Perspektiven für Afghanistan

„Afghanistan – was kommt nach dem Abzug deutscher Truppen?“ fragte die Konrad Adenauer Stiftung am 19.2.2012 in Hamburg. Den Schlüssel zu einer friedlichen Entwicklung sieht der Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  in der Polizeiausbildung:

Audio Jürgen Klimke

Der Zeitreisende

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Pakistan am Scheideweg

Waziristan ist eine abgeschiedene Region im Osten Pakistans. Dass sie in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt, hat sie einem wenig rühmlichen Umstand zu verdanken. Am 22. August (2011, Amerk. d. Autorin) wurde dort Atijatullah Abdel-Rahman, Al-Qaidas Nummer 2, von einer amerikanischen Drohne tödlich getroffen, vermelden amerikanische Regierungskreise. Wieder mal scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen, dass Pakistan ein getreulicher Partner für international gesuchte Terroristen ist. Gerade mal gut drei Monate nachdem Al-Qaidas Nr. 1, Usama bin Laden, im Land getötet wurde. Gefahrenherd Pakistan?Die Nachricht versetzt Sicherheitsexperten in Alarmbereitschaft: 180 Millionen Menschen leben in Pakistan, von denen gut zwei Drittel, 67 Prozent, Analphabeten sind.

In Pakistan scheinen sich Hiobsbotschaften aneinander zu reihen wie Perlen an einer Kette: Pakistan ist Nuklearmacht, hat einen besonders undurchschaubaren Geheimdienst. Und mit seiner fast mittelalterlichen Ordnung – einer bitterarmen Landbevölkerung und märchenhaft reichen Landbesitzern, die sich für alles aber nicht die Probleme Pakistans zu interessieren scheinen ist das Land zunehmend anfälliger für Islamismus.

Ein nahezu perfektes Schreckens-Szenario. Grund genug für den integrationspolitischen Sprecher der FDP, Serkan Tören, seinen aus Pakistan stammenden wissenschaftlichen Mitarbeiter Sarmad Hussain sowie die FDP nahe Friedrich-Naumann-Stiftung einen Pakistan-Gesprächskreis ins Leben zu rufen. Mit einem prominenten, pakistanischen Gast gleich bei der ersten Veranstaltung.

Ein General mit Botschaften

Vierzig Jahre lang hat Talat Masood im pakistanischen Militär gedient. Als Generalleutnant schied er 1991 aus, wurde Berater des Verteidigungsministeriums. Nun ist er ein Botschafter seines Landes in politischen, militärischen und nuklearen Fragen. In diesen Tagen erfordert das augenscheinlich diplomatisches Geschick. Wie tief die Gräben speziell zwischen Amerika und Pakistan sind, offenbart nämlich schon die Sprache. Terroristen wie die „Taliban“ oder das „Haqqani-Netzwerk“ bezeichnet Masood als „ Stammesvertreter“. Und erläutert, warum Islamabad nicht an einem Konflikt mit diesen Gruppen gelegen sei: „Für uns sind diejenigen wichtiger, die Pakistan zur Zielscheibe haben. Also nicht die afghanischen Taliban oder die afghanischen Aufständischen.“

Jede Predator-Drohne polarisiert ein Stück mehr

So eine Prioritätensetzung betrachtet die westliche Welt vorerst mit Stirnrunzeln. Während in Amerika und Deutschland der Tod von Terroristen wie Bin Laden oder Abdel Rahman mit Erleichterung, Genugtuung oder gar Freude zur Kenntnis genommen wird, lösen die Nachrichten in Pakistan bestenfalls gemischte Gefühle aus. Sogar bei Pakistanern, die sich strikt gegen jeden Terror aussprechen. Amerikas unbemannte Flugkörper untergraben nicht nur Pakistans staatliche Souveränität, was stolze Pakistaner aller Orten vor den Kopf stößt. Zudem ist ihr Einsatz durch kein Recht der Welt gedeckt.

Und sie sind bei weitem nicht treffsicher. Sprecher amerikanischer Think Tanks wie „Brookings Institution“ schätzen, dass für jeden getöteten Terroristen rund 10 unschuldige Pakistaner bei amerikanischen Drohnenangriffen sterben müssen. Das schüre den Anti-Amerikanismus im Land, erklärt Masood: „Ich denke, der besten Weg, Terrorismus zu bekämpfen, ist, die Unterstützung des pakistanischen Volkes zu gewinnen.“

Arbeitsplätze und Alphabetisierung als Anti-Terror-Strategie

Arbeitsplätze schaffen, Bildung, einen effektiven Geheimdienst, die Unterstützung des Volkes, unabhängige Medien – das wünscht sich Masood als umfassenden Anti-Terror-Ansatz. Einzig die Demokratie würde Politikern abverlangen, nicht am Volk vorbei zu entscheiden und sei deshalb die effektivste Regierungsform, folgert der General. Wer mag kann darin Kritik erkennen an der Führungselite Pakistans, die der Pakistan – Büroleiter der Friedrich Naumann-Stiftung, Olaf Kellerhoff, auf den Punkt bringt: Politische Führungsschwäche und ein Militär, das Gefahr läuft mit den Trend zu immer radikaleren Islam-Auslegungen wie dem Wahabismus von Islamisten unterwandert zu werden: „Neulich ist ein pakistanischer Journalist ermordet worden, der aufgedeckt hat Verbindungen zwischen Al-Qaida und dem Militär. Nicht, dass es Bestreben des Militär ist. Aber einzelne Militärangehörige arbeiten in diese Richtung.“

Respekt im Dialog

Trotz dieser Schwierigkeiten warnt Kellerhoff, Pakistan als so genannter Schukenstaat in Bausch in Bogen zu verdammen. Das Land und sein Volk brauchten in erster Linie Respekt, argumentiert er. Im Grunde gleichen bilaterale Beziehungen diesbezüglich einer Ehe: Auf Pauschalkritik reagiert der Kritisierte mit Trotz und Ablehnung. Respekt öffnet die Tür zum Dialog. Und den baucht Pakistan. Gerade jetzt. Mehr denn je.

Herbst 2011, in ähn licher Form für: Deutsche Welle

 

Kooperationen gegen Terror

Andere Wege im Kampf gegen den Terror möchte Gernot Erler, ehemaliger Staatsminister im Auswärtigen Amt und stellvertretender SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzender beschreiten.  “Das Versagen nach 9/11 – mit besseren Strategien gegen den Terror” heißt sein Buch, das er gerade in der Hamburger Körber-Stiftung vorgestellt hat. Darin plädiert er für eine enge Kooperation in Europa:

(Copyright: Claudia Höhn)

 

AUDIO: Gernot Erler, 7.9.2011

Arabischer Frühling, arabischer Herbst?

Folgt dem arabischen Frühling ein „arabische Herbst“? Das war das Thema einer Veranstaltung in Hamburg. Die Zeit-Stiftung hatte dazu junge Führungskräfte aus mehr als 30 Ländern eingeladen, sowie politische Beobachter des Nahen und Mittleren Ostens um miteinander zu debattieren und diskutieren. Ute Hempelmann berichtet:

Beste Prognosen für Tunesien. Ganz gute auch für Ägypten. Beiden Ländern trauen die Experten so viel revolutionären Schwung zu, um Hindernisse auf dem Weg zu politischen und gesellschaftlichen Veränderungen weiterhin zu beseitigen. Und gleichzeitig, eine Art „rolemodel“ für andere arabische Länder zu werden. Nur welche? Weit nüchterner fällt das Fazit nämlich für andere aus: Bahrain, Saudi-Arabien, Jemen? Bislang: alte Herrschaften im neuen Gewand – bestenfalls. Vor allem aber Syrien beschäftigt die Experten. Nicht zum ersten Mal hat Baschar el Assad seiner Bevölkerung versprochen, keine Gewalt mehr gegen sie zu richten. Doch obwohl der Wahrheitsgehalt seiner Worte zweifelhaft ist, sprechen sich Experten deutlich gegen eine Intervention aus. Michael Thumann, Korrespondent der ZEIT für Syrien:

Baschar Assad ist jetzt schon schwer angeschlagen. Seine innere Legitimation – und die war wesentlich fester als die von Mubarak in Ägypten – die erodiert. Und im Grunde genommen kann man jetzt eigentlich warten und sehen, wie ihm die Macht in den Händen zerbröselt. Wenn man eine Intervention jetzt diskutieren würde – das würde eher nutzen um eine alte Säule seiner Legitimation zu errichten- und das ist eben die des Widerstands gegen äußere feindliche westliche Kräfte.


Es ist als hätten die syrischen Gewehrsalven die Euphorie in Europa und den USA über die arabische Revolution in Ernüchterung verwandelt. In der Begeisterung der ersten Wochen hatte die Hoffnung auf demokratische Partner im Nahen und Mittleren Osten manchen Politiker weit davon getragen. Allzu kühn die Vergleiche, die Aufstände im Jemen oder Bahrain mit den Zuständen in Deutschland 1989 gleichsetzten. Die Realität in den arabischen Ländern ist eine komplett andere. Und so hat Vali Nasr, von der Tufts University in Boston, ehemaliger Berater des Sondergesandten für Afghanistan und Pakistan, Richard Holbrooke, mittlerweile eine Kehrtwende in der Haltung des Westens ausgemacht:
„Es gibt da teilweise einen Rückzug von den Bekundungen, die Veränderungen zu unterstützen. Es war eben einfacher, in Ägypten einzugreifen, weil der Einfluss auf das Militär und die Politik so groß war. Wenn wir dagegen Länder anschauen, mit denen der Westen wenig Beziehungen hatte und daher wenig Einfluss auf die Akteure – da blieb als Möglichkeit nur eine militärische Intervention oder Sanktionen oder international abgestimmte Handlungen – und diese Wege werden immer komplizierter.“


Dabei gehen die Veränderung weiter. Schon wird debattiert, wie viel die jüngsten Proteste in Israel gemeinsam haben mit denen in der arabischen Welt. Weit mehr als man zunächst meinen würde. Ob es wohl möglich wäre auf diese Weise neue Brücken zu schlagen – zumindest zwischen der Bevölkerung der verfeindeten Lager, fragen sich die Analysten. In jedem Fall könnte, sollte der Westen eine Lektion lernen, die ihm die arabische Revolution erteilt hat. „Stabilität“ ist nicht immer das höchste Gut in der Politik, sagt Volker Perthes von der Stiftung Wissenschaft und Politik:

“Zu viele politische Entscheidungsträger in Europa haben Stabilität und Stagnation immer wieder miteinander verwechselt. Und Revolution war nicht vorgesehen. Zum Teil haben europäische Entscheidungsträger sich da an der Nase herumführen lassen von arabischen oder anderen Potentaten, die gesagt haben: Wenn wir nicht da sind, dann kommt die Anarchie. Oder wenn wir nicht da sind, dann kommen die Islamisten. Aber wir sehen natürlich gerade – das sehen wir in Syrien, das sehen wir in Libyen,  das sehen wir im Jemen – das eben diese Potentaten eben keine Stabilität gewahrt haben.”


Darum bleibt das einzig berechenbare und stabile in der arabischen Welt vorerst der Wandel. Patentrezepte im Umgang mit der Situation wird es nicht geben – um das genaue Hinschauen in jedem einzelnen Land wird der Westen nicht herumkommen.

August 2011,in veränderter Form für:Deutsche Welle

 

Die Afghanistan-Depression

„Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat. Dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht. Und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen.“

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter.  Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens.  Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und  Berater des ehemaligen UN – Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg. Und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Bin Ladens als möglicher Schlusspunkt  der „11. September-Politik“, Finanzkrise, arabischer Frühling – der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit den Gewaltexessen der Taliban. Zwar betonen deutsche Militärs in diesem Sommer wieder und wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe. Was was die Qantität angeht mag das auch stimmen. Die qualitative Dimension der psychologischen Wirkung werde damit aber unterschätzt, entgegnet Nasr. Der Politologe führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Vali Karzai, ins Feld:  „Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen.“

„Enthauptung“ des politischen Systems

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert  der 50jährige politische Beobachter: „Diese gezielten Tötungen sind „Enthauptungs – Kampagnen“ des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug.“

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen.  Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. „Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt“, folgert Vali Nasr trocken.
Die Säulen der Verantwortung tragen nichtDie Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung hatte und nie eine Armee weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung „2014“, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Zweckpessimismus als Weckruf?


Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv.  „Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird – das sollte eigentlich, aber… Also falls das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben.“

in ähnlicher Fassung für Deutsche Welle, August 2011

Für Jugendliche ohne Schulabschluss zahlen alle

Jugendliche ohne Schulabschluss bekommen selten einen Ausbildungsplatz. Besonders Ausländer, aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und deutsche aus so genannten „bildungsfernen Familien“ gelten dann als „schwer vermittelbar“. Doch das Abschieben aufs soziale Abstellgleis verursacht Kosten.

Ahmad Aman ist ein quirliger 26 jähriger, der vor wacher Intelligenz nur so übersprudelt. Vor 18 Jahren ist er mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen. Er kam ohne Deutschkenntnisse in die vierte Klasse einer Grundschule. Mit 78 Fehlern war das erste Diktat ein Fiasko, aber:

“Ich war sehr glücklich weil ein damaliger Schüler 2 Fehler mehr hatte und das war schon (er lacht) gut für mich, also ich wurde dann nicht so ganz gedemütigt. Ich hatte dann die Empfehlung auf die Hauptschule zu gehen aber meine Eltern haben sich dagegen geweigert und dann habe ich freiwillig die vierte Klasse wiederholtso dass ich dann auf die Realschule gehen konnte.”

Mitterweile hat Ahmad studiert und arbeitet beim IMBSE in Moers, einem Bildungsträger, der benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ohne Schulabschluss qualifiziert, damit sie einen Ausbildungsplatz bekommen. Ahmad möchte ihnen Vorbild sein. Er vermittelt Fachwissen, aber auch auch die so genannten soft skills. Hände aus den Taschen, Handy aus. Nicht zu vergessen: ein bisschen Optimismus. Die Botschaft ist klar: „Was ich geschafft habe könnt ihr auch“:

“Meine Aufgabe besteht auch in erster Linie darin, die Jungs dahin zu begleiten dass sie auch mit einem gestärkten Selbstwertgefühl und selbstbewusst in die Arbeitswelt hineingehen und sich auch nicht immer als Außenseiter sehen und sich nicht damit abfinden müssen Ausländer oder so genannte Ausländer zu sein – weil sie Chancen haben und auch das Potential haben.”

Kein Schulabschluss, keine Chance, kein Selbstwertgefühl – dieser Teufelskreis ergreift jugendliche Ausländer, Migranten und Deutsche aus so genannten bildungsfernen Familien gleichermaßen. Dabei ist psychologisch und gesellschaftlich jeder dieser Jugendlichen eine verschleuderte Chance. Gleiches betrifft die Wirtschaftlichkeit: Als Erwerbstätiger und Steuerzahler fällt er aus, ja verursacht sogar Kosten. Entweder als Sozialhilfeempfänger oder als Teilnehmer von Qualifizierungsmaßnahmen.

Um Jugendliche in Ausbildung zu bringen gibt Deutschland jährlich rund 5,6 Milliarden Euro aus, hat das Institut der Deutschen Wirtschaft, IW Köln, errechnet. Dazu zählen zum Beispiel Berufsschulen, das Berufliche Grundbildungsjahr und andere Massnahmen. Mehr als eine halbe Millionen Jugendliche nehmen die Qualifizierung in Anspruch, pro Person und Jahr kostet das 10.000 Euro. Und doch sind die Ausgaben nötig und richtig, belegt die IW – Studie von 2008. Wenn die Integration ins Berufsleben gelingt, dann rentieren sich die Investitionen schnell. Wenn nicht, entgehen der Gesellschaft pro Person bis zu 480 000 Euro rechnet Michael Neumann von IW Köln vor:

“Jeder Jugendliche, den wir nicht in eine Ausbildung integrieren können, der keinen Berufsabschluss bekommt, kostet uns in seinem weiteren Leben in jedem folgenden Jahr etwa 12000 Euro, nur dass die über sein gesamtes restliches Erwerbsleben anfallen also im Zweifelsfall – wir gehen davon aus, ob des demographischen Wandels, dass wir in Zukunft bis 67 arbeiten müssen, vielleicht sogar länger, die wir arbeiten müssen, können das 40 Jahre sein, die dieser Jugendliche Jahr für Jahr 12.000 Euro weniger zur Wertschöpfung beiträgt bzw auf der anderen Seite Kosten der sozialen Sicherung in Anspruch nehmen muss, die sind da mit eingerechnet.”

Jugendliche die keinen Beruf haben werden zudem schneller kriminell und krank. Schulexperten wie der Soziologieprofessor Rainer Geißler sprechen darum von einer Zeitbombe. Aber möglicherweise kommt Deutschland mit einem blauen Auge davon. Weil die Gesellschaft immer älter wird braucht sie künftig auch die Jugendlichen, die heute als „Bildungsversager“ und „nicht ausbildungsreif“ gelten. Auch es lohn es sich, Energie und Geld in Jugendliche zu investieren, die heute noch als „hoffnungslose Fälle“ abgestempelt sind sagt Ahmad Aman:

“Ich denke Bildung ist, wie viele sagen „Humankapital“ und ist ein Stück Investition in die Zukunft. Was ja nicht nur für Migranten gut ist sondern in erster Linie für Deutschland. Denn wenn wir uns einstellen wollen auf die Zukunft und investieren wollen, dann muss man in Bildung investieren.”

Mai 2009, in veränderter Fassung gesendet auf “Deutsche Welle”

Vielfalt im Lehrerzimmer

Gerade mal 1 – 2 % aller Lehrer in Deutschland haben einen so genannten Migrationshintergrund. Das ist wenig – verglichen mit den Schülern. Jetzt hat die gemeinnützige Hertie Stiftung ein Förderprogramm für angehende Lehrer mit Migrationshintergrund gestartet. Ab 2010 dem kommenden Jahr in vier Bundesländern (Berlin, Hessen, Hamburg und ab 2010 NRW) werden Studenten, Referendare sowie Doktoranwärter gefördert.

Atmo 1 Gespräche, lachen, darauf

Im Seminarraum einer schmucken Hamburger Villa mit Blick auf die Elbe sitzen 10 Stipendiaten in einem Stuhlkreis. Vor ihnen auf dem Fußboden liegen an die 50 Postkarten mit unterschiedlichsten Motiven. Jeder Anwesende soll eine passende finden und sich damit den anderen vorstellen:

Mein Name ist Behnam Saliminia. Falls Sie sich wundern: Das ist ein persischer Name. Das „H“ wird auch ausgesprochen. Nur als „H“ nicht als „Che“, also nicht Bechnam… lachen

Auch die anderen kennen das Wirrwarr mit Namen und deren Aussprache. Sie heißen Maryam oder Laya, Thomas oder Zohal. Sie oder ihre Eltern kommen aus Peru, Ghana oder Afghanistan, aus Polen oder Kroatien. In ihrem noch jungen Leben haben sie schon einiges geleistet: Alle hatten keinen leichten Start in Deutschland, mussten zum Teil gegen Vorurteile, Sprachschwierigkeiten oder Selbstzweifel kämpfen. Alle haben trotzdem ihr Abi geschafft, oft mit hervorragenden Leistungen. Alle sind an der Uni, alle wollen Lehrer werden. Der 25 jährige Behnam studiert Deutsch und Sozialwissenschaften für Gymnasien:

…Und ich hab die Postkarte ausgewählt: Kann man im Weltraum rülpsen? (lachen) Antworten gibt es, wenn man ne SMS schickt. Warum habe ich das ausgewählt? Ich hoffe, dass das Gespräch mit den anderen halt nicht darauf hinaus läuft dass wir uns so Standardfragen stellen und dass vielleicht auch immer ein bisschen Spaß dabei ist.

Der Spaß ist fast garantiert. Denn das Stipendium ist für die jungen Leute, die nicht aus reichen Familien kommen, ein Segen. Zwischen 600 und 2000 Euro monatlich bekommen die zwischen 20 und 30jährigen von der Stiftung, um sich ganz auf das Studium konzentrieren zu können. Die Seminare sind dabei zusätzlich eine emotionale und seelische Hilfe. Vielleicht um gemeinsam neue Arbeitstechniken und Methoden kennen zu lernen. Oder die eigenen Stärken und Schwächen. Vor allem aber sollen die Stipendiaten sich persönliche Ziele setzen. Seminarleiterin Anna von Klencke von der Hertiestiftung formuliert es so:

Das Zielfindungsseminar heute soll ihnen helfen Ihre Fortbildungspotentiale zu erkennen. Die Fortbildungsschwerpunkte, die sie sich setzen, sollen selbstverständlich relevant für ihren späteren Beruf sein, das heißt das, was sie sich hier vornehmen, davon sollen sie dann später in der Schule auch profitieren können.

Mehrere in der Runde profitieren davon schon heute. Fast alle studieren nicht nur, sondern engagieren sich auch in ihrer Freizeit in der Bildung. Zum Beispiel Gloria Boateng. Die zierliche, gebürtige Ghanaerin kam als 10jährige nach Deutschland und wuchs bei Pfelegeeltern auf. Heute schreibt sie ihre Doktorarbeit:

Zum einen promoviere ich zum anderen bin ich gleichzeitig Tutorin für die Stipendiaten. Quasi Mittler zwischen der Stiftung und den Stipendiaten. Wir haben regelmäßig Austausch beim so genannten Jour fix, wo es eben darum geht, Erfahrungen auszutauschen, Input zu geben und zu gucken, wie entwickeln sich die Studenten und die Stipendiaten auf ihrem Weg. Ich bin da um zu betreuen, zu beraten.

Zu Behnam Saliminia hat Gloria ein besondereres Verhältnis. Den hat sie schon vor dem Stipendium kennen gelernt, an der Uni. Kurze Zeit später haben beide den Verein „Schlaufox“ gegründet. Die Mitarbeiter unterstützen Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Schulabschluss. Büffelt Behnam nicht gerade an der Uni, dann betreut er für „Schlaufox“ Schüler, die mit dem Lernen mehr Mühe haben als er. Gloria koordiniert die Arbeit. Und doch wissen nicht alle diese Unterstützung zu schätzen. Immer wieder fehlen Kinder bei den Nachhilfestunden:

Lass und mal ganz kurz besprechen wie der Stand der Dinge ist: Wir hatten ja die letzten Male die Schwierigkeit mit den Fehlzeiten. Das müssen wir angehen. Wir haben bald ‚ne Sitzung mit der Schule, mit dem Schulleiter. (Behnam) Ja, ich hab letzte Woche ja die Eltern der Schüler angerufen, die nicht anwesend waren, da hab ich erfahren, dass zwei Schüler wirklich krank waren wegen der Grippewelle, dass eine Schülerin an dem Tag angeblich anwesend war, also sie hat ihrer Mutter gesagt, dass sie anwesend war, aber wohl geschwänzt hat und bei der vierten Person – da wusste die Mutter einfach nix davon, dass der Schüler nicht da war.

Damit die Kinder ihren Abschluss schaffen, müssen Betreuer und Schulen, Lehrer sowie die Eltern an einem Strang ziehen. Dass dabei auch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund gebraucht werden, wird von kaum einem Experten bestritten.

Gloria schreibt ihre Doktorarbeit über den Schulunterricht in kulturell bunt gemischten Klassen. Studien belegen, dass hier Lehrer mit Migrationshintergrund besonders erfolgreich sind:

Vielleicht trauen Lehrer oder Menschen mit Migrationshintergrund diesen Kindern mehr zu. Das ist das eine. Das andere ist, dass die natürlich irgendwo auch Vorbilder sind. Dass sie selber in der Rolle anders unterstützen können als deutsche Lehrer und deshalb die Kinder anders fördern können, noch mal alles aus ihnen raus kitzeln können.

Damit kann Behnam bald im Unterricht beginnen. Motiviert ist er:

Ich werde im 6. Semester, also im nächsten Semester ein Schulpraktikum haben über sechs Wochen. Und da werde ich meine praktische Erfahrung noch ein bisschen ausweiten können. Ich freu mich auf jeden Fall darauf. Ich freu mich sowieso immer mit Jugendlichen zu arbeiten. Ich glaub das wird ne sehr gute Zeit.

2009, in geänderter Fassung gesendet auf “Deutsche Welle”

Macho, Migrant, Bildungsverlierer?

„Bildungsverlierer“ – das war in den 60ger Jahren das katholische Mädchen vom Land. Heute wird das Etikett männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgeklebt. Doch die Frage von Schuld und Verantwortung für das Versagen ist komplex.

Mehmet ist nicht zu bändigen. Der 14jährige Hamburger Gesamtschüler erzählt bei jeder Gelegenheit Blondinen – Witze,gern auch mehrmals. Seine Klassenkameradinnen sind genervt. Seine Lehrerin klagt über sein “Machoverhalten”. Mehmets Versetzung ist gefährdet, möglicherweise gar der Schulabschluss. Andreas Schiemann kennt solche Szenen. Er arbeitet in der Evangelischen Gesellschaft „EVA“, die Jugendliche ohne Schulabschluss für einen Beruf qualifiziert. Dort geht man mittlerweile andere Wege.

“Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in gemischten Klassen, wo Jungs und Mädels sind und eine Lehrerin, dass die Jungs da völlig abschalten. Dass da außer Spaß und Quatsch nichts kommt, sie auch nicht mitarbeiten und sich auch nicht trauen, sich am Unterricht zu beteiligen. Das mag daran liegen, dass, wenn sie was falsches sagen, die Mädels wohlmöglich lachen. Dann hatten wir‘s getrennt – ein Mathekurs für Mädels und ein Mathekurs für Jungs – und dann funktionierte es. Die Jungs haben auch einen Lehrer bekommen und dann auch mitgearbeitet und konnten die Hilfe annehmen.”

Kaspereien, Provokationen, ein scheinbar aufgeblasenes Ego, das Schwächen verbirgt – das ist allen Jungen – gleich welcher Nationalität oder Herkunft – in der Pubertät gemeinsam. Allerdings wird „Männlichkeit“ von Kultur anderes definiert. Und von Jungs individuell “geübt”.Das komme für Migranten erschwerend hinzu, glaubt der Psychologe Ahmet Kimil vom Ethomedizinischen Zentrum Hannover.

“Männer in traditionellen Gesellschaften verkörpern Stärke, müssen stark sein, müssen ihre Familien ernähren. Für die erste Generation gab es ja in den Fabriken viele Möglichkeiten wo sie auch ohne Bildung arbeiten konnten, ihre Familien ernähren konnten etwas aufbauen konnten. Und für die zweite, dritte Generation, die im Bildungssystem eventuell auch gescheitert sind, für die gibt es natürlich das Problem, dass sie auch ihre Rolle in der Gesellschaft nicht finden. Dann kommen Gefühle von Wut, Ärger, von „Nicht dazu zu gehören“, auch eine Form von Entfremdung und dann kann man beobachten, das solche Jugendliche eher zu Gewalt neigen oder zu Drogen greifen oder andere Probleme bekommen, auch psychischer Art.”

Marita Bell arbeitet an einer Hauptschule in Niedersachsen. Sie versucht auf unterschiedliche Art, ihre Schüler zu disziplinieren: Grenzen zu setzen. Konsequent „nein“ sagen, Worte in Taten umsetzten.

“Noch besser wird es manchmal, wenn ich die Väter mit reinkriege. Manche Väter muss man drei, viermal in die Schule bestellen, bis sie widerwillig herkommen – aber wenn die merken, gerade die Jungen, dass ich versuche mit dem Vater zu arbeiten, dann ist zumindest äußerlich zeitweilig eine Veränderung zu sehen.”

Manchmal reicht nicht mal die Autorität der Väter. Wenn Söhne mit Migrationshintergrund ihre Väter als schwach erleben, wenn sie – aus deren Sicht – „kriechen“ vor den Ansprüchen der Mehrheitsgesellschaft, dann bleibt der Respekt oft auf der Strecke. Eben darum sei es wichtig, dass Jungen mit Migrationshintergrund auch außerhalb der Familie männliche Vorbilder und Chancen hätten. Frustration sei auf Dauer gefährlich sagt der Psychologe Kimil.

“Ich persönlich habe in meiner eigenen Biographie das erlebt: Ich musste gegen bestimmte Vorurteile in meiner eigenen Familie ankämpfen, das war für mich die größte Aufgabe. Auf der anderen Seite musste ich manchmal auch Vorurteile auf Seiten der Schule aufarbeiten. Man muss wirklich bei den Jugendlichen ansetzen und gucken: Was hat der wirklich für Ressourcen? Man muss ihnen das Gefühl geben, das sie nicht allein sind, auf der anderen Seite muss man ihnen klar machen, dass sie selber über den Platz in dieser Gesellschaft bestimmen.”

Deutsche Welle, in geänderter Fassung Mai 2009

Hoffen auf Wunder – die Blaue Moschee in Afghanistan

Eine der bekanntesten Pilgerstätten der muslimischen Welt ist die Blaue Moschee in Afghanistan. Vor gut 500 Jahren wurde sie in Mazar-i-Scharif gebaut. Ali, der Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, soll hier begraben sein. Belegbar ist das nicht. Aber nach 30 Jahren Krieg sind in Afghanistan vor allem Wunder- und Heilsgeschichten gefragt.

Das Wunder des “Schuh-Depots”

Mit stoischer Ruhe nimmt der Mann am Eingang das Schuhwerk der Besucher entgegen. Ein prüfender Blick, dann verstaut er die Paare sorgsam in Bienenwaben gleichenden Fächern eines hohen Regals hinter sich. Manche Besucher erhalten eine Nummer als Beleg, andere nicht. Wie er bei diesem System den Überblick behalten kann über die Besitzverhältnisse von Trekkingmodellen, Sandalen und Plastiklatschen bei täglich Hunderten von Pilgern, Gläubigen und Touristen ist sein Geheimnis. Und das erste, ganz und gar irdische Wunder rund um die Blaue Moschee.

Weltliches hinter sich lassen

Kenner haben Woll-Socken in der Tasche. An Sommertagen heizen sich die weißen Marmorplatten auf dem Moscheeplatz auf – Temperaturen, die über der durchschnittlichen Schmerzgrenze barfüßiger Europäer liegen. Blessuren läßt der erste, unverstellte Blick auf das prachtvolle Gotteshaus vergessen. Jedes Minarett, jede Wand ist von Tausenden Kacheln in unterschiedlichen Blautönen durchzogen. Ihre individuelle Ornamentik strukturiert die Fassade, betont aber zugleich den optischen Eindruck von Einheit.

In Nischen drängen sich Frauen in türkis-blauen Burkas an der Moschee-Wand – auf dass Ali ihre Gebete erhöre. Den Sunniten gilt er als vierter Kalif, für die Schiiten und Aleviten ist er der erste Imam. Stirn oder Hände an die Kacheln gelegt, murmeln die Frauen, weinen, fassen Sehnsüchte, Wünsche, Träume in Worte. Ein Bild frommer Hingabe: “Das hat eine große Bedeutung für ganz Afghanistan, immer in Frühlingsanfang in Nouruz sind Tausende von Leuten hier, da ist monatelang immer alles vorbereitet und es ist ein Pilgerort. Nouruz ist Frühlingsanfang, der Tag als Ali auch an der Macht gekommen war und Nouruz ist auch eine Tradition überhaupt gewesen in Balkh, die Arier, für Muslime aus aller Welt und Afghanistan sehr bedeutungsvoll.”

Der Geschichtenerzähler

Einmal in der Rolle des Geschichtenerzählers ist Zaher Mohsenyar, Mitarbeiter von DED und GTZ in Afghanistan, kaum zu bremsen: “Ich werde Euch ein bisschen über Ariana erzählen und die Arier, die hier waren. Normalerweise haben die in den Bergen von Hindukusch, Pamir und Halbos, diese Gebirge was ihr seht, gelebt und so langsam wurden sie größer. Und da war ein alter weiser großer Mann bei denen und diese große Menge Leute dabei und dann sind sie über Balkh gekommen und haben gesagt: So, hier leben wir.”

Arier, Ali und ein kollektiver Traum

Aus den vielen, verwirrenden Legenden über den Volksstamm der Arier, manchmal auch Baktier genannt, die sich vor etwa 5000 Jahren in der Provinz Balkh ansiedelten, über die Entstehung von Mazar-i-Sharif, was persisch ist und „„Grabmal des Heiligen“ heißt sowie die zahllosen Kriege und Konflikte, die dieser Landstrich erlebt hat, lässt sich kaum ein klares Bild herausfiltern. Erst recht nicht auf welchen Wegen der Leichnam Alis den Weg an diesen Ort gefunden hat: dass sein Grab in Vergessenheit geraten ist und auf seltsame Weise wiederentdeckt wurde, als vierhundert Menschen auf einen Schlag in einer Nacht den selben Traum hatten, in dem Ali sie auffordert: “Ich bin hier – kümmert Euch um mich.“ So wurde sein Grab entdeckt und eine Moschee darüber gebaut.

“Andere Überlieferungen sagen, dieser König hatte seine Leute geschickt, haben sie gegraben, erstmal Gebäude mit Kuppel und silberner Tür – und dann haben sie aufgemacht , Sarg gefunden mit Schrift: Hier ruht Ali, der Löwe von Gott und auch sein Schwert war da.”

Ein spiritueller Knotenpunkt

Bis heute wird unter Experten diskutiert, wen die sterblichen Überreste in der Blauen Moschee wirklich verbergen. Manche nehmen an, dass nicht Ali, sondern vielmehr der alt-iranische Priester Zarathustra hier begraben wurde. In jedem Fall scheint das Fleckchen Erde, auf dem heute die Moschee steht, schon seit den Zeiten der Arier mythisch verklärt gewesen zu sein, meint Zaher:

“Die haben eine Tradition gehabt, so ein Falke und haben gesagt wir lassen diese Falke los- wo der sitzt bei dem, der wird König. Und der Falke geht und sitzt bei einem jungen Mann, der heißt Jamar und der wurde König.”

Ein Ort, an den sich ein Strauß von Mythen knüpft ist prädestiniert auch für religiös motivierte Wunder. Im Laufe eines Jahres besuchen rund eine Millionen Menschen die Blaue Moschee:

“Die sind zum Pilgern gekommen. Die sitzen und beten und wünschen sich was. Vielleicht wollen sie einen Jungen, einen Sohn haben oder vielleicht haben sie Wünsche. Und dann kommen auch viele Kranke, die Heil suchen, viele sagen auch, viele Schwerkranke werden hier wieder heiler.”

Pilgern zum “Prinzip Hoffnung”

“Ich bin müde. Ich bin hergekommen, damit mein Gott meine Wünsche erfüllt”. Die Pilgerin, die eben noch neugierig die Gruppe Fremder gemustert hat, bricht wie auf Knopfdruck in Tränen aus, zieht sich die Enden ihres bunten Kopftuchs über das Gesicht. “Ich habe niemanden außer Gott. Und ich komme wegen Ali.” So wie sie dann vom Vetter Mohammeds spricht, könnte man meinen, er sei ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und das verkörperte “Prinzip Hoffnung”: “Was du dir von ihm wünscht, das kriegst Du erfüllt.”

Die Blaue Moschee ist nicht nur ein Platz der Frömmigkeit sondern Begegnungsstätte, Treffpunkt für Familien und die Jugend. Michael Gruber, Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Afghanistan, kennt das Land und die Blaue Moschee seit Jahren:

“Angeblich ist das der einzige Platz in Afghanistan wo sich Jungen und Mädchen….nicht treffen, aber versuchen anzubandeln um zumindest Telefonnummern auszutauschen. Was hier natürlich schon skandalös ist. Das wird immer erzählt. Das Land ist ja voller Geschichten, voll interessanter Geschichten.”

Samim gehört zu dieser jungen Generation. Er müsste wissen, ob man heimlich Mädchen ansprechen kann an der Blauen Moschee. Stattdessen erzählt der 20 jährige vom Krieg, der Flucht nach Pakistan, der Rückkehr nach Afghanistan. Den Aufenthalt in Kabul haben Samims Eltern verboten. Zu gefährlich. Aber Mazar sei okay, um Geld zu verdienen. Dank der schützenden Blauen Moschee:

“Die Moschee ist ein machtvoller Ort, sie ist gut für alles. Seit Jahren, 30, 40, 50 Jahren ist Krieg in Afghanistan und in allen Provinzen. Aber in Balkh, in Mazar-i-Sharif war davon nicht viel zu spüren. Die Leute glauben, dass die Moschee sie geschützt hat.”

Ganz falsch ist das offenbar nicht. Kein Aufständischer, kein Mudschaheddin könnte es wagen, das Heiligtum zu beschießen oder ein Feuergefecht in ihrer Nähe anzufangen, erklärt ein deutscher Polizist. Vermutlich würde ihn der Zorn aller Kriegsparteien, aller Volksgruppen wie Usbeken, Tadschiken, Hazara des Nordens ebenso treffen wie der aller Konfessionen. Ein seltenes Stück Einigkeit in Afghanistan.


September 2010,
in geänderter Form gesendet auf DLR