Pakistan am Scheideweg

Waziristan ist eine abgeschiedene Region im Osten Pakistans. Dass sie in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt, hat sie einem wenig rühmlichen Umstand zu verdanken. Am 22. August (2011, Amerk. d. Autorin) wurde dort Atijatullah Abdel-Rahman, Al-Qaidas Nummer 2, von einer amerikanischen Drohne tödlich getroffen, vermelden amerikanische Regierungskreise. Wieder mal scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen, dass Pakistan ein getreulicher Partner für international gesuchte Terroristen ist. Gerade mal gut drei Monate nachdem Al-Qaidas Nr. 1, Usama bin Laden, im Land getötet wurde. Gefahrenherd Pakistan?Die Nachricht versetzt Sicherheitsexperten in Alarmbereitschaft: 180 Millionen Menschen leben in Pakistan, von denen gut zwei Drittel, 67 Prozent, Analphabeten sind.

In Pakistan scheinen sich Hiobsbotschaften aneinander zu reihen wie Perlen an einer Kette: Pakistan ist Nuklearmacht, hat einen besonders undurchschaubaren Geheimdienst. Und mit seiner fast mittelalterlichen Ordnung – einer bitterarmen Landbevölkerung und märchenhaft reichen Landbesitzern, die sich für alles aber nicht die Probleme Pakistans zu interessieren scheinen ist das Land zunehmend anfälliger für Islamismus.

Ein nahezu perfektes Schreckens-Szenario. Grund genug für den integrationspolitischen Sprecher der FDP, Serkan Tören, seinen aus Pakistan stammenden wissenschaftlichen Mitarbeiter Sarmad Hussain sowie die FDP nahe Friedrich-Naumann-Stiftung einen Pakistan-Gesprächskreis ins Leben zu rufen. Mit einem prominenten, pakistanischen Gast gleich bei der ersten Veranstaltung.

Ein General mit Botschaften

Vierzig Jahre lang hat Talat Masood im pakistanischen Militär gedient. Als Generalleutnant schied er 1991 aus, wurde Berater des Verteidigungsministeriums. Nun ist er ein Botschafter seines Landes in politischen, militärischen und nuklearen Fragen. In diesen Tagen erfordert das augenscheinlich diplomatisches Geschick. Wie tief die Gräben speziell zwischen Amerika und Pakistan sind, offenbart nämlich schon die Sprache. Terroristen wie die „Taliban“ oder das „Haqqani-Netzwerk“ bezeichnet Masood als „ Stammesvertreter“. Und erläutert, warum Islamabad nicht an einem Konflikt mit diesen Gruppen gelegen sei: „Für uns sind diejenigen wichtiger, die Pakistan zur Zielscheibe haben. Also nicht die afghanischen Taliban oder die afghanischen Aufständischen.“

Jede Predator-Drohne polarisiert ein Stück mehr

So eine Prioritätensetzung betrachtet die westliche Welt vorerst mit Stirnrunzeln. Während in Amerika und Deutschland der Tod von Terroristen wie Bin Laden oder Abdel Rahman mit Erleichterung, Genugtuung oder gar Freude zur Kenntnis genommen wird, lösen die Nachrichten in Pakistan bestenfalls gemischte Gefühle aus. Sogar bei Pakistanern, die sich strikt gegen jeden Terror aussprechen. Amerikas unbemannte Flugkörper untergraben nicht nur Pakistans staatliche Souveränität, was stolze Pakistaner aller Orten vor den Kopf stößt. Zudem ist ihr Einsatz durch kein Recht der Welt gedeckt.

Und sie sind bei weitem nicht treffsicher. Sprecher amerikanischer Think Tanks wie „Brookings Institution“ schätzen, dass für jeden getöteten Terroristen rund 10 unschuldige Pakistaner bei amerikanischen Drohnenangriffen sterben müssen. Das schüre den Anti-Amerikanismus im Land, erklärt Masood: „Ich denke, der besten Weg, Terrorismus zu bekämpfen, ist, die Unterstützung des pakistanischen Volkes zu gewinnen.“

Arbeitsplätze und Alphabetisierung als Anti-Terror-Strategie

Arbeitsplätze schaffen, Bildung, einen effektiven Geheimdienst, die Unterstützung des Volkes, unabhängige Medien – das wünscht sich Masood als umfassenden Anti-Terror-Ansatz. Einzig die Demokratie würde Politikern abverlangen, nicht am Volk vorbei zu entscheiden und sei deshalb die effektivste Regierungsform, folgert der General. Wer mag kann darin Kritik erkennen an der Führungselite Pakistans, die der Pakistan – Büroleiter der Friedrich Naumann-Stiftung, Olaf Kellerhoff, auf den Punkt bringt: Politische Führungsschwäche und ein Militär, das Gefahr läuft mit den Trend zu immer radikaleren Islam-Auslegungen wie dem Wahabismus von Islamisten unterwandert zu werden: „Neulich ist ein pakistanischer Journalist ermordet worden, der aufgedeckt hat Verbindungen zwischen Al-Qaida und dem Militär. Nicht, dass es Bestreben des Militär ist. Aber einzelne Militärangehörige arbeiten in diese Richtung.“

Respekt im Dialog

Trotz dieser Schwierigkeiten warnt Kellerhoff, Pakistan als so genannter Schukenstaat in Bausch in Bogen zu verdammen. Das Land und sein Volk brauchten in erster Linie Respekt, argumentiert er. Im Grunde gleichen bilaterale Beziehungen diesbezüglich einer Ehe: Auf Pauschalkritik reagiert der Kritisierte mit Trotz und Ablehnung. Respekt öffnet die Tür zum Dialog. Und den baucht Pakistan. Gerade jetzt. Mehr denn je.

Herbst 2011, in ähn licher Form für: Deutsche Welle