Meinung: Was „Toulouse“ uns lehrt

Warum die genaue Ursachenforschung bei Gewalttaten  wichtg ist

Der Täter sieht aus wie viele dieser Großstadtjugendlichen. Ein „Schwarzkopf“ mit Kurzhaarschnitt und einem drahtigen Körper, der ihn irgendwie „verhungert“ aussehen und bedeutend jünger erscheinen lässt, als er ist. Die Gesten konterkarieren das: protzig, mehr „Schein als Sein“, irgendwie auf „dicke Hose“ machen.

Dann kommen die Tage im März 2012, an denen Mohammed M., ein 23 jähriger Franzose algerischer Herkunft, Schlagzeilen machen wird. Er steigt auf seinen Roller, mäht sieben Menschen nieder – französische Soldaten, Kinder und den Lehrer einer jüdischen Schule. Und zum Schluss liefert er sich stundenlange Schießereien mit der französischen Polizei. Einfach unbegreiflich.

Er habe sich rächen wollen für Frankreichs Einsatz in Afghanistan, stehe mit Al Qaida im Bund, sei erbost über den Umgang der Juden mit den Palästinensern, wurde in einem pakistanischen Terrorcamp trainiert, will eine französische Zeitung erfahren haben. Ein Täter mit politischen Hintergrund? Immerhin. Solange es „Begründungen“ gibt, seien sie auch noch so fadenscheinig, dann könnte, sollte der französischen Staatschutz zuständig sein, denn dafür sind Geheimdienste da.

Nach Darstellung seines Anwalts war Mohammed M. dagegen kein „Politischer“. Vielmehr ein vereinsamter Jugendlicher ohne jegliche politische Kontakte. Ist diese Darstellung korrekt, dann hätten die Allmachtsphantasien eines Narzissten sieben Menschenleben gekostet. Ohne gezielte Motivation.

Bei der Verhinderung dieser Art von Straftaten ist der Staat machtlos. Nur die Gesellschaft mit ihren sozialen Kontrollsystemen hätte – vielleicht – etwas bemerken können. Der Staat sollte, muss sich tunlichst da raushalten. Auch um sich dauerhaft nicht selbst zu beschädigen. Siehe Frankreich.

Posthum wird der 23jährige Täter von Toulouse zum „Sicherheitsrisiko“ erklärt. Die Grand Nation streitet mit Algerien, wer die sterblichen Überreste beisetzen muss. Beide Länder fürchten, dass die Grabstätte ein Wallfahrtsort für Islamisten werden könnte. Ist Mohammed M. wirklich „nur“ ein verwirrter Einzeltäter gewesen, dann wird er mit der Diskussion zur „Staatsaffaire“ aufgewertet. Was wiederum andere geltungssüchtige Psychopaten einladen könnte, es Mohammed M. gleichzutun. Genau so ticken Narzissten nämlich.

Deren „Entlarvung“ wiederum kann, darf keine staatliche Angelegenheit werden. Es sei denn, die Bürger sind bereit, für den Preis eines vorgegaukelten „Staats-Schutzes“ die Überwachung jedes Lebensbereichs in Kauf zu nehmen. In der Praxis hieße das: Verfassungsschützer rein in die Kneipen, in die Cafes, in die Schulen, damit der Rest der Gesellschaft sorgenlos bleibt.

Die Alternative dazu ist eben keine Bürgerwehr, aber eine wehrhafte Gesellschaft, die wieder einen Instinkt entwickelt für „Unregelmäßigkeiten“ beim Nachbarn und Nebenmann. Diese Unregelmäßigkeiten heißen ganz lapidar Verzweiflung, Isolation oder Realitätsverlust. Mit anderen Worten: Bemitleidenswerte Seelenzustände, die sich nichts destotrotz eben auch in Mord und Totschlag entladen. Vorzugsweise bei jungen, durchs Internet radikalisierten Männern, wie der Verfassungsschutz das nennt.

Dass man für diese Personengruppe die Eltern schlecht als „Aufpasser“ in die Pflicht nehmen kann müsste jedem Sicherheitsexperten klar sein. Diese Heranwachsenden sind isoliert und werden zu Tätern, obwohl sie mit ihren „Erziehungsberechtigten“ zusammen wohnen.

Wer also soll es richten? Lehrer? Vielleicht. Aber nur, wenn dieser ohnehin strapazierten Personengruppe deutlich wahrnehmbare ideelle, personelle und finanzielle Unterstützung gewährt wird. Dazu Jugendzentren. Vereinen – jedem, der irgendwie die Chance haben könnte, einen dieser Fehlgeleiteten zu erkennen und zu erreichen.

Ich höre schon die Einwände. Der „Leistungsnachweis“ solcher Projekte sei nicht erbracht. Es gäbe keine Evaluation, die den Zusammenhang von – sagen wir – Straßenfußball – Projekten und Terrorismusbekämpfung belegen könne.

Stimmt. Wird es auch nie geben. Aber die Aussicht, möglicherweise ein paar Tausend Euro für ein Jugendprojekt in den Sand zu setzen, das möglicherweise keinen Psychopathen von seinem Amoklauf abhält, aber dann doch zumindest andere Jugendliche für eine Weile glücklich macht, scheint mir erträglicher als die gesellschaftliche Omnipräsenz von „Schlapphüten“, die mich vor Psychopaten auch nicht schützen können.