Archiv: Zeitschrift für Kulturaustausch

Multikulti in Tarnfleck

      

Das einzig „typisch türkische“ an  Erkan Kahraman ist die Art, wie er seinen Tee umrührt: Geräuschvoll. Aber natürlich ist das ein Klischee. Nadir Attar ist blond, blauäugig. Zur Hälfte Syrer. Beide Männer sind Anfang 20 und Berufssoldaten. Neben ihrer militärischen bekommen angehende Offiziere der Bundeswehr auch eine akademischer Ausbildung. An der Universität der Bundeswehr in Hamburg studieren beide „Politikwissenschaft“. Auslandseinsatz programmiert. Darum haben sie die Frage, ob sie als deutsche Soldaten muslimischen Glaubens in einem Kampfeinsatz notfalls auch auf Muslime schießen würden, im Vorweg für sich mit einem „ja“ beantwortet.

Kahraman ist seit 2006 in der Truppe. Er fand schon als Jugendlicher gut, was deutsche Soldaten in Afghanistan machen. Gerade wegen seines Glaubens: „Die Menschen können dort weder schreiben, noch lesen. Was den Koran angeht sind sie abhängig von denen, die das Recht auf Interpretation haben. Und wenn man quasi persönlich als Gegenbeispiel dahingeht und sagt: Hier, ich bin auch Moslem, dann ist das der Beweis, dass es auch anders geht.“

Attar schätzt die Werte der Demokratie. Spätestens seit Besuchen in der Heimat seiner Verwandten in Syrien. „Wenn man erlebt hat, dass Leute sich nicht trauen auf der Straße offen zu reden, dann weiß man die Situation hier zu schätzen. Schade, dass so wenig Deutsche das so sehen“.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur der Truppe verändert. Waren in den 60ger Jahren noch rund 90 Prozent aller Soldaten Christen, so sind es heute nur noch die Hälfte. Das liegt an den Kirchenaustritten. Aber nicht nur. Nach Schätzungen dienen mittlerweile rund 1000 Soldaten muslimischen Glaubens und circa 200 Juden. Zusammen mit Soldaten deutscher Staatsbürgerschaft, die aus 46 Nationen dieser Erde kommen, wird die Truppe heterogener. Multi-Kulti in Tarnfleck.

Wenn Generäle versichern, dass die Bundeswehr „über mehr interkulturelle Kompetenz verfüge als manch global arbeitender Konzern“ dann ist das keine Koketterie. Die Bundeswehr arbeitet global und braucht geeigneten Nachwuchs für ihre Einsätze. Speziell jenseits deutscher Grenzen ist interkulturelles Wissen mehr als eine nette Zugabe. Diese Erkenntnis gibt es seit einiger Zeit auf höchster Ebene. Sie schlägt sich nieder in der  „Zentralen Dienstvorschrift 10/1“:

Der richtige Umgang mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, die interkulturelle Kompetenz, erhöht die Handlungs- und Verhaltenssicherheit der Soldatinnen und Soldaten und sichert die Akzeptanz von Minderheiten in der Bundeswehr. Im Auslandseinsatz ist die interkulturelle Kompetenz zudem eine wesentlich Voraussetzung für die Auftragserfüllung und den Eigenschutz.“

Die Bundeswehr ist einer der größten Ausbilder in Deutschland. Sie braucht die Migranten – in Zukunft mehr denn je, wie ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt.  Was sie als Arbeitgeber bietet, ist außergewöhnlich. Wo sonst ist „Teamgeist“ dienstlich verordnetet? Siehe Paragraph 12 des Soldatengesetzes:

Wo Kameradschaft und körperliche Fitness Qualifikationen sind haben es Migranten leichter. Siehe Fußball. Hautfarbe, Herkunft? Nebensächlich. Zumindest solange einer gut ist. Und das richtige Vereinstrikot trägt. Bei der Bundeswehr ist das olive. Individualität in Tarnfleck.  Wen man vor sich hat erkennt man mit einem Blick auf die Schulter. Also schauen viele erst dorthin – und dann ins Gesicht.  So kann Multi-Kulti funktionieren.

De facto ist unklar, ob bei der Bundeswehr weniger, mehr oder genauso diskriminiert wird als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Viele „Migranten in Uniform“ beantworten die Frage mit Gleichmut: Eigentlich hätten sie „eher gute Erfahrungen gemacht“.

„Und wenn‘s mal blöde Sprüche gibt, dann steht man am besten drüber,“ sagt Nadir Attar.

Will heißen: Wird in der Truppe unkameradschaftlich gegen § 12 verstoßen, dann antwortet man darauf mit einem Verhalten gemäß § 12. Vergehen regelt man bei der Bundeswehr intern.

Wie viel interkulturellen Umgang ein Soldat hat hängt von seinem Dienstgrad ab. Auch, wie viel Wissen ihm vermittelt wird. Für Wehrdienstleistende gehört interkulturelle Kompetenz als Lehrstoff seit 2006 zur Grundausbildung, füllt bislang allerdings bestens ein paar Stunden, die Soldaten gerade mal für die Problematik sensibilisieren.

Mehr erfahren Berufssoldaten. Deren Ausbildung muss gründlicher sein als „potentielle Botschafter im Ausland“, die sie sind. Erwartet wird nicht takt- sondern tadelloses Verhalten. Der „lebenskundliche Unterricht“ veranschaulicht das. In einem Modul geht es um Wertkonflikte. Wie verhalte ich mich, wenn mein Kamerad in Afghanistan mit einer verschleierten Frau auf offener Straße flirtet? Wo endet die Menschenfreundlichkeit, wo beginnt Fehlverhalten?

Die Inhalte dieser Lektionen haben zum Ziel, Werte bewusst zu machen und Verhaltenssicherheit zu trainieren. Beides spielt im interkulturellen Dialog eine Rolle. Wie jeder weiß, der mal versucht hat, am Sabbat im jüdisch – orthodoxen Mea Shearim zu telefonieren. Oder in andere Fettnäpfchen getreten ist.

Je näher der Einsatz desto detaillierter die Wissensvermittlung. Spezifisch landeskundliche Informationen bekommen Soldaten in der Einsatzvorbereitung. Weitere Angebote macht die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. Studenten und angehende Offiziere können „interkulturelle Kommunikation“ bei einer deutschen Muslimin afghanischer Herkunft belegen. Die Kursinhalte sind vielfältig: Basiswissen der Soziologie und Psychologie („Ist Angst ein universelles Gefühl?“), Grundkenntnisse über den Islam,  Mentalität und Sozialstruktur der Bevölkerung. Diesen Lehrstoff finden besonders Seminarteilnehmer deutscher Herkunft erhellend. Beweist er doch, dass „Muslime vielfältiger sind manche Politiker oder Medien vermuten lassen“, sagt einer.

An all dem lässt sich das Ausmaß des psychischen Spagats erahnen, den Soldaten in ihrer Ausbildung und im Auslandseinsatz machen. Einerseits wird ihre kulturelle Sensibilität trainiert, andererseits ihre Fertigkeit im Umgang mit der Waffe.

„Das sei die Herausforderung heutiger Einsätze“ sagt Elmar Wiesendahl, Professor und Leiter des Fachbereichs für Sozialwissenschaften an der Führungsakademie, der höchsten Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr, an der Stabssoffiziere, also auch Deutschlands zukünftige Generäle, ausgebildet werden. Soldaten müssten sich kontrollieren und eine „gewisse Robustheit zeigen“, erläutert Wiesendahl. „Mit reinem Hegemonalverhalten kann der Einsatz nur scheitern.“

Die Gratwanderung zwischen Empathie auf der einen sowie Kampfbereitschaft auf der anderen Seite manifestiert sich auch in der Wahl der Mittel in Krisenregionen. Wenn Fronten zwischen Freund und Feind sind nicht aus Nationalität, Kultur oder Religion gemacht sind, sondern aus Extremismus und Radikalismus kann niemand mehr Freund und Feind auf den ersten Blick ausmachen. Darum verbietet sich ein militärischer Rundumschlag. Andererseits ist ein „demokratischer Aufbau“ fragwürdig, wenn Terroristen ins Nachbarland „migrieren“. Sofern man der These folgt, dass deutsche Interessen am Hindukusch vertreten werden, dann reichen sie bis Peshawar. Mindestens.

An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg diskutieren Seminarteilnehmer solche militärischen und sicherheitspolitischen Fragen. Im Schnitt werden täglich 500 Stabsoffiziere aus- und fortgebildet, davon 100 ausländische Militärvertreter, auch aus islamischen Ländern. Vor einigen Jahren hätte das niemand mit „interkulturellem Dialog“ betitelt ohne Heiterkeitsausbrüche zu ernten. Heute löst es nicht mal ein Schmunzeln aus. Gerade wird an der Führungsakademie ein Curriculum für interkulturelle Kompetenz entwickelt. Die Generalstabslehrgänge sind zum Teil international besetzt, der interkulturelle Lehrstoff fließt ein in Seminare für Führungskräfte. Oder steht im Zentrum eines Lehrgangs, der „Gewalt“  und ihre spezifischen Ausprägungen in Kulturen dieser Welt beleuchtet. Von den Maoris bis zur deutschen Kriegsheldenverehrung und deren Folgen.

Faktisch basiert jedes Militärbündnis auf „interkulturellem Dialog“. Im ISAF Einsatz in Afghanistan allein sind 37 Nationen mit mehr als 40.000 Soldaten aktiv. Wer weiß schon wie viele Missverständnisse es gibt? Wie viel Verwunderung der Anblick einer deutschen Soldatin bei Bündnispartnern auslöst – einem Aserbaischaner zum Beispiel?  Man munkelt, dass auch in der NATO über Mentalitäten debattiert wird. Warum das Führungsverhalten deutscher Militärs so anders ist als das der Engländer oder Franzosen. Darum ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit bis die NATO Kurse zum „Diversity Management“ einführt.

Utopisch? Abwarten. Vor 20 Jahren war undenkbar, dass deutsche Staatsbürger islamischer Herkunft als Offiziere in den Auslandseinsatz gehen. Der „Kulturaustausch“ ist immer für eine Überraschung gut!

2009 in geänderter Fassung abgedruckt in

„Zeitschrift für Kulturaustausch“

Immer in Stiefeln

      

Eingespannt in Faizabad: Major Hubertus von Hobe

Hubertus von Hobe, 1965 in Flensburg geboren, ist seit 1991 Berufssoldat. Von 2009 bis 2010 war er CIMIC-Zugführer in Faizabad, Afghanistan.

UH: Sie waren von Ende 2009 bis März 2010 als so genannter CIMICer, also „Beauftragter“ der Bundeswehr für zivil-militärische Zusammenarbeit in Afghanistan, genauer im Wiederaufbauteam Faisabad. Was ist Ihr persönliches Resümee aus diesem Einsatz?

HvH: Es war eine positive Erfahrung, menschlich gesehen. Dass wir dort als internationale Gemeinschaft helfen können, dass die Menschen und das Land Hilfe benötigen. Die Bundeswehr selber hat ja nicht mehr, wie man das aus den SFOR Zeiten kennt, das berühmte „Dachlatten – CIMIC“, bei dem wir als Soldaten selbst gebaut und gezimmert haben, sondern wir helfen anderen Organisationen bei der Projektierung. Das heißt wir stellen fest: Hier ist der Bedarf für eine Wasseraufbereitungsanlage, einen Brunnen, für Elektrizität oder für eine Schule. Und dann unterstützen wir mit unserem Know How.

UH: Als CIMICer haben Sie zwangsläufig einen besonders engen Kontakt zur Bevölkerung. Wie haben die Afghanen auf Sie, einen deutschen Soldaten, reagiert?

HVH: Meine Erfahrung war, dass sie mit Masse freundlich reagiert haben. Einige waren erstmal ein bisschen zurückhaltend. Aber mir ist es immer sehr schnell gelungen, auch einen näheren Kontakt zu gewinnen. Dass sie dann ein bisschen offener wurden, einen dann auch mal eingeladen haben, in die Moschee oder auf eine Terrasse zu einem Tee.

UH: Als Soldat haben Sie Sicherheits- und Verhaltensregeln zu befolgen. Militärs sollen zum Beispiel ihre Schuhe anbehalten um bei Gefahr fliehen zu können. Aber in muslimischen Haushalten werden die Schuhe vor der Tür nunmal ausgezogen. Wie haben Sie solche Zwickmühlen gelöst?

HVH: In den meisten Fällen war es für die Afghanen selbstverständlich, dass wir unsere Stiefel anbehalten haben. Wir haben dann angedeutet, dass wir die ausziehen wollen, dann haben die gesagt: „Nein, muss nicht sein“. Es wurde dann sogar einem von dem Mullah oder Dorfältesten befohlen, dass die Stiefel sauber gemacht wurden mit einem Besen und so sind wir dann in die Moschee oder in andere Räume hinein. Lediglich einmal, weil ich die Lage kannte, habe ich die Stiefel ausgezogen um auch weiter vertrauensbildend zu wirken.

UH: Zwischen Deutschland und Afghanistan gibt es seit langem enge Verbindungen. Ein bayrischer Offizier, Oskar Ritter von Niedermeyer, hat 1915 eine Militärexpedition nach Afghanistan geleitet und förderte Wissenschaft und Bildung des Landes. Zum Beispiel 1924 die Gründung der Amani-Schule in Kabul, an der über Jahre die Führungselite des Landes ausgebildet wurde. Damals war Deutsch die am häufigsten gesprochene Fremdsprache. Wie werden die Deutschen aus Ihrer Sicht heute wahrgenommen?

HvH: Aus meiner Sicht werden die Deutschen dort positiv wahrgenommen, weil wir in der Lage sind uns auf die Kultur einzustellen und entsprechend höflich, bescheiden und zurückhaltend dort auftreten. Das gilt auch für die Männer, mit denen ich draußen war: Wehrpflichtige aus allen Teilen Deutschlands. Die sind durchaus in der Lage schon von ihrer Kinderstube her  sich entsprechend zu verhalten.

UH: Auch die DDR war in Afghanistan aktiv, überwiegend in den 60ger Jahren. So hat, was kaum jemand weiß, Afghanistan die Straßenverkehrsordnung der DDR übernommen. Sind Sie während Ihres Aufenthalts  auf solche – ich nenne das mal –  „Kulturimporte“ gestoßen?

HvH: In der Provinz Badachschan habe ich das nicht gesehen. Alles, was an Straßenschildern da war, konnte man gebrauchen. Die wurden abgebaut und für irgendwelche Stabilisierungsmaßnahmen in Häusern verwendet.

UH: Vier Monate im Auslandseinsatz – das ist eine kurze Zeitspanne, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Die GTZ oder DED Mitarbeiter sind mindestens ein Jahr im Land. Wären für Soldaten sechs Monate, wie oft diskutiert wird, nicht sinnvoller – vor allem für die CIMICer?

HVH: Bezogen auf die Projekte auf alle Fälle. Allein schon in der Zusammenarbeit mit Menschen weil das Vertrauen ganz normal in einer zwischenmenschlichen Beziehung wächst über die Zeit. Und da sind, vollkommen richtig, vier Monate natürlich sehr kurz.

September 2010 in geänderter Form abgedruckt in „Zeitschrift für Kulturaustausch“

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