Archiv: Afghanistan

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Perspektiven für Afghanistan

      

„Afghanistan – was kommt nach dem Abzug deutscher Truppen?“ fragte die Konrad Adenauer Stiftung am 19.2.2012 in Hamburg. Den Schlüssel zu einer friedlichen Entwicklung sieht der Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  in der Polizeiausbildung:

Audio Jürgen Klimke

Der Zeitreisende

      

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Die Afghanistan-Depression

      

„Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat. Dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht. Und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen.“

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter.  Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens.  Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und  Berater des ehemaligen UN – Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg. Und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Bin Ladens als möglicher Schlusspunkt  der „11. September-Politik“, Finanzkrise, arabischer Frühling – der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit den Gewaltexessen der Taliban. Zwar betonen deutsche Militärs in diesem Sommer wieder und wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe. Was was die Qantität angeht mag das auch stimmen. Die qualitative Dimension der psychologischen Wirkung werde damit aber unterschätzt, entgegnet Nasr. Der Politologe führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Vali Karzai, ins Feld:  „Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen.“

„Enthauptung“ des politischen Systems

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert  der 50jährige politische Beobachter: „Diese gezielten Tötungen sind „Enthauptungs – Kampagnen“ des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug.“

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen.  Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. „Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt“, folgert Vali Nasr trocken.
Die Säulen der Verantwortung tragen nichtDie Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung hatte und nie eine Armee weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung „2014“, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Zweckpessimismus als Weckruf?


Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv.  „Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird – das sollte eigentlich, aber… Also falls das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben.“

in ähnlicher Fassung für Deutsche Welle, August 2011

Hoffen auf Wunder – die Blaue Moschee in Afghanistan

      

Eine der bekanntesten Pilgerstätten der muslimischen Welt ist die Blaue Moschee in Afghanistan. Vor gut 500 Jahren wurde sie in Mazar-i-Scharif gebaut. Ali, der Schwiegersohn und Vetter Mohammeds, soll hier begraben sein. Belegbar ist das nicht. Aber nach 30 Jahren Krieg sind in Afghanistan vor allem Wunder- und Heilsgeschichten gefragt.

Das Wunder des „Schuh-Depots“

Mit stoischer Ruhe nimmt der Mann am Eingang das Schuhwerk der Besucher entgegen. Ein prüfender Blick, dann verstaut er die Paare sorgsam in Bienenwaben gleichenden Fächern eines hohen Regals hinter sich. Manche Besucher erhalten eine Nummer als Beleg, andere nicht. Wie er bei diesem System den Überblick behalten kann über die Besitzverhältnisse von Trekkingmodellen, Sandalen und Plastiklatschen bei täglich Hunderten von Pilgern, Gläubigen und Touristen ist sein Geheimnis. Und das erste, ganz und gar irdische Wunder rund um die Blaue Moschee.

Weltliches hinter sich lassen

Kenner haben Woll-Socken in der Tasche. An Sommertagen heizen sich die weißen Marmorplatten auf dem Moscheeplatz auf – Temperaturen, die über der durchschnittlichen Schmerzgrenze barfüßiger Europäer liegen. Blessuren läßt der erste, unverstellte Blick auf das prachtvolle Gotteshaus vergessen. Jedes Minarett, jede Wand ist von Tausenden Kacheln in unterschiedlichen Blautönen durchzogen. Ihre individuelle Ornamentik strukturiert die Fassade, betont aber zugleich den optischen Eindruck von Einheit.

In Nischen drängen sich Frauen in türkis-blauen Burkas an der Moschee-Wand – auf dass Ali ihre Gebete erhöre. Den Sunniten gilt er als vierter Kalif, für die Schiiten und Aleviten ist er der erste Imam. Stirn oder Hände an die Kacheln gelegt, murmeln die Frauen, weinen, fassen Sehnsüchte, Wünsche, Träume in Worte. Ein Bild frommer Hingabe: „Das hat eine große Bedeutung für ganz Afghanistan, immer in Frühlingsanfang in Nouruz sind Tausende von Leuten hier, da ist monatelang immer alles vorbereitet und es ist ein Pilgerort. Nouruz ist Frühlingsanfang, der Tag als Ali auch an der Macht gekommen war und Nouruz ist auch eine Tradition überhaupt gewesen in Balkh, die Arier, für Muslime aus aller Welt und Afghanistan sehr bedeutungsvoll.“

Der Geschichtenerzähler

Einmal in der Rolle des Geschichtenerzählers ist Zaher Mohsenyar, Mitarbeiter von DED und GTZ in Afghanistan, kaum zu bremsen: „Ich werde Euch ein bisschen über Ariana erzählen und die Arier, die hier waren. Normalerweise haben die in den Bergen von Hindukusch, Pamir und Halbos, diese Gebirge was ihr seht, gelebt und so langsam wurden sie größer. Und da war ein alter weiser großer Mann bei denen und diese große Menge Leute dabei und dann sind sie über Balkh gekommen und haben gesagt: So, hier leben wir.“

Arier, Ali und ein kollektiver Traum

Aus den vielen, verwirrenden Legenden über den Volksstamm der Arier, manchmal auch Baktier genannt, die sich vor etwa 5000 Jahren in der Provinz Balkh ansiedelten, über die Entstehung von Mazar-i-Sharif, was persisch ist und „„Grabmal des Heiligen“ heißt sowie die zahllosen Kriege und Konflikte, die dieser Landstrich erlebt hat, lässt sich kaum ein klares Bild herausfiltern. Erst recht nicht auf welchen Wegen der Leichnam Alis den Weg an diesen Ort gefunden hat: dass sein Grab in Vergessenheit geraten ist und auf seltsame Weise wiederentdeckt wurde, als vierhundert Menschen auf einen Schlag in einer Nacht den selben Traum hatten, in dem Ali sie auffordert: “Ich bin hier – kümmert Euch um mich.“ So wurde sein Grab entdeckt und eine Moschee darüber gebaut.

„Andere Überlieferungen sagen, dieser König hatte seine Leute geschickt, haben sie gegraben, erstmal Gebäude mit Kuppel und silberner Tür – und dann haben sie aufgemacht , Sarg gefunden mit Schrift: Hier ruht Ali, der Löwe von Gott und auch sein Schwert war da.“

Ein spiritueller Knotenpunkt

Bis heute wird unter Experten diskutiert, wen die sterblichen Überreste in der Blauen Moschee wirklich verbergen. Manche nehmen an, dass nicht Ali, sondern vielmehr der alt-iranische Priester Zarathustra hier begraben wurde. In jedem Fall scheint das Fleckchen Erde, auf dem heute die Moschee steht, schon seit den Zeiten der Arier mythisch verklärt gewesen zu sein, meint Zaher:

„Die haben eine Tradition gehabt, so ein Falke und haben gesagt wir lassen diese Falke los- wo der sitzt bei dem, der wird König. Und der Falke geht und sitzt bei einem jungen Mann, der heißt Jamar und der wurde König.“

Ein Ort, an den sich ein Strauß von Mythen knüpft ist prädestiniert auch für religiös motivierte Wunder. Im Laufe eines Jahres besuchen rund eine Millionen Menschen die Blaue Moschee:

„Die sind zum Pilgern gekommen. Die sitzen und beten und wünschen sich was. Vielleicht wollen sie einen Jungen, einen Sohn haben oder vielleicht haben sie Wünsche. Und dann kommen auch viele Kranke, die Heil suchen, viele sagen auch, viele Schwerkranke werden hier wieder heiler.“

Pilgern zum „Prinzip Hoffnung“

„Ich bin müde. Ich bin hergekommen, damit mein Gott meine Wünsche erfüllt“. Die Pilgerin, die eben noch neugierig die Gruppe Fremder gemustert hat, bricht wie auf Knopfdruck in Tränen aus, zieht sich die Enden ihres bunten Kopftuchs über das Gesicht. „Ich habe niemanden außer Gott. Und ich komme wegen Ali.“ So wie sie dann vom Vetter Mohammeds spricht, könnte man meinen, er sei ein Mensch aus Fleisch und Blut. Und das verkörperte „Prinzip Hoffnung“: „Was du dir von ihm wünscht, das kriegst Du erfüllt.“

Die Blaue Moschee ist nicht nur ein Platz der Frömmigkeit sondern Begegnungsstätte, Treffpunkt für Familien und die Jugend. Michael Gruber, Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Afghanistan, kennt das Land und die Blaue Moschee seit Jahren:

„Angeblich ist das der einzige Platz in Afghanistan wo sich Jungen und Mädchen….nicht treffen, aber versuchen anzubandeln um zumindest Telefonnummern auszutauschen. Was hier natürlich schon skandalös ist. Das wird immer erzählt. Das Land ist ja voller Geschichten, voll interessanter Geschichten.“

Samim gehört zu dieser jungen Generation. Er müsste wissen, ob man heimlich Mädchen ansprechen kann an der Blauen Moschee. Stattdessen erzählt der 20 jährige vom Krieg, der Flucht nach Pakistan, der Rückkehr nach Afghanistan. Den Aufenthalt in Kabul haben Samims Eltern verboten. Zu gefährlich. Aber Mazar sei okay, um Geld zu verdienen. Dank der schützenden Blauen Moschee:

„Die Moschee ist ein machtvoller Ort, sie ist gut für alles. Seit Jahren, 30, 40, 50 Jahren ist Krieg in Afghanistan und in allen Provinzen. Aber in Balkh, in Mazar-i-Sharif war davon nicht viel zu spüren. Die Leute glauben, dass die Moschee sie geschützt hat.“

Ganz falsch ist das offenbar nicht. Kein Aufständischer, kein Mudschaheddin könnte es wagen, das Heiligtum zu beschießen oder ein Feuergefecht in ihrer Nähe anzufangen, erklärt ein deutscher Polizist. Vermutlich würde ihn der Zorn aller Kriegsparteien, aller Volksgruppen wie Usbeken, Tadschiken, Hazara des Nordens ebenso treffen wie der aller Konfessionen. Ein seltenes Stück Einigkeit in Afghanistan.


September 2010,
in geänderter Form gesendet auf DLR

Multikulti in Tarnfleck

      

Das einzig „typisch türkische“ an  Erkan Kahraman ist die Art, wie er seinen Tee umrührt: Geräuschvoll. Aber natürlich ist das ein Klischee. Nadir Attar ist blond, blauäugig. Zur Hälfte Syrer. Beide Männer sind Anfang 20 und Berufssoldaten. Neben ihrer militärischen bekommen angehende Offiziere der Bundeswehr auch eine akademischer Ausbildung. An der Universität der Bundeswehr in Hamburg studieren beide „Politikwissenschaft“. Auslandseinsatz programmiert. Darum haben sie die Frage, ob sie als deutsche Soldaten muslimischen Glaubens in einem Kampfeinsatz notfalls auch auf Muslime schießen würden, im Vorweg für sich mit einem „ja“ beantwortet.

Kahraman ist seit 2006 in der Truppe. Er fand schon als Jugendlicher gut, was deutsche Soldaten in Afghanistan machen. Gerade wegen seines Glaubens: „Die Menschen können dort weder schreiben, noch lesen. Was den Koran angeht sind sie abhängig von denen, die das Recht auf Interpretation haben. Und wenn man quasi persönlich als Gegenbeispiel dahingeht und sagt: Hier, ich bin auch Moslem, dann ist das der Beweis, dass es auch anders geht.“

Attar schätzt die Werte der Demokratie. Spätestens seit Besuchen in der Heimat seiner Verwandten in Syrien. „Wenn man erlebt hat, dass Leute sich nicht trauen auf der Straße offen zu reden, dann weiß man die Situation hier zu schätzen. Schade, dass so wenig Deutsche das so sehen“.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Struktur der Truppe verändert. Waren in den 60ger Jahren noch rund 90 Prozent aller Soldaten Christen, so sind es heute nur noch die Hälfte. Das liegt an den Kirchenaustritten. Aber nicht nur. Nach Schätzungen dienen mittlerweile rund 1000 Soldaten muslimischen Glaubens und circa 200 Juden. Zusammen mit Soldaten deutscher Staatsbürgerschaft, die aus 46 Nationen dieser Erde kommen, wird die Truppe heterogener. Multi-Kulti in Tarnfleck.

Wenn Generäle versichern, dass die Bundeswehr „über mehr interkulturelle Kompetenz verfüge als manch global arbeitender Konzern“ dann ist das keine Koketterie. Die Bundeswehr arbeitet global und braucht geeigneten Nachwuchs für ihre Einsätze. Speziell jenseits deutscher Grenzen ist interkulturelles Wissen mehr als eine nette Zugabe. Diese Erkenntnis gibt es seit einiger Zeit auf höchster Ebene. Sie schlägt sich nieder in der  „Zentralen Dienstvorschrift 10/1“:

Der richtige Umgang mit Menschen, die einen anderen kulturellen Hintergrund haben, die interkulturelle Kompetenz, erhöht die Handlungs- und Verhaltenssicherheit der Soldatinnen und Soldaten und sichert die Akzeptanz von Minderheiten in der Bundeswehr. Im Auslandseinsatz ist die interkulturelle Kompetenz zudem eine wesentlich Voraussetzung für die Auftragserfüllung und den Eigenschutz.“

Die Bundeswehr ist einer der größten Ausbilder in Deutschland. Sie braucht die Migranten – in Zukunft mehr denn je, wie ein Blick auf die Bevölkerungsentwicklung zeigt.  Was sie als Arbeitgeber bietet, ist außergewöhnlich. Wo sonst ist „Teamgeist“ dienstlich verordnetet? Siehe Paragraph 12 des Soldatengesetzes:

Wo Kameradschaft und körperliche Fitness Qualifikationen sind haben es Migranten leichter. Siehe Fußball. Hautfarbe, Herkunft? Nebensächlich. Zumindest solange einer gut ist. Und das richtige Vereinstrikot trägt. Bei der Bundeswehr ist das olive. Individualität in Tarnfleck.  Wen man vor sich hat erkennt man mit einem Blick auf die Schulter. Also schauen viele erst dorthin – und dann ins Gesicht.  So kann Multi-Kulti funktionieren.

De facto ist unklar, ob bei der Bundeswehr weniger, mehr oder genauso diskriminiert wird als in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Viele „Migranten in Uniform“ beantworten die Frage mit Gleichmut: Eigentlich hätten sie „eher gute Erfahrungen gemacht“.

„Und wenn‘s mal blöde Sprüche gibt, dann steht man am besten drüber,“ sagt Nadir Attar.

Will heißen: Wird in der Truppe unkameradschaftlich gegen § 12 verstoßen, dann antwortet man darauf mit einem Verhalten gemäß § 12. Vergehen regelt man bei der Bundeswehr intern.

Wie viel interkulturellen Umgang ein Soldat hat hängt von seinem Dienstgrad ab. Auch, wie viel Wissen ihm vermittelt wird. Für Wehrdienstleistende gehört interkulturelle Kompetenz als Lehrstoff seit 2006 zur Grundausbildung, füllt bislang allerdings bestens ein paar Stunden, die Soldaten gerade mal für die Problematik sensibilisieren.

Mehr erfahren Berufssoldaten. Deren Ausbildung muss gründlicher sein als „potentielle Botschafter im Ausland“, die sie sind. Erwartet wird nicht takt- sondern tadelloses Verhalten. Der „lebenskundliche Unterricht“ veranschaulicht das. In einem Modul geht es um Wertkonflikte. Wie verhalte ich mich, wenn mein Kamerad in Afghanistan mit einer verschleierten Frau auf offener Straße flirtet? Wo endet die Menschenfreundlichkeit, wo beginnt Fehlverhalten?

Die Inhalte dieser Lektionen haben zum Ziel, Werte bewusst zu machen und Verhaltenssicherheit zu trainieren. Beides spielt im interkulturellen Dialog eine Rolle. Wie jeder weiß, der mal versucht hat, am Sabbat im jüdisch – orthodoxen Mea Shearim zu telefonieren. Oder in andere Fettnäpfchen getreten ist.

Je näher der Einsatz desto detaillierter die Wissensvermittlung. Spezifisch landeskundliche Informationen bekommen Soldaten in der Einsatzvorbereitung. Weitere Angebote macht die Hochschule der Bundeswehr in Hamburg. Studenten und angehende Offiziere können „interkulturelle Kommunikation“ bei einer deutschen Muslimin afghanischer Herkunft belegen. Die Kursinhalte sind vielfältig: Basiswissen der Soziologie und Psychologie („Ist Angst ein universelles Gefühl?“), Grundkenntnisse über den Islam,  Mentalität und Sozialstruktur der Bevölkerung. Diesen Lehrstoff finden besonders Seminarteilnehmer deutscher Herkunft erhellend. Beweist er doch, dass „Muslime vielfältiger sind manche Politiker oder Medien vermuten lassen“, sagt einer.

An all dem lässt sich das Ausmaß des psychischen Spagats erahnen, den Soldaten in ihrer Ausbildung und im Auslandseinsatz machen. Einerseits wird ihre kulturelle Sensibilität trainiert, andererseits ihre Fertigkeit im Umgang mit der Waffe.

„Das sei die Herausforderung heutiger Einsätze“ sagt Elmar Wiesendahl, Professor und Leiter des Fachbereichs für Sozialwissenschaften an der Führungsakademie, der höchsten Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr, an der Stabssoffiziere, also auch Deutschlands zukünftige Generäle, ausgebildet werden. Soldaten müssten sich kontrollieren und eine „gewisse Robustheit zeigen“, erläutert Wiesendahl. „Mit reinem Hegemonalverhalten kann der Einsatz nur scheitern.“

Die Gratwanderung zwischen Empathie auf der einen sowie Kampfbereitschaft auf der anderen Seite manifestiert sich auch in der Wahl der Mittel in Krisenregionen. Wenn Fronten zwischen Freund und Feind sind nicht aus Nationalität, Kultur oder Religion gemacht sind, sondern aus Extremismus und Radikalismus kann niemand mehr Freund und Feind auf den ersten Blick ausmachen. Darum verbietet sich ein militärischer Rundumschlag. Andererseits ist ein „demokratischer Aufbau“ fragwürdig, wenn Terroristen ins Nachbarland „migrieren“. Sofern man der These folgt, dass deutsche Interessen am Hindukusch vertreten werden, dann reichen sie bis Peshawar. Mindestens.

An der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg diskutieren Seminarteilnehmer solche militärischen und sicherheitspolitischen Fragen. Im Schnitt werden täglich 500 Stabsoffiziere aus- und fortgebildet, davon 100 ausländische Militärvertreter, auch aus islamischen Ländern. Vor einigen Jahren hätte das niemand mit „interkulturellem Dialog“ betitelt ohne Heiterkeitsausbrüche zu ernten. Heute löst es nicht mal ein Schmunzeln aus. Gerade wird an der Führungsakademie ein Curriculum für interkulturelle Kompetenz entwickelt. Die Generalstabslehrgänge sind zum Teil international besetzt, der interkulturelle Lehrstoff fließt ein in Seminare für Führungskräfte. Oder steht im Zentrum eines Lehrgangs, der „Gewalt“  und ihre spezifischen Ausprägungen in Kulturen dieser Welt beleuchtet. Von den Maoris bis zur deutschen Kriegsheldenverehrung und deren Folgen.

Faktisch basiert jedes Militärbündnis auf „interkulturellem Dialog“. Im ISAF Einsatz in Afghanistan allein sind 37 Nationen mit mehr als 40.000 Soldaten aktiv. Wer weiß schon wie viele Missverständnisse es gibt? Wie viel Verwunderung der Anblick einer deutschen Soldatin bei Bündnispartnern auslöst – einem Aserbaischaner zum Beispiel?  Man munkelt, dass auch in der NATO über Mentalitäten debattiert wird. Warum das Führungsverhalten deutscher Militärs so anders ist als das der Engländer oder Franzosen. Darum ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit bis die NATO Kurse zum „Diversity Management“ einführt.

Utopisch? Abwarten. Vor 20 Jahren war undenkbar, dass deutsche Staatsbürger islamischer Herkunft als Offiziere in den Auslandseinsatz gehen. Der „Kulturaustausch“ ist immer für eine Überraschung gut!

2009 in geänderter Fassung abgedruckt in

„Zeitschrift für Kulturaustausch“

Muslimin in der Bundeswehr

      

Hamburg – Am Anfang steht die Theorie. „Angst – und ihre Auswirkungen auf menschliche Beziehungen“, heißt das Thema des Referates. Den Praxisbezug stellen die  Studenten her: „Was nützt mir das alles in Afghanistan?“ will einer wissen. Die Lehrbeauftragte, eine gepflegte Frau mit tiefschwarzen Haar, erläutert praktisch, lebensnah und authentisch anhand von Beispielen. Die 40jährige Latifa Kühn weiß wovon sie spricht: Sie ist Muslimin und gebürtige Afghanin. Die 40 Teilnehmer des Seminars sind Kommilitonen, Berufssoldaten und Offiziere gleichermaßen. Sie studieren an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, der Helmut Schmidt Universität. Nach dem Willen des damaligen Verteidigungsministers sollten Führungskräfte im Militär eine akademische Ausbildung haben.

Schmidt trieb die Gründung der Bundeswehruniversitäten voran, seit 1973 wird in München und Hamburg gelehrt. Ein Blick auf die Geschichte der Bundeswehr macht deutlich, wie viel sich seit damals verändert hat: Es begann Anfang der Neunziger in Somalia, 200.000 deutsche Soldaten haben seitdem an Auslandseinsätzen der Bundeswehr mitgewirkt, derzeit sind 9000 unterwegs. Mit unterschiedlichen Zielen: Waffenschmuggel unterbinden, ethnische Gewalt eindämmen, Zivilbevölkerung schützen. Aufgaben, die wie ein Magnet wirken auf die 20 bis 25jährigen.

Noch wissen die studierenden Offiziere nicht, ob und für welchen Auslandseinsatz sie abkommandiert werden, aber alle sind bereit: aufbauen statt besetzen, schützen statt kämpfen und töten – das hört sich verlockend an. Eben darum hätten sie sich verpflichtet – und wegen des 11. September, erzählt einer. Sie sind politisch interessiert, kennen sich aus mit den Verhältnissen im Nahen Osten oder Afghanistan. Zumindest theoretisch. Dass die Praxis vor Ort oft weniger heroisch ist als es von Ferne aussieht lässt das Seminar von Latifa Kühn zuweilen erahnen.

„Sie werden mit den Afghanen häufig keine Kommunikation auf Augenhöhe haben können“, mahnt die Dozentin. „Psychologische Vorbildung wie sie hat dort kaum jemand, die Menschen reagieren unmittelbarer.“

Dass das nicht nur für Gesprächs- sondern auch für mögliche Kampfsituationen gilt bleibt an dieser Stelle zunächst unerwähnt. Latifa Kühn und ihr Seminar zur „interkulturelle Kommunikation“ ist nicht die einzige Lehrveranstaltung dieser Art an der Helmut Schmidt Universität. Die Schutz- und Friedensmissionen im Ausland haben einen Bedarf geschaffen an Wissen um andere Völker und Kulturen. Eine indische Dozentin lehrt die Berufssoldaten den „Umgang mit dem Fremden“.

„Die Lehre an der Universität sei zwar frei“, erklärt der Pädagogikprofessor und Vorgesetzte von Latifa Kühn, Ernst-Willi Hansen. “Aber die Studenten haben offenbar Bedarf an solchen Seminaren.“

Das zeigen auch die Zahlen: Gerade 12 kamen zur ersten Lehrveranstaltung von Latifa Kühn, mittlerweile sind es 40 und das Interesse wächst kontinuierlich. Für 40jährige Islam- und Politikwissenschaftlerin, verheiratet mit einem Deutschen, ist die Dozententätigkeit nicht die erste Begegnung mit der Bundeswehr. Ihr ehemaliger Chef war Oberst, „ein offener Mann mit vorbildlichen Führungsqualitäten“, wie sie sagt. Auch darum hat die in Kabul geborene Kühn, die im Alter von vier Jahren nach Deutschland kam, kein Bauchgrimmen mit der Aufgabe und Rolle der Bundeswehr in Afghanistan. Im Gegenteil: Sie schätzt die Verantwortung, die Deutsche am Hindukusch übernehmen. Das Wissen um beide Seiten fließt ein in ihr Seminar: „Der Islam“ und „Die Rolle der Bundeswehr in Afghanistan“ heißen weitere Bausteine der Wissensvermittlung.

Dabei führt Latifa Kühn ihre Studenten so dicht als möglich heran an die Lebensverhältnisse und Bedingungen in Afghanistan. Unter anderem mit Hilfe einer Exkursion ins afghanischen Museum, wo die Dozentin den Studenten Landessitten und Gebräuche erläutert. Unter anderem zum Beispiel den muslimischen Gebetsteppich und wann man ihn benutzt. “Es geht mir darum Sie zu sensibilisieren“, erklärt sie den Studenten im Seminar ihre Motivation. Den sicheren Kulturschock in fremder Umgebung minimiert das Wissen über die fremde Kultur. Selbstreflexion und Empathie, die Fähigkeit sich in andere hinein zu versetzen, soll die Soldaten zudem in Stresssituationen befähigen, kontrollierter, angemessener, moralischer zu reagieren. Angesichts der ständigen Bedrohung, in der sich die Soldaten in Afghanistan und anderswo befinden, ein hoher Anspruch. Und ein widersprüchlicher dazu.

Dass er zuweilen auf der Strecke bleibt hat die sogenannte „Totenkopf – Affäre“ vor Augen geführt. Lagerkoller, Männerriten, Langeweile oder Angeberei: Was immer der Grund der Entgleisung gewesen sein mag –  spätestens seit der Affäre dämmert es den Studenten, in welches Dilemma ein Auslandseinsatz führen kann: Ein Soldat, der sich immer vorbildlich verhalten muss, der reflektiert statt Reflexen zu folgen, ist demjenigen unterlegen, der die Waffe zieht und schießt. Und kein Seminar der Welt wird diesen Widerspruch auflösen, allen Rufen nach Schulung zum Trotz, die nach der Veröffentlichung der Fotos laut wurden.

„Mit Pazifismus kann man nicht überleben wenn andere nicht pazifistisch sind“.

So bringt es der ehemalige Lehrbeauftragte der Universität der Bundeswehr in Hamburg und heutige Professor für Rechtspsychologie der Universität Bremen, Frank Baumgärtel auf den Punkt. Er glaubt, dass  eine tabulose, sicherheitspolitische Debatte über die Aufgaben die Bundeswehr überfällig sei. Bis dahin bleibt den Studenten nichts anderes übrig als sich auf diese Widersprüche so gut wie irgend möglich vorzubereiten. Das Seminar von Latifa Kühn empfinden sie dabei als hilfreich. Immerhin lehrt hier jemand, für den der Alltag in Afghanistan nicht nur graue oder militärische Theorie ist. Einer, der mit Namen nicht genannt werden möchte, fragt sich allerdings laut, was mit den unteren Dienstgraden passiert, die nicht in den Genuß einer psychologischen Einsatzvorbereitung kommen.

„Eigentlich müsste man jeden Soldaten so schulen, nicht nur die Offiziere“, flüstert er und blickt sich verstohlen im leeren Seminarraum der Bundeswehruniversität um als sei er auf einer Patrouille im Feindesland. Angst verleitet Menschen zuweilen zu unbedachten Worten oder Taten. Das hat er heute in seinem Seminar gelernt und dass es auf Menschen jeder Kultur und Nation zutrifft. Dass es wahr ist spürt er im leeren Seminarraum ganz praktisch am eigenen Leib.

Januar 2007, in veränderter Form für DPA

Blockade in der Seele – Soldaten und PTBS

      

PTBS, die so genannte Posttraumatische Belastungsstörung ist eine Gefühlsblockade in Folge eines Schocks. Eine Risikogruppe dieser Krankheit sind Soldaten. Doch von der Bundeswehr wurden Ausbreitung und Folgen lange verharmlost.

Leiden Sie unter Schlafstörungen? Haben Sie Alpträume? Schuldgefühle? Körperliche Anspannungen, wenn Sie den Ort des Geschehens betreten?

Diese Fragen stammen aus einem Test auf der Webseite „Angriff-auf-die-Seele“. Sie werden Soldaten gestellt, die aus einem Auslandseinsatz zurückkehren. Im Gegensatz zu einem Gespräch mit einem Truppenarzt oder Psychologen bleibt der Besuch einer Webseite so lange anonym wie es der Betroffene für notwendig hält. Pro Woche suchen zwei bis drei Soldaten Hilfe auf der Internetseite. Auch weil sie glauben, dass ein Besuch beim Facharzt unliebsame Folgen für das Berufsleben als Soldat haben könnte. Das betrifft zum Beispiel Zeitsoldaten, die nach Ablauf ihrer zwölfjährigen Dienstzeit als Berufssoldat von der Bundeswehr übernommen werden möchten. Damit ist es vorbei, wenn nach einem Auslandseinsatz-Einsatz eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt wird – glauben Soldaten. Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe kennt diese Ängste, wie er in einem Internet-Chat auf einer anderen Webseite bestätigt:

„Nach meinen langjährigen Erfahrungen ist es so, dass die Mehrzahl der Soldatinnen und Soldaten irriger Weise glauben, dass eine Konsultation des Psychologen oder sonstiger Fachärzte kontraproduktiv für die Karriere sein könnte. Leider sind derartige Facharztkonsultationen nach wie vor stigmatisiert“.

Die Gründe dafür seien, so berichten Bundeswehr-Mediziner und -Geistliche übereinstimmend, im „allgemeinen gesellschaftlichen Klima“ zu suchen. Psychische Krankheiten würden oft nicht richtig ernst genommen, das gelte vor allem für „Männergesellschaften“ wie die Bundeswehr. Allerdings gibt es hier nach Einschätzung der Experten allmählich einen „Sinneswandel“: Bei Kameraden und Vorgesetzten mache sich die Einsicht breit, dass ein Trauma nicht bedeute, lebenslang „plemplem“ zu sein, sagt ein Fachmann. Die Hilfsangebote der Bundeswehr für PTBS – Erkrankte bewerten Experten jedoch sehr unterschiedlich: Von ausreichend bis hervorragend. Die Maßnahmen vor nach und während eines Einsatzes reichen von Stärkung des seelischen Gleichgewichts, der Minimierung von Stress-Faktoren über Kameraden als Ansprechpartner, den so genannten Peers, bis zu einer Betreuung durch den Truppenarzt oder – nach Rückkehr – durch den Therapeuten.

Diese Hilfsangebote können allerdings nur greifen, wenn die Krankheit erkannt wird. Und genau das ist ein Problem. In den vergangenen drei Jahren hat es in der Bundeswehr fast 500 PTBS-Fälle gegeben. Experten gehen aber von einer wesentlich höheren Zahl aus – mancher schätzt die Dunkelziffer sogar auf das 10-fache. Sie warnen: Die Krankheit sei besonders hartnäckig und langwierig, wenn sie nicht erkannt und therapiert würde, erläutert Karl Heinz Biesold vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Dabei sind Soldaten auf ein aufmerksames soziales Umfeld angewiesen. Denn ein PTBS – erkrankter Soldat ist selten fähig, die eigene Lage richtig einzuschätzen. Umso wichtiger sind aufmerksame Kameraden, Vorgesetzte und Familienangehörige. Im Falle von Uwe Dietrich dauerte es quälende drei Jahre bis er sich die bittere Wahrheit eingestehen konnte. Der Unterfranke war 2003 und 2005 im Auslandseinsatz in Afghanistan, 2008 in Therapie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg:

„Letztendlich, der Antriebspunkt, der mich hergebracht hat, war die Familie und das Umfeld, die mich drauf hingewiesen haben, das ich mich wohl im Wesen verändert hab, aber auch im Verhalten. So verändert hat, dass man sagen muss: Okay – das hat nicht mehr mit normaler Einsatznachbereitung zu tun, sondern das geht tiefgreifender. Selbst habe ich es nicht gemerkt. Verschiedene Veränderungen wohl: Das geht von Eiseskälte in gewissen Situationen über schon ablehnende Haltung der Tochter gegenüber – viele kleine Dinge, die man selber nicht wahrhaben will, die aber andere an einem feststellen.“

Dass vom Einsatz etwas hängen bleibt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Das Erleben von Gewalt, Tod und Verwundung inmitten einer gänzlich fremden Kultur haben vor allem „Afghanistan“ zum Synonym schwerer physischer und psychischer Belastungen unter Soldaten gemacht. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstmorde oder psychische Erkrankungen wie PTBS sind Dauerthemen in den einschlägigen Internetforen für Soldaten. Die Bundeswehr hat das Thema lange unterschätzt. Ende 2007 teilte das Verteidigungsministerium auf eine Anfrage der FDP-Fraktion mit, ein Anstieg der Fallzahlen sei nicht erkennbar. Eine Fehleinschätzung, wie mittlerweile deutlich wurde. Die Worte „Kampfeinsatz“ und „Krieg“ sind tabu. Der gefährliche Einsatz in Afghanistan wird von der politischen und militärischen Führung immer wieder als „Friedens- und Stabilisierungsmission“ tituliert.

Das sei kontraproduktiv , kritisiert der Militärgeistliche Hartwig von Schubert mit Blick auf die Betroffenen. Er bemängelt das Fehlen einer „psychologischen Infrastruktur“ bei Themen wie Tod, Verwundung und Traumata. Die besondere staatliche Fürsorgepflicht gegenüber Soldaten würde in der aktuellen Situation immer wieder vernachlässigt monieren Einrichtungen wie die Zentrale Versammlung, ein Zusammenschluss katholischer Militärgeistlicher. Ein weiterer Grund, für die Verharmlosung von PTBS ist das geringe Interesse der Bürger an den Auslands-Einsätzen der Streitkräfte. Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine „Veteranenkultur“. Die Missionen der Streitkräfte werden nur am Rande zur Kenntnis genommen.

Da verwundert es nicht, dass der Öffentlichkeit weitgehend entgangen ist, dass auch ehemalige Soldaten an PTBS erkranken, also lange nach ihrem Einsatz. Für diese ehemaligen Zeit- oder freiwillig länger Wehrdienst leistenden Soldaten fühlt sich die Bundeswehr nämlich nicht zuständig. Für sie gibt es keinen Truppenarzt, kein Kompetenzzentrum, keine finanzielle Versorgung“, bemängelt Heinz Sonnenstrahl, Hauptmann a.D. 2004 hat er den Verein „Skarabäus“ ins Leben gerufen um den ehemaligen Soldaten zur Seite zu stehen. Zwar kann sich ein früherer ,traumatisierter Soldat eine Wehrdienstbeschädigung quer durch die Bundeswehrverwaltung und notfalls über Gerichte erkämpfen. Doch den meisten fehle dazu die Kraft. „Die wollen keine Rente von der Bundeswehr, sondern ad hoc Hilfe für die Psyche und eine Wiedereingliederung in ihre alten Berufe“, stellt Sonnenstrahl fest.

Ein Schritt, der ohne öffentliche Unterstützung kaum zu schaffen ist. Das gilt für ehemalige Soldaten ebenso wie für die aktiven, die noch während ihrer Dienstzeit bei der Bundeswehr an einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkranken.

Schutz für Saida – im afghanischen Frauenhaus

      

Fälle von Gewalt gegen Frauen in Afghanistan schockieren regelmäßig die Weltöffentlichkeit. Doch es verändert sich etwas, wie das Frauenhaus in Mazar – i – Scharif beweist. Es bietet Opfern familiärer Gewalt Zuflucht und Zeit für einen Neuanfang. Atmo Straßenatmo, langsam runterziehen

Autorin: Ein Grundstück, ein Tor, ein Wachmann. Nichts deutet darauf hin, was sich hinter den Mauern verbirgt: Afghanistans erstes Frauenhaus. Diskretion ist Programm: Man will vermitteln, nicht provozieren. Und den Bewohnerinnen den Schutzraum bieten, den sie so dringend brauchen. Atmo Garten, leise Stimmen

Autorin: Ein Garten, das Haus, ein Treppenaufgang. Von der Präsenz der Bewohnerinnen erzählen ein paar Schuhe an der Tür. Es gibt sorgfältig nebeneinander abgestellte Sandalen. Ebenso wie scheinbar achtlos abgestreifte Plastiklatschen, die kreuz und quer auf den Stufen stehen. Die Vielfalt verrät etwas über ihre Trägerinnen und die Frauen Afghanistans im allgemeinen.  Burka, Kopftuch oder lange Kleider mögen verschleiern und uniformieren. Individualität und Persönlichkeit aber leben darunter weiter. Atmo Ende

Autorin: Gleich hinter der Eingangstür gibt es eine Art Salon. Mit der Sitzgruppe darin dient er offenbar auch als Besucherzimmer. Die Dolmetscherin kommt herein, zusammen  mit einer kaum 1.60 Meter großen Frau. Schwarzes, fließendes Gewand, schwarzes Kopftuch. Die Gestalt schließt die Tür. Das Gesicht abgewandt erinnert sie an einen Schatten. So gleicht sie mancher Frau, die sich durch Afghanistans Städte bewegt. Ein scheinbar geschlechtsloses Wesen. Speziell Frauen ohne Begleitung scheinen mehr zu huschen, als zu gehen. Ein Leben in ständiger Deckung. Sie vermeiden Blickkontakt, ziehen den Rand ihres Kopftuchs über das Gesicht, wenn sie sich beobachtet fühlen. Oder tragen eine Burka, die sie völlig verhüllt. Der Gesichtsschleier mit den kästchenförmigen Gucklöchern scheint die Fertigkeit der Trägerinnen zu perfektionieren, sich unsichtbar zu machen. Im Gegensatz dazu sind die Bewegungen der schwarz gekleideten Gestalt im Frauenhaus ausdrucksvoll, gar ausladend. Als sie sitzt ergänzt ein fester Blick aus forschenden Augen das Bild afghanischer Schattenfrauen um eine neue Facette von Weiblichkeit. Mut, Kraft und Selbstbewusstsein enthüllen sich ganz überraschend und unerwartet an einem Ort, der Opfern vorbehalten ist. Ausgerechnet hier ungebrochener Stolz: Saida erzählt, kräftige Stimme, kurz frei stehen lassen, dann unterziehen.

Autorin: Sie heiße Saida stellt sie sich vor. Ob das ihr wahrer Name ist bleibt ihr Geheimnis. Sicher ist, dass sie zu den Kuchi gehört, einem paschtunischen Nomadenstamm, zu dem in Afghanistan rund 5 Millionen Menschen zählen. Während des Krieges wären sie immer eigene Wege gegangen, heißt es und: Die Kuchi besäßen eine unbändige Freiheitsliebe. Das scheint sich auch in den Genen der weiblichen Stammesangehörigen bemerkbar zu machen. Kräftige Augenbrauen betonen das kantige Gesicht. In den Augen flackert ein unbändiger Blick, unterstrichen von einem Schlangenförmigen Tatoo auf der Nasenwurzel. Zwar liegen die kräftigen Hände beim Sprechen ruhig im Schoß. Doch verraten die Schwielen auf den Handflächen, dass diese Frau zupacken kann. Eine Robustheit, die sich nicht nur körperlich niederschlägt. Vor zwei Jahren haben ihre Eltern einen Heiratskandidaten ausgesucht und den Termin für die Hochzeit festgesetzt. Der Tochter schmeckte das nicht. Mit schier unglaublichem Mut, gemessen an afghanischen Wertmassstäben aber mit Aufsässigkeit und Respektlosigkeit hat sie sich dem Willen der Familienangehörigen widersetzt:

„Ohne mir etwas zu sagen oder mich nach meiner Zustimmung zu fragen hat meine Familie mich verlobt. Mit einem Mann, den ich bis dahin nie gesehen hatte. Darum bin ich weggelaufen aus dem Haus meiner Eltern. Mit einem Mann. Und wir haben geheiratet. Das beweist unsere Heiratsurkunde.“

Autorin: Das amtliche Dokument gibt dem Ehepaar zwar einen gewissen Schutz, weil es die Rechtmäßigkeit der Beziehung belegt. Zudem schreibt die afghanische Verfassung die Gleichberechtigung von Frauen und Männern vor, was Golandams Entscheidung zumindest theoretisch untermauert. Doch im afghanischen Alltag garantiert das keine individuelle, freie Partnerwahl. Zumal die Eltern sie ja vorher mit einem anderen verlobt haben. Dass sie den nicht wollte, zählt nichts. Wie nahezu in zwei Dritteln aller Länder des Erdballs  werden Ehen auch in Afghanistan üblicherweise von den Eltern arrangiert. Zwar berücksichtigen viele mehr oder minder das Votum ihrer Kinder. Doch im Streitfall haben die Stimmen der Heiratskandidaten kaum Gewicht. So erweist sich der Elternwille als wahres Gesetz, zumal der Einfluss der schwachen Staatsorgane häufig schon in der Hauptstadt endet. Bis in die unzugänglichen Bergregionen reicht er so gut wie nie. Dass auf dem Land vier von fünf Frauen weder lesen noch schreiben können, verstärkt ihre Hilflosigkeit. Auch Golandam ist Analphabetin. Der Kuchi und dem Ehemann ihrer Wahl bleibt schließlich nur die Flucht. Sie erweist sich als sinnlos, als das Paar in Kabul von der Polizei aufgegriffen wird:

„Die Polizisten brachten mich und meinen Mann ins Gefängnis. Sie sagten, mein Bruder habe mich angezeigt. Weil ich verlobt war als ich von zu Hause fortlief mit einem anderen Mann. Das verstoße gegen islamisches Recht. Ich hätte die Verlobung lösen müssen, bevor ich einen anderen heirate. Deshalb wurde ich ich für ein Jahr ins Gefängnis gesteckt.“

Autorin: Danach beginnt erneut der Alptraum für Saida, die nur schätzten kann, dass sie zwischen 20 und 24 Jahre alt ist. Noch immer beharren die Eltern auf einer Heirat mit dem Mann ihrer Wahl. Vor allem ihr Bruder fühlt sich in seiner männlichen Ehre gekränkt, bedroht die Schwester, versucht regionale Gerichte von der Unrechtmäßigkeit der Eheschließung zu überzeugen, angeblich fließen Bestechungsgelder. Golandam bricht daraufhin den Kontakt zu ihren Ehemann zwar nicht ganz ab, zieht jedoch ins Frauenhaus in Mazar. Hinter der unscheinbaren Fassade gibt es bis zu 30 Schlafplätze, eine Ärztin und zwei Sozialarbeiterinnen für die psychosoziale Betreuung. Und als Rechtsberaterin die Anwältin Mariam Masoodi Payman.

„Sobald wir solche Fälle im Frauenhaus haben versuchen wir zunächst mal alles, um zwischen den Familienangehörigen zu vermitteln. Sehr viele Fälle habe ich ohne Gerichte gelöst. Und wenn es so ausgeht, können die Frauen nach Hause, um ein besseres Leben zu haben.“

Autorin: Das Konzept, eine auf Vermittlung basierende Konfliktlösung, sprich: Mediation ist das Resultat einer deutsch – afghanischen Kooperation. Vor drei Jahren haben sich Mitarbeiter des Deutschen Entwicklungsdienstes DED mit dem „Cooperation Center for Afghanistan“, CCA, zusammengetan. Dabei lautet die gemeinsame Philosophie, dass ein Frieden in Afghanistan möglich wird, wenn er in afghanischen Familien beginnt. Darum stehen die Rechte der Frauen im Mittelpunkt – auch für den afghanischen Partner CCA. Die Menschenrechtsorganisation wurde 1990 von afghanischen Intellektuellen während der Schreckensherrschaft der Taliban gegründet. Zuvor hatten die Mitglieder festgestellt, dass sowohl der Krieg als auch die archaischen Traditionen des Landes vor allem die Schwachen auf ein Opferdasein reduziert: Kinder und Frauen. CCA wollte die schrecklichsten Fälle publik machen, erklärt der Direktor, Hamid Safwat:

„Wir hatten jede Menge Bespiele dafür, dass Frauen von ihren Familien im Namen der Traditionen getötet worden waren. War beispielsweise eine Frau vergewaltigt worden, dann wollte die Familie um jeden Preis verhindern, dass das bekannt wurde. Einige haben die Töchter umgebracht, nur damit sie nichts erzählen können. Deswegen haben wir das „Safehouse“ eröffnet. Damit wir solche Frauen unterstützen können.“

Autorin: Zu denen, die Unterstützung benötigen, zählt auch Golandam. Eine Einigung mit ihrer Familie scheint in weite Ferne gerückt zu sein. Die Rechtsberaterin Mariam Payman erklärt die nächsten Schritte: Gibt es keine Einigung, dann geht der Fall vors Gericht. Die Frauen bekommen einen Rechtsbeistand, der für sie spricht. Denn viele sind Analphabeten, kennen ihre Rechte nicht und wissen nicht, was sie tun sollen, weil sie die prozessualen Abläufe nicht kennen.“

Autorin: Rund 700 Frauen und Familien hat die deutsch -afghanische Mitarbeitercrew über die Jahre in Mazar-i-Scharif beraten, 260 wohnten vorübergehend im Frauenhaus. Gleichzeitig sind im Seminarraum im Keller 120 Afghanen und Afghaninnen in gewaltfreier Konfliktbearbeitung ausgebildet worden. Bei allem Veränderungswillen müssen die Trainer allerdings im Blick behalten, dass Gewalt, auch Mord, in weiten Teil Afghanistans immer noch als Privatangelegenheit gilt. Häufiger als Terrorismus, Taliban oder überkommene Traditionen  bedrohen Naturkatastrophen, Krankheiten, Hunger, Unterernährung die Menschen, die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei Anfang 40. Schutz bietet allein die Gemeinschaft.

Und deren Verhaltenskodex formen Männer seit Jahrtausenden. In diesem Gefüge zählen Frauen schlicht zum Besitzstand. Noch immer ist die Müttersterblichkeit erschreckend hoch. Die Zeiten zwischen den Schwangerschaften sind zu kurz. Und vielen Frauen werde der Besuch eines der überfüllten Krankenhäuser von ihren Männern oder Familien verboten, erzählt eine Ärztin aus Mazar-i-Scharif. Ein weiterer Grund sei, dass Mädchen zu jung verheiratet und von ihren Ehemännern zum sexuellen Verkehr gezwungen würden. Sie sterben an den Folgen ihrer biologisch verfrühten Schwangerschaft. Und doch haben sich die Lebensumstände vieler Afghaninnen verbessert, unter anderem mit Hilfe von Projekten der Entwicklungszusammenarbeit wie dem Frauenhaus.

Mit gut 130.000 Euro finanziert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung die laufenden Kosten des Jahres. So werden Gewalttaten an afghanischen Frauen zwar auch in Zukunft nicht komplett zu verhindern sein. Das Umdenken braucht Zeit.  Doch ein Anfang ist gemacht  – offenbar auch bei einigen afghanischen Behördenvertretern. Selbst in Golandams Fall ist die Rechtsberaterin optimistisch. Die ersten beiden Verfahren sind gewonnen, demnächst steht der entscheidende Prozess vor dem obersten Gerichtshof in Kabul an. Das „Safe House“ habe einen guten Namen und bislang fast jeden Fall gewonnen, versichert Mariam Payman. Auch Saida traut sich wieder, von einer besseren Zukunft zu träumen:

„Das schlimmste wäre gewesen, wenn CCA mir nicht geholfen hätten und das Safehouse nicht mein Leben geschützt hätte. Wenn ich nicht hier gewesen wäre hätte mein Bruder mich wohl getötet. Jetzt ist der größte Wunsch den ich habe, dass mein Fall vor Gericht geklärt wird. Dass ich meine Freiheit bekomme und ein unabhängiges Leben führen kann. Zusammen mit meinem Ehemann.“ O-Ton Golandam steht kurz frei, (endet mit einem Lachen)

September 2010, in geänderter Form gesendet auf WDR

Immer in Stiefeln

      

Eingespannt in Faizabad: Major Hubertus von Hobe

Hubertus von Hobe, 1965 in Flensburg geboren, ist seit 1991 Berufssoldat. Von 2009 bis 2010 war er CIMIC-Zugführer in Faizabad, Afghanistan.

UH: Sie waren von Ende 2009 bis März 2010 als so genannter CIMICer, also „Beauftragter“ der Bundeswehr für zivil-militärische Zusammenarbeit in Afghanistan, genauer im Wiederaufbauteam Faisabad. Was ist Ihr persönliches Resümee aus diesem Einsatz?

HvH: Es war eine positive Erfahrung, menschlich gesehen. Dass wir dort als internationale Gemeinschaft helfen können, dass die Menschen und das Land Hilfe benötigen. Die Bundeswehr selber hat ja nicht mehr, wie man das aus den SFOR Zeiten kennt, das berühmte „Dachlatten – CIMIC“, bei dem wir als Soldaten selbst gebaut und gezimmert haben, sondern wir helfen anderen Organisationen bei der Projektierung. Das heißt wir stellen fest: Hier ist der Bedarf für eine Wasseraufbereitungsanlage, einen Brunnen, für Elektrizität oder für eine Schule. Und dann unterstützen wir mit unserem Know How.

UH: Als CIMICer haben Sie zwangsläufig einen besonders engen Kontakt zur Bevölkerung. Wie haben die Afghanen auf Sie, einen deutschen Soldaten, reagiert?

HVH: Meine Erfahrung war, dass sie mit Masse freundlich reagiert haben. Einige waren erstmal ein bisschen zurückhaltend. Aber mir ist es immer sehr schnell gelungen, auch einen näheren Kontakt zu gewinnen. Dass sie dann ein bisschen offener wurden, einen dann auch mal eingeladen haben, in die Moschee oder auf eine Terrasse zu einem Tee.

UH: Als Soldat haben Sie Sicherheits- und Verhaltensregeln zu befolgen. Militärs sollen zum Beispiel ihre Schuhe anbehalten um bei Gefahr fliehen zu können. Aber in muslimischen Haushalten werden die Schuhe vor der Tür nunmal ausgezogen. Wie haben Sie solche Zwickmühlen gelöst?

HVH: In den meisten Fällen war es für die Afghanen selbstverständlich, dass wir unsere Stiefel anbehalten haben. Wir haben dann angedeutet, dass wir die ausziehen wollen, dann haben die gesagt: „Nein, muss nicht sein“. Es wurde dann sogar einem von dem Mullah oder Dorfältesten befohlen, dass die Stiefel sauber gemacht wurden mit einem Besen und so sind wir dann in die Moschee oder in andere Räume hinein. Lediglich einmal, weil ich die Lage kannte, habe ich die Stiefel ausgezogen um auch weiter vertrauensbildend zu wirken.

UH: Zwischen Deutschland und Afghanistan gibt es seit langem enge Verbindungen. Ein bayrischer Offizier, Oskar Ritter von Niedermeyer, hat 1915 eine Militärexpedition nach Afghanistan geleitet und förderte Wissenschaft und Bildung des Landes. Zum Beispiel 1924 die Gründung der Amani-Schule in Kabul, an der über Jahre die Führungselite des Landes ausgebildet wurde. Damals war Deutsch die am häufigsten gesprochene Fremdsprache. Wie werden die Deutschen aus Ihrer Sicht heute wahrgenommen?

HvH: Aus meiner Sicht werden die Deutschen dort positiv wahrgenommen, weil wir in der Lage sind uns auf die Kultur einzustellen und entsprechend höflich, bescheiden und zurückhaltend dort auftreten. Das gilt auch für die Männer, mit denen ich draußen war: Wehrpflichtige aus allen Teilen Deutschlands. Die sind durchaus in der Lage schon von ihrer Kinderstube her  sich entsprechend zu verhalten.

UH: Auch die DDR war in Afghanistan aktiv, überwiegend in den 60ger Jahren. So hat, was kaum jemand weiß, Afghanistan die Straßenverkehrsordnung der DDR übernommen. Sind Sie während Ihres Aufenthalts  auf solche – ich nenne das mal –  „Kulturimporte“ gestoßen?

HvH: In der Provinz Badachschan habe ich das nicht gesehen. Alles, was an Straßenschildern da war, konnte man gebrauchen. Die wurden abgebaut und für irgendwelche Stabilisierungsmaßnahmen in Häusern verwendet.

UH: Vier Monate im Auslandseinsatz – das ist eine kurze Zeitspanne, um das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Die GTZ oder DED Mitarbeiter sind mindestens ein Jahr im Land. Wären für Soldaten sechs Monate, wie oft diskutiert wird, nicht sinnvoller – vor allem für die CIMICer?

HVH: Bezogen auf die Projekte auf alle Fälle. Allein schon in der Zusammenarbeit mit Menschen weil das Vertrauen ganz normal in einer zwischenmenschlichen Beziehung wächst über die Zeit. Und da sind, vollkommen richtig, vier Monate natürlich sehr kurz.

September 2010 in geänderter Form abgedruckt in „Zeitschrift für Kulturaustausch“

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