Archiv: Konfliktforschung

So geht Frieden – das jüdisch-arabische Projekt „Shared Communities“

      

Gemeinden abseits der großen Metropolen haben nahezu überall auf der Welt die gleichen Probleme: Es fehlen Zufahrtsstraßen, die Anbindung an moderne Kommunikationsnetze, Zugänge zum Arbeitsmarkt, Einfluss im politischen Spiel der Kräfte. Stattdessen:  Schulden, Abwanderung. Lösungen bietet das Programm „Shared Communities“ einer  israelischen Friedens- und Bildungseinrichtung. Sie heißt „Givat Haviva“ und bringt – ausgerechnet – jüdische und arabische Gemeinden im Kernland von Israel in Kontakt.

Friedensarbeit jenseits medialer Schlagzeilen

Was angesichts der schlechten Nachrichten aus dem Nahen Osten klingt wie Phantasterei ist ein kleines Wunder mit großem „Mehrwert“. Normalerweise sprechen Juden und arabische Israelis, die immerhin 20 % der israelischen Bevölkerung ausmachen, wenig bis gar nicht miteinander. Im Projekt „Shared Communities“ kooperieren sie. Und die Besiegelung dieser Kooperation ist häufig der Beginn eines erstaunlichen Annäherungsprozesses auf vielen Ebenen.

Aus „Feind“ wird Experte, dann Partner 

Arbeiten Bürger und Verwaltungen jüdischer und arabischer Gemeinden länger miteinander, dann, so stellen die Mitarbeiter von Givat Haviva fest, beginnen die Feindbilder sich aufzulösen. Gemeindemitarbeiter begreifen sich gegenseitig als „Fachleute“ eines Aufgabengebiets, später sogar als Partner mit gemeinsamen Zielen und nicht mehr als „Jude“ oder „Araber“. Der psychologische Gewinn zieht weitere nach sich.

Von Andersartigkeit lernen 

Für die arabischen Gemeinden ist es ein großer Schritt, ihre Verwaltungen auf höherer Ebene für Frauen zu öffnen, etwas, das im jüdischen Sektor schon lange Normalität ist. Das hat direkte Auswirkungen im sozialen Umfeld, am offensichtlichsten in den Familien. Im jüdischen Sektor verwaltet die städtische Jugendpflege häufig die Jugendarbeit statt sie zu beleben. Hier sind die Araber viel weiter: Deren Sozialarbeiter sind viel mehr „auf der Straße“, können Jugendliche wie Erwachsene viel schneller für Projekte mobilisieren. Die Juden müssen sich das oftmals erst aneignen.

Begegnung bringt Bewegung

„Der Ertrag der Kooperation zeigt sich ganz handfest“, berichtet Torsten Reibold von Givat Haviva Deutschland und nennt konkrete Beispiele:„Die arabische Gemeinde Kfar Kara verzeichnet seit Beginn des Projektes einen steten Anstieg von jüdischen Besuchern, die zum Einkaufen oder Essen kommen. Zuvor haben sich viele Juden aus der Gegend nicht mal getraut, dort einen Reifen zu wechseln. In Pardes Hanna, also auf jüdischer Seite, stieg die Nachfrage nach Arabischkursen rasant.“

Konfliktfähigkeit stärkt die Partnerschaft

Das arabische Baqa El-Gharbiya und die jüdische Gemeinde Menashe wollen nun ein gemeinsames Raumplanungs-Projekt besiegeln, berichtet Reibold. Es soll Streitereien um knappe Gemeindeflächen beilegen, bevor sie entstehen und sich die Beteiligten vor Gericht wieder sehen. Das ist einzigartig für jüdisch-arabische Verhältnisse.  Solche „low-level-Lösungen“ von Konflikten stärken nachweislich die Partnerschaft. Die wiederum den Gemeinsinn wachsen lässt. So möchten sich jetzt mehrere Gemeinden zu einem Abfall- und Abwasserverband zusammentun.  Die Frage, wer jüdisch oder arabisch ist haben sie in diesem Stadium schon fast vergessen.

Effekte und Erkenntnisse für andere Konfliktregionen? 

Könnte das überall so funktionieren? Unabhängig davon, in welchem Land Menschen leben?  Givat Haviva möchte das jetzt zusammen mit der Robert-Bosch-Stiftung ausprobieren. Die Stiftung hat Know How in der Zivilen Konfliktbearbeitung auf dem Balkan gesammelt. Vielleicht, so hoffen beide Einrichtungen, könnten manche Effekte von „Shared Communities“ übertragbar sein.

Optimismus mit Vorsicht

Schablonenlösungen wird und kann es sicher niemals geben. Dafür sind Menschen und Kulturräume zu unterschiedlich. Doch wenn erfolgreiche Projekte von Fachleuten angepasst werden auf die jeweilige Region wäre das ein lohnenswertes Modell für zivile Konfliktlösung. Und ein Lichtblick inmitten von Krisen.

MEHR ZUM THEMA

http://www.Givat-Haviva.de

 

Psyche und Politik – über Dan Bar On

      

Am 4. September 2008 starb der israelische Psychologe Dan Bar On in Tel Aviv. Weil die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden des Konflikt- und Friedensforschers bis heute ein Schlüssel sein können im Zusammenhang von persönlicher (nationaler?) Identität und sozialpsychologischen und politischen Entwicklungen einer Gesellschaft habe ich den „alten“ Text auf meine Website gestellt:

Dan Bar On ist für manch einen pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art Ikone: Er bringt Menschen ins Gespräch, die Gegner oder gar Feinde sind. Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“. Gestern war der Israeli im Literaturhaus in Hamburg zu Gast. Ute Hempelmann hat zugehört, was dieses „Erzähl Dein Leben“ für Dan Bar-On bedeutet:

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. „So wurde ich Psychologe“, erzählt er seinem Publikum. Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert.

Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen:

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt. „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: „Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt er die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992, beiden Gruppen eine Begegnung vor – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Kinder von Opfern:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor, ein Projekt in Israel, in dem jüdische und palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdischen Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet für ihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt, dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und Lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Hamburger Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

(Frau 1)Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich.

(Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in der Zeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aber irgendwie auch sehr fremd und anders.“

NDR Kultur, 2006

Demokratie aus dem Baukasten – über „Statebuilding“

      

Mit dem Arabischen Frühling hat im Nahen Osten und im Maghreb ein Wandel eingesetzt, dessen Ergebnisse noch offen sind. Europa wünscht sich demokratische Verhältnisse – und hilft in Krisenregionen zuweilen auch mal nach: Mit dem künstlichen Staatsaufbau, dem so genannten „State Building“ sollen Länder im Umbruch beispielsweise stabilisiert werden. Mehrere Politikwissenschaftler kritisieren die Methode jetzt als unausgereift.

Hilfe für die Staats-Gewalt

Kamboscha, Somalia, Ruanda, Haiti, zuletzt Afghanistan. In der Regel beginnt der Eingriff mit Hilfe des Militärs. Begleitet wird er von politischen Maßnahmen im Krisen-Staat, beispielsweise dem Aufbau der Polizei oder dem Ausrichten von Wahlen. Maßnahmen, die – wie es heißt – mehr Demokratie bringen sollen. Das so genannte „State Building“ hat viele Gesichter und wird in der Regel in Nachkriegsgesellschaften eingesetzt. Vorbilder sind die westlichen Demokratien, Ziel ist die Stabilisierung einer Krisenregion.

Pappmachee-Demokratien?

Mit zumeist fragwürdigen Resultaten, resümiert Florian Kühn. Der Politikwissenschaftler an der Universität der Bundeswehr in Hamburg macht aus seiner kritischen Haltung gegenüber dem „state building“ keinen Hehl. „Potemkinsche Dörfer“ nennt er den von außen initiierten, künstlichen Staatsaufbau. Dessen Schwierigkeiten hat Kühn besonders am Beispiel „Afghanistan“ ausgemacht. Die Maßnahmen glichen hohlen Kulissen, die in sich zusammen fielen, wenn der Westen die Krisenregion verlasse, fasst er seine wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammen.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Stiftung Wissenschaft und Politik: Staatliches, ressortübergreifendes Handeln funktioniere in Afghanistan nach dem Prinzip: „Versuch und Irrtum“ und gliche einem Stochern im Nebel.

Politik als Bremse der Veränderung…

Die Experimentierfreudigkeit beim „State Buildung“ stehe im krassen Gegensatz zur Politik gegenüber der arabischen Welt, mit der man viel zu lange an scheinbar Bewährtem, konkret: den arabischen Potentaten, festgehalten habe, setzt Volker Perthes, Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik hinzu: „Das trifft auf Ägypten zu, das trifft auf Tunesien zu, das trifft auch auf Saudi-Arabien oder auf Syrien und selbst auf Libyen zu.“ Was alte Hasen in Sachen „Politik“ eigentlich wissen müssten: Das krampfhafte Festhalten an Stabilität und Sicherheit führt allzu oft direkt in die Arme politischer Stagnation. Paradebeispiel Libyen, sagt Perthes: „Wo man gedacht hat, wenn man seit 42 Jahren regiert, dann ist das ein stabiles System und dann ändert es sich vielleicht von innen. Und wenn es bereit ist sich von innen zu ändern dann wollen wir Hilfe geben.“

….oder Katalysator?

Bis das System in Libyen derart verknöchert war, dass die Nato schließlich nachhelfen musste bei der inneren Veränderung. In Syrien, wo ein militärischer Eingriff bilang verworfen wurde, dauert der Befreiungsakt an. Ein Ende ist nicht absehbar. Aber selbst, wenn es dem syrischen Volk gelingt, Assad zu stürzen, sei „state buildung“ auch hier kaum ein geeignetes Mittel, um das Land zu stabilisieren, sagt der Politikwissenschaftler Kühn. Seine Einschätzung: „Wenn das Regime stürzen sollte und diese Institutionen mit anderen Leuten gefüllt werden ist der Staat ja nicht verschwunden.“

Eben das könnte Syrien von Libyen unterscheiden. Denn in dem nordafrikanischen Land seien die staatlichen Institutionen stark personalisiert, gewissermaßen zugeschnitten gewesen auf den bisherigen Herrscher-Clan, beobachtet Kühn: „Es kann es sein, dass viele der Institutionen, wenn sie nicht von Ghaddafis Verwandtschaft und seiner eigenen Gruppierung gefüllt werden dann auch als Institution nicht mehr richtig vorhanden sind.“

Methode auf dem Prüfstand

Das möchte Kühn allerdings nicht als Aufruf zum „state building“ in Libyen verstanden wissen. Das politische Instrument zur Stabilisierung und dem Aufbau von Krisenregionen sei extrem fragwürdig, wenn nicht genaue Ziele des Eingriffs sowie Dauer und Erfolgsnachweise exakt definiert und formuliert würden. Genaue Zielvereinbarungen – gemeinsam von allen getragen – müssten her. Und sich eben darum lasse sich „Demokratie“ nur ganz schwer in die Krisenregionen dieser Welt exportieren: „ Es ist ja ja ein Idealbild des westlichen Staates, der aber in der Praxis auch nicht so gut funktioniert wie das Ideal.“

Trügerischer Wunschtraum

Eine Demokratie aus dem Modellbau-Kasten der Illusionen gewissermaßen. Nicht zu verwirklichen, weil sie in ihrem Wunschbild einer zwar schönen, aber doch wirklichkeitsfernen Fata Morgana gleicht. Kühn: „State Buildung ist immer wahnsinnig frustrierend, weil es nie zu dem gewünschten Ergebnis führt und potentiell ewig andauert.“

 

(in geänderter Fassung für Deutsche Welle, Nov. 2011)

Meinung: Was „Toulouse“ uns lehrt

      

Warum die genaue Ursachenforschung bei Gewalttaten  wichtg ist

Der Täter sieht aus wie viele dieser Großstadtjugendlichen. Ein „Schwarzkopf“ mit Kurzhaarschnitt und einem drahtigen Körper, der ihn irgendwie „verhungert“ aussehen und bedeutend jünger erscheinen lässt, als er ist. Die Gesten konterkarieren das: protzig, mehr „Schein als Sein“, irgendwie auf „dicke Hose“ machen.

Dann kommen die Tage im März 2012, an denen Mohammed M., ein 23 jähriger Franzose algerischer Herkunft, Schlagzeilen machen wird. Er steigt auf seinen Roller, mäht sieben Menschen nieder – französische Soldaten, Kinder und den Lehrer einer jüdischen Schule. Und zum Schluss liefert er sich stundenlange Schießereien mit der französischen Polizei. Einfach unbegreiflich.

Er habe sich rächen wollen für Frankreichs Einsatz in Afghanistan, stehe mit Al Qaida im Bund, sei erbost über den Umgang der Juden mit den Palästinensern, wurde in einem pakistanischen Terrorcamp trainiert, will eine französische Zeitung erfahren haben. Ein Täter mit politischen Hintergrund? Immerhin. Solange es „Begründungen“ gibt, seien sie auch noch so fadenscheinig, dann könnte, sollte der französischen Staatschutz zuständig sein, denn dafür sind Geheimdienste da.

Nach Darstellung seines Anwalts war Mohammed M. dagegen kein „Politischer“. Vielmehr ein vereinsamter Jugendlicher ohne jegliche politische Kontakte. Ist diese Darstellung korrekt, dann hätten die Allmachtsphantasien eines Narzissten sieben Menschenleben gekostet. Ohne gezielte Motivation.

Bei der Verhinderung dieser Art von Straftaten ist der Staat machtlos. Nur die Gesellschaft mit ihren sozialen Kontrollsystemen hätte – vielleicht – etwas bemerken können. Der Staat sollte, muss sich tunlichst da raushalten. Auch um sich dauerhaft nicht selbst zu beschädigen. Siehe Frankreich.

Posthum wird der 23jährige Täter von Toulouse zum „Sicherheitsrisiko“ erklärt. Die Grand Nation streitet mit Algerien, wer die sterblichen Überreste beisetzen muss. Beide Länder fürchten, dass die Grabstätte ein Wallfahrtsort für Islamisten werden könnte. Ist Mohammed M. wirklich „nur“ ein verwirrter Einzeltäter gewesen, dann wird er mit der Diskussion zur „Staatsaffaire“ aufgewertet. Was wiederum andere geltungssüchtige Psychopaten einladen könnte, es Mohammed M. gleichzutun. Genau so ticken Narzissten nämlich.

Deren „Entlarvung“ wiederum kann, darf keine staatliche Angelegenheit werden. Es sei denn, die Bürger sind bereit, für den Preis eines vorgegaukelten „Staats-Schutzes“ die Überwachung jedes Lebensbereichs in Kauf zu nehmen. In der Praxis hieße das: Verfassungsschützer rein in die Kneipen, in die Cafes, in die Schulen, damit der Rest der Gesellschaft sorgenlos bleibt.

Die Alternative dazu ist eben keine Bürgerwehr, aber eine wehrhafte Gesellschaft, die wieder einen Instinkt entwickelt für „Unregelmäßigkeiten“ beim Nachbarn und Nebenmann. Diese Unregelmäßigkeiten heißen ganz lapidar Verzweiflung, Isolation oder Realitätsverlust. Mit anderen Worten: Bemitleidenswerte Seelenzustände, die sich nichts destotrotz eben auch in Mord und Totschlag entladen. Vorzugsweise bei jungen, durchs Internet radikalisierten Männern, wie der Verfassungsschutz das nennt.

Dass man für diese Personengruppe die Eltern schlecht als „Aufpasser“ in die Pflicht nehmen kann müsste jedem Sicherheitsexperten klar sein. Diese Heranwachsenden sind isoliert und werden zu Tätern, obwohl sie mit ihren „Erziehungsberechtigten“ zusammen wohnen.

Wer also soll es richten? Lehrer? Vielleicht. Aber nur, wenn dieser ohnehin strapazierten Personengruppe deutlich wahrnehmbare ideelle, personelle und finanzielle Unterstützung gewährt wird. Dazu Jugendzentren. Vereinen – jedem, der irgendwie die Chance haben könnte, einen dieser Fehlgeleiteten zu erkennen und zu erreichen.

Ich höre schon die Einwände. Der „Leistungsnachweis“ solcher Projekte sei nicht erbracht. Es gäbe keine Evaluation, die den Zusammenhang von – sagen wir – Straßenfußball – Projekten und Terrorismusbekämpfung belegen könne.

Stimmt. Wird es auch nie geben. Aber die Aussicht, möglicherweise ein paar Tausend Euro für ein Jugendprojekt in den Sand zu setzen, das möglicherweise keinen Psychopathen von seinem Amoklauf abhält, aber dann doch zumindest andere Jugendliche für eine Weile glücklich macht, scheint mir erträglicher als die gesellschaftliche Omnipräsenz von „Schlapphüten“, die mich vor Psychopaten auch nicht schützen können.

Kein bisschen Frieden…im Nahen Osten

      

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit möchte der amerikanische Präsident Bush noch mal schnell Frieden machen im Nahen Osten. Ob dieses Engagement realistisch ist, welche Alternativen es zu einem politischen Annäherungsprozess gäbe und welche Rolle Europa dabei spielen könnte – darüber diskutierten rund 60 ausgewiesene Nahost – Experten aus Deutschland und dem Nahen Osten auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg.

Im Hinblick auf die von Präsident Bush gesteckten Ziele für den Nahost – Friedensprozess waren die Teilnehmer der Konferenz skeptisch. Allen voran der ehemalige Außenminister Joschka Fischer:

„Ich denke der Annapolisprozess ist ein wichtiger Prozess, allerdings glaube ich nicht, dass die Erwartungshaltung von Präsident Bush realistisch ist – wichtig ist, dass dieser Prozess vorangeht, und das wird längr dauern als Präsident Bush sich das vorstellt und ich denke die Europäer können dabei eine wichtige Rolle spielen und darüber wollen wir reden.“

Zwar scheinen Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Israels Regierungschef Ehud Oldert derzeit durchaus zu Friedensgesprächen bereit. Und selbst aktuelle Meinungsumfragen bei der israelischen und palästinensischen Bevölkerung signalisieren eine Zustimmung zu diesem Schritt bei der Mehrheit der jeweiligen Bevölkerung. Was einer Umsetzung im Weg steht ist nach Ansicht von vielen Teilnehmern die politisch instablile Situation in den Palästinensergebieten. Ein Problem, dass weder Oldert noch Abbas Lösen können und alle Hoffnungen auf eine friedliche Koexistenz zweier Staaten vorerst torpediert, wie Avi Primor, Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland glaubt:

„Die Lösung wird nicht aus Amerika kommen. Da muss es einen Ersatz geben und das kann nur die Europäische Uniion sein. Sie behauptet ja, dass Frieden im Nahen Osten ein europäisches Interesse ist – also tun sie etwas für das eigene Interesse bilden sie eine internationale Armee – nicht ausschließlich europäische Truppen, aber die Federführung muss europäisch sein weil nur sie glaubwürdig sein kann und diese Truppe soll dann die israelische Besatzungsmacht ablösen.“

Mit diesem Zukunftsszenario steht Primor derzeit noch ziemlich allein unter den Experten da. Die halten Ehud Olmert und Mahmud Abbas zwar für bemüht um den Friedensprozess, allerdings auch für zu schwach, um ihn in die Tat umzusetzen. So bleibt in der derzeitigen Situation offensichtlich nur, über mögliche Sreitpunkte und Detailfragen des friedesprozesses schon jetzt zu reden. Ron Pundak, Gerealdirektor des Peres Friedenszentrums in Tel Aviv und Mit – Initiator des Osloer Friedensprozesses sagt:

„Der nächste Schritt zu einem wirklichen Dialog über die Kernfragen des endgültigen Status sind die Grenzen, Jerusalem, die (palästinensischen) Flüchtlinge, die Siedlungen, Sicherheit, das Wasser und die Wirtschaft. Wir brauchen ein wirkliches Engagement auf beiden Seiten in diesen Fragen und beide sollen wissen: Wohin bewegen wir uns. Und wenn wir das wissen können wir die Lücken füllen mit diesen Verhandlungen zu jedem einzelnen Thema.“

Bis der Frieden auf politischer Ebene in greifbare Nähe rückt, bauen viele Organisationen, allen voran wissenschaftliche, auf Bildung und Ausbildung. In der Jerusalemer Denkfabrik von Madi Abdul Hadi , der Palästinian Akademic Society for the Study of International Affairs werden Studien über internationale Beziehungen erstellt, und die künftige plästinensische Elite ausgebildet:

„Ein Teil der Arbeit von Passis ist die Bildung und Ausbildung junger palästinensischer Demokraten. Wir geben ihnen Fähigkeiten (frei: Werkzeuge) und Wissen in Bezug auf Zivilgesellschaft und Verantwortlichkeiten, internationale Angelegenheiten und Fragen der Geheimhaltung.“

Israels ehemaliger Botschafter in Deutschland, Avi Primor, leitet eine Privatuniversität in Israel. Noch für dieses Jahr plant er gemeinsame Vorlesungen für israelische, palästinensische und jordanische Studenten. Moderne Technik macht das möglich:

„Wir werden die Studenten nicht zusammen bringen können – im Nahen Osten ist das nicht so einfach. Aber die Dozenten werden dann pendeln zwischen den drei Zentren. Die werden Vorlesungen im einen Zentrum halten während die anderen anhand von Videokonferenzen die Vorlesung verfolgen. Und ganz am Ende wollen wir die Studenten nach Europa bringen, um Ergänzungskurse in Europa zu machen weil unter der Schirmherrschaft einer sogenannten neutralen Universität sind sie bereit alle zusammen zu kommen. So können wir auch Brücken zwischen Israelis und Arabern schlagen.“

Januar 2007, in veränderter Fassung für Deutsche Welle

Erzähl Dein Leben!

      

Dan Bar On ist für pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art  Ikone. Er scheint das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: Gegner und Feinde miteinander ins Gespräch bringen.

Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“.  Dabei ging er bei einer Veranstaltung in Hamburg mit gutem Beispiel voran.

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. So wurde ich Psychologe, erzählt er seinem Publikum.

Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert. Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen.

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas  in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt.  „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992 beiden Gruppen – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Opfern – eine Begegnung vor:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor,  ein Projekt in Israel, in dem jüdische und  palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten  haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdische Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet fürihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt,dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und  Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

„Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich. (Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in derZeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.“

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine  Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

„Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aberirgendwie auch sehr fremd und anders.“

2009, in geänderter Fassung gesendet auf NDR Kultur

Die Kunst des Vergebens – „Forgiving Dr.Mengele“

      

Mit diesen Worten, dem Appell, dem größten Feind  zu vergeben und damit persönliche Freiheit zu erlangen beginnt der Film „Forgiving Dr. Mengele“. Seit die Rumänin Eva Kor, Überlebende der sogenannten Zwillingsexperimente des KZ Arztes Josef Mengele in Auschwitz ihre Thesen zur Versöhnung öffentlich macht – und sie tut das seit Jahren in Vorträgen und Schulungen, polarisiert sie mit ihren Gedanken.

Vor allem die Mehrheit der Holocaust – Überlebenden lehnt es ab und verweigert seither den Kontakt zu Eva Kor:

Ich war ehrlich schockiert. Ich denke, dass ihre Mentalität – und das tut mir wirklich weh – eine Operhaltung ist. Ich armes Opfer? Ja. Jedes Opfer hat Mitleid mit sich selbst,  jedes Opfer ist wütend und wenn Du in dieser Haltung verharrst, dann verweigerst Du alles andere. Ein Opfer fühlt sich hilflos, hoffnungslos, kraftlos und  macht alle anderen für diese Probleme verantwortlich, – wie lange soll das so gehen? Und warum hilft die Gesellschaft Opfern nicht, diese Bürde der Vergangenheit zu lösen, indem sie Lösungen anbietet, um einem Opfer andere Wege aufzuzeigen. Denn ein Opfer hat die Wahl.

Aufgrund solcher Äußerungen hat man hat ihr vorgeworfen, sich instrumentalisieren zu lassen. Man hat ihr vorgeworfen, die Täter zu entschuldigen. Man hat ihr vorgeworfen, dass sie mit ihrer Argumentation all jenen Vorschub leiste, die ihre Verantwortung an den Greueltaten leugnen wollen. Das Unvergebbare könne nicht vergeben werden, heißt es. Vorbehalte über Vorbehalte – zunächst auch bei der amerikanische Archivarin und Forscherin Cheri Pugh. Sie hatte vor rund 5 Jahren historische Filmaufnahmen entdeckt, die die 10jährige Eva Kor bei der Befreiung von Auschwitz zeigten und nahm Kontakt auf zu der gebürtigen Rumänin:

Am Anfang war ich regelrecht enttäuscht. Ich hatte mich für den Holocaust interessiert seit ich ungefähr 13 war und dieses Vergeben  schien mir eine Art Schwäche zu sein, ein Aufgeben, aber Eva hat mir erklärt, welche Macht das Vergeben hat. Wie alle Macht von ihr genommen wurde, wie ihre Familie ihr genommen wurde und sie als Versuchskaninchen benutzt wurde. Und trotzdem hatte sie die Kraft, zu verzeihen. Und das gab ihr eine Kontrolle – auch eine Kontrolle über Mengele. Das hat mich so überzeugt.

Im Alter von 10 Jahren wurde Eva Kor mit ihrer Zwillingsschwester Miriam von Rumänien nach Auschwitz verschleppt. Bis heute weiß sie nicht, was Josef Mengele ihr und ihrer Schwester in Folge der sogenannten Zwillingsexperimente injizierte. Eva Kor verliert außer ihrer Schwester alle Familienangehörige, Miriam stirbt 1993 als Spätfolge der Mengele Experimente. Dazu unaussprechliche Seelenqualen:

Ich hatte verschiedene Alpträume. Ich wachte mitten in der Nacht auf in kaltem Schweiß weil ich geträumt hatte, das ich mich gewaschen hatte – mit Seife, die aus den Überresten meiner eigenen Eltern und Schwestern gemacht worden war. Ich konnte mich für einige Zeit nicht länger mit Seife waschen, bis wir Israel erreichten – in 1950.

Zehn Jahre später, in Amerika,  wo ihre beiden Kinder geboren werden beginnt eine neue, andere Auseinandersetzung mit ihrem Schicksal. Eva Kor forscht über Josef Mengele, spürt andere Überlebende der Mengele – Experimente auf, gründet ein Museum, beginnt Vorträge zu halten, initiiert eine Sammelklage gegen den Bayer Konzern und veranlasst die Max Planck Gesellschaft zu einer Entschuldigung für die Taten ihrer Vorgängerinstitution bei den medizinischen Experimenten in Auschwitz. Der wirklich entscheidende  Wendepunkt aber kommt 1995, als sie einen Mitverantwortlichen der Experimente, den Arzt Hans Münch in Auschwitz persönlich trifft. Sie entscheidet sich, ihm, dem Täter ein besonderes persönliches Geschenk zu machen: Einen Vergebungsbrief:

Dieser Moment, dieses Heureka, wie ich das nenne  machte mir klar, dass er den Brief begrüßen würde. Aber was für mich viel entscheidender war: Dass ich die Kraft zur Vergebung habe. Was wäre, wenn jeder Nazi ins Gefängnis gesteckt oder getötet worden wäre. Hätte das meine Schmerzen gelindert. Die Antwort war: Nein.  Und dann gibts da Leute die sagen, dass es Dinge gibt, die nicht vergeben werden können. Und ich antwortete: Wer gibt Dir das Recht, über mein Leben zu urteilen und zu sagen, dass ich – weil Du nicht verzeihen kannst, für den Rest meines Lebens mit den Schmerzen leben muss?

Mengele selbst scheint sich all diese Gedanken über seine Taten, über Schuld und Verantwortung nie gemacht zu haben. Er starb in Südamerika ohne irgendein sichtbares Zeichen der Reue. Und doch soll ihm vergeben werden. Eine amerikanische Erfolgsgeschichte a la: so kommen Sie mit ihrem Schicksal klar. Nein, meint  Bob Hercules, Produzent und Regisseur. Sein Film nehme auch die Position der Kritiker auf:

Es gibt die Kontroverse – auch in dem Film. Es gibt diese Vorbehalte gegen die Idee der Vergebung. Eva ist ständig diesen Angriffen ausgesetzt. Es kein Film, den man sich mal ebenso anschaut. Er ist eine Herausforderung und man muss sich ihn aufmerksam anschauen.

Der Film zeigt einen Prozess, Evas Prozess, der Jahre dauerte bis sie an dem Punkt war, verzeihen zu können. Cheri bezeichnet das als Zwiebel – Schälen.

All diese Schichten. Du schälst und schälst und schließlich kommst Du zu dem Punkt, dass Du den Nazis vergeben kannst. So was passiert nicht an einem Tag.

Vor gerade zwei Monaten wurden die Arbeiten am Film beendet. In Amerika hat Bob Hercules für den Film einen Verleih gefunden – dort kommt er im Februar des kommenden Jahres in die Kinos. Mit Europa und  Deutschland sind erste Kontakte geknüpft – zu Kinos und Fernsehanstalten. Für Eva Kor geht das Leben weiter – sie lehrt an Schulen, versucht Menschen die Idee nahezubringen, dass es möglich ist, weiter zu leben – trotz des Leids, trotz des Unrechts, dass ihr angetan wurde.

Vergeben beginnt in jeder einzelnen  Person und jene Person kann das nur für sich allein. Es ist so persönlich wie eine Chemotherapie. Wenn jemand Krebs hat, dann kann ich sagen: Du brauchst eine Chemotherapie. Ich kann die Chemotherapie nicht selbst machen, dann stirbt der andere an Krebs. Darum muss Vergeben jeder für sich allein lernen. Die andere Sache ist, dass Vergeben mir die Kraft gibt mich von meinem Schmerz zu befreien. Und – es ist der Samen, aus dem der Friede herauswächst.

Hamburg, Januar 2006, gesendet auf D-Radio Kultur

 

Copyright auf Konfliktlösungen – made in Israel

      

Mit  dem Wort „Frieden“ begrüßt man sich auf jüdisch und arabisch. „Friede“, also „Schalom“ und „Salam“, sagen die beiden Gesprächspartner am Telefon. Ein Jude. Ein Palästinenser. Beide kennen sich nicht. Sie telefonieren, weil sie sich austauschen möchten mit „der anderen Seite“.

Der 20jährige Palästinenser Sammy Waed lebt in Ramallah, einer Stadt, in der die israelische Armee  seit Jahren mehr oder minder präsent ist – je nach politischer Situation. Sein Gesprächspartner, der 23 jährige Arik aus Tel Aviv, dient in eben jener Armee, der Zahal. Für Sammy, den Palästinenser, ist Arik, der Jude, ein potentieller Besatzer. Für Arik ist Sammy, der Palästinener einer, der sich mit einem Sprengstoffgürtel in die Luft jagen könnte. Dass die beiden überhaupt miteinander reden ist ein Verdienst von „Parents Circle“, einer jüdisch – palästinensichen Organisation, die eine Telefonhotline für Gespräche zwischen Juden und Palästinensern eingerichtet hat. Direkter Draht zwischen den Fronten gewissermaßen. „Parents Circle“ hat rund 500 Mitglieder und alle hätten eigentlich gute Gründe, aufeinander zu schießen, statt zu reden.

Jedes Mitglied hat  im Konflikt ein Familienmitglied verloren. Oft das eigene Kind. Zum Beispiel Yitzak Frankenthal. 1994 wurde sein 19jähriger Sohn von der Hamas entführt und ermordet. Der Wut und der Trauer zum Trotz gründete der Vater „Parents Circle“ mit anderen palästinensischen und jüdischen Familien. Wut und Trauer auch bei ihnen. Das verbindet. Und darum der Wunsch, Brücken zu schlagen zur anderen Seite. Zum Beispiel mit der Telefonhotline. 830.000 Telefonate von Juden mit Palästinensern und umgekehrt hat die Organisation in den letzten 18 Monaten gezählt. Trotz oder gerade wegen der Furcht der Juden vor Attentaten, trotz oder gerade wegen der Wut der Palästinenser auf die Juden gibt es auf beiden Seiten Menschen, die sich Frieden wünschen. Und aus diesem Wunsch heraus Kontakt suchen zur Gegenseite.

Sammy erfährt Wertvolles in seinem Telefonat mit Arik. Der Soldat ist keineswegs stolz auf das, was er tut – er haßt den Militärdienst, wie er Sammy gesteht. Und langsam verändert sich das Bild, das der Palästinenser im Kopf hatte: Aus „dem Juden“, dem Träger der Uniform, dem „Besatzer“, dem „Täter“ wird plötzlich ein Mensch aus Fleisch und Blut mit Gefühlen.Ein großer Schritt in Sammys Kopf, ein kleiner Schritt für den Frieden. So sieht es auch die Europäische Kommission, die die Hotline des Parents Circle finanziell unterstützt. Die – nennen wir es mal – „Friedenskultur“ in Israel blüht weitgehend im verborgenen. Unter anderem weil die Dialogbereiten im eigenen Lager oft geschnitten oder als „Verräter“ beschimpft werden.

Fraternisieren mit dem Feind untergräbt die Moral. Aber auch im Ausland erfährt man wenig von den „kleinen Wundern“, die täglich geschehen in Israel. Fast klischeehaft mutet die  Berichterstattung vieler Medien an: „Jerusalem – Bei einem Selbstmordanschlag….“ Jenseits des Rampenlichtes hat sich – ausgerechnet in Israel – eine Friedenskultur entwickelt, die – zum Teil seit Jahrzehnten – nach Wegen aus dem Konflikt sucht. Gerade weil er zwischen Juden und Palästinensern so ausweglos scheint. Den politischen  Stolpersteinen zum Trotz: „Was passiert mit dem Tempelberg?“ Was passiert mit den Millionen von palästinensischen Flüchtlingen?“ Mit dem viel zitierten Gutmenschentum hat das wenig zu tun. Das stirbt angesichts der Gewalt in Israel ohnehin ganz schnell – platt gewalzt von israelischen Panzern in Nablus, Dschenin  oder Ramallah, zerfetzt von den Amokläufen der Selbstmörder in Jerusalem, Netanja oder Tel Aviv. Was übrig bleibt ist Angst, Wut und Verzweiflung. Aber eben immer auch  der Wunsch, dass zumindest künftige Generationen mit- oder doch zumindest nebeneinander her leben könnten. Und die daraus resultierende Erkenntnis, dass man letztlich eben doch keine Alternative hat, als irgendwie wieder aufeinander zuzugehen. Aller Toten zum Trotz. In Givat Haviva weiß man das seit 1949. Das israelische Bildungsinstitut ist aus der Kibbuzbewegung hervor gegangen, unter anderem, um zum Verständnis der mehr als hundert Ethnien, Nationalitäten und Religionen in Israel beizutragen. Auch dem Verständnis zwischen Juden und Palästinensern, die rund 17% der Bevölkerung in Israel ausmachen. So hat „Givat Haviva“ ein mehr als 50 jähriges Know How in Sachen„Friedenserziehung“. Von dem sollten auch Menschen außerhalb Israel profitieren, fanden die Organisatoren. Im Jahre 2000 stellte Givat Haviva seine Projekte bei der „EXPO“ inHannover vor. Unter anderem, um eine Art Konfliktlösungs- Transfer anzubieten. Das im Nahostkonflikt gewonnene Wissen sei durchaus auch in anderen Krisenregionen der Welt verwertbar, hieß es. Zum Beispiel in Bosnien. Auch dort: Konflikte zwischen Ethnien, Religionen. Die Idee, „Friedenserziehung“ als eine Art Ware zu exportieren löste und löst hierzulande oft Unverständnis aus. Und doch macht es für israelische Organisationen absolut Sinn. Zum einen, weil sie am Tropf des Auslands hängen. Je nach Regierungskonstellationen in Israel werden die Zuwendungen für jüdisch – israelische Dialogprogramme nämlich locker gemacht oder eingefrorenen. Ohne Unterstützung der EU oder einzelner Mitgliedstaaten  wären Friedensinitiativen in Israel gar nicht denkbar. Mitglieder vom „Parents Circle“, „Givat Haviva“ oder anderen Organisationen  sind regelmäßig zu Gast im Ausland, um bei befreundeten Gruppen, kirchlichen Organisationen oder politischen Parteien für ihre Projekte zu werben. Als „Gegenleistung“ können sich die anderen ein wenig abschauen von den oft ungewöhnlichen Ansätzen zur Friedenserziehung. Das gilt allemal, wenn man Konflikte von ideologischen, politischen, kulturellen oder ethnischen Aspekten befreit und auf psychologische beziehungsweise sozialpsychologische Beweggründe reduziert. Die Grundthese, dass alle Menschen Frieden wollen, entpuppt sich bei näherem Hinsehen, vor allem in der Dauer-Konfliktregion Naher Osten als wackelig. Je länger ein Krieg dauert, desto mehr „Gewinnler“ gibt es – finanziell und emotional. Und wenn sich nach drei oder mehr Generationen die letzte ERinnerung daran, was Frieden eigentlich sein kann ausgestorben ist,  dann kann der Kampf zum eigentlichen Daseinszweck mutieren. So betrachtet war es kein Zufall, dass Givat Haviva im Jahre 2001 den Friedenspreis der USECO für sein jüdisch – plästinensisches Begegnungsprogramm: „Kinder lehren Kinder“ bekam. Wenige Monate zuvor, im Oktober 2000, hatte Ariel Sharon den Tempelberg in Jerusalem besucht, die Spannungen eskalierten: Beginn der Al Axa Intifada. Ideologisch hat  „Kinder lehren Kinder“ viele Väter. Martin Buber („Der Mensch wird am Du zum Ich“) zum Beispiel. Oder Paolo Freire, brasilianischer Pädagoge („Dialog kann nur entstehen zwischen Menschen, die einen Dialog auch wollen“). Der Kernsatz, der immer wieder zitiert wird, kommt weiß Gott woher: „Wenn Du in Kontakt mit dem Anderen gehen willst solltest Du erst mal wissen, weil Du selber bist.“ Folglich steht auf dem Stundenplan der jüdischen und palästinensischen Schulklassen, die freiwillig an dem mehrjährigen Programm teilnehmen, zunächst mal: „Identitätskunde.“ Nicht nur für Kinder. Es ist ein Prinzip des Programms, dass auch Lehrer und Schulleiter dengesamten Prozeß mitmachen. Sie sollen am eigenen Leibe erleben, was die Schüler erfahren. Rund ein Jahr lang arbeiten beide Seiten an brennenden Fragen: Bin ich Opfer? Bin ich Täter?  Wer bin ich als Moslem in einem Land, in dem „das Einende“ die Religion ist, das Judentum,und nicht etwa die Staatsbürgerschaft? Manchmal spielerisch, manchmal tiefschürfend kreist der Unterricht der 14 bis 16 Jahre alten Schüler um diese Fragen – dreimal wöchentlich. Erst nach dieser „Besinnungsphase auf sich selbst“, meist etwa nach einem Jahr, finden die Treffen statt: Erst das der  Schulleiter, dann die Lehrer, zuletzt die Schüler. „Ihr bringt uns alle noch um“. Wenn auf einer Seite dieser Satz fällt und die Gegenseite reflexhaft antwortet: “Ihr uns auch“, dann kann er umformuliert werden:„Wir werden uns alle gegenseitig umbringen.“ Das hört sich schon anders an. Und trifft den Kern des Konflikt. Er eskaliert, sofern nicht einer „Stopp“ sagt. Er eskaliert, wenn beide Seiten sich beschuldigen, statt die eigene Verantwortung und Mittäterschaft zu erkennen. Eben das ist der entscheidende Unterschied zu vielen gut gemeinten Modellen zur „interkulturellen Kommunikation“ in Deutschland. Da „managen“ „Teamer“ „diversity“ und merken offenbar nicht, dass schon in diesen drei Worten zwei Paradoxien stecken. Türken, Afrikaner, Deutsche – wir sind alle gleich, wird hier suggeriert, ohne zu realisieren, dass der Alltag eines jeden längst eine ganz andere Sprache spricht. Universelle Harmonievorstellungen sind immer dann wenig hilfreich, wenn es ans Eingemachte geht. Kulturellen, ethischen oder religiösen Konflikten  – siehe politische Debatten um Zwangsheiraten und Ehrenmorde – kann man so einfach nicht beikommen. Darum  kracht und knallt es in Israel – auch in der Friedens-erziehung. In Einzelfällen wird der Kontakt zwischen den Gruppen sogar abgebrochen. Diese Authenzität ist spürbar bei fast allen israelischen „Konfliktlösungs – Strategen“. Darum sind sie für viele anziehend. Das Hamburger Literaturhaus ist gerammelt voll. Seit Wochen ist die Veranstaltung mit Dan-Bar On ausverkauft. Der israelische Psychologe stellt sein neues Buch vor: „Erzähl Dein Leben“. Dan Bar-Ons Eltern ist die Flucht vor den Nazis rechtzeitig geglückt. So wurde er in Haifa geboren. Hamburg, den Wohnort seiner Eltern, kannte er zunächst nur aus Erzählungen. Jahrzehnte später geht er als ausgebildeter Psychologe nach Deutschland. Er möchte zwei Bevölkerungsgruppen zusammen bringen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben wollen: Kinder von Nazi – Tätern und Kinder von Shoah – Opfern. Mehr als 10 Jahre trifft sich die Gruppe. Die Erkenntnisse dieser Konflikt reichen Begegnungen macht sich Dan Bar- On mittlerweile wieder in Israel zunutze. Gemeinsam mit einem palästinensischen Partner leitet er das „Prime“ – Peace Research Institut. Beide Psychologen arbeiten mit jüdisch – palästinensischen Lehrern. Sie schreiben gemeinsam an einem Geschichtsbuch für Israel. Oder sollte man sagen an zweien? „Es gibt keine gemeinsame Geschichte“, sagt Dan Bar-On. „Was für die seine Seite ein Freudentag ist, ist für die anderen eine Katastrophe.“ Eine nüchterne, ernüchternde Erkenntnis. Da bleibt nur noch eines, meint der israelische Psychologe. Dem anderen zuhören und ihn  in seiner Unterschiedlichkeit respektieren. Es ist so einfach und so schwer zugleich. Denn nicht mehr und nicht weniger  bedeutet: Frieden. „Hallo Schalom, hallo Salam.“ Made in Israel.

August 2006, geänderte Fassung in „Zeitschrift für Kulturaustausch“

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