Verdrängte Nachbarn, enteignete Erinnerungen

Die israelische Historikerin Yfaat Weiss bekommt im Dezember den Hanna – Arendt – Preis für politisches Denken 2012 verliehen. In Hamburg hat sie jetzt ihr Buch vorgestellt: „Verdrängte Nachbarn. Wadi Salib – Haifas enteignete Erinnerung“.

Yfaat Weiss 

(über ihre Motivation, das Buch „Verdrängte Nachbarn“ zu schreiben)

 

Schon der Titel von Yfaat Weiss‘ Buch ist mehrdimensional. Verdrängung – zunächst als real räumlicher Prozess. In Wadi Salib, einem Stadtviertel der israelischen Stadt Haifa, setzt er 1948 zur Staatsgründung Israels ein. In den Kriegswirren verließen viele Palästinenser ihre Häuser in der Stadt, in der bis dahin Juden und Araber gelebt hatten – gemeinsam und doch getrennt. Jeder in seinem Teil. Viele Palästinenser trieb schlicht die Angst vor Gewalt ihre Häuser zu verlassen. Einige wurden gezwungen.

Doch mit der Vertreibung der palästinensischen Bewohner kommt Wadi Salib nicht zur Ruhe. 1959 rebellieren die neuen Bewohner, überwiegend Misrachi, bitterarme marokkanische Einwanderer jüdischen Glaubens gegen Benachteiligung. Das Viertel wird geräumt, ein zweites Mal innerhalb von gut 10 Jahren. Bis heute stehen in Wadi Salib leere Häuser, Ruinen – ein unfreiwilliges Denkmal der beiden Verdrängungsprozesse, die Weiss in ihrem Buch beschreibt.

Beabsichtigt oder nicht: Es ist das Verdienst von Yfaat Weiss, dass ihr Buch auch die zweite Dimension von  „Verdrängung“ sichtbar macht. Die psychologische.Diesen Mechanismus, der furchtbare oder unliebsame Geschehnisse in das „Hinterstübchen des Gehirns“ zu verbannen sucht. Und von dort, aus dem Schatten des kollektiven Bewusstseins und der israelischen Geschichtsschreibung, holt Weiss sie hervor.

Ihre Forschungsergebnisse präsentiert sie dazu überaus kreativ. Das Buch beginnt 1959 mit einer Kneipenschlägerei, die in sozialen Unruhen enden. Doch statt die Geschehnisse chronologisch aufzuarbeiten springt die Professorin für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem zeitlich vor und zurück, umkreist ihr Forschungobjekt, das Stadtviertel, schreibt zyklisch, assoziativ, perspektivisch. Und verweigert sich ganz nebenbei auch einer Interpretation, die Wadi Salibs Nachkriegs- und Stadtentwicklungsgeschichte wohlmöglich als „zivilisatorischen Zugewinn“ stilisiert. Von den Arabern zu den palästinensischen Israelis zu den arabischstämmigen Juden zu…. den Ruinen eben.

Wer das Buch liest, der ahnt, wie komplex der hierzulande oft missverstandene Nahost-Konflikt ist. Beim Leben von „Verdrängte Nachbarn“ kann man ihn besichtigen – im Maßstab „Mikrokosmos“ gewissermaßen.

Und ahnt, warum die Bewohner des Staates Israel bis heute um ein gemeinsames Selbstverständnis ringen. In einem Land, das auf der Idee einer gemeinsamen Religion gegründet muss der „common ground“ der Staatsbürgerschaft erst gefunden werden. Das gilt für die gut 20 Prozent der arabischen Israelis ebenso wie für die  Einwanderer jüdischen Glaubens aus rund 120 Nationen. Dass es keinen anderen Weg gibt daran erinnern die Ruinen von Wadi Salib. Und das Buch von Yfaat Weiss.

YFAAT WEISS: VERDÄNGTE NACHBARN, 286Seiten, 25,00 Euro, Hamburger Edition 2012

 

Psyche und Politik – über Dan Bar On

Am 4. September 2008 starb der israelische Psychologe Dan Bar On in Tel Aviv. Weil die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden des Konflikt- und Friedensforschers bis heute ein Schlüssel sein können im Zusammenhang von persönlicher (nationaler?) Identität und sozialpsychologischen und politischen Entwicklungen einer Gesellschaft habe ich den „alten“ Text auf meine Website gestellt:

Dan Bar On ist für manch einen pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art Ikone: Er bringt Menschen ins Gespräch, die Gegner oder gar Feinde sind. Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“. Gestern war der Israeli im Literaturhaus in Hamburg zu Gast. Ute Hempelmann hat zugehört, was dieses „Erzähl Dein Leben“ für Dan Bar-On bedeutet:

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. „So wurde ich Psychologe“, erzählt er seinem Publikum. Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert.

Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen:

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt. „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: „Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt er die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992, beiden Gruppen eine Begegnung vor – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Kinder von Opfern:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor, ein Projekt in Israel, in dem jüdische und palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdischen Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet für ihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt, dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und Lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Hamburger Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

(Frau 1)Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich.

(Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in der Zeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aber irgendwie auch sehr fremd und anders.“

NDR Kultur, 2006

Kein bisschen Frieden…im Nahen Osten

Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit möchte der amerikanische Präsident Bush noch mal schnell Frieden machen im Nahen Osten. Ob dieses Engagement realistisch ist, welche Alternativen es zu einem politischen Annäherungsprozess gäbe und welche Rolle Europa dabei spielen könnte – darüber diskutierten rund 60 ausgewiesene Nahost – Experten aus Deutschland und dem Nahen Osten auf Einladung der Zeit – Stiftung in Hamburg.

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Die Kunst des Vergebens – „Forgiving Dr.Mengele“

Mit diesen Worten, dem Appell, dem größten Feind  zu vergeben und damit persönliche Freiheit zu erlangen beginnt der Film „Forgiving Dr. Mengele“. Seit die Rumänin Eva Kor, Überlebende der sogenannten Zwillingsexperimente des KZ Arztes Josef Mengele in Auschwitz ihre Thesen zur Versöhnung öffentlich macht – und sie tut das seit Jahren in Vorträgen und Schulungen, polarisiert sie mit ihren Gedanken.

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Copyright auf Konfliktlösungen – made in Israel

Mit  dem Wort „Frieden“ begrüßt man sich auf jüdisch und arabisch. „Friede“, also „Schalom“ und „Salam“, sagen die beiden Gesprächspartner am Telefon. Ein Jude. Ein Palästinenser. Beide kennen sich nicht. Sie telefonieren, weil sie sich austauschen möchten mit „der anderen Seite“.

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