Handlungsorientierte Lernmethoden

Kommunikation wird in der digitalen Welt auf den Austausch von Worten reduziert. Da wir im persönlichen Gespräch rund 70 Prozent aller Informationen  nonverbal aufnehmen, fehlen bei der Kommunikation im Netz entscheidende Komponenten. Einerseits ermöglicht die Digitalisierung den Austausch von Informationen in komplexen Geflechten  und überregionalen Netzwerken, andererseits werden Kontakte oberflächlicher, Rollen und Verantwortlichkeiten unsicherer und Kommunikation damit anfälliger für Missverständnisse.

Einen Ausgleich bieten handlungsorientierte Lernmethoden, die veranschaulichen, wie sich geänderte gesellschaftliche Bedingungen auf den Einzelnen auswirken oder bzw. wie der Einzelne ein neues Rollenverhalten oder Fertigkeiten erproben kann, die in der Zukunft relevant sind.

 

Planspiele: Die Welt mit anderen Augen sehen

Planspiele sind eine handlungsorientierte Lernmethode. Die Teilnehmer agieren in Rollen innerhalb eines „Drehbuchs“. Sie erfahren dabei einerseits sich selbst als Akteure, andererseits die Komplexität politischer oder gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Ein bekanntes Planspiel ist „Polis“.

Mein Planspiel: Vielfalt siegt

       (in Vorbereitung)

Zwei Schulklassen stranden auf einer einsamen Insel. Die Schüler, (darunter z.B. eine Willkommensklasse) bilden Teams. Wer „überleben“ will, muss Aufgaben lösen. Dabei kommt es nicht nur auf Kraft, Durchsetzungsfähigkeit oder Klugheit an. Auch weniger beachtete Talente und Verhaltensweisen werden benötigt…

 

Open Spaces: Beteiligung und Kreativität

Open Space ist eine Methode für Gruppen ab 20 Teilnehmern. Da jeder zu Assoziationen, Aspekte und eine Methode zur Umsetzung in einer Arbeitsgruppe vorschlagen kann, (Bild malen, Theater spielen, debattieren) vorschlagen kann, entstehen neue Blickwinkel.

Zum Beispiel:

  • Oberthema: Gesellschaftlicher Wandel
  • Teilnehmervorschlag: Geschwindigkeit
  • Gruppenarbeit : Geschwindigkeit in der Demokratie

In einer zweistündigen Sitzung hat die Gruppe Geschwingigkeit als Machtfaktor identifiziert. Wer schnell ist „setzt“ Themen, auf die andere reagieren (müssen). Der Nachteil: In Beteiligungsprozessen gehen zunehmend Menschen verloren, was ein Problem für die Demokratie werden kann. Die Gruppe beschließt, in der folgenden Arbeitseinheit ihr Thema weiterzuentwickeln und darüber nachzudenken, wie Beteiligungsprozesse „entschleunigt“ werden können, damit mehr Menschen einbezogen werden können. Nun wird über konkrete Projekte und Finanzierungsmöglichkeiten nachgedacht. Eine Idee nimmt Gestalt an…

 

Szenarien und Simulation: Was wäre, wenn…

Szenarien und Simulationen eigenen sich besonders gut, Teilnehmer auf ein„was wäre wenn“ vorzubereiten. Im Unterschied zum Planspiel schlüpfen Teilnehmer nicht in andere Rollen, sondern üben sich selbst in einem veränderten, häufig krisenhaften Umfeld.  

Foto: ID Medien

Mein Tipp: Auf Augenhöhe bleibt mehr hängen

Das Podium ist mit Experten besetzt, die sich scharfsinnig über das Thema auszulassen wissen. Ein Stockwerk tiefer im Publikum sitzt „die Erfahrung“. Doch leider werden die Praktiker nicht zu Wort kommen, die Theoretiker nicht in Frage gestellt und beide nicht miteinander sprechen. Der Moderator ist beim Schlusswort:“Wir haben überzogen, so dass wir jetzt keine Wortmeldungen mehr entgegennehmen nehmen können. Wir hoffen, Sie hatten trotzdem einen schönen Abend.“

Zugegeben: diese fiktive Darstellung einer Diskussionsrunde (oder deren TV-Pendent, der Talkshow) ist provokant. Damit möchte ich auf einen Widerspruch aufmerksam machen: Die Anzahl der Worte, die in diesen Veranstaltungen über „brennende Themen“ fällt, steht im Missverhältnis zur der angemahnten Dringlichkeit der Problemlösungen und dem fehlenden Echo in den Gedanken des Publikums. Hand aufs Herz – erinnern Sie sich spontan an eine wirklich informative oder doch zumindest unterhaltende Debatte?

Ginge es in Talkshows oder Podiumsdiskussionen um einen lösungsorientierten Austausch, dann müssten sie abgeschafft werden. Ginge es darum, Zuschauern die Problematik eines Themas zu verdeutlichen auch. Denn Podien werden mit Personen besetzt, die häufig genug wetteifern, wer Recht hat, während andere dabei zuschauen. Das eine läuft Gefahr, reiner Narzißmus zu werden, das andere eine bloße Konsumhaltung.

Ganz anderes, wenn ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wird. Geht es beispielsweise um „Radikalisierung von Jugendlichen“ haben ein Staatssekretär, ein Lehrer, ein Polizist, ein Sozialarbeiter, die Eltern und der Jugendliche, der gerade für alle unerreichbar wird, komplementäre Perspektiven. Leider sind solche „Runden“, selten geworden. Auch Mitmach-Formate wie die oben aufgezeigten stehen meiner Beobachtung nach nicht besonders hoch im Kurs. Für mich ist das unverständlich. Wenn immer ich selbst an einem Open Space oder ähnlichen Formaten teilgenommen habe, war der „Gewinn“ immens: Neue Einsichten, intensive, inhaltliche Gespräche, Anregungen und Kontakte, die die Jahre überdauert haben, weil das gemeinsame Erleben im Spiel oder Rolle so intensiv war.

Die digitale Kommunikation wird unsere gesellschaftlichen Diskurse stark verändern. Im Netz gibt es keine neutralen Auftauschflächen, die Anbieter haben ein kommerzielles Interesse und das verändert auch die Kommunikation. Parallel scheinen „neutrale“ Organisationen und Räume zu verschwinden, die glaubhaft für Unvoreingenommenheit in Bezug auf ein Thema eintreten können. Dabei wäre der Diskurs über Blasen hinweg ebensonötig wie echte Problemlösungen und eine Lernkultur, die über das bloße Konsumieren von Informationen hinaus geht.