Archiv: Deutschland Radio Kultur

Kinder erklären das islamische Opferfest

      

In vielen Ländern begehen Moslems in diesen Tagen (ab 15.Oktober in 2004 ) das islamische Opferfest. Heute zum Beispiel haben die Kinder in Jordanien und Saudi-Arabien schulfrei. Dort wird das Opferfest gleich mehrere Tage gefeiert,  für Moslems ist es in etwa so wichtig wie Weihnachten für uns. Die Gläubigen besuchen sich und schenken sich auch was. Aber das wirklich besondere am Opferfest ist das Schlachten.

Geräusch:  Schafblöcken

In Ländern, in denen die Mehrheit der Menschen Moslems sind, geht es den Schafen in diesen Tagen an den Kragen. Kurz vor dem Fest kauft jede Familie ein Tier und tötet es. Schächten nennt man diese besondere Art des Schlachtens, die von der Religion genau vorgeschrieben ist. Dabei werden die Tiere ohne Betäubung getötet. In Deutschland dürfen das nur speziell ausgebildete Metzger machen. Der Schlachter Yussuf Günel  weiß, wie es geht:

Nach dem Islam, unserem Prophet Mohammed  so wird das geschlachtet: Den Kopf nach Osten nach Mekka sozusagen und danach schneidet man. Messer an Hals und sagt Bismillah allah u akbar.“

Im Namen Gottes, Gott  ist groß, heißt das. Dabei muss der Kopf des Schafes in Richtung der Stadt Mekka zeigen. Dort hat der Prophet Mohammed gelebt, den die Moslems sehr verehren.Wo genau das Schaf  geschlachtet werden soll, darüber sagt die Religion nichts.

In Deutschland leben etwa 4 Millionen Moslems und manche von denen lassen einfach in ihren Heimatländern schlachten. Eben darum weiß Kilian Altintosh auch nichts über das Opferfest:

Kilian:

Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll.

Kilians Vater:

„Das ist meine Schuld ich hab ihm solche Sachen nicht beigebracht. Aber langsam ist es Zeit, dass er das lernen muss. Hier großartig feiern wir auch nicht. Meistes Geld schicken wir in die Türkei, unsere Eltern schlachten da für uns ein Lamm – das wars.“

Da kennt sich  Leila schon ein bißchen besser aus. Ihre Familie hat in Hamburg ein Schaf gekauft und bereits abgeholt – vom Schlachthof:

Leila:

„Zum Beispiel mein Bruder war letztens da und er hat es erzählt: Da war ein lebendiges Lamm und die haben einfach so den Kopf abgeschlachtet. Und die sagen auch ein Wort dafür: Bismillah und danach schlachten sie ihn. Es werden ganz viele Tiere geschlachtet und das tut mir sehr leid.“

Ute H.:

Leila, Schenua  und viele andere Kinder, die in Deutschland geboren sind finden das Schlachten von Tieren am Opferfest nicht gerade toll – auch wenn sie Muslima sind. Aber das Fest selbst mögen sie:

„Also unsere Väter, die schlachten ein Lamm und (andere) den essen wir dann später und braten wir ja, und dann braten wir ich glaub die müssen auch noch zur Moschee gehen und beten und dann kommen die nach Hause und danach müssen wir jüngere Leute immer zu den Älteren Leuten hingehen und danken und müssen dort auch essen.“

Das Fleisch des geschlachteten Schafs wird immer zusammen mit Verwandten verspeist. Oder auch an Arme verschenkt. In Erinnerung an eine Geschichte, die es im heiligen Buch derMoslems, dem Koran,  gibt. Es ist die Geschichte von  Ibrahim , wie Gökhan in der Moschee erzählt bekommen hat:

„Dieser Ibrahim – er wollte einen Sohn. Aber seine Frau – sie konnten keine Kinder zeugen. Darum hat er sich von Gott einen Sohn gewünscht sag ich mal. Dann ist er gekommen, aberGott meinte: Wenn ich sag Du sollst ihn töten, dann wirst Du ihn auch opfern.“

Ibrahim hatte zwei Söhne, Ismail und Isaak. Eines Tages kam ein Engel zu Ibrahim und befahl ihm, seinen Sohn Ismail zu töten. Ibrahim war sehr traurig, dennoch wollte er Gott gehorchen. Doch als er zum Messer griff, hörte er eine Stimme: „Töte Deinen Sohn nicht.“ Da wurde Ibrahim sehr froh, dass sein Sohn gerettet war und er verstand, dass es nur eine Prüfung seines Glaubens gewesen war.

Görkhan:

Dann hat Gott ihm eine Ziege oder Schaf geschickt und dann hat er den geopfert – und seitdem opfern wir auch.“

Ibrahim gibt es übrigens nicht nur bei den Moslems sondern auch bei den Christen. Bei uns heißt er nämlich Abraham. Abraham ist für alle Religionen wichtig, die an einen Gott glauben: Moslems, Juden und Christen. Und auch, wenn die Geschichte zunächst ein bißchen gruselig klingt hat sie doch eine sehr freundliche Bedeutung: Es ist nicht notwendig, im Namen Gottes Blut unter Menschen zu vergießen. Wer statt dessen etwas hergibt von seinemHab und Gut, und seinen Reichtum mit anderen teilt, zum Beispiel ein Schaf, der kann sich Gottes Wohlwollen sicher sein. Sei er nun Jude. Christ oder Moslem.

Oktober 2004, in geänderter Fassung für D-Radio , Kultur, Kakadu

Kinder in Afghanistan, Teil 4: Arbeit und Freizeit

      

In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, ist das Leben hart – auch für viele Kinder. Rund 30 Jahre lang war Krieg, viele haben Familienangehörige verloren und Armut gibt es überall. Nur jedes zweite Kind geht zur Schule. Oft liegt es daran, dass schon Fünfjährige mithelfen, die Familie zu ernähren.

Atmo Straße, Stau, Hupen

Autorin: In Kabul, Afghanistans Hauptstadt, ist Stau. Schier endlos reiht sich Auto an Auto, nichts geht voran. Das ist Hamids Chance. Geschickt schlängelt er sich durch die Reihen. Mit schmutzigem Gesicht, das nur aus großen, traurigen Augen zu bestehen scheint, klopft der Achtjährige an Fensterscheiben, bettelt um eine Handvoll Münzen. Allein in Kabul gibt es 60.000 bis 70.000 Straßenkinder wie Hamid, schätzen internationale Organisationen, die dem Land auf die Beine helfen wollen.

Atmo Musik

Autorin: Bei einer dieser Organisationen – sie heißt „Save the children“, also: Rettet die Kinder arbeitet Mareena. Die Afghanin ist eine Art Schutzengel für Mädchen und Jungen aus armen Familien. Sie spricht mit Eltern und Geschwistern, versucht sie zu überzeugen, wie wichtig Lernen für das Leben der Kinder ist – wenigstens ein, zwei Stunden am Tag. Viele haben den Anschluss verpasst, sie brauchen erstmal eine Art Vorschule. Das bietet „Save the children“:

"Unsere Aufgabe ist es in die Nachbarschaft zu gehen und Kinder anzusprechen, die nicht in die Schule gehen sondern auf der Straße leben. Kinder aus armen Familien, die Müll oder Metall auf den Straßen sammeln. Das verkaufen sie dann für eine Handvoll Kleingeld. Wir unterrichten diese Kinder: In Dari, unserer Sprache, Mathematik, Lebenskunde. Und wir lesen den Koran."

Autorin: Auf den ersten Blick scheint es, als ob nur Jungen Geld verdienen. Doch das stimmt nicht. Auch Mädchen müssen arbeiten – allerdings meist hinter verschlossenen Türen. Zum Beispiel Zagoona. Sie ist 16 Jahre alt und musste mit ihrer Familie flüchten – in ein kleines Dorf im Norden Afghanistans:

"Als ich herkam war mein Leben hart – ohne meinen Vater. Ich war jung und bin nie zur Schule gegangen. Meine Mutter hat die dreckigen Kleider anderer Leute gewaschen.Ich mache Stickarbeiten oder verpacke Bonbons und andere Süßigkeiten zusammen mit meiner Mutter. Hergekommen sind wir, um Feinden zu entkommen. Sie hatten gedroht, meinen Bruder zu töten nachdem sie schon meinen Vater umgebracht hatten."

Autorin: Mittlerweile geht Zagoona zur Schule. Dagegen war der 12jährige Rawschan vom ersten Tag an im Unterricht. Doch auch er muss die Familie unterstützen. Meist macht ihm das sogar Spaß. Fast täglich zieht er mit dem Esel los. Wenn das Tier Lasten schleppt, Getreide vom Feld ins Dorf bringt, muss Rawschan laufen. Aber auf dem Hinweg ist der Sattel frei. 

Nöö, sagt er. Einen Namen habe der Esel nicht. Er heiße einfach Esel. Wenn Rawschan reitet und „Esel“ in einen zockelnden Trab verfällt,  dann sieht das kinderleicht aus. Wer es mal selbst versucht hat weiß allerdings – die Langohren haben einen tierischen Dickschädel. "Aber natürlich gibt es ein paar Tricks, damit der Esel macht, was ich will", erklärt Rawschan. Dazu zählt der Gebrauch einer aus Holz und Seil gefertigten Gerte.

Trotzdem will Rawschan später nicht Bauer, sondern Lehrer werden. Genauso wie der 8 jährige Amir Ali, der bis vor kurzem auf der Straße gebettelt hat: "Ich will den Kindern gutes Benehmen beibringen. Vor allem den Straßenkindern, die machen anderen oft Probleme, sagt er. Denn eins haben Zagoona, Rawschan, Amir Ali, ja fast alle Kinder Afghanistans kapiert: Wer in der Schule fleißig ist hat die Chance auf ein besseres Leben in der Zukunft.

September 2010, in geänderter Form gesendet auf D-Radio Kultur

Kinder in Afghanistan, Teil 2: „Erleuchtung“ für’s Dorf

      

Könnt Ihr Euch ein Leben abseits großer Städte vorstellen? In den Bergen? Ohne Computer, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne elektrische Zahnbürste, ohne Herd zum Kochen, ohne Licht? In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, leben viele Menschen so. Es gibt nämlich nur in etwa 5 von 100 Haushalten Strom. Auf dem Land ist die Situation, im wahrsten Sinne des Wortes, oft finster. Wenn also in einem Dorf mit Hilfe des deutschen Entwicklungsministeriums plötzlich eine Straße gebaut wird, und dann ein Wasserkraftwerk für Strom ist das ein echtes Ereignis:

Hoch türmen sich Berge aus Schotter und Geröll. Ein paar kleine Sträucher sind die einzigen Zeichen von Leben. Es könnte das Ende der Welt sein. Und doch wohnen Menschen in der Nähe:  Zusammen vielleicht Hundert Frauen, Männer und Kinder, in einem Dorf namens Fargambow. Bis jetzt hatten sie selten Kontakt zur Außenwelt. Die Fahrt zur nächsten Stadt dauert Stunden. Und nur wenige haben ein Auto.

Wer aus dem Dorf heraus wollte, brauchte einen Jeep. Mit dem konnte man in regenarmen Monaten immerhin durch ein Flussbett fahren. Und selbst damit ging es in der Vergangenheit oft nicht weiter erklärt Martin Kipping, Afghanistan – Experte aus dem Entwicklungsministerium:

„Hier gab es früher einen Pfad, einen Eselpfad und sonst nichts, und die Leute sind dann durchs Flusstal gefahren. Das geht halt nur zu besonderen Zeiten des Jahres, im Winter nicht, da liegt hier halt Meter hoch Schnee.“

Trotz der neuen Straße – die eigentlich noch immer kaum mehr ist als eine Schotterpiste fährt unser Jeep meist im Schritttempo. Aber schließlich kommt Fargambow doch in Sicht. Anita Richter  arbeitet schon länger in Afaghnistan im Auftrag der Bundesregierung und hat mit geholfen ein Wasserkraftwerk zu bauen. Das soll Fargambow und eine Handvoll anderer Dörfer künftig mit Strom beliefern. Auf den letzten Metern zum Dorf erklärt sie, wie die Menschen bisher ohne Elektrizität ausgekommen sind. Zum Beispiel mit einer Art Flugzeugbenzin:

„Bis jetzt haben die Leute hier für Licht Kerosinlampen benutzt. Zum Kochen benutzen sie getrocknete Büsche und Holz und damit ist natürlich das Leben sehr einfach und eingeschränkt. Zum Arbeiten mit Maschinen müssen dann Dieselgeneratoren eingesetzt werden, die sehr teuer sind. Und wir versuchen halt hier eine kostengünstige Stromquelle anzubieten. Das erleichtert den Frauen die Arbeit im Haushalt: Bügeln, kochen. Am Abend haben die Leute Licht – und die ganze Nacht – sie können jetzt zusammen sitzen und haben damit nicht die ganzen Abgase im Haus. Das ist gesünder.“

Genau einen Abend vor unserem Besuch hat es in Fargambow zum ersten Mal Strom gegeben. Doch die rund 40 Männer, die uns aus Richtung einiger Lehmhütten entgegenkommen sehen eher unheimlich aus, als erfreut. Ihr Blick ist streng, Sonne, Wind und Wetter haben ihre Haut gegerbt. Und mit den bärtigen Gesichern und den Turbanen auf dem Kopf sehen sie aus wie Krieger.

Plötzlich heben sie die Arme, werfen etwas in unsere Richtung. Ein Bonbonregen prasselt auf unsere Köpfe herab, auf diese Weise zeigen sie ihre Dankbarkeit. Während ein Trupp von Jungen aufgeregt lachend um alle herumschwirrt, steht Marowait etwas abseits. Die zehnjährige hütet nach der Schule Ziegen. Aber auch sie weiß, dass dieser Tag anders ist als andere. Mutig und mit fester Stimme beginnt sie zu erzählen, obwohl die Männer sie immer wieder unterbrechen:

„Der Strom bringt Licht in unser Leben. Auch wir Kinder sind darüber sehr glücklich. Wenn wir morgens zur Schule müssen und abends wenn es dunkel wird können wir jetzt lernen – oder uns ein schönes Fernsehprogramm anschauen.“

Natürlich hat längst nicht jede Familie im Dorf einen Fernseher. Darum versammeln sich die Kinder um die wenigen Geräte und streiten, oft mit den Erwachsenen, welches Programm geguckt wird. Einige lieben schmalzige Serien über Liebe und Verrat. Andere die Heldengeschichten . Vor allem die Jungen sind wild auf Abenteuerfilme.

Marowait aber hat andere Vorlieben:

„Trickfilme. Und Schulprogramme. Da kann man nämlich lernen, wie man zählt.“

So haben es die Kinder von Fargambow künftig leichter. Wer in der Schule nicht aufgepasst hat kriegt eine zweite Chance. Dank dem afghanischen Kinderprogramm. Und Strom aus dem neuen Wasserkraftwerk.

September 2010 in geänderter Form gesendet auf D-Radio Kultur, Kakadu

Kinder in Afghanistan, Teil 1: Bloß nicht krank werden!

      

Afghanistan liegt in Asien zwischen Indien, Pakistan und China.  Weil es dort fast nichts gibt als Berge – sie stehen auf rund 90 Prozent der Landesfläche und sind bis zu 7500 Meter hoch – können die Menschen nur wenig anbauen. Wichtige Nahrungsmittel fehlen – sogar auf den Märkten.  So zählt Afghanistan zu den ärmsten Ländern der Welt und für Kinder ist das Leben besonders hart. Besonders, wenn sie krank werden oder einen Unfall haben.

An den Wänden des Krankenzimmers liegt eine Matratze neben der anderen. Männer hocken darauf, in ihre Shalwar Kamez, die typischen langen Hemden und Pluderhosen gekleidet, reden  leise miteinander, andere dösen.  Kein Fernseher, kein Radio vertreibt ihnen die Zeit. Manchmal bietet allein das Rauschen des Flusses Ablenkung, der in der Nähe der Krankenstation vorbeifließt.

Ganz hinten, in einer Ecke unter dem offenen Fenster, sitzt Abdul Gudeev und daneben sein Vater. Beide haben die Beine zum Schneidersitz untergeschlagen. Der linke Arm des Jungen ist mit einer Mullbinde umwickelt, zwei riesige Schrauben stabilisieren den Verband. Mit seinen grünen Augen und den Sommersprossen auf der Knubbelnase sieht der Zehnjährige eigentlich aus wie der typische Lausbub. Doch sein Blick klebt am Fußboden und seine Stimme ist kaum hörbar, wenn er spricht. Wie viele Kinder in Afghanistan ist er schüchtern – zumindest solange er mit einem  Erwachsenen redet. Denn die gelten als Respektspersonen. Bei der Frage, wie was mit seinem Arm passiert sei, taut er dann aber doch auf.

Ich bin aus der Schule gekommen, vom Esel zusammen gefallen und ziemlich hart auf dem Boden aufgeschlagen – so ist es passiert, sagt der Zehnjährige.

Er stammt aus einem kleinen Dorf, erzählt er weiter, das sieben Auto-Stunden entfernt ist von der Krankenstation. Die Familie ist arm, von einem Fahrzeug können sie nur träumen. Sie gehen zu Fuß oder nehmen bei längeren Strecken ihre Esel. Aber nach dem Unfall, mit dem gebrochenen Arm, kommt ein Ritt natürlich nicht in Frage. So müssen alle  warten und hoffen –  bis ein Lastwagen ins Dorf kommt.

Der Fahrer bringt den Jungen und seinen Vater in die Stadt Faizabad – zur Krankenstation. Seit zwei Wochen sind beide dort. Ein Arzt erklärt, warum:

„Weil das arme Leute sind. Wenn sie herkommen, haben sie nicht mal Geld, um auf den Bazar, den Markt zu gehen. Schon gar nicht, um im Restaurant zu essen. Wenn sie hier in die Krankenstation kommen, bekommen sie alles.“

In einem anderen Teil der Krankenstation sind Mütter mit ihren Kleinkindern untergebracht. Alle sind erschreckend dünn. Folge einer schlechten, beziehungsweise einseitigen Ernährung. Jedes vierte Kind in Afghanistan stirbt, bevor es fünf Jahre alt ist.  Oft wissen Mütter wie Sabsagal, nicht einmal, dass ihr Kind von Brot allein krank werden kann.

Manchmal gibt es Reis, manchmal Kartoffeln, sagt Sabsagal, was übrigens „Wiesenblume“ heißt.

Die Krankenstation bezahlt  ein Verein namens Kinderberg. In Deutschland werden dafür Spenden sammelt. An anderen Orten wie zum Beispiel der Stadt Masar-i-Scharif baut die Regierung, genauer: das Bundesministerium für Entwicklung mit unseren Steuergeldern zusätzlich Krankenhäuser. Dahinter steckt die Idee, den Menschen zu helfen.  Wenn es den Bewohnern ärmerer Länder besser geht, weil sie auch Krankenhäuser, Schulen, Strom und sauberes Wasser haben, dann können sie irgendwann für sich selbst sorgen. Das verhindert dann einerseits Kriege, andererseits auch die Flucht in reichere Länder, glauben Experten.

Auf der Männerstation hat Abdul Gudeev Zeit, sich mit seinem Vater zu unterhalten. Der Junge geht mit 50 anderen Kindern in eine Klasse und möchte später  Lehrer werden. Auf die Frage „warum“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen: Ich möchte, dass es meinem Dorf später besser geht, sagt er.

Semptember 2010 in variierter Form gesendet auf D-Radio Kultur, Kakadu

Die Kunst des Vergebens – „Forgiving Dr.Mengele“

      

Mit diesen Worten, dem Appell, dem größten Feind  zu vergeben und damit persönliche Freiheit zu erlangen beginnt der Film „Forgiving Dr. Mengele“. Seit die Rumänin Eva Kor, Überlebende der sogenannten Zwillingsexperimente des KZ Arztes Josef Mengele in Auschwitz ihre Thesen zur Versöhnung öffentlich macht – und sie tut das seit Jahren in Vorträgen und Schulungen, polarisiert sie mit ihren Gedanken.

Vor allem die Mehrheit der Holocaust – Überlebenden lehnt es ab und verweigert seither den Kontakt zu Eva Kor:

Ich war ehrlich schockiert. Ich denke, dass ihre Mentalität – und das tut mir wirklich weh – eine Operhaltung ist. Ich armes Opfer? Ja. Jedes Opfer hat Mitleid mit sich selbst,  jedes Opfer ist wütend und wenn Du in dieser Haltung verharrst, dann verweigerst Du alles andere. Ein Opfer fühlt sich hilflos, hoffnungslos, kraftlos und  macht alle anderen für diese Probleme verantwortlich, – wie lange soll das so gehen? Und warum hilft die Gesellschaft Opfern nicht, diese Bürde der Vergangenheit zu lösen, indem sie Lösungen anbietet, um einem Opfer andere Wege aufzuzeigen. Denn ein Opfer hat die Wahl.

Aufgrund solcher Äußerungen hat man hat ihr vorgeworfen, sich instrumentalisieren zu lassen. Man hat ihr vorgeworfen, die Täter zu entschuldigen. Man hat ihr vorgeworfen, dass sie mit ihrer Argumentation all jenen Vorschub leiste, die ihre Verantwortung an den Greueltaten leugnen wollen. Das Unvergebbare könne nicht vergeben werden, heißt es. Vorbehalte über Vorbehalte – zunächst auch bei der amerikanische Archivarin und Forscherin Cheri Pugh. Sie hatte vor rund 5 Jahren historische Filmaufnahmen entdeckt, die die 10jährige Eva Kor bei der Befreiung von Auschwitz zeigten und nahm Kontakt auf zu der gebürtigen Rumänin:

Am Anfang war ich regelrecht enttäuscht. Ich hatte mich für den Holocaust interessiert seit ich ungefähr 13 war und dieses Vergeben  schien mir eine Art Schwäche zu sein, ein Aufgeben, aber Eva hat mir erklärt, welche Macht das Vergeben hat. Wie alle Macht von ihr genommen wurde, wie ihre Familie ihr genommen wurde und sie als Versuchskaninchen benutzt wurde. Und trotzdem hatte sie die Kraft, zu verzeihen. Und das gab ihr eine Kontrolle – auch eine Kontrolle über Mengele. Das hat mich so überzeugt.

Im Alter von 10 Jahren wurde Eva Kor mit ihrer Zwillingsschwester Miriam von Rumänien nach Auschwitz verschleppt. Bis heute weiß sie nicht, was Josef Mengele ihr und ihrer Schwester in Folge der sogenannten Zwillingsexperimente injizierte. Eva Kor verliert außer ihrer Schwester alle Familienangehörige, Miriam stirbt 1993 als Spätfolge der Mengele Experimente. Dazu unaussprechliche Seelenqualen:

Ich hatte verschiedene Alpträume. Ich wachte mitten in der Nacht auf in kaltem Schweiß weil ich geträumt hatte, das ich mich gewaschen hatte – mit Seife, die aus den Überresten meiner eigenen Eltern und Schwestern gemacht worden war. Ich konnte mich für einige Zeit nicht länger mit Seife waschen, bis wir Israel erreichten – in 1950.

Zehn Jahre später, in Amerika,  wo ihre beiden Kinder geboren werden beginnt eine neue, andere Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal. Eva Kor forscht über Josef Mengele, spürt andere Überlebende der Mengele – Experimente auf, gründet ein Museum, beginnt Vorträge zu halten, initiiert eine Sammelklage gegen den Bayer Konzern und veranlasst die Max Planck Gesellschaft zu einer Entschuldigung für die Taten ihrer Vorgängerinstitution bei den medizinischen Experimenten in Auschwitz. Der wirklich entscheidende  Wendepunkt aber kommt 1995, als sie einen Mitverantwortlichen der Experimente, den Arzt Hans Münch in Auschwitz persönlich trifft. Sie entscheidet sich, ihm, dem Täter ein besonderes persönliches Geschenk zu machen: Einen Vergebungsbrief:

Dieser Moment, dieses Heureka, wie ich das nenne  machte mir klar, dass er den Brief begrüßen würde. Aber was für mich viel entscheidender war: Dass ich die Kraft zur Vergebung habe. Was wäre, wenn jeder Nazi ins Gefängnis gesteckt oder getötet worden wäre. Hätte das meine Schmerzen gelindert. Die Antwort war: Nein.  Und dann gibts da Leute die sagen, dass es Dinge gibt, die nicht vergeben werden können. Und ich antwortete: Wer gibt Dir das Recht, über mein Leben zu urteilen und zu sagen, dass ich – weil Du nicht verzeihen kannst, für den Rest meines Lebens mit den Schmerzen leben muss?

Mengele selbst scheint sich all diese Gedanken über seine Taten, über Schuld und Verantwortung nie gemacht zu haben. Er starb in Südamerika ohne irgendein sichtbares Zeichen der Reue. Und doch soll ihm vergeben werden. Eine amerikanische Erfolgsgeschichte a la: so kommen Sie mit ihrem Schicksal klar. Nein, meint  Bob Hercules, Produzent und Regisseur. Sein Film nehme auch die Position der Kritiker auf:

Es gibt die Kontroverse – auch in dem Film. Es gibt diese Vorbehalte gegen die Idee der Vergebung. Eva ist ständig diesen Angriffen ausgesetzt. Es kein Film, den man sich mal ebenso anschaut. Er ist eine Herausforderung und man muss sich ihn aufmerksam anschauen.

Der Film zeigt einen Prozess, Evas Prozess, der Jahre dauerte bis sie an dem Punkt war, verzeihen zu können. Cheri bezeichnet das als Zwiebel – Schälen.

All diese Schichten. Du schälst und schälst und schließlich kommst Du zu dem Punkt, dass Du den Nazis vergeben kannst. So was passiert nicht an einem Tag.

Vor gerade zwei Monaten wurden die Arbeiten am Film beendet. In Amerika hat Bob Hercules für den Film einen Verleih gefunden – dort kommt er im Februar des kommenden Jahres in die Kinos. Mit Europa und  Deutschland sind erste Kontakte geknüpft – zu Kinos und Fernsehanstalten. Für Eva Kor geht das Leben weiter – sie lehrt an Schulen, versucht Menschen die Idee nahezubringen, dass es möglich ist, weiter zu leben – trotz des Leids, trotz des Unrechts, dass ihr angetan wurde.

Vergeben beginnt in jeder einzelnen  Person und jene Person kann das nur für sich allein. Es ist so persönlich wie eine Chemotherapie. Wenn jemand Krebs hat, dann kann ich sagen: Du brauchst eine Chemotherapie. Ich kann die Chemotherapie nicht selbst machen, dann stirbt der andere an Krebs. Darum muss Vergeben jeder für sich allein lernen. Die andere Sache ist, dass Vergeben mir die Kraft gibt mich von meinem Schmerz zu befreien. Und – es ist der Samen, aus dem der Friede herauswächst.

Hamburg, Januar 2006, gesendet auf D-Radio Kultur

 

Begegnungen mit der Vergangenheit – ehemalige Zwangsarbeiter in Hamburg

      

Die Verbrechen der NS – Zeit sind für Jugendliche heute Geschichte. Sie lässt sich aus Büchern erschließen, aus Zahlen und Fakten. Erfahrungsberichte und persönliche Begegnungen werden dagegen rar, die Zeitzeugen sterben und mit ihnen die Chance auf persönliche Gespräche. Für die Schüler des Gymnasiums Süderelbe war es eine besondere Unterrichtsstunde, als ehemalige russische Zwangsarbeiterinnen Hamburg und auch ihre Schule besuchten.

Rund 30  Oberstufenschüler stehen in Grüppchen zwischen lang aufgereihten Stuhlreihen und dem Mittelgang im Klassenraum. Gesprächsfetzen über „Bundesligaergebnisse“, „modische Outfits“ fliegen hin und her. Fast unbemerkt von den schwatzenden Grüppchen bahnt sich eine gebrechliche alte Frau den Weg nach vorn. Auf dem Tisch, an dem sie Platz nimmt, steht eine Topfblume in gelb, ein Willkommensgruß. Die 79 jährige Olga Zaitseva ist zum zweiten Mal Hamburg. Im Krieg war sie schon mal hier.  Verschleppt von deutschen Soldaten zur Zwangsarbeit in Hamburg.

Atmo 2 Schulglocke

Atmo 3 kurz hoch, Lärm wird leiser

Sprecher: Auf der anderen Seite des Tisches, unter einem Goethe – Plakat, steht Schulleiter  Thomas Fritsche, einen Zettel in der Hand. Es wirkt, als halte er sich fest daran. Mit wenigen Worten muss er Brücken schlagen: Zwischen dem Podium mit der Zeitzeugin ihrem Dolmetscher sowie den Schülern. Zwischen zwei Generationen, zwei Sprachen. Zwei tatsächlichen oder vermeintlichen Perspektiven: Opfern und Kindeskindern von mutmaßlichen Mitläufern und Tätern:

O-Ton 1 Es ist ein ganz großes und wichtiges Anliegen von Schule, dass Menschenrechte, dass Demokratiebewusstsein, dass Freiheit gesichert wird und immer wieder eine neue Herausforderung ist, um die man kämpfen muss. /…/Wir haben ganz großen Respekt dass sie zu uns gekommen sind und sind sehr, sehr dankbar, dass sie und von dem, was sie erlebt haben, erfahren haben, uns berichten können.

Atmo 4 (Zaitseva)Russisch mit deutschen Einsprengseln „Nein Kinder nein, dankeschön, dankeschön, kann – muss nicht frei stehen, darauf Sprecher: Die Augen fest auf einen Punkt vor sich auf dem Tisch und doch auch nach innen gerichtet, tastet sich Olga Zaitseva zögernd vor auf ihrer Zeitreise in die Vergangenheit. Militopol, ein kleines Dorf in der Ostukraine. Die Eltern arbeiten in einer Landkolchose. Bis zu dem Tag, als die deutschen Soldaten von ihrem Feldzug zurückkommen. Eine Zeit der Angst beginnt, der Hilflosigkeit, der Ungewissheit:

O-Ton 2 (Dolmetscher) Nach einiger Zeit als die Deutschen wieder auf dem Rückmarsch waren und auch in unserem Dorf vorbei kamen, wurden die Familien zusammen gesammelt. Aus unserem Dorf waren es 25 insgesamt und wir wurden unter der Kontrolle von mehreren Soldaten mit Gewehren – also wir mussten abmarschieren aus dem Dorf, kamen zu dem nächstgelegenen Bahnhof.

Atmo 5 Klasse, flüstern, darauf Sprecher: Zwei Mädchen lesen vorbereitete Fragen an die Zeitzeugin ab. Mit Hilfe des Geschichtslehrers haben sie gewissermaßen ein Wort – Korsett erarbeitet:

O-Ton 3 (Zwei Mädchen im Wechsel, lesen ihre Fragen ab) Was dachten sie passiert mit Ihnen als sie verschleppt wurden? Fiel ihnen die Rückkehr nach Hamburg schwer? Wie oft holt sie ihre Vergangenheit in der Gegenwart ein? Hatten sie Kontakt zu anderen Zwangsarbeitern?

Atmo 6 Zaitseva erzählt auf russisch, darauf

Atmo 7 Dolmetscher Man brachte uns nach Hamburg. Wir wurden in Baracken untergebracht, unsere Eltern dann zur Arbeit gezwungen, auch wir Kinder. Ich war damals 11 Jahre alt. Was konnte ich denn als Elfjährige eigentlich machen?

Atmo 8 Zeitzewa ukrainisch, wiederholt zweimal einen Satz, Stimme bricht, dann Stille frei stehen lassen, dann darauf – Zaitseva erzählt wieder Sprecher: Die Schüler erstarren beim Klang der brechenden Stimme. Wie eingeklemmt sitzen sie in den Stuhlreihen. Reglos. Still. Selbst der  Junge, der anfangs die Arme vor der Brust kreuzte und später eindöste, ist wieder wach. Der Dolmetscher reagiert: Er legt der alten Frau an seiner Seite eine Hand auf den Arm, beantwortet Trauer mit Trost. Die Schüler warten geschockt bis die alte Frau sich fängt und zurückkehrt aus der Welt der Gefühle in die Welt der Worte, auf sicheres Terrain, wohin jeder folgen kann. Der Arbeit der 11 jährigen in der Hamburger Olmühle;

O-Ton 4 Mir wurde die Arbeit zugewiesen, kleine Teile zu säubern, ich hatte so ein Tuch, eine Serviette. mit der ich diese Teile wusch und polierte. Wir Kinder wurden nicht besonders bestraft oder geärgert durch irgendjemanden. Aber es gab einen Bewacher, einen Herrn, der immer mit so einer Art Stock stand und schaute wie wir arbeiteten  Und natürlich, wir sind ja Kinder gewesen, passierte es dass wir ein paar Späße machten oder laut miteinander sprachen und dann kam er schon mal und gab einen kleinen Hieb.

Atmo 9 Klasse, flüstern, Stille Ein Schüler meldet sich. Seine Frage kommt spontan, unvorbereitet: ( Anmerkung für Technik, auf diese Atmo kann auch verzichtet werden. Vor O-Ton 5 hängt ein Stück Atmo, das zum Unterlegen unter die Textpassage reichen sollte)

O-Ton 5 (Schüler)Ich wollt fragen, wie ist das: wenn sie jetzt deutsch hören – wie reagieren sie darauf, da ja die Wachmänner früher alle Deutsch gesprochen haben. Finden Sie das schlimm – oder ist das eigentlich egal?

Atmo 10 Stille in Klasse alternativ: Sprecher: Stille in der Klasse.

Deutsch – das ist die Sprache der Wachmänner, aber auch der Schüler. Die Dolmetscherin übersetzt, Sekunden schleppen sich quälend. Dann löst die Zaitseva ihre Augen von der Tischplatte, ein feines Lächeln erscheint auf ihren Lippen.

Atmo 11 Zaitseva auf russisch, darauf Dolmetscher Also ich hab als Kind deutsch gesprochen. Ich hab auch Deutsch in der Schule gelernt. Ich selber habe mich im letzten Jahr noch mal eingeschrieben für einen Kurs, hab versucht noch etwas Deutsch zu lernen, einige paar Floskeln habe ich gelernt, aber nicht allzu viel.

O-Ton 5 (Zaitseva) Wir haben drei Kinder, Schüler lachen

Atmo 12 Schüler klatschen, Mit langem, herzlichen Beifall entladen sich die aufgestauten Gefühle. Erleichterung macht sich breit. Plötzlich ist Bewegung im Raum, der Schulleiter verteilt Komplimente: Vielleicht auch noch mal einen Beifall an die Schülergruppe, die sich etwas intensiver um die Vorbereitung bemüht das. Das habt ihr sehr nett gemacht. Herzlichen Dank. Beifall, kurz hoch, verblenden mit

Atmo 13 Pausenhalle, Pingpong Draußen in der Pausenhalle spielen die jüngeren Schüler ausgelassen Tischtennis. Die Schüler stellen sich mit der Zeitzeugin zum Erinnerungsfoto auf, gelöstes Lächeln. Herzlich drücken die Mädchen der Vorbereitungsgruppe Olga Zaitsevas Hand. Lasse und Konstantin, etwas abseits, sind bewegt:

O-Ton 5 Was ich beeindruckend fand: Dass sie keinem die Schuld gegeben haben. Dass sie auf Deutschland keinen Hass empfunden haben – das hat mich doch sehr überrascht. Ich find, man kann relativ viel daraus mitnehmen, weil man daran erkennt, wie gut es einem selbst geht. Wenn die Personen erzählen, was ihnen damals geschehen ist. Weiß man: Mensch, hat man Glück gehabt, dass wir in solchen Zeiten leben.

Atmo 11 Atmo Straße, ab und zu ein Auto

Dann macht sich Olga Zaitseva auf den Weg. Nur ein paar Schritte von der Schule entfert war im Krieg ein Außenlager des KZ – Neuengamme. Noch ein schwerer Weg für Olga Zaitseva. Sie geht ihn mit festen Schritten. 15 Schüler begleiten sie. Freiwillig.

2009, in geänderter Form für D-Radio Kultur

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