Hoffen auf Wunder – die Blaue Moschee in Afghanistan

Eine der bekanntesten Pilgerstätten der muslimischen Welt ist die Blaue Moschee in Afghanistan. Vor gut 500 Jahren wurde sie in Mazar-i-Scharif gebaut. Ali, der Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, soll hier begraben sein. Belegbar ist das nicht. Aber nach 30 Jahren Krieg sind in Afghanistan vor allem Wunder- und Heilsgeschichten gefragt.


Das Wunder des „Schuh-Depots“

Mit stoischer Ruhe nimmt der Mann am Eingang das Schuhwerk der Besucher entgegen. Ein prüfender Blick, dann verstaut er die Paare sorgsam in Bienenwaben gleichenden Fächern eines hohen Regals hinter sich. Manche Besucher erhalten eine Nummer als Beleg, andere nicht. Wie er bei diesem System den Überblick behalten kann über die Besitzverhältnisse von Trekkingmodellen, Sandalen und Plastiklatschen bei täglich Hunderten von Pilgern, Gläubigen und Touristen ist sein Geheimnis. Und das erste, ganz und gar irdische Wunder rund um die Blaue Moschee.

Weltliches hinter sich lassen

Kenner haben Woll-Socken in der Tasche. An Sommertagen heizen sich die weißen Marmorplatten auf dem Moscheeplatz auf – Temperaturen, die über der durchschnittlichen Schmerzgrenze barfüßiger Europäer liegen. Blessuren läßt der erste, unverstellte Blick auf das prachtvolle Gotteshaus vergessen. Jedes Minarett, jede Wand ist von Tausenden Kacheln in unterschiedlichen Blautönen durchzogen. Ihre individuelle Ornamentik strukturiert die Fassade, betont aber zugleich den optischen Eindruck von Einheit.

In Nischen drängen sich Frauen in türkis-blauen Burkas an der Moschee-Wand – auf dass Ali ihre Gebete erhöre. Den Sunniten gilt er als vierter Kalif, für die Schiiten und Aleviten ist er der erste Imam. Stirn oder Hände an die Kacheln gelegt, murmeln die Frauen, weinen, fassen Sehnsüchte, Wünsche, Träume in Worte. Ein Bild frommer Hingabe: „Das hat eine große Bedeutung für ganz Afghanistan, immer in Frühlingsanfang in Nouruz sind Tausende von Leuten hier, da ist monatelang immer alles vorbereitet und es ist ein Pilgerort. Nouruz ist Frühlingsanfang, der Tag als Ali auch an der Macht gekommen war und Nouruz ist auch eine Tradition überhaupt gewesen in Balkh, die Arier, für Muslime aus aller Welt und Afghanistan sehr bedeutungsvoll.“

Der Geschichtenerzähler

Einmal in der Rolle des Geschichtenerzählers ist Zaher Mohsenyar, Mitarbeiter von DED und GTZ in Afghanistan, kaum zu bremsen: „Ich werde Euch ein bisschen über Ariana erzählen und die Arier, die hier waren. Normalerweise haben die in den Bergen von Hindukusch, Pamir und Halbos, diese Gebirge was ihr seht, gelebt und so langsam wurden sie größer. Und da war ein alter weiser großer Mann bei denen und diese große Menge Leute dabei und dann sind sie über Balkh gekommen und haben gesagt: So, hier leben wir.“

Arier, Ali und ein kollektiver Traum

Aus den vielen, verwirrenden Legenden über den Volksstamm der Arier, manchmal auch Baktier genannt, die sich vor etwa 5000 Jahren in der Provinz Balkh ansiedelten, über die Entstehung von Mazar-i-Sharif, was persisch ist und „„Grabmal des Heiligen“ heißt sowie die zahllosen Kriege und Konflikte, die dieser Landstrich erlebt hat, lässt sich kaum ein klares Bild herausfiltern. Erst recht nicht auf welchen Wegen der Leichnam Alis den Weg an diesen Ort gefunden hat: dass sein Grab in Vergessenheit geraten ist und auf seltsame Weise wiederentdeckt wurde, als vierhundert Menschen auf einen Schlag in einer Nacht den selben Traum hatten, in dem Ali sie auffordert: “Ich bin hier – kümmert Euch um mich.“ So wurde sein Grab entdeckt und eine Moschee darüber gebaut.

„Andere Überlieferungen sagen, dieser König hatte seine Leute geschickt, haben sie gegraben, erstmal Gebäude mit Kuppel und silberner Tür – und dann haben sie aufgemacht , Sarg gefunden mit Schrift: Hier ruht Ali, der Löwe von Gott und auch sein Schwert war da.“

Ein spiritueller Knotenpunkt

Bis heute wird unter Experten diskutiert, wen die sterblichen Überreste in der Blauen Moschee wirklich verbergen. Manche nehmen an, dass nicht Ali, sondern vielmehr der alt-iranische Priester Zarathustra hier begraben wurde. In jedem Fall scheint das Fleckchen Erde, auf dem heute die Moschee steht, schon seit den Zeiten der Arier mythisch verklärt gewesen zu sein, meint Zaher:

„Die haben eine Tradition gehabt, so ein Falke und haben gesagt wir lassen diese Falke los- wo der sitzt bei dem, der wird König. Und der Falke geht und sitzt bei einem jungen Mann, der heißt Jamar und der wurde König.“

Ein Ort, an den sich ein Strauß von Mythen knüpft ist prädestiniert auch für religiös motivierte Wunder. Im Laufe eines Jahres besuchen rund eine Millionen Menschen die Blaue Moschee:

„Die sind zum Pilgern gekommen. Die sitzen und beten und wünschen sich was. Vielleicht wollen sie einen Jungen, einen Sohn haben oder vielleicht haben sie Wünsche. Und dann kommen auch viele Kranke, die Heil suchen, viele sagen auch, viele Schwerkranke werden hier wieder heiler.“

Pilgern zum „Prinzip Hoffnung“

„Ich bin müde. Ich bin hergekommen, damit mein Gott meine Wünsche erfüllt“. Die Pilgerin, die eben noch neugierig die Gruppe Fremder gemustert hat, bricht wie auf Knopfdruck in Tränen aus, zieht sich die Enden ihres bunten Kopftuchs über das Gesicht. „Ich habe niemanden außer Gott. Und ich komme wegen Ali.“ So wie sie dann vom Vetter Mohammeds spricht, könnte man meinen, er sei ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und das verkörperte „Prinzip Hoffnung“: „Was du dir von ihm wünscht, das kriegst Du erfüllt.“

Die Blaue Moschee ist nicht nur ein Platz der Frömmigkeit sondern Begegnungsstätte, Treffpunkt für Familien und die Jugend. Michael Gruber, Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Afghanistan, kennt das Land und die Blaue Moschee seit Jahren:

„Angeblich ist das der einzige Platz in Afghanistan wo sich Jungen und Mädchen….nicht treffen, aber versuchen anzubandeln um zumindest Telefonnummern auszutauschen. Was hier natürlich schon skandalös ist. Das wird immer erzählt. Das Land ist ja voller Geschichten, voll interessanter Geschichten.“

Samim gehört zu dieser jungen Generation. Er müsste wissen, ob man heimlich Mädchen ansprechen kann an der Blauen Moschee. Stattdessen erzählt der 20 jährige vom Krieg, der Flucht nach Pakistan, der Rückkehr nach Afghanistan. Den Aufenthalt in Kabul haben Samims Eltern verboten. Zu gefährlich. Aber Mazar sei okay, um Geld zu verdienen. Dank der schützenden Blauen Moschee:

„Die Moschee ist ein machtvoller Ort, sie ist gut für alles. Seit Jahren, 30, 40, 50 Jahren ist Krieg in Afghanistan und in allen Provinzen. Aber in Balkh, in Mazar-i-Sharif war davon nicht viel zu spüren. Die Leute glauben, dass die Moschee sie geschützt hat.“

Ganz falsch ist das offenbar nicht. Kein Aufständischer, kein Mudschaheddin könnte es wagen, das Heiligtum zu beschießen oder ein Feuergefecht in ihrer Nähe anzufangen, erklärt ein deutscher Polizist. Vermutlich würde ihn der Zorn aller Kriegsparteien, aller Volksgruppen wie Usbeken, Tadschiken, Hazara des Nordens ebenso treffen wie der aller Konfessionen. Ein seltenes Stück Einigkeit in Afghanistan.


September 2010,
in geänderter Form gesendet auf DLR

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