Geliebter Feind

Frieden schaffen ist ein löbliches Ziel. Allerdings müssen Konfliktparteien dafür bereit sein, nicht nur „vom Kopf her“ sondern auch emotional. Wie schwierig das ist zeigt „Kinder lehren Kinder“, ein Programm für jüdische und palästinensische Schüler in Israel. Die Organisatoren der Bildungseinrichtung Givat Haviva begleiten die Teilnehmer bei dem oft schwierigen Prozess einer Begegnung. Auszüge aus einem Feature für den NDR:

Audio:  Kinder lehren Kinder

Der Zeitreisende

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Kinder erklären das islamische Opferfest

In vielen Ländern begehen Moslems in diesen Tagen (ab 15.Oktober in 2004 ) das islamische Opferfest. Heute zum Beispiel haben die Kinder in Jordanien und Saudi-Arabien schulfrei. Dort wird das Opferfest gleich mehrere Tage gefeiert,  für Moslems ist es in etwa so wichtig wie Weihnachten für uns. Die Gläubigen besuchen sich und schenken sich auch was. Aber das wirklich besondere am Opferfest ist das Schlachten.

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Kinder in Afghanistan, Teil 4: Arbeit und Freizeit

In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, ist das Leben hart – auch für viele Kinder. Rund 30 Jahre lang war Krieg, viele haben Familienangehörige verloren und Armut gibt es überall. Nur jedes zweite Kind geht zur Schule. Oft liegt es daran, dass schon Fünfjährige mithelfen, die Familie zu ernähren.

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Kinder in Afghanistan, Teil 2: „Erleuchtung“ für’s Dorf

Könnt Ihr Euch ein Leben abseits großer Städte vorstellen? In den Bergen? Ohne Computer, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne elektrische Zahnbürste, ohne Herd zum Kochen, ohne Licht? In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, leben viele Menschen so. Es gibt nämlich nur in etwa 5 von 100 Haushalten Strom. Auf dem Land ist die Situation, im wahrsten Sinne des Wortes, oft finster. Wenn also in einem Dorf mit Hilfe des deutschen Entwicklungsministeriums plötzlich eine Straße gebaut wird, und dann ein Wasserkraftwerk für Strom ist das ein echtes Ereignis:

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Kinder in Afghanistan, Teil 1: Bloß nicht krank werden!

Afghanistan liegt in Asien zwischen Indien, Pakistan und China.  Weil es dort fast nichts gibt als Berge – sie stehen auf rund 90 Prozent der Landesfläche und sind bis zu 7500 Meter hoch – können die Menschen nur wenig anbauen. Wichtige Nahrungsmittel fehlen – sogar auf den Märkten.  So zählt Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt und für Kinder ist das Leben besonders hart. Besonders, wenn sie krank werden oder einen Unfall haben.

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Kinder in Afghanistan, Teil 3: Büffeln für die Zukunft

Afghanistan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Die meisten Bewohner leben von der Landwirtschaft. Je nach Jahr und Wetter "fressen" Hitze, Dürre, Eis, Schnee allerdings einen Teil der Ernte. Dazu gibt es nur altmodische, landwirtschaftliche Maschinen – und meist keinen Strom.  Lernen ist für afghanische Kinder darum besonders wichtig.

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Begegnungen mit der Vergangenheit – ehemalige Zwangsarbeiter in Hamburg

Die Verbrechen der NS – Zeit sind für Jugendliche heute Geschichte. Sie lässt sich aus Büchern erschließen, aus Zahlen und Fakten. Erfahrungsberichte und persönliche Begegnungen werden dagegen rar, die Zeitzeugen sterben und mit ihnen die Chance auf persönliche Gespräche. Für die Schüler des Gymnasiums Süderelbe war es eine besondere Unterrichtsstunde, als ehemalige russische Zwangsarbeiterinnen Hamburg und auch ihre Schule besuchten.

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