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Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Der Zeitreisende

      

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Pakistan am Scheideweg

      

Waziristan ist eine abgeschiedene Region im Osten Pakistans. Dass sie in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückt, hat sie einem wenig rühmlichen Umstand zu verdanken. Am 22. August (2011, Amerk. d. Autorin) wurde dort Atijatullah Abdel-Rahman, Al-Qaidas Nummer 2, von einer amerikanischen Drohne tödlich getroffen, vermelden amerikanische Regierungskreise. Wieder mal scheinen sich die schlimmsten Befürchtungen zu bestätigen, dass Pakistan ein getreulicher Partner für international gesuchte Terroristen ist. Gerade mal gut drei Monate nachdem Al-Qaidas Nr. 1, Usama bin Laden, im Land getötet wurde. Gefahrenherd Pakistan?Die Nachricht versetzt Sicherheitsexperten in Alarmbereitschaft: 180 Millionen Menschen leben in Pakistan, von denen gut zwei Drittel, 67 Prozent, Analphabeten sind.

In Pakistan scheinen sich Hiobsbotschaften aneinander zu reihen wie Perlen an einer Kette: Pakistan ist Nuklearmacht, hat einen besonders undurchschaubaren Geheimdienst. Und mit seiner fast mittelalterlichen Ordnung – einer bitterarmen Landbevölkerung und märchenhaft reichen Landbesitzern, die sich für alles aber nicht die Probleme Pakistans zu interessieren scheinen ist das Land zunehmend anfälliger für Islamismus.

Ein nahezu perfektes Schreckens-Szenario. Grund genug für den integrationspolitischen Sprecher der FDP, Serkan Tören, seinen aus Pakistan stammenden wissenschaftlichen Mitarbeiter Sarmad Hussain sowie die FDP nahe Friedrich-Naumann-Stiftung einen Pakistan-Gesprächskreis ins Leben zu rufen. Mit einem prominenten, pakistanischen Gast gleich bei der ersten Veranstaltung.

Ein General mit Botschaften

Vierzig Jahre lang hat Talat Masood im pakistanischen Militär gedient. Als Generalleutnant schied er 1991 aus, wurde Berater des Verteidigungsministeriums. Nun ist er ein Botschafter seines Landes in politischen, militärischen und nuklearen Fragen. In diesen Tagen erfordert das augenscheinlich diplomatisches Geschick. Wie tief die Gräben speziell zwischen Amerika und Pakistan sind, offenbart nämlich schon die Sprache. Terroristen wie die „Taliban“ oder das „Haqqani-Netzwerk“ bezeichnet Masood als „ Stammesvertreter“. Und erläutert, warum Islamabad nicht an einem Konflikt mit diesen Gruppen gelegen sei: „Für uns sind diejenigen wichtiger, die Pakistan zur Zielscheibe haben. Also nicht die afghanischen Taliban oder die afghanischen Aufständischen.“

Jede Predator-Drohne polarisiert ein Stück mehr

So eine Prioritätensetzung betrachtet die westliche Welt vorerst mit Stirnrunzeln. Während in Amerika und Deutschland der Tod von Terroristen wie Bin Laden oder Abdel Rahman mit Erleichterung, Genugtuung oder gar Freude zur Kenntnis genommen wird, lösen die Nachrichten in Pakistan bestenfalls gemischte Gefühle aus. Sogar bei Pakistanern, die sich strikt gegen jeden Terror aussprechen. Amerikas unbemannte Flugkörper untergraben nicht nur Pakistans staatliche Souveränität, was stolze Pakistaner aller Orten vor den Kopf stößt. Zudem ist ihr Einsatz durch kein Recht der Welt gedeckt.

Und sie sind bei weitem nicht treffsicher. Sprecher amerikanischer Think Tanks wie „Brookings Institution“ schätzen, dass für jeden getöteten Terroristen rund 10 unschuldige Pakistaner bei amerikanischen Drohnenangriffen sterben müssen. Das schüre den Anti-Amerikanismus im Land, erklärt Masood: „Ich denke, der besten Weg, Terrorismus zu bekämpfen, ist, die Unterstützung des pakistanischen Volkes zu gewinnen.“

Arbeitsplätze und Alphabetisierung als Anti-Terror-Strategie

Arbeitsplätze schaffen, Bildung, einen effektiven Geheimdienst, die Unterstützung des Volkes, unabhängige Medien – das wünscht sich Masood als umfassenden Anti-Terror-Ansatz. Einzig die Demokratie würde Politikern abverlangen, nicht am Volk vorbei zu entscheiden und sei deshalb die effektivste Regierungsform, folgert der General. Wer mag kann darin Kritik erkennen an der Führungselite Pakistans, die der Pakistan – Büroleiter der Friedrich Naumann-Stiftung, Olaf Kellerhoff, auf den Punkt bringt: Politische Führungsschwäche und ein Militär, das Gefahr läuft mit den Trend zu immer radikaleren Islam-Auslegungen wie dem Wahabismus von Islamisten unterwandert zu werden: „Neulich ist ein pakistanischer Journalist ermordet worden, der aufgedeckt hat Verbindungen zwischen Al-Qaida und dem Militär. Nicht, dass es Bestreben des Militär ist. Aber einzelne Militärangehörige arbeiten in diese Richtung.“

Respekt im Dialog

Trotz dieser Schwierigkeiten warnt Kellerhoff, Pakistan als so genannter Schukenstaat in Bausch in Bogen zu verdammen. Das Land und sein Volk brauchten in erster Linie Respekt, argumentiert er. Im Grunde gleichen bilaterale Beziehungen diesbezüglich einer Ehe: Auf Pauschalkritik reagiert der Kritisierte mit Trotz und Ablehnung. Respekt öffnet die Tür zum Dialog. Und den baucht Pakistan. Gerade jetzt. Mehr denn je.

Herbst 2011, in ähn licher Form für: Deutsche Welle

 

Die Afghanistan-Depression

      

„Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat. Dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht. Und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen.“

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter.  Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens.  Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und  Berater des ehemaligen UN – Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg. Und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Bin Ladens als möglicher Schlusspunkt  der „11. September-Politik“, Finanzkrise, arabischer Frühling – der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit den Gewaltexessen der Taliban. Zwar betonen deutsche Militärs in diesem Sommer wieder und wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe. Was was die Qantität angeht mag das auch stimmen. Die qualitative Dimension der psychologischen Wirkung werde damit aber unterschätzt, entgegnet Nasr. Der Politologe führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Vali Karzai, ins Feld:  „Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen.“

„Enthauptung“ des politischen Systems

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert  der 50jährige politische Beobachter: „Diese gezielten Tötungen sind „Enthauptungs – Kampagnen“ des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug.“

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen.  Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. „Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt“, folgert Vali Nasr trocken.
Die Säulen der Verantwortung tragen nichtDie Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung hatte und nie eine Armee weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung „2014“, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Zweckpessimismus als Weckruf?


Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv.  „Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird – das sollte eigentlich, aber… Also falls das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben.“

in ähnlicher Fassung für Deutsche Welle, August 2011

Für Jugendliche ohne Schulabschluss zahlen alle

      

Jugendliche ohne Schulabschluss bekommen selten einen Ausbildungsplatz. Besonders Ausländer, aber auch Jugendliche mit Migrationshintergrund und deutsche aus so genannten „bildungsfernen Familien“ gelten dann als „schwer vermittelbar“. Doch das Abschieben aufs soziale Abstellgleis verursacht Kosten.

Ahmad Aman ist ein quirliger 26 jähriger, der vor wacher Intelligenz nur so übersprudelt. Vor 18 Jahren ist er mit seiner Familie aus Afghanistan geflohen. Er kam ohne Deutschkenntnisse in die vierte Klasse einer Grundschule. Mit 78 Fehlern war das erste Diktat ein Fiasko, aber:

„Ich war sehr glücklich weil ein damaliger Schüler 2 Fehler mehr hatte und das war schon (er lacht) gut für mich, also ich wurde dann nicht so ganz gedemütigt. Ich hatte dann die Empfehlung auf die Hauptschule zu gehen aber meine Eltern haben sich dagegen geweigert und dann habe ich freiwillig die vierte Klasse wiederholtso dass ich dann auf die Realschule gehen konnte.“

Mitterweile hat Ahmad studiert und arbeitet beim IMBSE in Moers, einem Bildungsträger, der benachteiligte Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund ohne Schulabschluss qualifiziert, damit sie einen Ausbildungsplatz bekommen. Ahmad möchte ihnen Vorbild sein. Er vermittelt Fachwissen, aber auch auch die so genannten soft skills. Hände aus den Taschen, Handy aus. Nicht zu vergessen: ein bisschen Optimismus. Die Botschaft ist klar: „Was ich geschafft habe könnt ihr auch“:

„Meine Aufgabe besteht auch in erster Linie darin, die Jungs dahin zu begleiten dass sie auch mit einem gestärkten Selbstwertgefühl und selbstbewusst in die Arbeitswelt hineingehen und sich auch nicht immer als Außenseiter sehen und sich nicht damit abfinden müssen Ausländer oder so genannte Ausländer zu sein – weil sie Chancen haben und auch das Potential haben.“

Kein Schulabschluss, keine Chance, kein Selbstwertgefühl – dieser Teufelskreis ergreift jugendliche Ausländer, Migranten und Deutsche aus so genannten bildungsfernen Familien gleichermaßen. Dabei ist psychologisch und gesellschaftlich jeder dieser Jugendlichen eine verschleuderte Chance. Gleiches betrifft die Wirtschaftlichkeit: Als Erwerbstätiger und Steuerzahler fällt er aus, ja verursacht sogar Kosten. Entweder als Sozialhilfeempfänger oder als Teilnehmer von Qualifizierungsmaßnahmen.

Um Jugendliche in Ausbildung zu bringen gibt Deutschland jährlich rund 5,6 Milliarden Euro aus, hat das Institut der Deutschen Wirtschaft, IW Köln, errechnet. Dazu zählen zum Beispiel Berufsschulen, das Berufliche Grundbildungsjahr und andere Massnahmen. Mehr als eine halbe Millionen Jugendliche nehmen die Qualifizierung in Anspruch, pro Person und Jahr kostet das 10.000 Euro. Und doch sind die Ausgaben nötig und richtig, belegt die IW – Studie von 2008. Wenn die Integration ins Berufsleben gelingt, dann rentieren sich die Investitionen schnell. Wenn nicht, entgehen der Gesellschaft pro Person bis zu 480 000 Euro rechnet Michael Neumann von IW Köln vor:

„Jeder Jugendliche, den wir nicht in eine Ausbildung integrieren können, der keinen Berufsabschluss bekommt, kostet uns in seinem weiteren Leben in jedem folgenden Jahr etwa 12000 Euro, nur dass die über sein gesamtes restliches Erwerbsleben anfallen also im Zweifelsfall – wir gehen davon aus, ob des demographischen Wandels, dass wir in Zukunft bis 67 arbeiten müssen, vielleicht sogar länger, die wir arbeiten müssen, können das 40 Jahre sein, die dieser Jugendliche Jahr für Jahr 12.000 Euro weniger zur Wertschöpfung beiträgt bzw auf der anderen Seite Kosten der sozialen Sicherung in Anspruch nehmen muss, die sind da mit eingerechnet.“

Jugendliche die keinen Beruf haben werden zudem schneller kriminell und krank. Schulexperten wie der Soziologieprofessor Rainer Geißler sprechen darum von einer Zeitbombe. Aber möglicherweise kommt Deutschland mit einem blauen Auge davon. Weil die Gesellschaft immer älter wird braucht sie künftig auch die Jugendlichen, die heute als „Bildungsversager“ und „nicht ausbildungsreif“ gelten. Auch es lohn es sich, Energie und Geld in Jugendliche zu investieren, die heute noch als „hoffnungslose Fälle“ abgestempelt sind sagt Ahmad Aman:

„Ich denke Bildung ist, wie viele sagen „Humankapital“ und ist ein Stück Investition in die Zukunft. Was ja nicht nur für Migranten gut ist sondern in erster Linie für Deutschland. Denn wenn wir uns einstellen wollen auf die Zukunft und investieren wollen, dann muss man in Bildung investieren.“

Mai 2009, in veränderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Vielfalt im Lehrerzimmer

      

Gerade mal 1 – 2 % aller Lehrer in Deutschland haben einen so genannten Migrationshintergrund. Das ist wenig – verglichen mit den Schülern. Jetzt hat die gemeinnützige Hertie Stiftung ein Förderprogramm für angehende Lehrer mit Migrationshintergrund gestartet. Ab 2010 dem kommenden Jahr in vier Bundesländern (Berlin, Hessen, Hamburg und ab 2010 NRW) werden Studenten, Referendare sowie Doktoranwärter gefördert.

Atmo 1 Gespräche, lachen, darauf

Im Seminarraum einer schmucken Hamburger Villa mit Blick auf die Elbe sitzen 10 Stipendiaten in einem Stuhlkreis. Vor ihnen auf dem Fußboden liegen an die 50 Postkarten mit unterschiedlichsten Motiven. Jeder Anwesende soll eine passende finden und sich damit den anderen vorstellen:

Mein Name ist Behnam Saliminia. Falls Sie sich wundern: Das ist ein persischer Name. Das „H“ wird auch ausgesprochen. Nur als „H“ nicht als „Che“, also nicht Bechnam… lachen

Auch die anderen kennen das Wirrwarr mit Namen und deren Aussprache. Sie heißen Maryam oder Laya, Thomas oder Zohal. Sie oder ihre Eltern kommen aus Peru, Ghana oder Afghanistan, aus Polen oder Kroatien. In ihrem noch jungen Leben haben sie schon einiges geleistet: Alle hatten keinen leichten Start in Deutschland, mussten zum Teil gegen Vorurteile, Sprachschwierigkeiten oder Selbstzweifel kämpfen. Alle haben trotzdem ihr Abi geschafft, oft mit hervorragenden Leistungen. Alle sind an der Uni, alle wollen Lehrer werden. Der 25 jährige Behnam studiert Deutsch und Sozialwissenschaften für Gymnasien:

…Und ich hab die Postkarte ausgewählt: Kann man im Weltraum rülpsen? (lachen) Antworten gibt es, wenn man ne SMS schickt. Warum habe ich das ausgewählt? Ich hoffe, dass das Gespräch mit den anderen halt nicht darauf hinaus läuft dass wir uns so Standardfragen stellen und dass vielleicht auch immer ein bisschen Spaß dabei ist.

Der Spaß ist fast garantiert. Denn das Stipendium ist für die jungen Leute, die nicht aus reichen Familien kommen, ein Segen. Zwischen 600 und 2000 Euro monatlich bekommen die zwischen 20 und 30jährigen von der Stiftung, um sich ganz auf das Studium konzentrieren zu können. Die Seminare sind dabei zusätzlich eine emotionale und seelische Hilfe. Vielleicht um gemeinsam neue Arbeitstechniken und Methoden kennen zu lernen. Oder die eigenen Stärken und Schwächen. Vor allem aber sollen die Stipendiaten sich persönliche Ziele setzen. Seminarleiterin Anna von Klencke von der Hertiestiftung formuliert es so:

Das Zielfindungsseminar heute soll ihnen helfen Ihre Fortbildungspotentiale zu erkennen. Die Fortbildungsschwerpunkte, die sie sich setzen, sollen selbstverständlich relevant für ihren späteren Beruf sein, das heißt das, was sie sich hier vornehmen, davon sollen sie dann später in der Schule auch profitieren können.

Mehrere in der Runde profitieren davon schon heute. Fast alle studieren nicht nur, sondern engagieren sich auch in ihrer Freizeit in der Bildung. Zum Beispiel Gloria Boateng. Die zierliche, gebürtige Ghanaerin kam als 10jährige nach Deutschland und wuchs bei Pfelegeeltern auf. Heute schreibt sie ihre Doktorarbeit:

Zum einen promoviere ich zum anderen bin ich gleichzeitig Tutorin für die Stipendiaten. Quasi Mittler zwischen der Stiftung und den Stipendiaten. Wir haben regelmäßig Austausch beim so genannten Jour fix, wo es eben darum geht, Erfahrungen auszutauschen, Input zu geben und zu gucken, wie entwickeln sich die Studenten und die Stipendiaten auf ihrem Weg. Ich bin da um zu betreuen, zu beraten.

Zu Behnam Saliminia hat Gloria ein besondereres Verhältnis. Den hat sie schon vor dem Stipendium kennen gelernt, an der Uni. Kurze Zeit später haben beide den Verein „Schlaufox“ gegründet. Die Mitarbeiter unterstützen Kinder und Jugendliche auf ihrem Weg zum Schulabschluss. Büffelt Behnam nicht gerade an der Uni, dann betreut er für „Schlaufox“ Schüler, die mit dem Lernen mehr Mühe haben als er. Gloria koordiniert die Arbeit. Und doch wissen nicht alle diese Unterstützung zu schätzen. Immer wieder fehlen Kinder bei den Nachhilfestunden:

Lass und mal ganz kurz besprechen wie der Stand der Dinge ist: Wir hatten ja die letzten Male die Schwierigkeit mit den Fehlzeiten. Das müssen wir angehen. Wir haben bald ‚ne Sitzung mit der Schule, mit dem Schulleiter. (Behnam) Ja, ich hab letzte Woche ja die Eltern der Schüler angerufen, die nicht anwesend waren, da hab ich erfahren, dass zwei Schüler wirklich krank waren wegen der Grippewelle, dass eine Schülerin an dem Tag angeblich anwesend war, also sie hat ihrer Mutter gesagt, dass sie anwesend war, aber wohl geschwänzt hat und bei der vierten Person – da wusste die Mutter einfach nix davon, dass der Schüler nicht da war.

Damit die Kinder ihren Abschluss schaffen, müssen Betreuer und Schulen, Lehrer sowie die Eltern an einem Strang ziehen. Dass dabei auch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund gebraucht werden, wird von kaum einem Experten bestritten.

Gloria schreibt ihre Doktorarbeit über den Schulunterricht in kulturell bunt gemischten Klassen. Studien belegen, dass hier Lehrer mit Migrationshintergrund besonders erfolgreich sind:

Vielleicht trauen Lehrer oder Menschen mit Migrationshintergrund diesen Kindern mehr zu. Das ist das eine. Das andere ist, dass die natürlich irgendwo auch Vorbilder sind. Dass sie selber in der Rolle anders unterstützen können als deutsche Lehrer und deshalb die Kinder anders fördern können, noch mal alles aus ihnen raus kitzeln können.

Damit kann Behnam bald im Unterricht beginnen. Motiviert ist er:

Ich werde im 6. Semester, also im nächsten Semester ein Schulpraktikum haben über sechs Wochen. Und da werde ich meine praktische Erfahrung noch ein bisschen ausweiten können. Ich freu mich auf jeden Fall darauf. Ich freu mich sowieso immer mit Jugendlichen zu arbeiten. Ich glaub das wird ne sehr gute Zeit.

2009, in geänderter Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

Macho, Migrant, Bildungsverlierer?

      

„Bildungsverlierer“ – das war in den 60ger Jahren das katholische Mädchen vom Land. Heute wird das Etikett männlichen Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgeklebt. Doch die Frage von Schuld und Verantwortung für das Versagen ist komplex.

Mehmet ist nicht zu bändigen. Der 14jährige Hamburger Gesamtschüler erzählt bei jeder Gelegenheit Blondinen – Witze,gern auch mehrmals. Seine Klassenkameradinnen sind genervt. Seine Lehrerin klagt über sein „Machoverhalten“. Mehmets Versetzung ist gefährdet, möglicherweise gar der Schulabschluss. Andreas Schiemann kennt solche Szenen. Er arbeitet in der Evangelischen Gesellschaft „EVA“, die Jugendliche ohne Schulabschluss für einen Beruf qualifiziert. Dort geht man mittlerweile andere Wege.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in gemischten Klassen, wo Jungs und Mädels sind und eine Lehrerin, dass die Jungs da völlig abschalten. Dass da außer Spaß und Quatsch nichts kommt, sie auch nicht mitarbeiten und sich auch nicht trauen, sich am Unterricht zu beteiligen. Das mag daran liegen, dass, wenn sie was falsches sagen, die Mädels wohlmöglich lachen. Dann hatten wir‘s getrennt – ein Mathekurs für Mädels und ein Mathekurs für Jungs – und dann funktionierte es. Die Jungs haben auch einen Lehrer bekommen und dann auch mitgearbeitet und konnten die Hilfe annehmen.“

Kaspereien, Provokationen, ein scheinbar aufgeblasenes Ego, das Schwächen verbirgt – das ist allen Jungen – gleich welcher Nationalität oder Herkunft – in der Pubertät gemeinsam. Allerdings wird „Männlichkeit“ von Kultur anderes definiert. Und von Jungs individuell „geübt“.Das komme für Migranten erschwerend hinzu, glaubt der Psychologe Ahmet Kimil vom Ethomedizinischen Zentrum Hannover.

„Männer in traditionellen Gesellschaften verkörpern Stärke, müssen stark sein, müssen ihre Familien ernähren. Für die erste Generation gab es ja in den Fabriken viele Möglichkeiten wo sie auch ohne Bildung arbeiten konnten, ihre Familien ernähren konnten etwas aufbauen konnten. Und für die zweite, dritte Generation, die im Bildungssystem eventuell auch gescheitert sind, für die gibt es natürlich das Problem, dass sie auch ihre Rolle in der Gesellschaft nicht finden. Dann kommen Gefühle von Wut, Ärger, von „Nicht dazu zu gehören“, auch eine Form von Entfremdung und dann kann man beobachten, das solche Jugendliche eher zu Gewalt neigen oder zu Drogen greifen oder andere Probleme bekommen, auch psychischer Art.“

Marita Bell arbeitet an einer Hauptschule in Niedersachsen. Sie versucht auf unterschiedliche Art, ihre Schüler zu disziplinieren: Grenzen zu setzen. Konsequent „nein“ sagen, Worte in Taten umsetzten.

„Noch besser wird es manchmal, wenn ich die Väter mit reinkriege. Manche Väter muss man drei, viermal in die Schule bestellen, bis sie widerwillig herkommen – aber wenn die merken, gerade die Jungen, dass ich versuche mit dem Vater zu arbeiten, dann ist zumindest äußerlich zeitweilig eine Veränderung zu sehen.“

Manchmal reicht nicht mal die Autorität der Väter. Wenn Söhne mit Migrationshintergrund ihre Väter als schwach erleben, wenn sie – aus deren Sicht – „kriechen“ vor den Ansprüchen der Mehrheitsgesellschaft, dann bleibt der Respekt oft auf der Strecke. Eben darum sei es wichtig, dass Jungen mit Migrationshintergrund auch außerhalb der Familie männliche Vorbilder und Chancen hätten. Frustration sei auf Dauer gefährlich sagt der Psychologe Kimil.

„Ich persönlich habe in meiner eigenen Biographie das erlebt: Ich musste gegen bestimmte Vorurteile in meiner eigenen Familie ankämpfen, das war für mich die größte Aufgabe. Auf der anderen Seite musste ich manchmal auch Vorurteile auf Seiten der Schule aufarbeiten. Man muss wirklich bei den Jugendlichen ansetzen und gucken: Was hat der wirklich für Ressourcen? Man muss ihnen das Gefühl geben, das sie nicht allein sind, auf der anderen Seite muss man ihnen klar machen, dass sie selber über den Platz in dieser Gesellschaft bestimmen.“

Deutsche Welle, in geänderter Fassung Mai 2009

Kein bisschen Frieden…im Nahen Osten

      

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit möchte der amerikanische Präsident Bush noch mal schnell Frieden machen im Nahen Osten. Ob dieses Engagement realistisch ist, welche Alternativen es zu einem politischen Annäherungsprozess gäbe und welche Rolle Europa dabei spielen könnte – darüber diskutierten rund 60 ausgewiesene Nahost – Experten aus Deutschland und dem Nahen Osten auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg.

Im Hinblick auf die von Präsident Bush gesteckten Ziele für den Nahost – Friedensprozess waren die Teilnehmer der Konferenz skeptisch. Allen voran der ehemalige Außenminister Joschka Fischer:

„Ich denke der Annapolisprozess ist ein wichtiger Prozess, allerdings glaube ich nicht, dass die Erwartungshaltung von Präsident Bush realistisch ist – wichtig ist, dass dieser Prozess vorangeht, und das wird längr dauern als Präsident Bush sich das vorstellt und ich denke die Europäer können dabei eine wichtige Rolle spielen und darüber wollen wir reden.“

Zwar scheinen Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Israels Regierungschef Ehud Oldert derzeit durchaus zu Friedensgesprächen bereit. Und selbst aktuelle Meinungsumfragen bei der israelischen und palästinensischen Bevölkerung signalisieren eine Zustimmung zu diesem Schritt bei der Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung. Was einer Umsetzung im Weg steht ist nach Ansicht von vielen Teilnehmern die politisch instablile Situation in den Palästinensergebieten. Ein Problem, dass weder Oldert noch Abbas Lösen können und alle Hoffnungen auf eine friedliche Koexistenz zweier Staaten vorerst torpediert, wie Avi Primor, Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland glaubt:

„Die Lösung wird nicht aus Amerika kommen. Da muss es einen Ersatz geben und das kann nur die Europäische Uniion sein. Sie behauptet ja, dass Frieden im Nahen Osten ein europäisches Interesse ist – also tun sie etwas für das eigene Interesse bilden sie eine internationale Armee – nicht ausschließlich europäische Truppen, aber die Federführung muss europäisch sein weil nur sie glaubwürdig sein kann und diese Truppe soll dann die israelische Besatzungsmacht ablösen.“

Mit diesem Zukunftsszenario steht Primor derzeit noch ziemlich allein unter den Experten da. Die halten Ehud Olmert und Mahmud Abbas zwar für bemüht um den Friedensprozess, allerdings auch für zu schwach, um ihn in die Tat umzusetzen. So bleibt in der derzeitigen Situation offensichtlich nur, über mögliche Sreitpunkte und Detailfragen des friedesprozesses schon jetzt zu reden. Ron Pundak, Gerealdirektor des Peres Friedenszentrums in Tel Aviv und Mit – Initiator des Osloer Friedensprozesses sagt:

„Der nächste Schritt zu einem wirklichen Dialog über die Kernfragen des endgültigen Status sind die Grenzen, Jerusalem, die (palästinensischen) Flüchtlinge, die Siedlungen, Sicherheit, das Wasser und die Wirtschaft. Wir brauchen ein wirkliches Engagement auf beiden Seiten in diesen Fragen und beide sollen wissen: Wohin bewegen wir uns. Und wenn wir das wissen können wir die Lücken füllen mit diesen Verhandlungen zu jedem einzelnen Thema.“

Bis der Frieden auf politischer Ebene in greifbare Nähe rückt, bauen viele Organisationen, allen voran wissenschaftliche, auf Bildung und Ausbildung. In der Jerusalemer Denkfabrik von Madi Abdul Hadi , der Palästinian Akademic Society for the Study of International Affairs werden Studien über internationale Beziehungen erstellt, und die künftige plästinensische Elite ausgebildet:

„Ein Teil der Arbeit von Passis ist die Bildung und Ausbildung junger palästinensischer Demokraten. Wir geben ihnen Fähigkeiten (frei: Werkzeuge) und Wissen in Bezug auf Zivilgesellschaft und Verantwortlichkeiten, internationale Angelegenheiten und Fragen der Geheimhaltung.“

Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland, Avi Primor, leitet eine Privatuniversität in Israel. Noch für dieses Jahr plant er gemeinsame Vorlesungen für israelische, palästinensische und jordanische Studenten. Moderne Technik macht das möglich:

„Wir werden die Studenten nicht zusammen bringen können – im Nahen Osten ist das nicht so einfach. Aber die Dozenten werden dann pendeln zwischen den drei Zentren. Die werden Vorlesungen im einen Zentrum halten während die anderen anhand von Videokonferenzen die Vorlesung verfolgen. Und ganz am Ende wollen wir die Studenten nach Europa bringen, um Ergänzungskurse in Europa zu machen weil unter der Schirmherrschaft einer sogenannten neutralen Universität sind sie bereit alle zusammen zu kommen. So können wir auch Brücken zwischen Israelis und Arabern schlagen.“

Januar 2007, in veränderter Fassung für Deutsche Welle

Zwischen Disko und Moschee

      

Eine Bertelsmann Studie bescheinigte Muslimen in Deutschland jüngst eine zunehmende Hinwendung zu ihrer Religion. Beleg für eine Islamisierung? Nein, sagen zwei Rostocker Wissenschaftler. Was sich statistisch als einheitlicher Trend darstellt entpuppt sich bei näherem Hinsehen als vielschichtiger. Bei ihrer Studie über muslimische Jugendkulturen haben die Forscher genauer nachgefragt.

Der schwule Kurde, die flotte Bauchtanz – Queen in der türkischen Disko, der gläubige Jungunternehmer – die Lebensentwürfe junger Muslime in Deutschland sind vielfältiger als es Statistiken vermuten lassen. Mit mehr als 100 jungen Muslimen in ganz Deutschland haben die Rostocker Wissenschaftler gesprochen und gezielt nach biographischen Details gefragt. Die Lebensläufe sind weder stromlinienförmig noch homogen, wie Diplom Pädagogin Claudia Lübcke resümiert. Zum Beispiel die muslimische Rapperin mit Kopftuch:

"Subaia ist eine junge Frau die in der Großstadt aufgewachsen ist und aus ner Familie kommt wo sie stark beeinflusst wurde von der politischen Erziehung ihres palästinensichen Vaters, auch Gewalt erfahren hat in der Familie, ein eher negatives Verhältnis hatte zu ihrer Mutter, die keinen liebevollen Umgang mit ihren Kindern pflegte. Sie ist dann ausgebrochen, ist in Diskotheken gegangen, hatte mit Religion in dieser Zeit auch nichts zu tun, hat sich dann auch ab 18 schon professionell entschieden Rapperin zu werden und war in der Szene aktiv und das wurde dann nach dem 11. September noch mal verschärft weil sie sich nach dem 11. September entschieden hat, ein Kopftuch zu tragen."

Die Studie der Rostocker stützt wissenschaftliche Befunde, nach denen der Islam eine zentrale Rolle spielt im Leben jugendlicher Muslime. Gleichzeitig sind sie Deutsche – und fühlen sich auch so, wie Hans Jörg Wensierski, Professor für Erziehungswissenschaft und Jugendbildung betont:

"Was wir bei unseren Jugendlichen finden – ist, dass das Jugendliche sind, die von klein auf in Deutschland aufgewachsen sind und sich sehr stark identifizieren mit Deutschland, ihrer Heimat, das Land, das sie stark geprägt hat und trotzdem gleichwohl ihre islamische Identität zu betonen und beides miteinander zu vereinbaren suchen. Wenn man so will ist das natürlich auch ein Indikator für einen spezifisch europäischen Islam weil bestimmte Werthaltungen, bestimmte Vorstellungen, von Demokratie, von Staat, von Kultur, von Rechten als Frau in der Gesellschaft mit muslimischen Konnotationen verbunden wird."

Es geht also um die Verbindung zwischen Religion und der Gesellschaft, in der sie leben. Kennzeichnend ist bei jungen Muslimen dabei eine enge Bindung an ihre oft konservativen Familien und ihre Religion. Beides Konstanten im Leben nahezu aller jungen deutschen Muslime – egal welcher Jugendgruppe oder -szene sie sich sonst zugehörig fühlen. Allerdings – und das ist wissenschaftlich bislang nur wenig beleuchtet worden –  ist das Bekenntnis zum Islam nicht gleichzusetzen mit lebenslanger Frömmigkeit. Die Religion mit ihren Ge- und Verboten zur religiösen Lebensführung erscheint oder verschwindet in vielen Biographien  – abhängig von individuellen Wegen und Lebensphasen. Nicht selten stießen die Wissenschaftler auf extreme Wandlungen:  Zum Beispiel von einem kindlichen Glauben zu einer „expressiven Jugendphase“ wie das im Fachjargon heißt:

Diskotheken, Alkohol, bestimmte Jugendkulturen, die ne Weile aktuell waren, sexuelle partnerschaftliche Beziehungen – im Prinzip also das ganze Spektrum. Und haben sich dann aber nach ner bestimmten Zeit wieder rückorientiert.

Religion kann also in einer späteren Lebensphase wieder zum Leitmotiv der Lebensführung werden, betont Claudia Lübcke. Aber:

"Was jetzt nicht heißt dass sie die gleichen religiösen Vorstellungen wie ihre Eltern vertreten als Erwachsene sondern haben im Prinzip durch Einflüsse der Gemeinden oder Einflüsse im Studium sich wieder in diesen Richtungen orientiert, aber darüber hinaus sich trotzdem vom Islam der Elterngeneration sich ein Stück weit emanzipiert – da würde ich auch sagen, dass sich in den eigenen Religionsvorstellungen und Konzepten dieser Leute auch durch diese Jugendphase Veränderungen ergeben haben."

Wandlungen, die eine Statistik als Momentaufnahme nicht erfasst. Und auch der neu erschaffene Begriff „Pop-Islam“ das Phänomen nicht treffend beschreibt, weil er den Glauben zum Modeaccessoire degradiert. Die Lebensläufe der Jugendlichen erzählen eine andere Geschichte. Sie belegen, welche individuellen Schwierigkeiten und Spannungen sich ergeben, einen allumfassenden Glauben wie den Islam mit den Werten einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft in Einklang zu bringen.  

Mai 2009, in veränderter Fassung für Deutsche Welle

Männlich, Migrant, Schulversager?

      

Jungen gelten als „Verlierer“ im deutschen Bildungssystem. Im Schnitt sind ihre Noten schlechter als die der Mädchen. Sie schaffen seltener einen Abschluss. Innerhalb der „Problemgruppe Jungen“ gelten männliche Jugendliche mit Migrationshintergrund als besonders schwierige Fälle.

Gökhan Tezgel war ein durchschnittlicher bis guter Schüler. Das Chaos begann mit seiner Pubertät, erinnert er sich:

„Dann hatte ich immer noch einen guten Notendurchschnitt nach der 6. Klasse, habe aber eine Hauptschulempfehlung bekommen von meiner Lehrerin, sie meinte halt aus pädagogischen Gründen, was eigentlich auch totaler Schwachsinn war, ich bin aber trotzdem zur Realschule gegangen, habe das trotzdem konsequent ein Jahr durchgezogen, wo meine Noten dann auch sehr gut waren. Danach hatte ich etwas Probleme mit mir, mit meiner Selbstfindung und ähnliches, dann bin ich sitzengeblieben.“

Hauptschule, Schulverweis, eine andere Hauptschule. Gökhan scheint abzurutschen. Plötzlich der Wendepunkt: Er fängt sich, schafft den Abschluss, einen weiteren an der Realschule, schließt eine Ausbildung ab. Nun, als 20 jähriger, drückt er erneut die Schulbank: Ziel Abitur. Seine Mutter Ayse sagt rückblickend:

„Das hat mit 7.Klasse angefangen. Das ist ja genau die pubertärende Alter. Und das war auch Gökhans Worte wo er gesagt hatte: Bei den anderen machen die Lehrer die Augen zu. Und bei mir machen sie beide Augen auf. Sie warten drauf dass ich irgendwas mache und dann: Siehst Du, in diesen Rahmen passt Du rein!“

Vorurteile der Lehrer, eine strukturelle Benachteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Schulsystem, Eltern, die ihren Jungen keine Grenzen setzen, pubertierende Jugendliche, die aufbegehren und den Unterricht torpedieren – die Forschung nach Ursachen ergibt einen Strauß unterschiedlicher Problemlagen, Einzelfälle liefern kaum allgemein gültige Erklärungsmuster. Gegenseitige Schuldzuweisungen sind üblich, führen aber nur zu Machtkämpfen. Dabei tragen zumeist alle ihren Teil zur Entwicklung bei. Im Fall der Schulen und Lehrer ist es zum Beispiel die Unfähigkeit, angemessen auf die Probleme der Jugendlichen einzugehen, ja sie überhaupt wahrzunehmen, sagt der Schulexperte und Siegener Soziologieprofessor Reiner Geißler und zitiert Ergebnisse der Pisa – Studie:

Bei Pisa wurde gefragt, die Schüler wurden gefragt: Fühlen Sie sich von ihren Lehrern unterstützt, wenn sie Hilfe brauchen? Und die erste Pisa Studie hat gezeigt: von den 29 OECD Ländern war Deutschland dasjenige, wo sich die Schüler am wenigsten unterstützt fühlten.“

Den Befund lastet Geißler nicht pauschal den Lehrern an Vielmehr fehle in Deutschland noch „eine Kultur des Förderns“. Das deutsche Schulsystem setze generell zu stark auf Selektion – die Auslese vermeintlich schlechter Schüler angelegt. Problemschüler werden so gewissermaßen „nach unten durchgereicht“: Vom Gymnasium, zur Real- zur Hauptschule. Zudem legen wissenschaftliche Befunde nahe, dass Lehrer dabei häufig nicht Leistungen, sondern das Verhalten der Schüler oder ihre Herkunft mit benoten. Gleichzeitig gibt es Jugendliche, die schlechte Noten und Unsicherheit mit einem Übermaß an Macho-Gehabe überspielen und als ständige Störer oder provokante Paschas ihr Umfeld zur Verzweiflung bringen. Die Lehrer wiederum reagieren, indem sie Vorurteile gegenüber Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufbauen, kultivieren und die Probleme unreflektiert „der anderen Kultur“ in die Schuhe schieben statt sie als mehr oder minder normale „pubertäre Ausfälle“ zu begreifen:

„Auf der anderen Seite haben wir auch eine Diskriminierung , ich nenn das mal so, es ist ein bisschen scharf formuliert, die in den Schulen stattfindet. Leistungsfähigkeit von Migrantenkindern und auch Leistungen von Migrantenkindern werden nicht so gewürdigt, wie bei einheimischen Kindern, und das ist Diskriminierung. Sie werden nicht richtig gefördert und nicht richtig gewürdigt.“

Viele Schulen haben mittlerweile einen Weg beschritten der zukunftsweisend scheint: Mit Elternabenden, Elterninitiativen, Eltern-Arbeitskreisen werden vor allem die Mütter stärker in der Schule eingebunden. Bei Vätern – von Kindern mit Migrationshintergrund, aber nicht nur – ist das offensichtlich schwerer. Sie scheinen sich nicht, oder noch nicht für die Schulkarriere ihrer Kinder zu interessieren. Wo es gelingt und Eltern und Schule nicht gegen- sondern miteinander arbeiten – zum Wohl der Kinder nämlich- ist eine Lösung der Probleme in greifbarer Nähe.

März 2009, veränderte Fassung gesendet auf „Deutsche Welle“

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