Archiv: NDR

Psyche und Politik – über Dan Bar On

      

Am 4. September 2008 starb der israelische Psychologe Dan Bar On in Tel Aviv. Weil die wissenschaftlichen Ansätze und Methoden des Konflikt- und Friedensforschers bis heute ein Schlüssel sein können im Zusammenhang von persönlicher (nationaler?) Identität und sozialpsychologischen und politischen Entwicklungen einer Gesellschaft habe ich den „alten“ Text auf meine Website gestellt:

Dan Bar On ist für manch einen pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art Ikone: Er bringt Menschen ins Gespräch, die Gegner oder gar Feinde sind. Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“. Gestern war der Israeli im Literaturhaus in Hamburg zu Gast. Ute Hempelmann hat zugehört, was dieses „Erzähl Dein Leben“ für Dan Bar-On bedeutet:

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. „So wurde ich Psychologe“, erzählt er seinem Publikum. Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert.

Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen:

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt. „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: „Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt er die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992, beiden Gruppen eine Begegnung vor – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Kinder von Opfern:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor, ein Projekt in Israel, in dem jüdische und palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdischen Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet für ihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt, dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und Lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Hamburger Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

(Frau 1)Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich.

(Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in der Zeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aber irgendwie auch sehr fremd und anders.“

NDR Kultur, 2006

Geliebter Feind

      

Frieden schaffen ist ein löbliches Ziel. Allerdings müssen Konfliktparteien dafür bereit sein, nicht nur „vom Kopf her“ sondern auch emotional. Wie schwierig das ist zeigt „Kinder lehren Kinder“, ein Programm für jüdische und palästinensische Schüler in Israel. Die Organisatoren der Bildungseinrichtung Givat Haviva begleiten die Teilnehmer bei dem oft schwierigen Prozess einer Begegnung. Auszüge aus einem Feature für den NDR:

Audio:  Kinder lehren Kinder

Blockade in der Seele – Soldaten und PTBS

      

PTBS, die so genannte Posttraumatische Belastungsstörung ist eine Gefühlsblockade in Folge eines Schocks. Eine Risikogruppe dieser Krankheit sind Soldaten. Doch von der Bundeswehr wurden Ausbreitung und Folgen lange verharmlost.

Leiden Sie unter Schlafstörungen? Haben Sie Alpträume? Schuldgefühle? Körperliche Anspannungen, wenn Sie den Ort des Geschehens betreten?

Diese Fragen stammen aus einem Test auf der Webseite „Angriff-auf-die-Seele“. Sie werden Soldaten gestellt, die aus einem Auslandseinsatz zurückkehren. Im Gegensatz zu einem Gespräch mit einem Truppenarzt oder Psychologen bleibt der Besuch einer Webseite so lange anonym wie es der Betroffene für notwendig hält. Pro Woche suchen zwei bis drei Soldaten Hilfe auf der Internetseite. Auch weil sie glauben, dass ein Besuch beim Facharzt unliebsame Folgen für das Berufsleben als Soldat haben könnte. Das betrifft zum Beispiel Zeitsoldaten, die nach Ablauf ihrer zwölfjährigen Dienstzeit als Berufssoldat von der Bundeswehr übernommen werden möchten. Damit ist es vorbei, wenn nach einem Auslandseinsatz-Einsatz eine Posttraumatische Belastungsstörung festgestellt wird – glauben Soldaten. Der Wehrbeauftragte Reinhold Robbe kennt diese Ängste, wie er in einem Internet-Chat auf einer anderen Webseite bestätigt:

„Nach meinen langjährigen Erfahrungen ist es so, dass die Mehrzahl der Soldatinnen und Soldaten irriger Weise glauben, dass eine Konsultation des Psychologen oder sonstiger Fachärzte kontraproduktiv für die Karriere sein könnte. Leider sind derartige Facharztkonsultationen nach wie vor stigmatisiert“.

Die Gründe dafür seien, so berichten Bundeswehr-Mediziner und -Geistliche übereinstimmend, im „allgemeinen gesellschaftlichen Klima“ zu suchen. Psychische Krankheiten würden oft nicht richtig ernst genommen, das gelte vor allem für „Männergesellschaften“ wie die Bundeswehr. Allerdings gibt es hier nach Einschätzung der Experten allmählich einen „Sinneswandel“: Bei Kameraden und Vorgesetzten mache sich die Einsicht breit, dass ein Trauma nicht bedeute, lebenslang „plemplem“ zu sein, sagt ein Fachmann. Die Hilfsangebote der Bundeswehr für PTBS – Erkrankte bewerten Experten jedoch sehr unterschiedlich: Von ausreichend bis hervorragend. Die Maßnahmen vor nach und während eines Einsatzes reichen von Stärkung des seelischen Gleichgewichts, der Minimierung von Stress-Faktoren über Kameraden als Ansprechpartner, den so genannten Peers, bis zu einer Betreuung durch den Truppenarzt oder – nach Rückkehr – durch den Therapeuten.

Diese Hilfsangebote können allerdings nur greifen, wenn die Krankheit erkannt wird. Und genau das ist ein Problem. In den vergangenen drei Jahren hat es in der Bundeswehr fast 500 PTBS-Fälle gegeben. Experten gehen aber von einer wesentlich höheren Zahl aus – mancher schätzt die Dunkelziffer sogar auf das 10-fache. Sie warnen: Die Krankheit sei besonders hartnäckig und langwierig, wenn sie nicht erkannt und therapiert würde, erläutert Karl Heinz Biesold vom Bundeswehrkrankenhaus Hamburg. Dabei sind Soldaten auf ein aufmerksames soziales Umfeld angewiesen. Denn ein PTBS – erkrankter Soldat ist selten fähig, die eigene Lage richtig einzuschätzen. Umso wichtiger sind aufmerksame Kameraden, Vorgesetzte und Familienangehörige. Im Falle von Uwe Dietrich dauerte es quälende drei Jahre bis er sich die bittere Wahrheit eingestehen konnte. Der Unterfranke war 2003 und 2005 im Auslandseinsatz in Afghanistan, 2008 in Therapie im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg:

„Letztendlich, der Antriebspunkt, der mich hergebracht hat, war die Familie und das Umfeld, die mich drauf hingewiesen haben, das ich mich wohl im Wesen verändert hab, aber auch im Verhalten. So verändert hat, dass man sagen muss: Okay – das hat nicht mehr mit normaler Einsatznachbereitung zu tun, sondern das geht tiefgreifender. Selbst habe ich es nicht gemerkt. Verschiedene Veränderungen wohl: Das geht von Eiseskälte in gewissen Situationen über schon ablehnende Haltung der Tochter gegenüber – viele kleine Dinge, die man selber nicht wahrhaben will, die aber andere an einem feststellen.“

Dass vom Einsatz etwas hängen bleibt, ist eher die Regel als die Ausnahme. Das Erleben von Gewalt, Tod und Verwundung inmitten einer gänzlich fremden Kultur haben vor allem „Afghanistan“ zum Synonym schwerer physischer und psychischer Belastungen unter Soldaten gemacht. Alkohol- und Drogenmissbrauch, Selbstmorde oder psychische Erkrankungen wie PTBS sind Dauerthemen in den einschlägigen Internetforen für Soldaten. Die Bundeswehr hat das Thema lange unterschätzt. Ende 2007 teilte das Verteidigungsministerium auf eine Anfrage der FDP-Fraktion mit, ein Anstieg der Fallzahlen sei nicht erkennbar. Eine Fehleinschätzung, wie mittlerweile deutlich wurde. Die Worte „Kampfeinsatz“ und „Krieg“ sind tabu. Der gefährliche Einsatz in Afghanistan wird von der politischen und militärischen Führung immer wieder als „Friedens- und Stabilisierungsmission“ tituliert.

Das sei kontraproduktiv , kritisiert der Militärgeistliche Hartwig von Schubert mit Blick auf die Betroffenen. Er bemängelt das Fehlen einer „psychologischen Infrastruktur“ bei Themen wie Tod, Verwundung und Traumata. Die besondere staatliche Fürsorgepflicht gegenüber Soldaten würde in der aktuellen Situation immer wieder vernachlässigt monieren Einrichtungen wie die Zentrale Versammlung, ein Zusammenschluss katholischer Militärgeistlicher. Ein weiterer Grund, für die Verharmlosung von PTBS ist das geringe Interesse der Bürger an den Auslands-Einsätzen der Streitkräfte. Anders als in den USA gibt es in Deutschland keine „Veteranenkultur“. Die Missionen der Streitkräfte werden nur am Rande zur Kenntnis genommen.

Da verwundert es nicht, dass der Öffentlichkeit weitgehend entgangen ist, dass auch ehemalige Soldaten an PTBS erkranken, also lange nach ihrem Einsatz. Für diese ehemaligen Zeit- oder freiwillig länger Wehrdienst leistenden Soldaten fühlt sich die Bundeswehr nämlich nicht zuständig. Für sie gibt es keinen Truppenarzt, kein Kompetenzzentrum, keine finanzielle Versorgung“, bemängelt Heinz Sonnenstrahl, Hauptmann a.D. 2004 hat er den Verein „Skarabäus“ ins Leben gerufen um den ehemaligen Soldaten zur Seite zu stehen. Zwar kann sich ein früherer ,traumatisierter Soldat eine Wehrdienstbeschädigung quer durch die Bundeswehrverwaltung und notfalls über Gerichte erkämpfen. Doch den meisten fehle dazu die Kraft. „Die wollen keine Rente von der Bundeswehr, sondern ad hoc Hilfe für die Psyche und eine Wiedereingliederung in ihre alten Berufe“, stellt Sonnenstrahl fest.

Ein Schritt, der ohne öffentliche Unterstützung kaum zu schaffen ist. Das gilt für ehemalige Soldaten ebenso wie für die aktiven, die noch während ihrer Dienstzeit bei der Bundeswehr an einer Posttraumatischen Belastungsstörung erkranken.

Erzähl Dein Leben!

      

Dan Bar On ist für pädagogisch und psychologisch interessierten Menschen eine Art  Ikone. Er scheint das scheinbar Unmögliche möglich zu machen: Gegner und Feinde miteinander ins Gespräch bringen.

Story telling – also: Geschichten erzählen nennt er seine Methode. Und, passend dazu, sein Buch und dessen Titel: „Erzähl Dein Leben“.  Dabei ging er bei einer Veranstaltung in Hamburg mit gutem Beispiel voran.

Mit 16 Jahren verließ Dan Bar On das Haus seiner Eltern, in Hamburg aufgewachsene Juden. Von seiner Geburtsstadt Haifa aus ging er ins Kibbuz – und arbeitete auf einer Obstplantage. Bis zu dem Tag, an dem er bemerkte, dass die Menschen, die in der Plantage arbeiteten, ihn doch mehr interessierten als Bäume. So wurde ich Psychologe, erzählt er seinem Publikum.

Story telling – autobiographische Geschichten erzählen, das ist es, was ihn seit den 80er Jahren fasziniert. Damals traf er in Norwegen eine Frau, die zum Judentum konvertiert war, weil sie vermutete, ihr Vater sei Nazi gewesen.

„Dass sie beschlossen hat, ihre Religion zu ändern, Jüdin zu werden, nach Israel zu gehen, also ganz extreme Schritte genommen hat ohne dass sie eigentlich genau wusste, was er getan hat. Dass war für mich auch als Vater und auch als Sohn sehr beunruhigend. Und musste ich mich fragen ob das ein Extremfall ist und habe dann versucht irgendwas  in der Literatur zu finden – aber da gab‘s nichts derzeit.“

Er geht nach Deutschland und startet ein Forschungsprojekt.  „Suche Menschen für Familienerinnerung im 3.Reich.“ Und: Suche Kinder deren Eltern in der SS waren“ steht in seinen Zeitungsannoncen. Zunächst interviewt die Freiwilligen nur, schlägt dann, 1992 beiden Gruppen – Juden und Deutschen, Kinder von Tätern und Opfern – eine Begegnung vor:

„Weil sie auch schon reif waren in dem Sinn, dass sie Sachen bearbeitet haben, hat das geklappt. Also da waren sie wirklich bereit zuzuhören, anzuerkennen Mitleid zu fühlen – das passiert nicht immer. Aber wenn es so passiert, dann ist es wunderbar.“

Seit 2001 leitet Dan Bar On zusammen mit dem Co-Direktor seines Friedesinstituts, einem palästinensischen Professor,  ein Projekt in Israel, in dem jüdische und  palästinensische Lehrer die israelische Geschichte für Schulen aufarbeiten. Es gibt zwei Versionen: eine jüdische und eine palästinensische. Beiden Seiten  haben die gleichen Ereignisse völlig anders erlebt:

„Die Schüler bekommen da ein Heft – sagen wir 1917 – wie erklären jüdische Israelis, was bedeutet für ihn die Balfour – Deklaration. Und die Palästinener erklären, was bedeutet fürihn die Balfour-Deklaration. Die Balfour Deklaration ist ein Ereignis. Aber es wird ganz anders interpretiert und wenn man es so schildert, dass man die andere Seite nicht verletzt,dann, fühlen wir, können Schüler, Eltern und lehrer das akzeptieren.“

Ein Dialog in diesem Sinn erfordert viel Toleranz. Und  Kreativität bei der Suche nach Konfliktlösungen. Prompt kommt im Literaturhaus die Frage aus dem Publikum: Ob Frau Merkel denn gut beraten gewesen sei, dem Wahlgewinner in den Palästinensergebieten, der Hamas, mit dem Stopp der Finanzhilfen zu drohen, wenn diese nicht auf Gewalt verzichtet. Dan Bar-Ons Einschätzung stimmt nachdenklich:

„Ich würde vorschlagen, wir sollen sehr vorsichtig sein die Palästinenser in etwas rein zuschieben, wo sie nicht sein wollen. Da ist ein Bedürfnis für viel Sensibilität und Austausch in der palästinensischen Gesellschaft, auch zur Zeit ein richtiger Kampf wie das weitergehen soll. Ich sage nicht, dass ein Punkt nicht kommt wo es klar sein muss, dass man einen Druck ausübt. Aber ich würde Angst haben vor einem Druck, der zu früh kommt, ohne dass sich die Sachen geklärt haben.“

Reaktionen des Publikums, überwiegend Frauen übrigens:

„Diese Problematik ist ja eine die ständig die Zeitungen füllt auf der politischen Ebene. Aber das ist ja auch ‚ne interessante Thematik im privaten Bereich. (Frau 2) Ich bin ja auch eine aus der Generation, die zwar nicht beteiligt war, aber in derZeit geboren wurde – das Thema Versöhnung interessiert mich.“

Derzeit leitet Dan Bar-On ein Seminar in der Hamburger Körberstiftung. Eine  Begegnung mit der Hansestadt, die auch ein Teil seiner familiären Wurzeln ist. Ein ambivalenter:

„Ich hatte ein langes Gespräch mit meiner gestorbenen Mutter. Dass ich hier zurück komm, ich glaube sie würde das bewundern. Wie sie noch lebte wollte sie eigentlich nicht zurückkehren. Ich hab sie einmal gebeten, wie ich meine Forschung hier gehabt hab, Mitte der 80er, dass sie mitkommen soll und sie zeigt mir die Plätze, wo sie hier gewohnt hat, aber…Sicher ist es immer ein gespaltenes Gefühl: Irgendwie irgendwas Bekanntes, aberirgendwie auch sehr fremd und anders.“

2009, in geänderter Fassung gesendet auf NDR Kultur

Gefühle in Öl – Kabuls erste Kunstschule für Frauen

      

Kinder an Krücken, seelische Verletzungen, Einschusslöcher an Hausfassaden – das Leben in der afghanischen Hauptstadt Kabul ist ein ganzes Stück entfernt von friedlicher Normalität. Anders das „Center for Contemporary Arts“. Die erste private Kunstakademie der Stadt für Mädchen ist ein Lichtblick. Hier lernen jährlich 60 junge Frauen den Umgang mit Fotoapparat, Videokamera, Pinsel und Farben.

Gleich hinter dem großen Holztor liegt ein Kleinod Kabuls: Die Kunstakademie und ihr grüner Innenhof. Er birgt Überraschungen. Unkundige Besucher stolpern direkt am Eingang. Dort liegt ein Berg aus Schuhpaaren, Teil einer Installation. Fotos, Gemälde, Objekte, verstreut auf dem Rasen, aufgehängt an Mauerwänden. Es gibt im Überfluss, was das hektische, staubige Kabul andernorts kaum bietet: Farben. Freude. Und oft eine Kombination aus beidem.

Verschämt stecken die Schöpferinnen der Kunstwerke die Köpfe zusammen. Aufmerksamkeit von Besuchern ist ungewohnt, höchst selten haben sie in Kabul Gelegenheit ihre Werke öffentlich zu zeigen oder gar in Englisch darüber zu sprechen. Es gibt keine Galerie und selten genug einen Anlass für eine Ausstellung. Doch bei der Frage nach den einheitlichen schwarz-grün-roten Kopftüchern tauen die jungen Frauen auf:

„Fahne? Ach ja,  Flagge heißt das! Das sind die Farben der afghanischen Nationalflagge. Und das sind auch die Farben unseres Schulkopftuchs, des Contemporary Art Centers.“

Mitra ist für die Organisation zuständig. Doch statt über die Kunstakademie will sie zunächst über die gesellschaftliche Situation sprechen:

„Okay – erstmal muss ich was wichtiges sagen: Während dieser 24 Jahre Krieg in Afghanistan hatten wir viele Probleme. Jetzt haben wir zum ersten Mal eine Kunstakademie. Wir sind stolz auf die Mädchen und Frauen und was sie hier machen: Miniaturen, Installationen, Filme und so weiter und so weiter.“

Optisch fällt die 22-jährige – nennen wir sie Aisha –  aus dem Rahmen. Sie trägt ein auffällig gemustertes schwarz-weißes Kopftuch. Es reicht gerade mal bis zum Nacken. Darunter ragt, einem Pferdeschweif nicht unähnlich, ein dicker schwarzer Zopf hervor, baumelt fröhlich über ihrem Hintern. Die subtile Auflehnung gegen islamische Tradition, Konvention und Frauenrollen findet sich auch in ihrem Gemälde:

Dies hier stellt eine Blase oder so was dar. Ein Symbol meiner Wünsche. Und hier sind die Bamian Buddhas. Ich habe das wegen der Talibanzeit gemalt.  Und hoffe, die Leute, die die Stauen zerstört haben werden sterben oder so was. Ich bin stinksauer deswegen. Es spielt keine Rolle, dass wir Muslime sind. Die Statuen gehörten einfach zu unserem kulturellen Erbe und wir hätten sie bewahren sollen. Aber die Taliban haben sie zerstört.“

Auf den ersten Blick wirken die Fotos von Bahira weniger politisch. Sie  ist 18. Ihre schwarz- weißen Aufnahmen von alten und jungen Frauenhänden bei der Hausarbeit spielen auf traditionelle afghanische Frauenrollen an. Respekt, Bewunderung oder Kritik für das, was die Mütter und Großmütter taten und tun? Von allem etwas:

„Das hier sind meine. Wir wollten zeigen, welche Arbeiten Frauen mit ihren Händen verrichten. Sie arbeiten alle zu Hause, sie könnten aber auch draußen sein. Zu Hause machen sie diese wertvolle Arbeit: Sie kochen für die Familie, die Kinder, sie nähen. Aber sie träumen auch vom Leben draußen. Davon, dass sie in Zukunft etwas wichtiges leisten könnten für ihr Land: Als Ärztinnen, als Ingenieurinnen, als berühmte Persönlichkeiten.“

So portraitieren die Schülerinnen der Kunstakademie ihre Träume von einer Zukunft, die  afghanischen Frauen mehr bietet als bisher. Und das gilt insbesondere für sie selbst – die afghanischen Künstlerinnen:

„Wir wünschen uns eine Gallerie. Bald. Ich denke, das wird noch dauern. Aber ich wünsche sie mir bald. Wir brauchen sie einfach.“

September 2010, in geänderter Form gesendet auf NDR Kultur

Operation Fortschritt – das afghanische Gesundheitssystem

      

Erfolgsgeschichten aus Afghanistan sind selten. Der militärische Einsatz greift nicht so, wie die internationale Gemeinschaft gehofft hat. Auch der zivile Aufbau verläuft stellenweise schleppend. Eine Ausnahme ist der Aufbau des Gesundheitssystems. In einem sieben Punkte Programm hat die afghanische Regierung Ziele festgelegt, die in den kommenden Jahren umgesetzt werden sollen oder umgesetzt sind. Dabei unterstützen staatliche und Nicht-Regierungs- Organisationen aus Deutschland in den Nordprovinzen.

Auf dem Gelände des Krankenhauses in Mazar-i-Scharif schuften rund 30 behelmte Arbeiter in brütender Hitze auf einer Baustelle. Im kommenden Jahr soll der Wiederaufbau des Provinzkrankenhauses abgeschlossen sein. Auf den Projektträger weist ein Schild hin: die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Für 12 Millionen Euro wird ein neues Gebäude mit 360 Betten, 21 Intensivstationen und 7 Operationssälen entstehen. Ein Hoffnungsschimmer für die Ärztecrew. Seit vor vier Jahren ein Kurzschluss einen Brand ausgelöst und das 60 Jahre alte Gebäude fast komplett zerstört hat, arbeiten die rund 200 Ärztinnen und Ärzte unter schier unglaublichen Bedingungen. Ransin Anwari, der Leiter des Krankenhauses beschreibt die Situation in typisch afghanischem Unterstatement für miese Zustände:

"Es ist deutlich, dass wir derzeit keinen Platz haben. Was wir am nötigsten brauchen sind mehr Räume – und mehr Platz."

Mit gut einer Millionen Euro hat die deutsche Regierung unmittelbar nach dem Brand ein provisorisches Container – Krankenhaus finanziert. Das ist besser als nichts. Auf Dauer dennoch unzulänglich: Das Blech heizt sich im Sommer gnadenlos auf, im Winter Eiseskälte. Im Cocktail unangenehmer Gerüche ist der von Chemikalien noch am leichtesten zu ertragen.

Nicht selten teilen sich Kranke zu viert oder fünft ein Bett. Dennoch sind die Patienten dankbar. Das Provinzkrankenhaus ist Anlaufstelle für rund 350.000 Einwohner der Stadt und sechs Millionen Überweisungspatienten aus der umliegenden Region. Ein Ausweichen auf andere Kliniken ist kaum möglich, erklärt der ehemalige Direktor der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Afghanistan, Michael Gruber:

"Das nächste vergleichbare Krankenhaus liegt in der Hauptstadt Kabul, das sind ungefähr 430 Kilometer, die allerdings über den Salangpass auf 3000 Meter Höhe führen. Fliegen ist für viele zu teuer. Fahren dauert sehr lang, ist also im Notfall keine Option. Und fahren kann auch Tage oder Wochen dauern, wenn im Winter die Straße gesperrt ist aufgrund von Lawinen oder Schneefall oder einem Unfall. Das heißt, das Krankenhaus ist nicht nur ein Krankenhaus für die Stadt Mazar-i-Scharif, es ist nicht nur ein Krankenhaus für die Provinz Balkh, es ist quasi ein Krankenhaus für Nordafghanistan."

Gleichzeitig ist die Klinik Ausbildungsstätte für medizinisches Personal. Zwar gibt es in Mazar-i-Scharif und anderen Städten ausreichend Ärzte. Nicht aber in den Provinzen. Dazu fehlen Spezialisten: Orthopäden oder Kinderärzte, gleiches gilt für Hebammen. In Afghanistan, einem der ärmsten Länder der Welt, stirbt der Statistik nach jedes vierte Kind vor Erreichen des fünften Lebensjahrs und etwa jede vierte werdende Mutter. Ein Dolmetscher übersetzt die Erklärungen der Chefärztin:

"In den Familien entscheiden meist die Männer. Manchmal verbieten sie den Frauen, eine Gesundheitsstation zu besuchen, um eine vernünftige Untersuchung und Behandlung zu bekommen. Junge Mädchen werden vor dem Zeitpunkt ihrer biologischen Reife verheiratet – das ist ein weiterer Risikofaktor, der zu einer hohen Sterblichkeitsrate führt. Und Armut. Viele Familien, die kein nennenswertes Einkommen haben, können Behandlungen nicht bezahlen oder leben in abgelegenen Gegenden, schlechte Straßen, kein Auto, keine Möglichkeit, eine Gesundheitsstation zu erreichen.

Abdul Gudeev hatte Glück im Unglück. Der Zehnjährige stammt aus einem kleinen Dorf in der Nachbarprovinz Badakhschan, sieben Autostunden von der Provinzhauptstadt Faizabad entfernt. Ein Lastwagen hat ihn und seinen Vater mitgenommen, in der Krankenstation des deutschen Vereins Kinderberg abgeliefert.

"Ich bin aus der Schule gekommen, mit einem Esel zusammen gestoßen und hingefallen – so ist es passiert", erzählt der Zehnjährige.

Vor zwei Wochen ist er im Rettungszentrum des benachbarten Wiederaufbauteams der Bundeswehr operiert worden, die Krankenstation von Kinderberg hat die Nachsorge übernommen. Der Junge ist ein eher untypischer Patient. Eigentlich werden in der Krankenstation mit 25 Betten vor allem unterernährte Kleinkinder und werdende Mütter behandelt. So trägt der Verein zur Umsetzung des staatlichen Gesundheitsplans bei, zu dessen Priorität die Verringerung der Kinder- und Müttersterblichkeit zählt. Abdul Gadeev liegt im Zimmer mit sechs Männern zusammen, darunter auch sein Vater. Pro Patient werden ein bis zwei Verwandte aufgenommen, erklärt der Dolmetscher:

"Der Patent kann hier übernachten. Aber auch seine Familienangehörigen.Das sind arme Leute. Wenn die herkommen, haben sie kein Geld, um auf dem Bazar einkaufen zu gehen oder im Restaurant zu essen. Wenn sie in die Krankenstation kommen, wird ihnen alles zur Verfügung gestellt: Die Übernachtung, das Essen."

Vor der Krankenstation sitzen stolz aussehende Männer mit Turbanen auf einer Mauer entlang der Straße. Es sind Familienangehörige der Patienten, die geduldig auf deren Genesung warten.  Ein Bild, das Symbolwert besitzt. Immerhin 80 Prozent der afghanischen Bevölkerung hat mittlerweile Zugang zu einer medizinischen Grundversorgung – in einem Krankenhaus, einer Gesundheitsstation. Weitere Besserung ist in Sicht – und wie die Genesung eines Patienten kommt sie meist nicht über Nacht, sondern in kleinen Schritten.

 September 2010, in geänderter Form gesendet auf NDR, WDR

 

 

 

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