Rose das Schwierigste hinter sich. Fast zwei Stunden nehmen ihn die Kollegen aus aller Welt ins Kreuzverhör. Lisa aus Syrien will wissen, ob es auch Meinungsfreiheit sei, wenn Muslime aus Wut auf die Karikaturen die Botschaften stürmen. „Nein“ lautet die knappe Antwort. Antony aus Zambia fragt, ob weniger Provokation nicht mehr bewirkt hätte. Roses Antworten sind spontan, ehrlich, widersprüchlich. Einerseits ist der Karikaturenstreit für ihn die „wichtigste Werte – Debatte seit langem“. Andererseits ein „Dilemma“. Unter anderem weil 160 Zeitungen weltweit nachgedruckt hatten – ohne Absprache:

„Am ersten Februar veröffentlichten die Welt, Le Soir und einige holländische Zeitungen die Karikaturen und einige Leute dachten, das wäre eine geplante Operation gewesen. Aber es gab keine Diskussion oder Absprache darüber. Das war einfach die natürliche Reaktion der Zeitungsmacher in Europa.“

Rose beschwert sich nicht über diese Eigendynamik, gesteht den Kollegen „publizistische Freiheit“ zu. Auch wenn das weltweit einen Sturm ausgelöst und ihn selbst persönliche Freiheit gekostet hat. Bodyguards, Geheimnummer fürs Telefon, verschärfte Sicherheitsvorkehrungen – noch immer. Als Opfer sieht er sich nicht. Ebensowenig wie die Muslime, deren religiöse Gefühle er mit den Karikaturen verletzt habe. Andere hätten ihm gedankt, sagt Rose trotzig und nennt Künstler, auch muslimische, deren kritische Werke aus Büchern oder Museen entfernt worden waren:

„Es hatte da ein paar Fälle von Selbstzensur in Dänemark gegeben. Leute hatten offen bekannt: Wir fürchten, Probleme zu bekommen. Sie entschieden sich dann, nicht provozieren wollen oder unerwartete Reaktionen heraufzubeschwören.“

Er verweist auf Karikaturen über das Christen- und das Judentum im Blatt. Da fehlte Mohammed. Für Rose, ehemaliger Dänischlehrer für Flüchtlinge, ist das ein Beleg für Gleichbehandlung:

„Das ist das schlimmste, was man Menschen antun kam, die ins Land kommen und sich integrieren möchten: Sie als Opfer zu behandeln. Weil Opfer der Definition nach nicht verantwortlich sind für ihre Taten. Darum plädiere ich für Gleichbehandlung. Wenn man Diskriminierung in einer demokratischen Gesellschaft überwinden möchte, dann geht das nur über Gleichbehandlung.“

Für uns waren die Karikaturen eine dänische, eine regionale Geschichte ergänzt er in der Diskussionsrunde. Ein Teilnehmer kontert: Der Prophet als „regionale Angelegenheit“? Flemming räumt ein wenig gewusst zu haben über den Islam. Und noch weniger über seine Vielfalt und Heterogenität. Mittlerweile gibt es Schulungen und Vorträge bei Jyllandsposten zum besseren Verständnis:

Migration, der Islam, das Zusammentreffen von westlicher und muslimischer Zivilisation ist ein ganz wichtiges Thema. Und jede Zeitung sollte das richtig darzustellen. Nichts fehlinterpretieren, nichts missverstehen. Stell die Geschichte richtig dar und sei fair dabei. Und um das zu erreichen, können wir etwas tun: Lernen.“

Juli 2006 in geänderter Form für „Deutsche Welle“

Lehrstunde in Toleranz – der Religionsunterricht für alle

      

Mit seinem „Religionsunterricht für alle“ geht das Bundesland Hamburg einen einmaligen Weg geht. Rechtlich verantwortet die Evangelische Kirche das Modell. Bei den Inhalten aberhaben Imame, Rabbiner, buddhistische Mönche und Christen an einem Strang gezogen. Die Schüler profitieren.

Der Kursraum „12“ des Gymnasiums Kirchdorf-Wilhelmsburg erinnert eher an eine Begegnungsstätte. Die 16 Schüler des Religions-Leistungskurses sitzen im Stuhlkreis, die Fenster sind mit bunten, abstrakten Glasmalereien geschmückt. Sie symbolisieren den gemeinsamen Ursprung aller Religionen. Hammad, ein Moslem indisch-pakistanischer Herkunft und die 18jährige Özlem, deren Eltern aus der Türkei stammen, fühlen sich hier wohl:

Hammad: "Was sofort auffällt: Dass es verschiedene Gegenstände gibt von allen Weltreligionen. Sei es vom Islam der Gebetsteppich oder dann gibt es noch die verschiedenen Symbole …".Özlem: "Die Glaubensbekenntnisse stehen an der Wand und da sind die verschiedenen Symbole, die unsere Religionen vertreten: Wie halt Davidsstern oder bei uns im Islam, auf arabisch geschrieben „Gott“."

Dennoch ist der Leistungs- kein interreligiöser Schmusekurs. Das zeigen die ersten Minuten der Sschulstunde. Rana protestiert lautstark. Ein Gebetsteppich liegt offen in der Mitte des Raumes:

„ Man sagt, dass der Teufel dann drauf steht. Lehrer: "Der Teufel betet auf dem oder stellt sich auf den Gebetsteppich rauf? Hey Veysel, Du bist auch Muslim – was hast Du dazu gehört?" Veysel: "Also ich kenne es so, dass es Tradition ist. Der Teufel würde sowieso nicht beten (Schülerin ruft etwas dazwischen) Zeig mir mal die Quelle, wer das gesagt hat. Dann musst Du in der ganzen Moschee die Teppiche rausschleppen, krrrr (Schüler rufen durcheinander)

Differenzen wie diese empfindet die Mehrheit der Schüler als belebend oder gar befreiend. Wie groß die Unterschiede in Meinungs- und Glaubensfragen sind erfahren sie in und außerhalb der Schule tagtäglich im multiethischen Wilhelmsburg. Im „Religionsunterricht für alle“ können sie thematisiert werden. Zum Beispiel Mareike, die Neu-Apostolikerin ist:

"Wenn man nur in einer Religion Unterricht hat, hat man keine verschiedenen Meinungen , die aufeinander treffen können. Das heißt: Man kann nicht diskutieren, man kann sich nicht austauschen, man sieht alles gleich. Deshalb finde ich unseren Religionsunterricht echt gut."

Der Stundenplan steht gerade das Leben Jesu. Noch mehr Diskussionsstoff. Für die Neuapostoliker steht die Wiederkunft von Gottes Sohn bevor, für Muslime ist diese Vorstellung schlicht absurd. Wie also formuliert man religiöse Standpunkte und vertritt sie, wenn sie denen der anderen widersprechen? Für Melanie, die gar nicht an Gott glaubt, ist die Sache klar:

"Ich hab den Leistungskurs gewählt, weil mich Religion interessiert und ich es interessant finde, zu sehen wie religiöse Menschen halt anders mit ihrem Leben umgehen wie ich. Ich finde es interessant, andere Horizonte zu sehen und meinen Standpunkt zu erweitern und toleranter zu werden. Besonders wenn ich mit Özlem diskutiere, weil sie genau das andere Extrem ist. Also ich bin extrem ungläubig und sie ist meiner Meinung nach extrem gläubig. Das bringt immer Spaß. Gerade mit ihr." Özlem: "Es ist schon so dass Melanie und ich öfter in Diskussion geraten. Ich bin auch der Meinung, dass der Koran Gottes Worte sind und das vertrete ich dann auch hier. Viele haben auch Vorurteile gegen meine Religion und überhaupt: "Das ist ne Türkin". Hier kann ich offen sprechen. Wenn einer sagt, dass Muslime Terroristen sind – hier habe ich eine Gelegenheit meine Meinung zu vertreten.

Für Religionslehrer Andraes Gloy sind die Schulstunden eine willkommene Herausforderung. Wissensvermittlung über alle Religionen und Reflexionen über Glaubensinhalte sind das Ziel, aber es gibt kaum Unterrichtsmaterialien. Daneben berühren die Diskussionen – zum Teil ganz ungeplant – auch immer aktuelle Fragen:

05 Das könnte Sterbehilfe sein, Abtreibung, war Jesu Tod umsonst? Wie verhalten wir uns zu der Frage der Gewalt in der Politik? Da gibt es in „Religion“, das ja ein gesellschaftswissenschaftliches Fach ist, sehr sehr viele Möglichkeiten, wo man auch von Gesprächsthemen aus zurückgehen kann und sagen: darüber müssen wir uns noch mal informieren. Dazu gehen wir mal in eine Moschee, dazu rufen wir noch mal den Pastor an und fragen nach und lernen so auch Sachwissen dazu, dass wir uns an Themen orientieren.

Seit Jahren hat es am Gymnasium Kirchdorf Wilhelmsburg keine Abmeldung vom Religionsunterricht gegeben. Religion muss also nicht zwangsläufig zum Zankapfel werden wenn Schüler, Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen. 2009, in veränderter Form gesendet auf "Deutsche Welle"

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