Archiv: Entwicklungszusammenarbeit

Psyche und Politik – über Dan Bar On

      

Am 4. September 2008 starb der israelische Psychologe Dan Bar On in Tel Aviv. Weil die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden des Konflikt- und Friedensforschers bis heute ein Schlüssel sein können im Zusammenhang von persönlicher (nationaler?) Identität und sozialpsychologischen und politischen Entwicklungen einer Gesellschaft habe ich den „alten“ Text auf meine Website gestellt:

Dan Bar On ist für manch einen pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art Ikone: Er bringt Menschen ins Gespräch, die Gegner oder gar Feinde sind. Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“. Gestern war der Israeli im Literaturhaus in Hamburg zu Gast. Ute Hempelmann hat zugehört, was dieses „Erzähl Dein Leben“ für Dan Bar-On bedeutet:

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. „So wurde ich Psychologe“, erzählt er seinem Publikum. Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert.

Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen:

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt. „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: „Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt er die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992, beiden Gruppen eine Begegnung vor – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Kinder von Opfern:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor, ein Projekt in Israel, in dem jüdische und palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdischen Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet für ihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt, dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und Lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Hamburger Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

(Frau 1)Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich.

(Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in der Zeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aber irgendwie auch sehr fremd und anders.“

NDR Kultur, 2006

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Perspektiven für Afghanistan

      

„Afghanistan – was kommt nach dem Abzug deutscher Truppen?“ fragte die Konrad Adenauer Stiftung am 19.2.2012 in Hamburg. Den Schlüssel zu einer friedlichen Entwicklung sieht der Bundestagsabgeordnete Jürgen Klimke, Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung  in der Polizeiausbildung:

Audio Jürgen Klimke

Der Zeitreisende

      

Wie bringt man Kindern und Jugendlichen nahe, welche Vorzüge „Demokratie“ hat? In dem man Geschichten erzählt. Das folgende Expose habe ich 2011 als Rohfassung eines Hörspiels für afghanische Jugendliche geschrieben. Umgesetzt von der Deutschen Welle:

 

Charaktere:

Said: 15 Jahre, lebt seit dem Tod seiner Eltern bei seiner Tante in einem Dorf, das immerhin eine Schule hat. Er ist aufgeweckt und wissbegierig, zugleich fantasievoll und ein guter Schüler. Daß die Tante ihn zwingen will, die Schule zu beenden bekümmert ihn zutiefst.

Die Tante: ist schon alt, verbittert und fühlt sich durch die Aufgabe, Said, einen jungen Mann, zu erziehen völlig überfordert. Sie ist boshaft, flüchtet sich im nächsten Moment gern in ein Gejammer über Schmerzen und Krankheiten, wenn ihr alles zu viel wird. Sie fordert von Said, zu arbeiten, um die Tante finanziell zu unterstützen.

Saids Eltern: sind gestorben als Hamid drei Jahre alt war. Bis dahin war sein Vater Lehrer

Mohammed: jüngerer Bruder des Großvaters, Onkel der Tante,  mit einem kleinen Haushaltswarenladen in Kabul

Parvez: ein Parlamentsabgeordneter in den 60ger Jahren

 

Der Zeitreisende

Eine Hiobsbotschaft

Als Said von der Schule kommt trifft er die Tante vor der Haustür. Er wundert sich. Sie ist schon klapperig und geht nur im Notfall raus. Drinnen beklagt sie sich zunächst wieder über ihre Schmerzen im Körper. Dann eröffnet sie dem Jungen, dass sie eine Nachricht erhalten und Arbeit für ihn hat. Er soll in Kabul als Handlanger im Laden ihres alten Onkels arbeiten. Ohnehin gibt er der Tante Geld für Saids Unterhalt, seit Saids Eltern gestorben sind. Die Tante will, dass Said dem alten Mann hilft. Obwohl sie über ihn schimpft. Er sei immer ein Freigeist gewesen. Einer mit Rosinen im Kopf. Bis heute wusste Said nicht mal, dass es ihn gibt.

 

Ein geheimnisvoller Fund

Kabul? Undenkbar, so launisch die Tante sein mag. Ein Leben ohne die Schule, Bücher und Lernen? Vor allem: Ohne die Schule, in der der Vater als Lehrer gearbeitet hat? Das kann sich Said nicht vorstellen. Er will doch später studieren und zwar Geschichte! Er verkriecht sich im Keller, findet einen alten Mantel. In dessen Tasche entdeckt er eine Streichholzschachtel. Und ein Hochzeitsfoto seiner Eltern.  „Helft mir doch“, fleht er das Foto an. Da sieht er die rätselhafte Aufschrift auf der Streichholzschachtel. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“ Mit zitternden Händen entflammt Said das erste Streichholz.

 

Zum Wohl des Landes

Wusch…..Wo ist er nur hingeraten? In jedem Fall ist es eine Stadt. Ein Versammlungssaal. Ein Mann spricht. Said erstarrt. Er scheint diesen Mann zu kennen , dem alle so respektvoll zuhören. Er hat eine entfernte Ähnlichkeit mit Saids Vater. Der Mann hält eine Rede. Er spricht von Modernisierung des Landes. Von afghanischen Männern und Frauen, die gemeinsam zum Wohl des Landes beitragen. Von Armut, die abgeschafft werden soll, von Büchern für alle, von Wissen und Bildung für eine goldene Zukunft Afghanistans. Die Menge erstarrt. Einige klatschen. Andere murren. Das ist „Majestätsbeleidigung“, rufen sie. Majestätsbeleidigung? Ja gibt es denn einen König? Er muss in die Vergangenheit geraten sein. Welche Zeit mag das sein? Der Tumult im Saal wird immer größer. Said flieht in einen leeren, dunklen  Raum. Wie findet er zurück in seine Zeit? Wo ist er hier überhaupt? Er zündet ein Streichholz, um zu sehen, wo er hingeraten ist…..Wusch.

 

Zurück auf dem Boden der Tatsachen

Die Tante stöhnt. Diesmal zwickt es im Fuß. Vorsichtig fragt Said, ob sie sich an die Regentschaft des letzten Königs erinnern kann. Doch sie schreit ihn nur an. Viel zu jung sei sie gewesen. Überhaupt – wohin nur all die dummen Fragen führen sollen. Morgen solle er Abschied nehmen von der Schule. Übermorgen sei Schluss mit dem Lernen. Saids Versuch, zu argumentieren, sein Bitten und Flehen würgt sie ab. „Füge Dich in Dein Schicksal. Und jetzt massier mir die Füße“

 

Die Botschaft des Königs

Said will dem Unausweichlichen entfliehen. Und ihm fällt dazu nur ein Weg ein: die Streichhölzer. Wenn die Gegenwart unerträglich ist, will er in der Vergangenheit leben.  Er entzündet ein Streichholz.  Wusch! Wieder eine Versammlung. Aber nun sind die Männer und Frauen still, gespannt. Es ist das Parlament und alle warten. Plötzlich sieht Said den König. Er spricht zu den Abgeordneten und bestätigt, dass sie künftig Afghanistan mitregieren werden. Die Zeiten seien zu kompliziert. Ein Mann allein – und wenn es der König wäre – könne nicht alle Antworten auf Fragen finden. Und wieder sieht Said den Mann, der beim letzten Mal eine Rede gehalten hat. Said ist so verzweifelt und der Mann sieht so sympathisch aus, dass er ihn anspricht.

 

Ein neuer Freund

Gemeinsam gehen sie in ein Cafe. Said staunt über die Menschen. Es sitzen sogar Frauen da, sie debattieren mit Männern über Politik. Überhaupt scheinen die Menschen fröhlich, gelöst, hoffnungsvoll. Parvez – so heißt der neue Freund –  erzählt, dass er Parlamentsabgeordneter sei und dass Said gerade Zeuge eines historischen Moments gewesen ist. Said nutzt die Gelegenheit und „quetscht“ ihn aus. Aber als Parvez Näheres über Said wissen möchte bekommt der furchtbare Angst. „Ich bin ein Junge aus der Zukunft,“ antwortet er ausweichend.  „Wenn du die Zukunft bist, dann ist mir nicht bang“, antwortet Parwez gelassen.

 

Jeder hat seine Zeit

Said öffnet sich, erklärt ihm, dass er in der Vergangenheit leben wolle und von den Schwierigkeiten mit der Tante aber Parvez schüttelt den Kopf. „Die Zeit, in der ich lebe ist eine interessante Zeit, doch man kann nicht in der Vergangenheit leben. Geh zurück, mein Junge. Denn diese Zeit ist nicht Deine. Das Schicksal eines Menschen ist so veränderlich wie die des Landes. Fass Vertrauen in Deine Zeit und Dein Schicksal. Dann wird sich alles zum Guten wenden. “ Er drückt Said die Streichhölzer in die Hand. Wusch.

 

Neues Heim

Mit der Tante fährt Said am nächsten Tag nach Kabul. Der Großonkel ist alt, aber Said mag ihn sofort. Er erinnert ihn an Parvez. Der Onkel erklärt, dass der Junge sich in seinem neuen Zuhause umsehen könne. Said geht zunächst in den Laden. Unter der Theke entdeckt er ein Buch. Ein Geschichtsbuch über die 60ger Jahre. Sollte das dem Großonkel gehören? Das ist ein Zeichen! Said lauscht. Die Tante streitet mit dem Alten. Der Junge sei ein Taugenichts. Wie alle Männer in der Familie. Sie könnten nichts als Reden halten und ihre Nase in Bücher stecken.  Der Onkel schmunzelt. Das sei keine Beleidigung.  Der Junge sei wie sein Vater. Wie sein Großonkel. Und wie der Großvater. Parvez habe vom Leben auch mehr gewollt, als nur Arbeit und Geld verdienen. Parvez? Said stutzt. Noch ein Zeichen, ein glücklicher Zufall. Er macht ihm Mut.

 

Geständnisse

Said fasst sich ein Herz und erzählt die wundersame Geschichte der Streichhölzer. Natürlich glaubt die Tante kein Wort. Mohammed ist „Feuer und Flamme“. Er erinnert sich daran, dass sein Bruder als kleiner Junge eine rätselhafte Streichholzschachtel besessen hat mit der Aufschrift: „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Das letzte Streichholz

Wusch. Noch einmal sehen sie den Großvater, den Bruder. Der ist überrascht und glücklich, dass er seinen Bruder als alten Mann und seinen Enkel kennen lernen darf. Allen fällt es schwer, Abschied zu nehmen. Diesmal für immer, denn es gibt nur noch ein Streichholz. Aber der Großvater tröstet Said. Er werde immer bei ihm sein, wenn er ihn brauche. Und Mohammed solle ihm alles erzählen über die damalige Zeit. Die guten Erfahrungen und Fehler könnten ein Kompass in der Gegenwart sein, der hoffentlich in eine bessere Zukunft führe. Saids persönliche und die des Landes.

 

Das Licht der Erkenntnis

Die Tante muss sich geschlagen geben. Möglicherweise würde doch noch etwas Anständiges werden aus Said“, mault sie. Der Onkel schlägt vor, dass Said die Schule im Dorf zu Ende macht und ihn öfter besucht. Wenn er will, kann er – so er noch lebt – beim Onkel in Kabul wohnen wenn er studiert. Und dann umarmen sie sich. Saids Hände betasten die Streichholzschachtel in seiner Tasche.  Im Geiste sieht er die Aufschrift. „Ich bin das Licht der Erkenntnis.“

 

Frühjahr 2011

Die Afghanistan-Depression

      

„Die Wahrnehmung in Afghanistan ist, dass der Westen sich entschieden hat. Dass er in dem Konflikt nun seine Hände in Unschuld wäscht. Und sich nicht verpflichtet fühlt, die Taliban militärisch zu besiegen.“

Vali Nasr ist ein ebenso scharfäugiger wie scharfzüngiger politischer Beobachter.  Rückzugstendenzen hat er ausgemacht in der Beziehung Afghanistans und des Westens.  Der Professor für Internationale Politik an der Bostoner Tufts University und  Berater des ehemaligen UN – Sondergesandten für Pakistan und Afghanistan, Richard Holbrooke, war als Referent auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg. Und macht aus seiner derzeit pessimistischen Einschätzung der Situation keinen Hehl.

Rückzugstendenzen

Die Tötung Bin Ladens als möglicher Schlusspunkt  der „11. September-Politik“, Finanzkrise, arabischer Frühling – der Westen scheine sich lieber heute als morgen von Afghanistan abzuwenden, glaubt Nasr. Und die Afghanen? Die fühlten sich allein gelassen. Vor allem mit den Gewaltexessen der Taliban. Zwar betonen deutsche Militärs in diesem Sommer wieder und wieder, dass die Schlagkraft der Taliban nachgelassen habe. Was was die Qantität angeht mag das auch stimmen. Die qualitative Dimension der psychologischen Wirkung werde damit aber unterschätzt, entgegnet Nasr. Der Politologe führt als Beleg den Mordanschlag auf den Bruder von Präsident Karzai, Ahmed Vali Karzai, ins Feld:  „Das war auf der mentalen Ebene ein Volltreffer. Kann ja durchaus sein, dass es ein außergewöhnlicher Unfall war. Aber Afghanen gehen gewöhnlich vom Schlimmsten aus. Nämlich dass es ein gezielter Anschlag der Taliban war. Und das untergräbt ihr Vertrauen, es ohne die militärische Präsenz des Westens zu schaffen.“

„Enthauptung“ des politischen Systems

Die mittlerweile lange Liste von Anschlägen auf hohe afghanische Regierungs- und Sicherheitsverantwortliche sei auf vielen Ebenen verheerend, folgert  der 50jährige politische Beobachter: „Diese gezielten Tötungen sind „Enthauptungs – Kampagnen“ des gesamten politischen Systems. Und sie untergraben den Truppenabzug.“

Dessen Logik war bekanntlich immer die eines Staffellaufs: Der Westen übergibt dabei gewissermaßen den Stab der Verantwortung an die Afghanen.  Eben diese Vorstellung sei in den letzten Wochen erheblich ins Wanken geraten. „Wenn man afghanische Politiker reihenweise umbringt, wirft das die Frage auf, ob da überhaupt noch jemand bleibt, der für den Westen nachrückt“, folgert Vali Nasr trocken.
Die Säulen der Verantwortung tragen nichtDie Lösung des Dilemmas ist bekannt: Afghanistan braucht eine starke Regierung. Und ein funktionierendes Militär. Ironischerweise funktioniere in einem Land, das kaum je eine Zentralregierung hatte und nie eine Armee weder das eine noch das andere, sagt Nasr. Schon gar nicht mit der zeitlichen Limitierung „2014“, die sich Politik und Militärs gesetzt hätten.

Zweckpessimismus als Weckruf?


Die Schwarzmalerei des Politik-Kenners könnte aber auch strategische Gründe haben. Möglicherweise möchte er politisch Verantwortliche wachzurütteln vor der Bonner Afghanistan-Konferenz. Denn Nasrs Fazit lautet, dass der Westen sich nicht aus der Verantwortung stehlen und das Land sich selbst überlassen könne. Dafür sei die Lange zu explosiv.  „Wenn das nicht ordentlich aufbereitet wird – das sollte eigentlich, aber… Also falls das nicht ordentlich aufbereitet wird, wird das Konsequenzen haben.“

in ähnlicher Fassung für Deutsche Welle, August 2011

Der Karikaturenstreit als journalistisches Lehrstück

      

Vor rund einem Jahr fasste Flemming Rose von der dänischen Zeitung „Jyllandsposten“ einen folgenreichen Entschluss. Er ließ 12 Mohammed Karikaturen veröffentlichten. Was dann passierte, schien ein Beleg für Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ zu sein: Brennende Botschaften, hitzige Debatten um Religions- und Meinungsfreiheit. Nun stand der Redakteur jungen Journalisten aus 22 Ländern Rede und Antwort, die sich derzeit auf Einladung von „Inwent“, einer Entwicklungsorganisation, in Hamburg weiterbilden.

Am Schluß wird Flemming Rose umringt wie ein Popstar: Aufnahmegeräte und Kameras richten sich auf den zurückhaltenden Dänen. Lam aus dem Sudan umarmt ihn für ein Erinnerungsfoto. Sein ironischer Kommentar:

„Er ist ein berühmter Mann in meinem Heimatland. Ich werde sagen, dass ist der, der die Karikaturen veröffentlicht hat. Ich werde gesteinigt werden in meinem Land für das Foto mit ihm, aber sei‘s drum.“

Als die Kameras gezückt werden, hat Rose das Schwierigste hinter sich. Fast zwei Stunden nehmen ihn die Kollegen aus aller Welt ins Kreuzverhör. Lisa aus Syrien will wissen, ob es auch Meinungsfreiheit sei, wenn Muslime aus Wut auf die Karikaturen die Botschaften stürmen. „Nein“ lautet die knappe Antwort. Antony aus Zambia fragt, ob weniger Provokation nicht mehr bewirkt hätte. Roses Antworten sind spontan, ehrlich, widersprüchlich. Einerseits ist der Karikaturenstreit für ihn die „wichtigste Werte – Debatte seit langem“. Andererseits ein „Dilemma“. Unter anderem weil 160 Zeitungen weltweit nachgedruckt hatten – ohne Absprache:

„Am ersten Februar veröffentlichten die Welt, Le Soir und einige holländische Zeitungen die Karikaturen und einige Leute dachten, das wäre eine geplante Operation gewesen. Aber es gab keine Diskussion oder Absprache darüber. Das war einfach die natürliche Reaktion der Zeitungsmacher in Europa.“

Rose beschwert sich nicht über diese Eigendynamik, gesteht den Kollegen „publizistische Freiheit“ zu. Auch wenn das weltweit einen Sturm ausgelöst und ihn selbst persönliche Freiheit gekostet hat. Bodyguards, Geheimnummer fürs Telefon, verschärfte Sicherheitsvorkehrungen – noch immer. Als Opfer sieht er sich nicht. Ebensowenig wie die Muslime, deren religiöse Gefühle er mit den Karikaturen verletzt habe. Andere hätten ihm gedankt, sagt Rose trotzig und nennt Künstler, auch muslimische, deren kritische Werke aus Büchern oder Museen entfernt worden waren:

„Es hatte da ein paar Fälle von Selbstzensur in Dänemark gegeben. Leute hatten offen bekannt: Wir fürchten, Probleme zu bekommen. Sie entschieden sich dann, nicht provozieren wollen oder unerwartete Reaktionen heraufzubeschwören.“

Er verweist auf Karikaturen über das Christen- und das Judentum im Blatt. Da fehlte Mohammed. Für Rose, ehemaliger Dänischlehrer für Flüchtlinge, ist das ein Beleg für Gleichbehandlung:

„Das ist das schlimmste, was man Menschen antun kam, die ins Land kommen und sich integrieren möchten: Sie als Opfer zu behandeln. Weil Opfer der Definition nach nicht verantwortlich sind für ihre Taten. Darum plädiere ich für Gleichbehandlung. Wenn man Diskriminierung in einer demokratischen Gesellschaft überwinden möchte, dann geht das nur über Gleichbehandlung.“

Für uns waren die Karikaturen eine dänische, eine regionale Geschichte ergänzt er in der Diskussionsrunde. Ein Teilnehmer kontert: Der Prophet als „regionale Angelegenheit“? Flemming räumt ein wenig gewusst zu haben über den Islam. Und noch weniger über seine Vielfalt und Heterogenität. Mittlerweile gibt es Schulungen und Vorträge bei Jyllandsposten zum besseren Verständnis:

Migration, der Islam, das Zusammentreffen von westlicher und muslimischer Zivilisation ist ein ganz wichtiges Thema. Und jede Zeitung sollte das richtig darzustellen. Nichts fehlinterpretieren, nichts missverstehen. Stell die Geschichte richtig dar und sei fair dabei. Und um das zu erreichen, können wir etwas tun: Lernen.“

Juli 2006 in geänderter Form für „Deutsche Welle“

Kinder in Afghanistan, Teil 2: „Erleuchtung“ für’s Dorf

      

Könnt Ihr Euch ein Leben abseits großer Städte vorstellen? In den Bergen? Ohne Computer, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne elektrische Zahnbürste, ohne Herd zum Kochen, ohne Licht? In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, leben viele Menschen so. Es gibt nämlich nur in etwa 5 von 100 Haushalten Strom. Auf dem Land ist die Situation, im wahrsten Sinne des Wortes, oft finster. Wenn also in einem Dorf mit Hilfe des deutschen Entwicklungsministeriums plötzlich eine Straße gebaut wird, und dann ein Wasserkraftwerk für Strom ist das ein echtes Ereignis:

Hoch türmen sich Berge aus Schotter und Geröll. Ein paar kleine Sträucher sind die einzigen Zeichen von Leben. Es könnte das Ende der Welt sein. Und doch wohnen Menschen in der Nähe:  Zusammen vielleicht Hundert Frauen, Männer und Kinder, in einem Dorf namens Fargambow. Bis jetzt hatten sie selten Kontakt zur Außenwelt. Die Fahrt zur nächsten Stadt dauert Stunden. Und nur wenige haben ein Auto.

Wer aus dem Dorf heraus wollte, brauchte einen Jeep. Mit dem konnte man in regenarmen Monaten immerhin durch ein Flussbett fahren. Und selbst damit ging es in der Vergangenheit oft nicht weiter erklärt Martin Kipping, Afghanistan – Experte aus dem Entwicklungsministerium:

„Hier gab es früher einen Pfad, einen Eselpfad und sonst nichts, und die Leute sind dann durchs Flusstal gefahren. Das geht halt nur zu besonderen Zeiten des Jahres, im Winter nicht, da liegt hier halt Meter hoch Schnee.“

Trotz der neuen Straße – die eigentlich noch immer kaum mehr ist als eine Schotterpiste fährt unser Jeep meist im Schritttempo. Aber schließlich kommt Fargambow doch in Sicht. Anita Richter  arbeitet schon länger in Afaghnistan im Auftrag der Bundesregierung und hat mit geholfen ein Wasserkraftwerk zu bauen. Das soll Fargambow und eine Handvoll anderer Dörfer künftig mit Strom beliefern. Auf den letzten Metern zum Dorf erklärt sie, wie die Menschen bisher ohne Elektrizität ausgekommen sind. Zum Beispiel mit einer Art Flugzeugbenzin:

„Bis jetzt haben die Leute hier für Licht Kerosinlampen benutzt. Zum Kochen benutzen sie getrocknete Büsche und Holz und damit ist natürlich das Leben sehr einfach und eingeschränkt. Zum Arbeiten mit Maschinen müssen dann Dieselgeneratoren eingesetzt werden, die sehr teuer sind. Und wir versuchen halt hier eine kostengünstige Stromquelle anzubieten. Das erleichtert den Frauen die Arbeit im Haushalt: Bügeln, kochen. Am Abend haben die Leute Licht – und die ganze Nacht – sie können jetzt zusammen sitzen und haben damit nicht die ganzen Abgase im Haus. Das ist gesünder.“

Genau einen Abend vor unserem Besuch hat es in Fargambow zum ersten Mal Strom gegeben. Doch die rund 40 Männer, die uns aus Richtung einiger Lehmhütten entgegenkommen sehen eher unheimlich aus, als erfreut. Ihr Blick ist streng, Sonne, Wind und Wetter haben ihre Haut gegerbt. Und mit den bärtigen Gesichern und den Turbanen auf dem Kopf sehen sie aus wie Krieger.

Plötzlich heben sie die Arme, werfen etwas in unsere Richtung. Ein Bonbonregen prasselt auf unsere Köpfe herab, auf diese Weise zeigen sie ihre Dankbarkeit. Während ein Trupp von Jungen aufgeregt lachend um alle herumschwirrt, steht Marowait etwas abseits. Die zehnjährige hütet nach der Schule Ziegen. Aber auch sie weiß, dass dieser Tag anders ist als andere. Mutig und mit fester Stimme beginnt sie zu erzählen, obwohl die Männer sie immer wieder unterbrechen:

„Der Strom bringt Licht in unser Leben. Auch wir Kinder sind darüber sehr glücklich. Wenn wir morgens zur Schule müssen und abends wenn es dunkel wird können wir jetzt lernen – oder uns ein schönes Fernsehprogramm anschauen.“

Natürlich hat längst nicht jede Familie im Dorf einen Fernseher. Darum versammeln sich die Kinder um die wenigen Geräte und streiten, oft mit den Erwachsenen, welches Programm geguckt wird. Einige lieben schmalzige Serien über Liebe und Verrat. Andere die Heldengeschichten . Vor allem die Jungen sind wild auf Abenteuerfilme.

Marowait aber hat andere Vorlieben:

„Trickfilme. Und Schulprogramme. Da kann man nämlich lernen, wie man zählt.“

So haben es die Kinder von Fargambow künftig leichter. Wer in der Schule nicht aufgepasst hat kriegt eine zweite Chance. Dank dem afghanischen Kinderprogramm. Und Strom aus dem neuen Wasserkraftwerk.

September 2010 in geänderter Form gesendet auf D-Radio Kultur, Kakadu

Kinder in Afghanistan, Teil 3: Büffeln für die Zukunft

      

Afghanistan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Die meisten Bewohner leben von der Landwirtschaft. Je nach Jahr und Wetter "fressen" Hitze, Dürre, Eis, Schnee allerdings einen Teil der Ernte. Dazu gibt es nur altmodische, landwirtschaftliche Maschinen – und meist keinen Strom.  Lernen ist für afghanische Kinder darum besonders wichtig.

Eine Handvoll Hütten. Wie kleine Bauklötzchen in der Hand eines Riesen kleben sie an den Berghängen, den Ausläufern des massigen Hindukusch Gebirges. Kaum Grün, ein paar Gräser vielleicht, dazu Esel, die auf Pfaden und Schotterpisten herumtrotten, wenn sie nicht gerade zum Lasten schleppen gebraucht werden. So sieht es im Heimatdorf des 10jährigen Abdul aus. Und doch er hat Glück. Für die Kinder der Region gibt es immerhin schon eine Schule.

Drei Jungen aus dem Dorf "Fargambow"

Abdul ist der fünfbeste und dem 10jährigen ist sonnenklar, was er werden will:

Lehrer, erklärt er voller Überzeugung. Mit diesem Wunsch ist er nicht allein. Als Kinderberg, ein deutscher Verein, vor gut einem Jahr mehr als 1400 Jungen und Mädchen in Afghanistan fragte, was sie später werden wollen, haben fast die Hälfte so geantwortet. Das ist verwunderlich. Denn Lehrer sind in den Dorfgemeinschaften zwar angesehen, weil sie ihr Wissen teilen und damit der Allgemeinheit dienen. Doch gleichzeitig verdienen sie so wenig, dass die meisten einen zweiten Job brauchen, um ihre Familien zu ernähren.

Es sind Gewalt und Zerstörung, die afghanische Kinder und Erwachsene geradezu lernhungrig gemacht haben. Denn in den letzten Kriegsjahren herrschten die Taliban.

Das heißt übersetzt zwar „Schüler“. Aber vom Lernen hatten diese bärtigen, teilweise gewalttätigen Männer, die selbst oft gar nicht zur Schule gegangen waren, sehr merkwürdige Vorstellungen. Mädchen sollten gar keinen Unterricht bekommen und Jungen nur den Koran, das heilige Buch der Muslime, auswendig lernen. Jamshed, heute Übersetzer, erinnert sich noch gut an seine Schulzeit:

"Es gab Schulen nur für Jungen. Wir mussten alle Turbane aufsetzen und wir durften unsere Bärte nicht rasieren. Wer was lernen wollte, musste diesen Regeln folgen. Es gab jede Menge Verbote."

Seinem Freund Rushan war das zu blöd. Und weil die Taliban keine andere Art von Unterricht erlaubten, entschlossen er und seine Geschwister sich für einen gefahrvollen Weg. Familienunterricht im Verborgenen:

"Meine kleine Schwester durfte damals nicht nur Schule gehen. Wir haben ihr zu Hause heimlich alles beigebracht. Da hat sie auch Englisch gelernt. Ich selbst bin unter den Taliban auch nicht zur Schule gegangen. Und meine große Schwester durfte nicht zur Universität."

Mittlerweile gibt es in Afghanistan eine neue Regierung, die den Besuch der Schulen und das Lernen wieder fördert. Für viele Erwachsene und Kinder ist das ein Zeichen: Sie wünschen sich nichts als Frieden. Schule, Ausbildung und Wissen sind für sie der Weg in eine bessere Zukunft.

Außerdem hat der lange Krieg das Land zerstört. Drei von vier Schulen sind nicht mehr nutzbar. In den vergangenen Jahren haben viele Länder beim Wiederaufbau geholfen. Allein die Bundesregierung hat  2000 Schulen gebaut. Es geht also langsam aufwärts. Und trotzdem besucht noch immer nur jedes zweite afghanische Kind eine Schule. Genau darum will Abdul  Lehrer unbedingt werden. Und rät allen Kindern:

"Geht zur Schule. Lernt. Und seid fleißig."

Lesen, schreiben, rechnen – nach dem langen Krieg endlich lernen dürfen ist für viele  Afghanen der reine Luxus. Und selbst die Kinder wissen: Wer das 1 x 1 gut kann, hat die Chance auf eine bessere Zukunft. Übrigens nicht nur in Afghanistan.

September 2010 in geänderter Form gesendet auf D-Radio-Kultur, Kakadu

Operation Fortschritt – das afghanische Gesundheitssystem

      

Erfolgsgeschichten aus Afghanistan sind selten. Der militärische Einsatz greift nicht so, wie die internationale Gemeinschaft gehofft hat. Auch der zivile Aufbau verläuft stellenweise schleppend. Eine Ausnahme ist der Aufbau des Gesundheitssystems. In einem sieben Punkte Programm hat die afghanische Regierung Ziele festgelegt, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen oder umgesetzt sind. Dabei unterstützen staatliche und Nicht-Regierungs- Organisationen aus Deutschland in den Nordprovinzen.

Auf dem Gelände des Krankenhauses in Mazar-i-Scharif schuften rund 30 behelmte Arbeiter in brütender Hitze auf einer Baustelle. Im kommenden Jahr soll der Wiederaufbau des Provinzkrankenhauses abgeschlossen sein. Auf den Projektträger weist ein Schild hin: die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Für 12 Millionen Euro wird ein neues Gebäude mit 360 Betten, 21 Intensivstationen und 7 Operationssälen entstehen. Ein Hoffnungsschimmer für die Ärztecrew. Seit vor vier Jahren ein Kurzschluss einen Brand ausgelöst und das 60 Jahre alte Gebäude fast komplett zerstört hat, arbeiten die rund 200 Ärztinnen und Ärzte unter schier unglaublichen Bedingungen. Ransin Anwari, der Leiter des Krankenhauses beschreibt die Situation in typisch afghanischem Unterstatement für miese Zustände:

"Es ist deutlich, dass wir derzeit keinen Platz haben. Was wir am nötigsten brauchen sind mehr Räume – und mehr Platz."

Mit gut einer Millionen Euro hat die deutsche Regierung unmittelbar nach dem Brand ein provisorisches Container – Krankenhaus finanziert. Das ist besser als nichts. Auf Dauer dennoch unzulänglich: Das Blech heizt sich im Sommer gnadenlos auf, im Winter Eiseskälte. Im Cocktail unangenehmer Gerüche ist der von Chemikalien noch am leichtesten zu ertragen.

Nicht selten teilen sich Kranke zu viert oder fünft ein Bett. Dennoch sind die Patienten dankbar. Das Provinzkrankenhaus ist Anlaufstelle für rund 350.000 Einwohner der Stadt und sechs Millionen Überweisungspatienten aus der umliegenden Region. Ein Ausweichen auf andere Kliniken ist kaum möglich, erklärt der ehemalige Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Afghanistan, Michael Gruber:

"Das nächste vergleichbare Krankenhaus liegt in der Hauptstadt Kabul, das sind ungefähr 430 Kilometer, die allerdings über den Salangpass auf 3000 Meter Höhe führen. Fliegen ist für viele zu teuer. Fahren dauert sehr lang, ist also im Notfall keine Option. Und fahren kann auch Tage oder Wochen dauern, wenn im Winter die Straße gesperrt ist aufgrund von Lawinen oder Schneefall oder einem Unfall. Das heißt, das Krankenhaus ist nicht nur ein Krankenhaus für die Stadt Mazar-i-Scharif, es ist nicht nur ein Krankenhaus für die Provinz Balkh, es ist quasi ein Krankenhaus für Nordafghanistan."

Gleichzeitig ist die Klinik Ausbildungsstätte für medizinisches Personal. Zwar gibt es in Mazar-i-Scharif und anderen Städten ausreichend Ärzte. Nicht aber in den Provinzen. Dazu fehlen Spezialisten: Orthopäden oder Kinderärzte, gleiches gilt für Hebammen. In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, stirbt der Statistik nach jedes vierte Kind vor Erreichen des fünften Lebensjahrs und etwa jede vierte werdende Mutter. Ein Dolmetscher übersetzt die Erklärungen der Chefärztin:

"In den Familien entscheiden meist die Männer. Manchmal verbieten sie den Frauen, eine Gesundheitsstation zu besuchen, um eine vernünftige Untersuchung und Behandlung zu bekommen. Junge Mädchen werden vor dem Zeitpunkt ihrer biologischen Reife verheiratet – das ist ein weiterer Risikofaktor, der zu einer hohen Sterblichkeitsrate führt. Und Armut. Viele Familien, die kein nennenswertes Einkommen haben, können Behandlungen nicht bezahlen oder leben in abgelegenen Gegenden, schlechte Straßen, kein Auto, keine Möglichkeit, eine Gesundheitsstation zu erreichen.

Abdul Gudeev hatte Glück im Unglück. Der Zehnjährige stammt aus einem kleinen Dorf in der Nachbarprovinz Badakhschan, sieben Autostunden von der Provinzhauptstadt Faizabad entfernt. Ein Lastwagen hat ihn und seinen Vater mitgenommen, in der Krankenstation des deutschen Vereins Kinderberg abgeliefert.

"Ich bin aus der Schule gekommen, mit einem Esel zusammen gestoßen und hingefallen – so ist es passiert", erzählt der Zehnjährige.

Vor zwei Wochen ist er im Rettungszentrum des benachbarten Wiederaufbauteams der Bundeswehr operiert worden, die Krankenstation von Kinderberg hat die Nachsorge übernommen. Der Junge ist ein eher untypischer Patient. Eigentlich werden in der Krankenstation mit 25 Betten vor allem unterernährte Kleinkinder und werdende Mütter behandelt. So trägt der Verein zur Umsetzung des staatlichen Gesundheitsplans bei, zu dessen Priorität die Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit zählt. Abdul Gadeev liegt im Zimmer mit sechs Männern zusammen, darunter auch sein Vater. Pro Patient werden ein bis zwei Verwandte aufgenommen, erklärt der Dolmetscher:

"Der Patent kann hier übernachten. Aber auch seine Familienangehörigen.Das sind arme Leute. Wenn die herkommen, haben sie kein Geld, um auf dem Bazar einkaufen zu gehen oder im Restaurant zu essen. Wenn sie in die Krankenstation kommen, wird ihnen alles zur Verfügung gestellt: Die Übernachtung, das Essen."

Vor der Krankenstation sitzen stolz aussehende Männer mit Turbanen auf einer Mauer entlang der Straße. Es sind Familienangehörige der Patienten, die geduldig auf deren Genesung warten.  Ein Bild, das Symbolwert besitzt. Immerhin 80 Prozent der afghanischen Bevölkerung hat mittlerweile Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung – in einem Krankenhaus, einer Gesundheitsstation. Weitere Besserung ist in Sicht – und wie die Genesung eines Patienten kommt sie meist nicht über Nacht, sondern in kleinen Schritten.

 September 2010, in geänderter Form gesendet auf NDR, WDR

 

 

 

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